mini|Livland – Lettland und Estland auf einer Karte des 16. Jahrhunderts Die Geschichte Lettlands umfasst die Entwicklungen auf dem Gebiet der Republik Lettland von der Urgeschichte bis zur Gegenwart. Lettland wurde 1918 zum ersten Mal ein eigenständiger Staat. Die Geschichte Lettlands umfasst insbesondere die Zeiten während des Deutschen Ordens und des Russischen Reiches, den ersten unabhängigen lettischen Staat nach der Unabhängigkeitserklärung 1918 bis zur Errichtung der sogenannten Lettischen Sozialistischen Sowjetrepublik als Teil der Sowjetunion als Folge des Hitler-Stalin-Paktes, die deutsche Besetzung während des Zweiten Weltkrieges, die Zeit des Kalten Krieges und die Wiedererlangung der Unabhängigkeit 1990.

Vor- und Frühgeschichte mini|Baltische Stämme im 12. Jahrhundert

Die Vorgeschichte Lettlands wird gewöhnlich in Steinzeit, Bronzezeit und Eisenzeit eingeteilt und dauerte bis ins 12. Jahrhundert n. Chr.

Etwa 14.000 Jahre vor unserer Zeitrechnung, am Ende der letzten Eiszeit, bildete sich die heutige Moränenlandschaft des Baltikums heraus.Ilgvars Butulis, Antonijs Zunda: Latvijas vēsture. Riga 2010, ISBN 978-9984-38-827-4, S. 13. Im Gefolge jagdbarer Tiere erschienen etwa 9000 v. Chr. die ersten Menschen.

Ab dem 3. Jahrtausend v. Chr. wanderten aus dem Norden und Nordosten finnugrische Stämme in dieses Gebiet ein. Sie wurden im 2. Jahrtausend v. Chr. von indogermanischen Stämmen teilweise verdrängt oder assimiliert. Diese Vorläufer der späteren Letten und Litauer lebten von Land- und Viehwirtschaft. In antiken Schriften werden die Balten als Aisti oder Aesti bezeichnet und das gesamte Land als „Estland“. Noch der angelsächsische Reisende Wulfstan benutzte im 9. Jahrhundert dieses Wort in der antiken Bedeutung.

Die Balten lebten unter lokalen Fürsten, hatten aber keinen einheitlichen Staat, was eine militärische Schwäche bedeutete und bereits in der Vendelzeit erste skandinavische, Kiewer, später dann polnische und deutsche Interessen anzog.

Man fand zum Beispiel kurische Waffen und Schmuckstücke aus dem 10. Jahrhundert (Ziernadeln, Fibeln und Schwerter) an der gotländischen Küste. In Hugleifs enthielt ein Frauengrab typisch kurischen Schmuck. Das Grab belegt die Anwesenheit von Kuren auf der Insel. Dieselben Ziernadeln und Schwerter findet man auch in großer Zahl in der Umgebung von heutigen Klaipėda und Kretinga. Die Funde auf Gotland und Öland sowie im mittelschwedischen Uppland deuten auf Handelsbeziehungen zu den Balten schon im 10. und 11. Jahrhundert.

Der Deutsche Orden mini|Die Unterwerfung der lokalen Fürstenstaaten von Liven, Letten, Esten, Kuren und Semgallen durch den Deutschen Orden und ihre Eingliederung in den Ordensstaat

Am 22. September 1236 erlitten Verbände des livländischen Schwertbrüderordens gegen einheimische nichtchristliche Schemaiten und Livländer (Großfürstentum Litauen) in der Schlacht von Schaulen (litauisch Šiauliai) eine schwere Niederlage. Der Deutsche Orden übernahm Lettland und gliederte Livland an den Ordensstaat an (siehe Livländischer Orden). Einige Landesteile blieben beim Bischof von Riga oder bei der Stadt Riga.

Nach der Unterwerfung der Stämme der Liven, Kuren und Semgallen durch den Deutschen Orden kamen deutsche Einwanderer nach Livland. Die deutsche Oberschicht stellte jahrhundertelang das Stadtbürgertum und die Großgrundbesitzer.

Die Hanse Im Mittelalter verbanden sich die livländischen Städte, allen voran Riga, in der livländischen Konföderation mit der Hanse und waren wirtschaftlich durch die Handelsverbindungen vor allem mit den deutschen Hafenstädten, in die Niederlande und nach Flandern, nach Skandinavien und Russland geprägt.Karl Bosl: Europa im Mittelalter. Weltgeschichte eines Jahrtausends. Carl Ueberreuter Verlag, Wien 1970, S. 274.

Die Reformation Infolge der Reformation wurde der Ordensstaat ein Herzogtum und Livland dabei lutherisch.Peter Hauptmann: Art. Baltikum. II. Das Christentum in Baltikum. In: Theologische Realenzyklopädie (TRE), Bd. 5: Autokephalie – Biandrata, 1980, S. 145–159, hier S. 148–149. 1558 ließ der russische Zar Iwan der Schreckliche russische Truppen in Livland einmarschieren. So begann der Livländische Krieg (1558 bis 1583). Livland wurde nach dem Ende des livländisch-litauischen Krieges am 28. November 1561 als Teil des Ordensstaates aufgeteilt (Union von Wilna): estnische Landesteile gingen an Schweden und einige kleinere Gebiete fielen an Dänemark oder kamen unter polnische Hoheit. Kurland wurde als Erbherzogtum vom letzten Deutschordensmeister Herzog Gotthard Kettler unter polnischer Oberherrschaft geführt; der restliche Teil kam zum vereinten Polen-Litauen. Riga kam nach kurzer Unabhängigkeit (wie auch einige der dänischen Besitzungen) ebenfalls zu Polen.

Schweden, Polen und Russland 1629 eroberte Schweden Livland. Kurland blieb ein selbständiges Herzogtum unter polnischer Oberhoheit (Herzogtum Kurland und Semgallen). Auch der südöstlichste Teil Livlands um Dünaburg blieb polnisch (Polnisch-Livland). Der Große Nordische Krieg von 1700 bis 1721 brachte einen erneuten Herrschaftswechsel. Durch den Frieden von Nystad (1721) wurden Livland und Estland russische Provinzen. Durch die Dritte Teilung Polens 1795 kam auch Kurland und Polnisch-Livland (Lettgallen) zu Russland. Kurland und Livland bildeten gemeinsam mit Estland die Ostseegouvernements, die eine gewisse Sonderstellung hatten: sie waren von deutschen Oberschichten geprägt und lutherisch; die städtische Selbstverwaltung war stärker ausgeprägt.

Ein erwachendes Nationalgefühl der von Russland und der deutschen Oberschicht dominierten Letten führte im 19. Jahrhundert zur Entstehungen mehrerer Gruppen und Bewegungen, die sich bewusst und betont der lettischen Kultur zuwandten und als „Jungletten“ bekannt wurden. Autoren aus diesen Kreisen schufen eine eigenständige lettische Literatur in Prosa und in Theaterstücken.Friedrich Scholz: Die Literaturen des Baltikums. Ihre Entstehung und Entwicklung (= Abhandlungen der Rheinisch-Westfälischen Akademie der Wissenschaften, Bd. 80). Westdeutscher Verlag, Opladen 1990, ISBN 3-531-05097-4. S. 293–299. Im frühen 20. Jahrhundert kamen politische Forderungen auf, zunächst nach Selbstbestimmung für das lettische Volk, schließlich nach einem unabhängigen Staat, der die von Letten bewohnten Gebiete umfassen sollte. Von der Russischen Revolution im Jahre 1905 wurde auch die Arbeiterschaft der Industriestadt Riga erfasst, am 13. Januar 1905 kam es zu einer ersten Demonstration der Solidarität mit den Streikenden in Sankt Petersburg; der Name der 1930, zum 25. Jahrestag, so benannten Magistrale 13 janvāra iela in Riga erinnert daran.

Im Ersten Weltkrieg besiegten deutsche Truppen beim Vormarsch im Baltikum die Kaiserlich Russische Armee in mehreren Schlachten und eroberten Kurland im Frühjahr und Sommer 1915(Liepaja am 8. Mai, Jelgava am 1. August) (Näheres hier). Von September 1915 bis zum Sommer 1917 war die Düna die Front in einem Stellungskrieg zwischen deutschen Einheiten auf ihrem linken und russischen auf ihrem rechten Ufer.Michael Garleff: Die Deutschbalten als nationale Minderheit in den unabhängigen Staaten Estland und Lettland. In: Gert von Pistohlkors (Hrsg.): Deutsche Geschichte im Osten Europas. Baltische Länder. Siedler, Berlin 1994, ISBN 3-88680-214-0, S. 451–550, hier S. 452. Ab dem Sommer 1917 rückten die deutschen Truppen wieder vor. Sie eroberten am 3. September 1917 Riga rechts der Daugava und bis zum März 1918 das gesamte Gebiet des heutigen Lettland.

Die Gründung der Republik Lettland 1918 und die Zwischenkriegszeit mini|hochkant=1.5|Lettland, 1920–1940 mini|hochkant=1|Wappen Lettlands (seit 1921)

Nach dem Ende des Ersten Weltkrieges erklärte am 18. November 1918 der tags zuvor zusammengetretene Lettische Volksrat die Unabhängigkeit Lettlands. Es folgte der Lettische Unabhängigkeitskrieg (bis 1920). Die Roten Lettischen Schützen konnten den Anspruch Sowjetrusslands und der ersten Lettischen Sowjetrepublik gegen das von Esten und Deutsch-Balten (Baltische Landeswehr, Eiserne Division) unterstützte Lettland nicht durchsetzen und mussten sich aus dem Baltikum zurückziehen. Einem gescheiterten Putschversuch der deutsch-baltischen Minderheit folgte dann eine lettische Regierung, die am 11. August 1920 im Friedensvertrag von Riga auch die Anerkennung durch Sowjetrussland erreichte. Die in diesem Vertrag durch die Sprachgrenze bestimmte Grenzziehung sprach Lettland auch Lettgallen zu.

Durch eine Agrarreform enteignete die Republik Lettland 1920 die – fast ausnahmslos deutschbaltischen – Großgrundbesitzer entschädigungslos.Georg von Rauch: Geschichte der baltischen Staaten. Deutscher Taschenbuch-Verlag, München, 2., durchgesehene Aufl. 1977, ISBN 3-423-04297-4, S. 92.

Am 15. Juni 1921 wurde vom Parlament der Beschluss über die Flagge und die Wappen Lettlands getroffen. Diese Insignien wurden von diesem Tag an von allen staatlichen Einrichtungen verwendet. Mit Stand vom 15. Juni 1921 hatte das unabhängige Lettland in vielen europäischen Ländern sowie in China und den USA diplomatische Vertretungen. Am 7. November 1922 trat die Verfassung der Republik Lettland in Kraft.Adolfs Šilde: Die Entwicklung der Republik Lettland. In: Boris Meissner (Hrsg.): Die baltischen Nationen: Estland, Lettland, Litauen. Markus-Verlag, Köln 1990, ISBN 3-87511-041-2, S. 63–74, hier S. 64. Schon im Dezember 1919 waren den im Land lebenden Minderheiten (Russen, Deutschen, Juden und anderen) weitgehende Rechte gesetzlich gesichert worden, unter anderem eigene Schulen und deren Selbstverwaltung.Adolfs Šilde: Die Entwicklung der Republik Lettland. In: Boris Meissner (Hrsg.): Die baltischen Nationen: Estland, Lettland, Litauen. Markus-Verlag, Köln 1990, S. 66. Der Staat bezahlte einen Lehrer für je 50 Schüler.Martin Pabst: Meisterboxer und der Koffer mit Schmutzwäsche. Eine Schulzeit im Lettland der 1920er und 1930er. In: Kulturkorrespondenz östliches Europa, Nr. 1427 (Januar / Februar 2022), S. 16–19, hier S. 16.

In den 1920er Jahren erlebte Lettland eine wirtschaftliche und kulturelle Blüte. Allein im Jahre 1922 wurden 300 kommunale Bibliotheken eröffnet.Adolfs Šilde: Die Entwicklung der Republik Lettland. In: Boris Meissner (Hrsg.): Die baltischen Nationen: Estland, Lettland, Litauen. Markus-Verlag, Köln 1990, S. 68. Bei der Anzahl der veröffentlichten Bücher (bezogen auf die Einwohnerzahl) stand Lettland – nach Island – in Europa an zweiter Stelle. Zumal in Riga entstanden selbstbewusste Gewerkschaften.A. Abramson: Lettland. In: Ludwig Heyde (Hrsg.): Internationales Handwörterbuch des Gewerkschaftswesens, Bd. 2: Kober – Zwiedineck. Verlag Werk und Wirtschaft, Berlin 1932, S. 1059–1060.

Durch einen Staatsstreich am 15. Mai 1934 endete die Zeit der parlamentarischen Regierung.Adolfs Šilde: Die Entwicklung der Republik Lettland. In: Boris Meissner (Hrsg.): Die baltischen Nationen: Estland, Lettland, Litauen. Markus-Verlag, Köln 1990, S. 71. Fortan regierte Kārlis Ulmanis den Staat autoritär.

Das Ende der Unabhängigkeit de facto 1939/1940

mini|Unterzeichnung des Nichtangriffsvertrages zwischen Estland, Lettland und Deutschland am 7. Juni 1939. Von links nach rechts: Außenminister Munters (Lettland), Reichsaußenminister Joachim von Ribbentrop und Außenminister Selter (Estland).

Während der Zeit bis zum Zweiten Weltkrieg geriet Lettland zunehmend unter Druck der Sowjetunion und Deutschlands. Am 7. Juni 1939 wurde in Berlin der deutsch-lettische Nichtangriffspakt unterzeichnet. In einem geheimen Zusatzprotokoll des deutsch-sowjetischen Nichtangriffspaktes am 23. August 1939 vereinbarten die beiden Großmächte jedoch, dass Lettland zur Einflusssphäre der Sowjetunion zählte.