mini|320px|Schlossruine und Rathauskomplex von oben mini|Rathaus von Szczytno, erbaut 1936/1937 mini|Bezirksgericht, erbaut von 1867 bis 1869 mini|Ehemalige Kreisverwaltung von 1885 mini|Ehemalige Schlossbrauerei Ortelsburg, erbaut von 1895 bis 1898 mini|Stadtstrand am Jezioro Długie (powiat szczycieński)
Szczytno [] ( Ortelsburg) ist eine Kreisstadt im Süden der Woiwodschaft Ermland-Masuren in Polen. Sie ist eine Stadtgemeinde mit etwa 23.250 Einwohnern und Sitz des Powiat Szczycieński.
Geographische Lage Szczytno liegt im masurischen Seengebiet, am Südostrand der Allensteiner Seenplatte auf der Równina Mazurska 147 Meter über dem Meeresspiegel im historischen Preußen. In unmittelbarer Nähe liegen der Große und Kleine Haussee (Jezioro Domowe Duże, Jezioro Domowe Małe). Während sich nördlich die bis zu 200 Meter hohen Damerauberge erheben, ist die übrige Landschaft von Wäldern geprägt.
Geschichte Die Ortsgründung geht auf die Ordensfeste Hauß Ortelßburg zurück, die zwischen 1350 und 1360 auf der Landverbindung zwischen dem Großen und dem Kleinen Haussee aus Holz und Erde errichtet wurde. Der Deutsche Orden nutzte sie als Grenzfeste gegenüber dem nahen, polnisch beherrschten Masowien und als Stützpunkt zur Besiedlung des als Urwald vorgefundenen ehemaligen Prußengaus Galinden, der südlich der bisher eroberten und besiedelten Gebiete lag und allgemein als „Wildnis“ bezeichnet wurde. Ein Pfleger des Ordens, der der Komturei Elbing unterstand, hatte seinen Sitz auf der Burg. Der Name der Ortelsburg wird zurückgeführt auf den Großgebietiger und Obersten Spittler des Ordens, Ortloff von Trier, der in seiner Eigenschaft als Komtur von Elbing mit einer Urkunde vom 24. September 1360 die Ansiedlung von Einwanderern aus Masowien veranlasste. Ihre Siedlung entstand zunächst auf der Nordseite des Kleinen Haussees, und sie lebten vorwiegend von der Imkerei. Bienenzüchter wurden zu dieser Zeit als Beutner bezeichnet, und so entstand für die neue Siedlung der Name Beutnerdorf ().
Im Jahre 1370 fiel die Ortelsburg den Kämpfen zwischen dem Deutschen Orden und den Litauern zum Opfer. Unter ihrem Anführer Kynstut zerstörten die Litauer die Burg. Der Orden wollte seinen Stützpunkt jedoch nicht aufgeben und errichtete sofort eine neue Burg, die diesmal widerstandsfähiger war und aus Stein errichtet wurde. Während des Dreizehnjährigen Krieges (1454–1466) war sie hart umkämpft und wurde mehrfach von beiden Kriegsparteien besetzt.
Nach der 1525 erfolgten Säkularisation des Ordensstaates und Umwandlung in das weltliche Herzogtum Preußen wurde die Ortelsburg zum Sitz des Amtshauptmannes für das dem Oberländischen Kreis unterstehende Hauptamt Ortelsburg. Dem Hauptamt seinerseits unterstand das Amt Mensguth. Da das Herzogtum zu dieser Zeit unter der Lehnshoheit Polens stand, verlor die Ortelsburg ihre Bedeutung als Grenzfeste und begann zu verfallen.
Herzog Georg Friedrich, der die Gegend als sein Jagdrevier auserkoren hatte, stoppte die endgültige Zerstörung und baute die Burg ab 1580 zu einem Jagdschloss um. Viele der mit den Bauarbeiten beschäftigten Handwerker ließen sich bei der Burg nieder und gründeten 1581 unabhängig von der bereits bestehenden Ortschaft Beutnerdorf die Gemeinde Ortelsburg. Als der Amtshauptmann Andreas von Eulenburg um 1600 der neuen Gemeinde die Bierbrau- und Ausschankrechte verleihen wollte, kam es zu Auseinandersetzungen mit dem benachbarten Passenheim, das wirtschaftliche Einbußen befürchtete. Auf dem Höhepunkt der Streitigkeiten kam es auf den zwischen den Orten gelegenen Feldern zu einem regelrechten Waffengefecht. Der über Jahre andauernde Streit wurde erst am 23. März 1616 mit dem von Kurfürst Johann Sigismund verliehenen „Fundation und Confirmation“ beendet. Mit dieser Urkunde erlangte Ortelsburg das StadtrechtGStA PK, XX. HA, Ostpreußischer Foliant 263, Seiten 258–261.!
1629 trafen sich der brandenburgische Kurfürst Georg Wilhelm und der polnische König Władysław IV. Wasa zur Vorbereitung des Christburger Waffenstillstands, der de facto den Ersten Polnisch-Schwedischen Krieg beendete. Mehrere Brände und die 1656 ausgebrochene Pest warfen die Gemeinde immer wieder in ihrer Entwicklung zurück. Die im gleichen Jahr in den Süden des Landes eingefallenen Tataren richteten ebenfalls große Schäden an und töteten zahlreiche Einwohner. Nach dem Stadtbrand von 1669 ließ der Magistrat der Stadt ein neues Stadtsiegel anfertigenHermann Gollub, Geschichte der Stadt Ortelsburg, 1926.. Die Inschrift lautete „MAGISTRAT SIGEL 1669 DER STADT ORTELSBURCK“. Erneut brannte Ortelsburg 1698 ab und auch die Jahre von 1709 bis 1711, während der Pestepidemie, machte Fortschritte zunichte. 1718 führte der König in Preußen die „Accise“ ein. Diese Abgabe betraf nur die Städte, darunter auch OrtelsburgGStA PK, II HA. Abt. 7, IV, 3004, Stadtgerechtigkeit des Fleckens Ortelsburg 1718.. Damit war auch das Missverständnis wegen des Stadtrechts von Ortelsburg beendet. Für König Friedrich Wilhelm I. war Ortelsburg seit 1616 eine Stadt! Obwohl der König den Ortelsburgern im August 1718 eine neue Stadtgerechtigkeit genehmigte, blieb es bei dem Stadtrecht von 1616. Mit dem Edikt vom 12. Juni 1723 führte Friedrich Wilhelm I. die Neuordnung der preußischen Städte und deren Einteilung in drei Größenkategorien ein. Ortelsburg gehörte in die kleinste, die dritte Kategorie, wie auch PassenheimReinhold Friedrich von Sahme, Gründliche Einleitung zur Preußischen Rechtsgelahrtheit, worinnen das Land-Recht des Königreich Preußen durch deutliche Lehrsätze in einem richtigen Zusammenhang vorgestellt und erklärt wird, Königsberg 1741, Seite 858–866. 1744 wurde Ortelsburg preußische Garnisonsstadt und beherbergte ein Feldjägerkorps, das sich später als „Ortelsburger Jäger“ wegen seiner ausgezeichneten Kundschafter und Scharfschützen einen guten Namen machte.
Anlässlich einer preußischen Verwaltungsreform wurde 1752 der Oberländische Kreis aufgelöst, und das Hauptamt Ortelsburg wurde in den neu geschaffenen Kreis Neidenburg eingegliedert. Während des preußisch-napoleonischen Krieges hielt sich das preußische Königspaar, Friedrich Wilhelm III. und Königin Luise, auf seiner Flucht aus Berlin vom 21. November bis 19. Dezember 1806 in Ortelsburg auf. Hier verfasste der König am 1. Dezember das „Publicandum an die Armee und das deutsche Volk“, mit dem er seine Maßnahmen zur Erneuerung der Armee und der Zentralverwaltung bekanntgab (so genanntes Ortelsburger Publikandum). Am 31. Dezember 1806 besetzte die napoleonische Armee die Stadt und plünderte sie aus. Bis 1812 hatte Ortelsburg die Einquartierungskosten zu tragen.
Am 1. Februar 1818 wurde Ortelsburg im Zuge einer erneuten Verwaltungsreform zur Kreisstadt des neuen gleichnamigen Kreises erhoben. Mitte des 19. Jahrhunderts waren die späteren Reichsstraßen R 128 von Königsberg über Ortelsburg nach Willenberg und die R 134 von Ortelsburg nach Allenstein als Chausseen ausgebaut worden und 1883 erfolgte der Anschluss an die Eisenbahnstrecke Allenstein–Johannisburg. Damit waren die Voraussetzungen für industrielle Ansiedlungen geschaffen worden, und zum Ende des Jahrhunderts verfügte die Stadt über mehrere Ziegeleien, darunter eine moderne Ringofenziegelei, über ein Dampfsägewerk und eine Dampfmahlmühle. Das zuvor in Friedrichshof beheimatete Lehrerseminar wurde 1884 nach Ortelsburg verlegt. 1890 hatte die Stadt ohne das noch selbständige Beutnerdorf 2885 Einwohner, darunter 700 Polnischsprachige und 159 Juden. Für die polnischsprachige Minderheit wurde 1910 die „Bank Mazurski“ gegründet. 1913 wurde Beutnerdorf eingemeindet; die neuformierte Stadt hatte nun über 8000 Einwohner.
Ortelsburg wurde Ende August 1914 von russischen Truppen fast vollständig zerstört. Der Wiederaufbau der zwischen dem 27. und 30. August 1914 vernichteten 160 Wohn- und 321 Wirtschaftsgebäude wurde noch während des Krieges mit Unterstützung der Partnerstädte Berlin und Wien begonnen.Jan Salm: Ostpreußische Städte im Ersten Weltkrieg. Wiederaufbau und Neuerfindung. Oldenbourg Wissenschaftsverlag, 2012, ISBN 978-3-486-71209-4, S. 168 ff. Ein Entwurf des Wiener Architekten Josef Hoffmann für den Bau eines Rathauses wurde nicht umgesetzt; stattdessen erhielt Ortelsburg 1938 ein Rathaus nach den Plänen von Kurt Frick, das seit 1991 unter Denkmalschutz steht. Erste Planungen von Bruno Möhring flossen ebenfalls in den Wiederaufbau ein.
Wie im Versailler Vertrag festgelegt, stimmten die Einwohner im Abstimmungsgebiet Allenstein am 11. Juli 1920 über die Zugehörigkeit zu Ostpreußen oder Polen ab. In Ortelsburg votierten 5336 gegen 15 Stimmberechtigte für den Verbleib bei Ostpreußen.Herbert Marzian, Csaba Kenez: Selbstbestimmung für Ostdeutschland. Eine Dokumentation zum 50. Jahrestag der ost- und westpreussischen Volksabstimmung am 11. Juli 1920. Hrsg.: Göttinger Arbeitskreis, 1970, S. 97. Im November 1923 (Hyperinflation) plünderten (wie auch in Freystadt und Neidenburg) zahlreiche Einwohner die Geschäfte jüdischer Kaufleute.Andreas Kossert: Ostpreußen. Geschichte und Mythos. Siedler, München 2005, ISBN 3-88680-808-4, S. 271. In der Zwischenkriegszeit den beiden Weltkriegen verzeichnete Ortelsburg einen beachtlichen Anstieg der Einwohnerzahlen (1925 10.357 und 1939 13.523 Einwohner).
Im Zweiten Weltkrieg war Ortelsburg zeitweise Hauptquartier des Generalstabs der Heeresgruppe Mitte.Hermann Gackenholz: Zum Zusammenbruch der Heeresgruppe Mitte Sommer 1944 . In: Vierteljahrshefte für Zeitgeschichte (VfZ) Jahrgang 3 (1955) Heft 3 (S. 317–333), S. 319. Im Januar 1945 eroberte die Rote Armee Ortelsburg und unterstellte es im März 1945 der Verwaltung der Volksrepublik Polen. Diese unterzog die nach Evakuierung, Flucht und Abtransport in sowjetische Lager noch vorhandenen Einwohner einer „Verifizierung“, in deren Ergebnis sie die polnische Staatsangehörigkeit annehmen mussten. Von rund 70.000 Bewohnern des Kreisgebiets im Jahr 1939 war das bei knapp 14.000 möglich und entsprach dem Durchschnitt. Das jetzt polnische Land verlor infolge von Flucht und Vertreibung der Deutschen aus den deutschen Ostgebieten rund 80 Prozent seiner bisherigen Bewohner.Zahlen bei Andreas Kossert: Ostpreußen. Geschichte und Mythos. Siedler, München 2005, ISBN 3-88680-808-4, S. 352, 354, zur Verifizierung S. 353 ff. Ortelsburg erhielt den polnischen Namen Szczytno, nach polnischen Quellen in Anlehnung an die lateinische Form von Haussee (sciten).
Demographie