mini|Walsersiedlung Juf, der höchstgelegene dauernd besiedelte Weiler Europas mini|Walserhaus in Alagna Valsesia, mit vorgebauten «Lauben» zum Trocknen des Heus Die Walser (rätoromanisch Gualsers) sind eine alemannische Volksgruppe im Alpenraum. Ab dem späten Hochmittelalter besiedelten sie, ausgehend vom Oberwallis, hauptsächlich Alpengebiete im schweizerischen Bündnerland, im oberitalienischen Piemont und Aostatal, in Liechtenstein, im österreichischen Vorarlberg und angrenzenden Tirol sowie vereinzelt auch im Berner Oberland, in Savoyen, in Bayern und anderswo. Auf einer Länge von rund 300 km im Alpenbogen verteilen sich heute noch rund 150 Walsersiedlungen.Die Walserzüge Von Schweizerischem Nationalmuseum auf Watson (Nachrichtenportal) vom 27. November 2022
Die Nachfahren der Walser sprechen vielerorts Walserdeutsch, einen höchstalemannischen Dialekt.
Die «Pflege der Walser-Identität» figuriert auf der «Liste der lebendigen Traditionen», die vom Bundesamt für Kultur gepflegt wird.Lebendige Traditionen > Pflege der Walser-Identität. Abgerufen am 10. Dezember 2025.
Geschichte Im 9. Jahrhundert erreichten die Alemannen auf ihrer Wanderung vom Berner Oberland her das Goms im Wallis und besiedelten nach und nach das obere Rhonetal. Im 13. und 14. Jahrhundert verliessen einzelne Gruppen dieser Alemannen das Rhonetal und dessen Seitentäler und zogen in weitere hochgelegene Talstufen der Alpen, in Graubünden etwa das Safiental, mit der höchstgelegenen Safiersiedlung Ober Camana auf 1791 m ü. M.
Die historischen Hintergründe der Walserwanderung sind bis heute nicht völlig geklärt. Eine Ursache für die mittelalterlichen Walserwanderungen könnten der wachsende Bevölkerungsdruck und die Suche nach neuen landwirtschaftlichen Anbauflächen gewesen sein. Die Walserwanderungen stehen hier in einem ähnlichen Kontext wie die deutsche Ostsiedlung. Die Walser entwickelten Techniken, die auch das Bewirtschaften von hochgelegenen Bergregionen ermöglichten. In höchster Bergstufe wurden Feldställe im Sommer mit Heuvorräten gefüllt und mit dem Vieh von Futterplatz zu Futterplatz gezogen, mit bis zu 14 Umzügen pro Jahr. In Einzelsennereien hatte jede Familie ihre eigene Käserei mit einer «Stupa» für die Leute und einer «Hütta» für das Vieh. Hauptprodukt war der Ziger. Die Herrscher der betreffenden Gebiete förderten diese Besiedlung durch Steuerbefreiung und Vergabe besonderer Kolonistenrechte. Somit bot die Neuerschliessung von Land den Walsern die Möglichkeit zur Befreiung aus der feudalen Leibeigenschaft. Die Walser wurden wegen ihrer eigenen Rechtsverfassungen auch «Freie Walser» genannt. Insbesondere aus dem Walserdorf Gressoney stammende Walser wurden seit dem 16. Jahrhundert in der Deutschschweiz und in Süddeutschland als Hausierer, Wanderhändler und später niedergelassene Kaufleute bekannt.
Die Wanderungen der Walser Die Wanderungen der Walser wurden durch das zu dieser Zeit herrschende milde Klima begünstigt. Ihre Wanderungen führten unter anderem nach Norden ins Berner Oberland und nach Westen ins französische Chablais. Vor allem aber zog es die Walser nach Süden in hochgelegene piemontesische Alpentäler sowie in mehreren Schüben Richtung Osten. Sie besiedelten abgelegene Gegenden des Bündner Oberlands, das Rheinwald sowie das obere Landwassertal und von dort aus weitere entlegene Gegenden des Kantons Graubünden, z. B. das Safiental. Des Weiteren besiedelten sie das Weisstannental im St. Galler Oberland, die höchstgelegenen Regionen Liechtensteins, hochgelegene Täler in Vorarlberg und vereinzelte Gegenden im Tirol.
Nachfolgend eine Liste der im Zuge der Walserwanderungen besiedelten Gebiete:
zwar zum Wallis gehörend, aber erst im Zuge der Walserwanderungen besiedelt wurden die jenseits der Wasserscheide gelegenen Gemeinden Simplon und Gondo im Berner Oberland: Lauterbrunnen, Stechelberg, Mürren, Gimmelwald, Sichellauenen, Trachsellauenen und Amerton im Lauterbrunnental Saxeten Gasterntal Planalp, aber auch vereinzelte Vorposten im Berner Mittelland sowie im Solothurner Jura in den savoyischen Alpen: Vallorcine sowie Les Allamands bei Samoëns und Les Allamands bei Morzine die italienischen Alpentäler südlich und östlich des Monte-Rosa-Massivs: mini|Hinweisschild auf die Walsergemeinschaft und zweisprachige Ortstafel am Ortseingang von Issime in der Region Aostatal: Gressoney: Gressoney-La Trinité (walserdeutsch Greschunei Oberteil), Gressoney-Saint-Jean (wdt. Greschunei Underteil und Mettelteil), Issime (wdt. Eischeme), Niel ob Gaby, Cunéaz in der Val d’Ayas sowie Gettaz-des-Allemands über Champdepraz in der Provinz Vercelli: Alagna Valsesia (wdt. Im Land), Rima (wdt. Arimmu; heute zu Rima San Giuseppe), Rimella (wdt. Remmalju), Riva Valdobbia (wdt. Rifu) in der Provinz Verbania-Cusio-Ossola: Formazza (wdt. Pomatt), Macugnaga (wdt. Z Maggana), Salecchio, Agaro und Ausone (wdt. Saley, Ager, Opsu; heute zu Premia), Ornavasso (wdt. Urnafasch), Migiandone, Campello Monti (wdt. Ggampel; heute zu Valstrona) im Kanton Tessin die Gemeinde Bosco/Gurin (wdt. Gurin) weite Gebiete des Kantons Graubünden: Rheinwald mit Sufers, Splügen, Nufenen und Hinterrhein, überdies Avers Obersaxen, Vals, St. Martin Safiental (Safien und Tenna), Valendas, Versam, Tschappina Mutten das obere Landwassertal mit Davos und Jenisberg (Gemeinde Bergün Filisur) das obere Schanfigg (Arosa, Langwies) und Praden; der Walserdialekt in den Gemeinden des mittleren und unteren Schanfiggs inklusive Tschiertschen hingegen beruht auf späterer Germanisierung der romanischen Bevölkerung die höher gelegenen Gebiete des Prättigaus (Valzeina, Furna, St. Antönien, Klosters); der Walserdialekt in den andern Gemeinden des Prättigaus hingegen beruht auf späterer Germanisierung der romanischen Bevölkerung von Graubünden aus: Palfries in der Gemeinde Wartau im Kanton St. Gallen Triesenberg und Planken in Liechtenstein Calfeisental, Weisstannental und Taminatal im Kanton St. Gallen Vorarlberg: Großes Walsertal, Kleines Walsertal, Tannberg (Hochtannberggebiet) mit Schröcken, Lech und Warth, Brand, Bürserberg, Dünserberg, Schnifnerberg, Thüringerberg, Nenzingerberg, Ebnit, Laternsertal, Damüls und Silbertal Tirol: Galtür im Paznaun, Steeg im Lechtal Bayern: Gerstruben im Allgäu.
mini|Impression aus Bosco/Gurin, Kanton Tessin
Sprache Die Kultur und Sprache der Walser ist zum Teil noch heute lebendig geblieben; der höchstalemannische Dialekt hebt sich von den hochalemannischen Dialekten der Bündner und den mittelalemannischen Dialekten der Vorarlberger Umgebung stark ab. Typisches, das Walserdeutsche definierende Merkmal ist der sch-Laut in Wörtern wie schi «sie» (Singular und Plural), böösch/beesch «böse», ünsch/iisch «uns», Müüsch/Miisch «Mäuse», Hüüscher/Hiischer «Häuser». Weitere Züge des Walserdeutschen sind allgemeinere west- oder südwestalemannische Dialektmerkmale, die sich aber in Graubünden und Vorarlberg deutlich von den Merkmalen der dortigen südostalemannischen Dialekte abheben, so dass dort auch diesen ein definierender Charakter zukommt. Dazu gehören etwa die Präsensformen er geit/gäit, schteit/schtäit «er geht, steht» (so auch im Berndeutschen, in den benachbarten nicht-walserischen Dialekten jedoch er gaat/goot, schtaat/schtoot) oder der zweisilbige Plural der starken Maskulina wie Taga, Tage «Tage» (in den benachbarten Dialekten jedoch apokopiert und auch oft umgelautet Taag oder Tääg). Dasselbe gilt für zu /ch/ verschobenes anlautendes /k/ wie in Chind «Kind», das zwar ein weit verbreitetes Merkmal der hochalemannischen Dialekte ist, aber in den benachbarten Dialekten des Churer Rheintals, Liechtensteins und Vorarlbergs nicht vorkommt.Genaueres siehe insbesondere Paul Zinsli: Walser Volkstum in der Schweiz, in Vorarlberg, Liechtenstein und Piemont. Erbe, Dasein, Wesen. Huber, Frauenfeld 1968 (und spätere Auflagen), S. 137–195 (Kapitel Die Walsersprache) sowie Sprachatlas der deutschen Schweiz. Bände I–VIII. Francke, Bern bzw. Basel 1962–1997 (digital unter sprachatlas.ch).
Die Bewohner der Walserdörfer im Kanton Graubünden heben sich sprachlich besonders dort hervor, wo in der Umgebung Rätoromanisch gesprochen wird. So wird etwa in den Gemeinde Obersaxen und Vals Deutsch gesprochen, während sonst im Gebiet des Vorderrheins die rätoromanischen Dialekte verbreitet sind.
Walser und Belletristik, Walser und Film Zahlreiche Walser und Walserinnen haben Texte in ihrer Mundart verfasst. Aus dem Piemont und dem Aostatal zu nennen sind etwa Irene Alby (* 1948), Pietro Axerio (1827–1905), Anna Maria Bacher (* 1947), Erwin Monterin (1913–2006), Attilio Squinobal (1921–1995) und Louis Zumstein (1805–1871). Erfolgreiche Bündner Autoren waren beziehungsweise sind beispielsweise Georg Fient (1845–1915), Peter Guler (1885–1973), Christian Hew (1919–2009), Maria Ettlin-Janka (* 1940), Erika Hössli (* 1944), Luzi Jenny (1925–2015), Josef Jörger (1960–1933), Martin Kindschi (1883–1948), Margrit Knecht-Schwarz (1924–?), Elisabeth Mani-Heldstab (* 1954), Marietta Kobald-Walli (* 1960), Hans Plattner (1890–1989), Martin Schmid (1897–1993), Peter Schmid (* 1949) und Hans Valär (1871–1947). Aus Liechtenstein stammte Anni Hilbe (1922–2018). Das Vorarlberg ist nebst anderen mit Elisabeth Burtscher (* 1946), Hedi Fontain-Haid (1923–?), Tiburt Fritz (* 1950) und Angelika Stark-Wolf (* 1952) vertreten.
Anthologien gibt es mehrere. International ausgerichtet sind zum einen Erika Hösslis und Kurt Wanners Sammlung Uber alli Grenzä. Walser Dialekttexte der Gegenwart von 1992 und zum andern die von der «Internationalen Vereinigung für Walsertum» publizierte Anthologie Wir Walser. Eine Anthologie. Geschichten, Gedichte und Bilder von 2012. Auf das Lystal (Region Aostatal) fokussiert die Sammlung Orizzonti di poesia. Testi e composizioni nell’idioma di Gressoney e Issime, die vom «Centro Studi e cultura Walser della Valle d’Aosta» 1995 herausgegeben wurde. Dem nordöstlichen Kanton Graubünden gewidmet ist das umfangreiche Buch Läsiblüescht. Prättigauer und Davoser Dialekttexte aus 159 Jahren, das unter der Leitung von Marietta Kobald-Walli erarbeitet und 2017 von der «Walservereinigung Graubünden» publiziert wurde.
Umgekehrt gibt es auch Belletristik über die Walser. Der Vorarlberger Schriftsteller Adalbert Welte (1902–1969) behandelte die walserische Siedlungsbewegung vom Wallis ins heutige Vorarlberg in seinem historischen Romanen Die große Flucht von 1939. 2015 erschien Therese Bichsels Roman Die Walserin. Eine Familie wandert durch die Jahrhunderte, worin die Autorin aus der Perspektive von mehreren Frauen, die in aufeinanderfolgenden Epochen lebten, erzählt, wie diese vom Lötschental über das Lauterbrunnental nach Karabulak (Russland) zogen und schliesslich im Emmental einen Neubeginn erlebten.
Mehrere Filme dokumentieren das Leben der Bergbauern in einzelnen Walserdörfern. Die Herausforderungen der bäuerlichen Bergregionen und damit auch der Walser wurde beispielsweise Anfang der 1980er-Jahre in der 9-teiligen TV-Produktion Die fünfte Jahreszeit mit Dietmar Schönherr sowie 2011 in der Dokumentation Peak – Über allen Gipfeln von Hannes Lang und Mareike Wegener thematisiert.
Internationales Walsertreffen mini|Walserhaus im touristischen Umfeld von Arosa, dem Austragungsort des Internationalen Walsertreffens 2016 Seit 1962 führt die Internationale Vereinigung für Walsertum (IVfW) alle drei Jahre ein internationales Walsertreffen durch. Hauptzweck der Zusammenkünfte ist die regelmässige Pflege des gemeinsamen Kulturerbes an verschiedenen Siedlungen mit walserischem Hintergrund. Die Treffen fanden an den folgenden Orten statt:Alle bisherigen Internationalen Walsertreffen. Abgerufen am 28. April 2022.
Siehe auch Walliserdeutsch Geschichte des Kantons Wallis Walserhaus Walsermuseum Triesenberg Walser in Liechtenstein Walserweg Graubünden
Literatur Emil Balmer: Die Walser im Piemont. Vom Leben und von der Sprache der deutschen Aussiedler hinterm Monte Rosa. Francke Verlag, Bern 1949.