mini|Edward Jenner, Pastell von John Raphael Smith, 1800 mini|Gedenktafel für Edward Jenner in München, Am Neudeck 1

Edward Anthony Jenner [] (*  in Berkeley, Gloucestershire; † 26. Januar 1823 ebenda) war ein englischer Wundarzt und Landarzt in Berkeley, der 1796 die Kuhpockenimpfung als moderne Schutzimpfung gegen Pocken entwickelte.Wolfgang U. Eckart: Illustrierte Geschichte der Medizin. Springer, Heidelberg / Berlin / New York 2011, ISBN 978-3-642-12609-3, S. 31 und 95–96; Online Ressource: Illustrierte Geschichte der Medizin 2011.

Leben Edward Jenner wurde als achtes von neun Kindern und vierter Sohn von Vikar Stephen Jenner (* 1702; † 1754) und Sarah Jenner (* 1709; † 1754) geboren. Von seinen Geschwistern verstarben drei, bevor sie 5 Jahre alt wurden. Er wuchs in der Obhut seiner älteren Schwestern auf, da er im Alter von 5 Jahren Waise geworden war.

Als Siebenjähriger wurde er in Wotton-under-Edge in Cirencester eingeschult. Als 1757 die Pocken ausbrachen, wurde er mit anderen Kindern einer Variolation durch den ortsansässigen Apotheker Mr. Holbrook unterzogen, an der er beinahe gestorben wäre. In seiner Schulzeit bei der Reverend Dr Washbourn's school (Cirencester) lernte er viele lebenslange Freunde kennen, beispielsweise John Clinch, der 1798 die Vakzination in Nordamerika einführte, oder Caleb Hillier Parry sowie Joseph Heathfield Hickes.

Nach Abschluss der Schule ging er 1763 im Alter von 13 Jahren zunächst beim Wundarzt Daniel Ludlow in Chipping Sodbury bei Bristol, 1764 beim Chirurgen George Hardwicke, ebenfalls in Chipping Sodbury, und 1768 bei den Brüdern Daniel und Edward Ludlow in die Lehre. 1770 begann Jenner eine dreijährige medizinische Lehre in Anatomie und Chirurgie beim Chirurgen John Hunter am St. George’s Hospital in London und kehrte 1772 dann nach Berkeley zurück, um eine eigene Praxis zu eröffnen (Vale of Berkeley). Eine Beratungspraxis befand sich in Cheltenham. Während seiner kurzen Zeit in London konnte Jenner wichtige Kontakte knüpfen, beispielsweise zu Joseph Banks, dem späteren Präsidenten der Royal Society, Henry Cline (1750–1827) und Everard Home.

Auch nach seiner Rückkehr nach Berkeley blieb Hunter Jenners Mentor und Freund und ermutigte ihn für die Naturkunde. So war Jenner bei der Katalogisierung verschiedener neu entdeckter Pflanzenarten involviert, die Joseph Banks aus seiner wissenschaftlichen Expedition mit James Cook im Südpazifik mitbrachte. Jenner wurde auch die Teilnahme an Cooks zweiter Forschungsreise angeboten, die er aber zugunsten seiner ärztlichen Tätigkeit ablehnte.

In Berkeley war Jenner Mitglied zweier medizinischer Vereine: einer in Rodborough (Fleece Inn, 1770 gegründet) und der andere in Alveston (Ship Inn, 1780 gegründet). Anfangs forschte er an der Isolierung von Brechweinstein. Später schloss er aus den Biopsien von Patienten mit Brustschmerzen, dass Fettablagerungen in den großen Arterien etwas mit dem Auftreten von Angina pectoris zu tun haben. Seine Ansicht und seine Beobachtungen berichtete er dann dem Arzt und Physiologen Parry, der zu diesem Thema dann 1797 publizierte.Vgl. auch Hans H. Lauer: Geschichtliches zur Koronarsklerose. BYK Gulden, Konstanz 1971 (Aus dem Institut für Geschichte der Medizin der Universität Heidelberg), S. 20–23. Zudem erkannte er einen Zusammenhang zwischen einem Verengen der Mitralklappe (Mitralklappenstenose) und der heute bekannten rheumatischen Herzkrankheit. Seinen medizinischen Doktor erlangte er 1792 an der University of St Andrews nach Empfehlung von Parry und Hickes.

Am 6. März 1788 heiratete er Catherine Kingscote (* 1760; † 1815), mit der er drei Kinder hatte: Edward (jr.) (* 1789; † 1810), Catherine (* 1794; † 1833) und Robert Fitzharding (* 1797; † 1854). Sein Sohn Edward jr. starb an Tuberkulose, vermutlich angesteckt von seinem Hauslehrer John Worgan, der bereits 1808 daran verstorben war. Jenners Schwestern Mary († 1810) und Anne († 1812) sowie seine häufig kranke Ehefrau starben ebenfalls an Tuberkulose.

Sein gesundheitlicher Zustand verschlechterte sich in den letzten Lebensjahren, so dass er sich aus dem öffentlichen Leben zurückzog. 1820 erlitt er einen Herzinfarkt, weshalb er seine ärztlichen Tätigkeiten einschränkte. Am 24. Januar 1823 besuchte er seinen letzten Patienten, einen alten, im Sterben liegenden Freund. Am nächsten Tag wurde er in einem Zustand der – wie man zu der Zeit diagnostizierte – Apoplexie aufgefunden. Durch einen weiteren Herzinfarkt starb er am 26. Januar 1823 im Alter von 73 Jahren. Er wurde am 3. Februar 1823 in der St. Mary’s Church von Berkeley in der Familiengruft beigesetzt.

Sein Haus ist heute ein Museum und wird von der British Society for Immunology (BSI) für Symposien genutzt.

Jenner galt als respektierter, freundlicher und aufgeschlossener Arzt mit guten sozialen Kontakten und Vernetzungen mit der medizinischen und wissenschaftlichen Fachwelt. Belegt ist unter anderem eine Sektion, die er zusammen mit John Junter und William Heberden durchführte.Hans H. Lauer: Geschichtliches zur Koronarsklerose. BYK Gulden, Konstanz 1971 (Aus dem Institut für Geschichte der Medizin der Universität Heidelberg), S. 20.

Vakzination Lange bevor Jenners Methode praktiziert wurde, existierten Berichte über „Pockenimpfungen“. Mary Wortley Montagu, Frau eines englischen Botschafters am Osmanischen Hof in Istanbul, berichtete um 1717 in Briefen als Erste von Impfungen mit intakten Pockenviren (Variolation) in der Türkei. Kaiserin Maria Theresia berief den niederländischen Arzt Jan Ingenhousz 1768 zur Impfung ihrer Kinder (die Söhne Maximilian und Ferdinand sowie eine Tochter) nach Wien. Ab 1770 impften Benjamin Jesty (1774)J. F. Hammarsten, W. Tattersall, J. E. Hammarsten: Who discovered smallpox vaccination? Edward Jenner or Benjamin Jesty? In: Transactions of the American Clinical and Climatological Association. Band 90, 1979, S. 44–55, PMID 390826, (Review). und Peter Plett (1791)P. C. Plett: Peter Plett und die übrigen Entdecker der Kuhpockenimpfung vor Edward Jenner. In: Sudhoffs Archiv, Zeitschrift für Wissenschaftsgeschichte, Band 90, Heft 2, Franz Steiner Verlag, Stuttgart 2006, , S. 219–232. mit der Kuhpockenlymphe. Gemäß Jenners Biograph John Baron soll Jenner die landläufige Meinung genutzt haben, dass Melkerinnen, die sich mit Kuhpocken infiziert hatten, gewöhnlich nicht an den Pocken erkrankten („Milchmädchen-Mythos“). Tatsächlich hatte Jenner engen Kontakt zu seinem Landarztkollegen, dem Arzt und Apotheker John Fewster (* 1738; † 1824), sowie den Ludlow-Brüdern, als er 1774 nach Gloucestershire zurückkehrte. Dort wurde häufig über die Pocken diskutiert, so dass Jenner von Fewsters Entdeckung Notiz genommen hatte. Fewster hatte beobachtet, dass ein Patient, der vorher an (ungefährlichen) Kuhpocken erkrankt war, nicht mit Pocken varioliert werden konnte. Jenner stellte daher die Hypothese auf, dass eine Inokulation mit Kuhpocken dieselbe Immunität ermögliche wie eine durchstandene Erkrankung an Kuhpocken und somit Schutz vor den Pocken böte. Nachdem Jenner 1775 John Hunter über diese Hypothese in Kenntnis gesetzt hatte, riet Hunter ihm: „Denken Sie nach, machen Sie Versuche, seien Sie geduldig, seien Sie genau!“ Daher sammelte Jenner zunächst Fall- und Beobachtungsstudien von Personen, die vorher an Kuh- oder Pferdepocken erkrankt waren, sich dann aber als immun bei einer späteren Variolation oder bei einem echten Pockenausbruch erwiesen. Dabei unterstützte ihn auch sein Neffe und Assistent Henry Jenner.

mini|Edward Jenner impft James Phipps, Gemälde von Ernest Board Am 14. Mai 1796 impfte er den 8-jährigen James Phipps mit Kuhpocken- oder Vacciniaviren, die er einer Kuhpockenpustel aus der Hand der an Kuhpocken erkrankten Milchmagd Sarah Nelmes entnommen hatte. Etwa sechs Wochen später, am 1. Juli 1796, variolierte Jenner den Jungen mit Pockeneiter; er erwies sich als immun. Als Jenners Artikel von der Royal Society abgelehnt wurde, da sein Vorgehen lediglich an einer Person vorgenommen worden war, unternahm er weitere Versuche – meistens mit Kindern, auch mit seinem 11 Monate alten Sohn Robert. 1798 veröffentlichte er seine Ergebnisse unter dem Titel An Inquiry Into the Causes and Effects of the Variolae Vaccinae, Or Cow-Pox. 1799 und 1800 veröffentlichte er weitere Erkenntnisse als Ergänzung. Aus seinen Ergebnissen schloss Jenner, dass durch seine Methode eine lebenslange Immunität ermöglicht werde, sie (durch Arm-zu-Arm-Inokulationen von Person zu Person) verbreitet werden kann und dass inokulierte Kuhpocken niemals tödlich sind, höchstens lokale Pusteln nach sich führen, und nicht ansteckend.

Die Öffentlichkeit nahm diese neue Methode sehr positiv auf, auch deswegen, weil Jenner auf eine Patentierung verzichtete. Jenner befürchtete, dass ein Patent die Kosten dermaßen erhöhen würde, dass die ärmere Bevölkerung sich diese nicht mehr leisten könne. Auch in Europa und darüber hinaus wurde Jenners Methode positiv aufgenommen und verbreitet. In Deutschland erfolgten erste Impfversuche 1799 in Hannover durch Christian Friedrich Stromeyer oder 1800 in Göttingen (Friedrich Benjamin Osiander) sowie Christoph Wilhelm HufelandThomas Hartung: Zur Entwicklung der Pockenschutzimpfung unter besonderer Berücksichtigung Thüringens im 18. und 19. Jahrhundert. Medizinische Dissertation (Online-Version) Jena, Weimar 2001, insbesondere S. 33. in Jena und Weimar. In Berlin führte eine Gruppe von Ärzten unentgeltlich Impfungen durch, u. a. Ernst Ludwig Heim.Wolfgang U. Eckart: Jenner, S. 13

Anfang 1802 wurde im britischen Unterhaus eine Bittschrift von Edward Jenner eingebracht, in der dieser „um eine Belohnung für die Entdeckung der Kuhpocken-Inokulazion“ bat. William Wilberforce empfahl die Annahme und „erklärte die Inokulazion für ein wahrscheinliches Mittel zur völligen Ausrottung der Blattern, an welchen jährlich 4000 Menschen allein in London stürben“.

Am 17. Mai 1803 veranstaltete die Royal Jennerian Society aus Anlass von Jenners Geburtstag eine große Feier, an der 300 Adlige teilnahmen.

Anerkennung erfuhr Jenners Methode auch durch Napoleon, der seine Soldaten gegen Pocken impfen ließ. Und obwohl er zu dem damaligen Zeitpunkt mit England im Krieg stand, honorierte er Jenner 1804 mit einer Ehrenmedaille, sah seine Methode als eine der größten Errungenschaften der Menschheit an und entließ 1805 auf Bitten Jenners u. a. zwei seiner englischen Freunde (William Thomas Williams und Dr. Wickham) aus der Gefangenschaft. Danksagungen erreichten Jenner auch aus Russland von der Kaiserin in Form eines Diamantringes sowie von Thomas Jefferson 1806, der Jenner ausdrücklich dankte: . Massachusetts war dabei der erste amerikanische Bundesstaat, der die Impfpflicht einführte.

Auch über Europa hinaus wurde das Prinzip der Impfung verbreitet: Francisco Javier de Balmis leitete eine von 1803 bis 1806 von der Spanischen Krone finanzierte Expedition in die Neue Welt nach Amerika, den Philippinen, Macau und dem Kaiserreich China, bei der Tausende von Menschen gegen Pocken geimpft wurden.

In England wurde durch diesen kontinuierlichen Erfolg der Vakzination die Variolation 1840 schließlich gesetzlich verboten, nach weiteren Änderungen in der Gesetzgebung Jenners Methode 1853 verpflichtend aufgenommen („Vaccination acts“). Nach den USA führte das Königreich Bayern bereits 1807 eine verpflichtende Impfung ein, Russland 1812.Wolfgang U. Eckart: Jenner, S. 12 (). Im Deutschen Reich wurde eine Impfpflicht gegen Pocken 1874 mit dem damals teilweise umstrittenen Reichsimpfgesetz eingeführt.

Wegen seiner weiteren Arbeit an Impfungen zog sich Jenner aus seinem Praxisbetrieb zurück und wurde durch Kollegen und von staatlicher Stelle unterstützt. So wurden ihm 1802 beispielsweise 10.000 britische Pfund überlassen, was 2005 etwa einem Geldwert von 660.000 Pfund entspräche. 1807 folgten weitere 20.000 Pfund, nachdem die Royal College of Physicians die Wirksamkeit seiner Methode bestätigte.