Jantarny (, , Transkription auch als Yantarni) prußisch Palweniken (1398) und Palmenicken (1491), (, und Palvininkai), ist eine Siedlung städtischen Typs in der russischen Exklave Oblast Kaliningrad. Sie hat Einwohner (Stand ). Die Siedlung ist Verwaltungssitz des Stadtkreises Jantarny. Als Teil Ostpreußens gehörte der Ort bis 1945 zu Deutschland.

Geographische Lage Der Ort liegt im Nordwesten der historischen Region Ostpreußen an der Bernsteinküste der Ostsee, etwa 40 Kilometer nordwestlich von Königsberg (Kaliningrad). Nachbarorte sind Donskoje (Groß Dirschkeim) im Norden und Primorsk (Fischhausen) im Süden.

Östlich von Jantarny befindet sich der 90 Meter hohe Große Hausenberg, der gute Aussicht bietet.

Geschichte Geschichte bis 1945 Mittelalter und Frühe Neuzeit miniatur|Palmnicken an der ostpreußischen Bernsteinküste der Ostsee, nördlich von Fischhausen und nordwestlich von Königsberg, auf einer Landkarte von 1910. mini|Dorfstraße (Aufnahme 2009) miniatur|Dorfkirche (Aufnahme 2012) mini|Palmnickener Bergwerkskapelle 1904

Der Ort Palmnicken, über Jahrhunderte ein abseits gelegener Gutshof, liegt im Samland, einem früheren prussischen Gau, der 1234 an den Deutschen Orden kam. 1389 hieß das Dorf Palwenicken (prußisch palwe: Urland, Heideland, mit moosigem Gras und oft noch mit niedrigem Gestrüpp, meist Kaddig bestanden, nur als dürftige Viehweide benutzbar/ -nicken: Ort). Ab 1525 gehörte Palmnicken zum Herzogtum Preußen.

Im Dreißigjährigen Krieg wurde Palmnicken für sechs Jahre von Schweden besetzt. Ab 1722 gehörte Palmnicken zum Hauptamt Fischhausen, das seinerseits ab 1752 zum Kreis Schaaken im Ostpreußischen Kammerdepartement gehörte.Johann Friedrich Goldbeck: Volständige Topographie des Königreichs Preussen. Erster Theil, welcher die Topographie von Ost-Preussen enthält. Kanter, Königsberg 1785, S. 9 (Digitalisat der Bayerischen Staatsbibliothek). Russische Truppen besetzen den Ort im Siebenjährigen Krieg von 1758 bis 1762. Im Jahr 1785 wird die Größe des königlichen Bauerndorfs mit zwölf Feuerstellen (Haushaltungen) angegeben.Johann Friedrich Goldbeck: Volständige Topographie des Königreichs Preussen. Erster Theil. Kanter, Königsberg 1785, S. 129 (Digitalisat).

1800–1945 Im Zuge der preußischen Verwaltungsneuordnung kam Palmnicken 1818 in den Kreis Fischhausen. Ab 1827 begann der industrielle Bernsteinabbau. Zu Beginn des 20. Jahrhunderts entwickelte sich Palmnicken zu einem Badeort. Am 30. September 1928 wurden die Landgemeinden Bardau und Kraxtepellen (unmittelbar nördlich anschließend) nach Palmnicken eingemeindet. 1939 hatte der Ort 3079 Einwohner. Anfang April 1945 wurde die Stadt von der Roten Armee erobert.

Amtsbezirk Palmnicken 1874–1945 Palmnicken war in den Jahren von 1874 bis 1945 Sitz und namensgebender Ort eines Amtsbezirkes im Landkreis Fischhausen (1939 bis 1945 Landkreis Samland) im Regierungsbezirk Königsberg der preußischen Provinz Ostpreußen. Zu diesem Amtsbezirk gehörten anfangs jeweils drei Landgemeinden (LG) bzw. Gutsbezirke, später kamen noch weitere drei Landgemeinden hinzu:Rolf Jehke: Amtsbezirk Palmnicken. Deutscher Name Russischer Name Bemerkungen Dorbnicken (GB) Krasnopolje später in den Gutsbezirk Palmnicken eingegliedert Kraxtepellen (LG) 1928 in die Landgemeinde Palmnicken eingegliedert Lesnicken (LG) Rakuschino 1901 in den Gutsbezirk Nodems, Amtsbezirk Gauten, eingegliedert Palmnicken (GB) Jantarny 1928 in eine Landgemeinde umgewandelt Sorgenau (LG) Pokrowskoje Warschken (GB) Werschkowo später in den Gutsbezirk Palmnicken eingegliedert später: Bardau (LG) Gordowo 1928 in die Landgemeinde Palmnicken eingegliedert ab 1910: Groß Hubnicken (LG) Sinjawino ab 1910: Klein Hubnicken (LG) Klenowoje

Aufgrund der Umstrukturierungen bildeten am 1. Januar 1945 lediglich noch vier Gemeinden den Amtsbezirk Palmnicken: Groß Hubnicken, Klein Hubnicken, Palmnicken und Sorgenau.

Massaker von Palmnicken 1945 mini|Gedenkstein für die Opfer des Massakers von Palmnicken, seit 2011 durch ein repräsentatives, drei ausgestreckte Hände zeigendes Mahnmal der Bildhauer Frank Meisler und Arie Ovadia ergänzt.Königsberger Bürgerbrief Nr. 77, Duisburg 2011, S. 87.ohne|mini|Denkmal für die Opfer des Königsberger Todesmarsches 1945

Angesichts des Anrückens der sowjetischen Truppen wurden im Januar 1945 als letzte die ostpreußischen Außenlager des KZ Stutthof aufgelöst und die Insassen über Königsberg nach Palmnicken getrieben. Den Todesmarsch überlebten von ursprünglich über 7000 jüdischen Häftlingen, überwiegend Frauen aus Polen und Ungarn, nur etwa 5000, die am 27. Januar in Palmnicken eintrafen. Am nächsten Morgen lagen in den Straßen Dutzende erschossene und erschlagene Frauen in Häftlingskleidung, vielfach furchtbar entstellt. Nicht alle der entsetzten Palmnicker schwiegen. Der ursprüngliche Plan der SS-Wachmannschaften, die Häftlinge in einem Stollen des Bernsteinbergwerkes Anna einzumauern, scheiterte am Widerstand des Werksdirektors Landmann sowie des Güterdirektors und Volkssturmkommandanten Feyerabend, der an die in der Werksschlosserei eingepferchten Frauen Kartoffeln und Essen verteilen ließ. Auch andere Einwohner versuchten, den Häftlingen zu helfen. Weil der Plan der Vernichtung durch Einmauern misslang, mussten sich etwa 2000 Häftlinge am 30. Januar an einer langen Grube im Bernsteinwerk paarweise nacheinander niederknien. Nach Martin Bergau tötete sie ein SS-Mann per Genickschuss, ein zweiter lud die Magazine der Pistolen nach.Bericht des Zeitzeugen Martin Bergau in Tränen der Götter, Reportage von Dieter Schumann über Bernstein, ZDF vom 22. Juni 2007 Die etwa 3000 Juden, die danach noch am Leben waren, trieb die SS in der Nacht vom 31. Januar zum 1. FebruarMassenmord am »Bernsteinstrand«. 70 Jahre nach dem Massaker im ostpreußischen Palmnicken auf www.stiftung-denkmal.de, 23. Januar 2015 an die Steilküste zwischen Palmnicken und Sorgenau, weiter auf das Eis der Ostsee und schoss mit Maschinenpistolen auf sie. Zehn Wochen später nahmen sowjetische Truppen den Ort ein und entdeckten die Leichen am Strand. Der Kommandeur, selbst russischer Jude, zwang die in Palmnicken verbliebene Zivilbevölkerung, die Toten aus dem Strand zu graben und in Massengräbern zu bestatten. Höchstens 200 der 7000 Gefangenen überlebten dieses letzte Massaker an Juden im Zweiten Weltkrieg. An einem Massengrab für 263 Opfer an der Grube Anna wurde 1999 ein Gedenkstein errichtet.Der fast vergessene Massenmord am Bernsteinstrand, Spiegel Geschichte, 31. Januar 2020 2011 wurde das Holocaust-Mahnmal Palmnicken eingeweiht. Russland aktuell, 31. Januar 2011

Geschichte ab 1945 Die ehemals ostpreußische Bevölkerung floh oder wurde nach Kriegsende vertrieben. Nachdem Palmnicken von der sowjetischen Besatzungsmacht im Sommer 1945 zusammen mit der ganzen nördlichen Hälfte Ostpreußens unter sowjetische Verwaltung gestellt worden war, begann die Zuwanderung russischer, aber auch belarussischer, ukrainischer und tatarischer Migranten. Die letzten Deutschen wurden 1948 ausgewiesen.

Im Juni 1947 wurde für Palmnicken die Ortsbezeichnung Jantarny eingeführt, angelehnt an das russische Wort für Bernstein, jantar.Durch den Указ Президиума Верховного Совета РСФСР от 17 июня 1947 г.«Об образовании сельских советов, городов и рабочих поселков в Калининградской области» (Erlass des Präsidiums des Obersten Sowjets der RSFSR vom 17. Juni 1947: Über die Bildung von Dorfsowjets, Städten und Arbeitersiedlungen in der Oblast Kaliningrad). Gleichzeitig bekam der Ort den Status einer Siedlung städtischen Typs (Arbeitersiedlung) und wurde zudem Sitz eines Dorfsowjets im Rajon Primorsk. Es ergab sich dabei die widersprüchliche Gesetzeslage, dass der Ort einerseits als Jantarny zur Arbeitersiedlung erklärt wurde, andererseits aber als Jantarnoje zum Sitz eines Dorfsowjets. In der Praxis wird der sog. Dorfsowjet wohl vom Jantarner Siedlungssowjet verwaltet worden sein. Von Juli 1947 bis April 1953 bestand im Ort ein Internierungslager für bis zu 2700 Personen, die bei der Bernsteinaufbereitung eingesetzt wurden. mini|Bekker-Park in Jantarny / Palmnicken (August 2010) Nachdem im Jahr 1959 der Dorfsowjet aufgelöst worden war, wurde Jantarny 1965 dem Swetlogorsker Stadtsowjet unterstellt und gehörte zur sogenannten Swetlogorsker Kurort-Industrie-Zone,Durch den Указ Президиума Верховного Совета РСФСР от 12 января 1965 г. «Об изменениях в административно-территориальном делении Калининградской области» (Erlass des Präsidiums des Obersten Sowjets der RSFSR vom 12. Januar 1965: Über Änderungen in der administrativ-territorialen Einteilung der Oblast Kaliningrad). dem Vorläufer des 1994 eingerichteten Stadtkreises Swetlogorsk. Im Jahr 2004 wurde Jantarny selbst Sitz eines (munizipalen) Stadtkreises, der im Jahr 2010 auch administrativ-territorial etabliert wurde.

Jantarski selski Sowet 1947–1959 Der Dorfsowjet Jantarski selski Sowet (ru. Янтарский сельский Совет) wurde im Juni 1947 im Rajon Primorsk eingerichtet. Im Jahr 1959 wurde der Dorfsowjet aufgelöst und bestand teilweise noch bis 1960 als Krasnotorowski selski Sowet, bevor er dann zu einem Großteil im Powarowski selski Sowet aufging.Information auf klgd.ru.

Folgende Orte wurden von Jantarny aus verwaltet: Ortsname Name bis 1947/50 Jahr der Umbenennung Alexino (Алексино) zu Germau 1950 Bakalino (Бакалино) Kreislacken 1947 Barkassowo (Баркасово) Neu Katzkeim 1947 Blisnezowo (Близнецово) Powayen 1947 Donskoje (Донское) Groß Dirschkeim 1947 Filino (Филино) Klein Kuhren 1947 Gordowo (Гордово) Bardau 1947 Isobilnoje (Изобильное) Klein Powayen 1950 Jagodnoje (Ягодное) Bersnicken 1950 Jantarowka (Янтаровка) Wangnicken 1947 Jenissejewo (Енисеево) Willkau 1947 Klenowoje (Кленовое) Klein Hubnicken 1947 Krasnolessje (Краснолесье) DorbnickenDorbnicken wurde zusätzlich auch in Krasnopolje umbenannt. 1947 Krasnotorowka (Красноторовка) Heiligenkreutz 1947 Maiski (Майский) Mandtkeim 1950 Majak (Маяк) Brüsterort 1950 Marjinskoje (Марьинское) Marscheiten 1947 Molodogwardeiskoje (Молодогвардейское) Finken 1950 Nowinki (Новинки) Rosenort (?) 1947 Ochotnoje (Охотное) Bieskobnicken 1947 Orechowo (Орехово) Schalben 1947 Ossokino (Осокино) Panjes 1950 Pokrowskoje (Проковское) Sorgenau 1947 Powarowka (Поваровка) Kirpehnen 1947 Primorje (Приморье) Groß Kuhren 1947 Prislowo (Прислово) Nöttnicken 1947 Rakuschino (Ракушино) Lesnicken 1947 Russkoje (Русское) Germau 1947 Sarajewo (Сараево) Ihlnicken 1947 Schtschorsowo (Щорсово) Lengniethen 1950 Sinjawino (Синявино) Groß Hubnicken 1947 Storoschewoje (Сторожевое) Katzkeim 1950 Tolbuchino (Толбухино) Alt Katzkeim 1950 Werschkowo (Вершково) Warschken 1947

Bevölkerungsentwicklung bis 1945 Jahr Einwohner Anmerkungen 1816 153 Alexander August Mützell und Leopold Krug: Neues topographisch-statistisch-geographisches Wörterbuch des preussischen Staats. Band 4: P–S. Halle 1823, S. 5, Ziffer 156. 1831 123 Leopold Krug: Die Preussische Monarchie; topographisch, statistisch und wirthschaftlich dargestellt. Nach amtlichen Quellen. Teil I: Provinz Preussen. Berlin 1833, S. 140, Ziffer 53. 1858 258 davon 97 im Dorf und 161 auf dem Gut, sämtlich EvangelischeAdolf Schlott: Topographisch-statistische Uebersicht des Regierungs-Bezirks Königsberg, nach amtlichen Quellen. Hartung, Königsberg 1861, S. 72, Ziffer 243–244. 1864 228 am 3. DezemberPreußisches Finanzministerium: Die Ergebnisse der Grund- und Gebäudesteuerveranlagung im Regierungsbezirk Königsberg. Berlin 1966, S. 26, Ziffer 195. 1905 1001 Meyers Großes Konversations-Lexikon. 6. Auflage. Band 15, Leipzig und Wien 1908, S. 344. 1910 1289 1933 2361 1939 3080 seit 1945 Jahr Einwohner 1959 4.307 1970 4.973 1979 4.714 1989 4.948 2002 5.455 2010 5.524 2021 6.645 Anmerkung: Volkszählungsdaten

Kirche mini|hochkant|Die früher evangelische, heute russisch-orthodoxe Kirche in Jantarny Siehe dazu den Hauptartikel (mit Kirchspiel- und Pfarrerliste): Kirche Jantarny

Kirchengebäude