mini|Wladimir von Kiew und die Prinzessin Rahneda von Polazk (Gemälde aus dem Jahre 1770)
Die Geschichte von Belarus umfasst die Entwicklungen auf dem Gebiet der Republik Belarus von der Urgeschichte bis zur Gegenwart. Sie ist geprägt von der Lage des Landes am Übergangsbereich zwischen dem katholisch geprägten polnischen und dem orthodox geprägten russischen Einflussbereich. So kam es häufig zu Herrschaftswechseln und Besetzungen durch fremde Mächte.
Vor- und Frühgeschichte mini|links|Mittelpaläolithische Werkzeuge, Museum für die Geschichte und Kultur von Belarus, Minsk Zum Ende der letzten Eiszeit gehörte das Gebiet des heutigen Belarus zum östlichen Gravettien, danach zum Epi-Gravettien. Westlich gehörten dazu die Swidru-Gruppen, im Osten die Gruppen um die Kostënki-Funde. Für die Mittelsteinzeit (Mesolithikum) kennen wir im Westen die Janislawice-K., deren östliche Ausdehnung nicht genau bestimmt ist.
In der Jüngeren Steinzeit (Neolithikum) soll sich von hier schon früh die Keramik nach Westen in die baltischen Gebiete ausgebreitet haben. mini|Anthropomorphe Darstellung aus dem Neolithikum, Asavicts-2 Im Spät-Neolithikum ist die Ober-Dneper-Kultur bekannt, die mit der Mittel-Dneper-Kultur zusammenhängt. Weitere mögliche Zusammenhänge bestehen mit der östlichen Jamnaja-Kultur. In der Bronzezeit scheint das gesamte Gebiet mehr mit der baltischen Frühbronze zusammenzuhängen.
Frühes Mittelalter Über die Frühgeschichte von Belarus ist nur wenig bekannt. Es kann angenommen werden, dass das Gebiet des Landes von Slawen besiedelt war.Jürgen Udolph (1979): Zum Stand der Diskussion um die Urheimat der Slaven. In: Beiträge zur Namenforschung, N. F. 14: S. 1–25.J. Bemmann, M. Parczewski (Hrsg.): Frühe Slawen in Mitteleuropa. Wachholtz-Verlag, Neumünster 2005. Das Gebiet von Belarus wurde im Frühmittelalter wiederholt von Wikingern durchquert. Diese gründeten im heute ukrainischen Kiew das Reich der Kiewer Rus, das auch zunehmend Einfluss über das Gebiet des heutigen Belarus gewann. 988 initiierte der Kiewer Großfürst Wladimir der Große die Christianisierung der Rus, womit das orthodoxe Christentum auch im späteren Belarus Einzug fand. Von dieser Zeit zeugen neben den Borissteinen an der Düna die Sophienkathedrale von Polozk, es begann der steinerne Bau in vielen weiteren Städten, die kyrillische Schrift fand Verbreitung.
Um 1000 gründeten sich auf dem Gebiet von Belarus verschiedene selbständige Fürstentümer, die mehr oder weniger Bestandteile der Kiewer Rus waren. Einige Beispiele dafür wären die Fürstentümer Klezk, Kobrin, Mensk, Pinsk, Polazk, Sluzk oder Turow.
Großfürstentum Litauen Nach dem Mongoleneinfall in Osteuropa und der Zerschlagung der Kiewer Rus hatten sich die belarussischen Fürsten im 13. Jahrhundert mehr oder weniger freiwillig dem Großfürstentum Litauen angeschlossen. Die Schicksale von Belarus und Litauens waren nun für 600 Jahre miteinander verbunden. Beide Völker heißen in ihren Sprachen „Litauer“ (lietuvis bzw. litwin). Belarus machte damals den Hauptteil des Staatsgebietes aus.
mini|Die Staatsbildung fand in den belarussischen Territorien statt
Mit der Zeit wurde die altruthenische Kultur und Sprache, ein Vorläufer der belarussischen Sprache, im Großfürstentum dominant (siehe Goldenes Zeitalter (Belarus)), weshalb sich das Großfürstentum Litauen und später Polen-Litauen von nun an als rechtmäßiger Erbe der Rus (magnus dux Littwanie, Samathie et Rusie) sah und im 15. und 16. Jahrhundert zum Konkurrenten des Großfürstentums Moskau bei der Sammlung der russischen Länder wurde.
Nach dem Tod von Polens König Kasimir III. des Großen eröffnete sich 1385/86 die Möglichkeit, Polen durch Heirat mit dem damals noch nicht christianisierten Litauen zu verbinden. Der litauische Großfürst Jogaila ließ sich taufen, verband sich in der Union von Krewo ehelich mit Polens Königin Hedwig von Anjou, bestieg den polnischen Thron und begründete als König Władysław II. Jagiełło von Polen das Herrscherhaus der Jagiellonen. Das Großfürstentum Litauen überließ er seinem Cousin Vytautas (poln. Witold, 1401 Großfürst), der es bis zu seinem Tod 1430 regierte.
Die Personalunion von Krėva (Krevo) hatte einschneidende Folgen für die russisch-orthodoxe Kirche. Zwar sollte der Status quo erhalten bleiben, doch in der Folgezeit wurden die orthodoxe Minderheit im Osten von Belarus und in der Ukraine schlechter gestellt als die Katholiken.
Mit der Schlacht bei Tannenberg (15. Juli 1410, belarussisch Грунвальд/Grunwald), bei der die Truppen des Deutschen Ritterordens aus Preußen und Livland vernichtend geschlagen wurden, konnten die Grenzen nach Norden endgültig befestigt werden (die Grenze mit Ostpreußen hatte bis 1918 unverändert Bestand). Errungen wurde dieser Sieg von vereinten polnischen und litauischen Truppen, denn Polens König Władysław II. Jagiełło und Großfürst Vytautas agierten zusammen.
In den sich an die Tode Vytautas’ und Jogailas (1434) anschließenden Nachfolgekämpfen konnte der polnische Adel seinen Einfluss nach und nach vergrößern. Seit dem Ende des 15. Jahrhunderts spielte das benachbarte Großfürstentum Moskau eine entscheidende Rolle für das Großfürstentum Litauen. Angesichts der äußeren Bedrohung zwischen dem 13. und 15. Jahrhundert zerfielen im eigentlichen Litauen und den dazugehörigen Landesteilen die weißrussischen Gebiete. Der benachteiligte Adel der peripheren Gebiete versprach sich mehr Vorteile und Macht bei einem Übertritt zum Großfürstentum Moskau. So schlossen sich zwischen 1487 und 1493 mindestens vier Fürstenhäuser aus den Ostprovinzen des Großfürstentums Moskau an. Ende der 1490er-Jahre verließen dann die Fürsten Semjon Belski, Semjon und Iwan Moschaijski und Wassili Schemjatitsch den litauischen Verbund. Immer wieder kam es zu Grenzkonflikten zwischen beiden Reichen. Am Ende des Krieges musste Litauen 1503 die Gebiete Tschernihiw, Nowgorod-Sewers, Gomel, Brjansk, Putiwl, Starodub und Mzensk an Moskau abtreten. Wenig später, 1514, kam es erneut zu bewaffneten Auseinandersetzungen zwischen den Streitkräften Moskaus und Litauens. In dieser Zeit wurde unter der Führung Moskaus eine antijagelionische Allianz gegründet mit dem Ziel, das Großfürstentum aufzuteilen und die weißrussischen Provinzen dem Großfürstentum Moskau zuzuschlagen. Der Sieg, den die Truppen unter dem Oberkommando Konstantin Ostroschkis in der Schlacht bei Orscha am 8. September über das Moskauer Heer errangen, hielt die Expansion Moskaus nach Westen jedoch vorerst auf.Dietrich Beyrau, Rainer Lindner: Handbuch der Geschichte Weissrusslands. S. 89. Unter dem Eindruck der Moskauer Offensive im Livländischen Krieg (1558–1582/83), bei dem Russland und das litauische Großfürstentum zeitweilig die Hauptwidersacher waren, musste Litauen 1569 der Union von Lublin mit Polen zustimmen. Diese bildete auch für die Geschichte der (damals litauischen) Ukraine eine deutliche Zäsur.
Die ukrainischen Länder wurden nun direkt dem Königreich Polen unterstellt und die kulturelle und religiöse Integration des ukrainischen in den polnischen Adel beschleunigt. Es bildete sich eine tiefe Kluft zwischen dem privilegierten katholischen Adel und der orthodox gebliebenen ukrainischen Unterschicht.
In den folgenden gut 200 Jahren verlor Litauen kontinuierlich an politischer Dominanz. Die meisten relevanten Entscheidungen fielen in Krakau und Warschau. Es war aber ein kulturelles Zentrum der Juden in Osteuropa mit eigenen Schulen, einer großen Bibliothek und zahlreichen Jeschiwot. Die berühmteste Figur war Rabbi Elijah Ben Salomon Salman, genannt der Gaon von Wilna, (1720–1797), der sich leidenschaftlich für traditionelles Judentum mit Schwerpunkt auf dem Studium von Tora und Talmud sowie gleichzeitig für moderne Naturwissenschaften interessierte.
Russische Herrschaft Ende des 18./ Anfang des 19. Jahrhunderts kam das Gebiet nach und nach unter russische Herrschaft durch die sog. Teilungen Polens. Es bestand nur noch aus Gouvernements, die zentralistisch von Sankt Petersburg aus regiert wurden und starken Russifizierungsversuchen ausgesetzt waren, die sich vor allem gegen die polnische Oberschicht richteten. So wurde der belarussische Dialekt verboten. Erst nach der Revolution von 1905 wurde dessen Gebrauch wieder legalisiert, durfte jedoch auch weiterhin nicht in den Schulen unterrichtet werden. Gegen das Polnische richtete sich auch das Verbot des lateinischen Alphabets. Bereits 1839 hatte der Zar die unierte Kirche in Belarus und der Ukraine verboten, um den katholischen Einfluss in diesen Gebieten zurückzudrängen. Jene Bevölkerungsteile, die dieser Konfession angehört hatten, wurden gedrängt, den orthodoxen Glauben anzunehmen. 1863/64 kam es zu Aufständen gegen die russische Herrschaft unter der Führung Kastus Kalinouskis, welche jedoch blutig niedergeschlagen wurden.
1918–1920
mini|Reisepass der Weißrussischen Volksrepublik
Am 25. Februar 1918 rückten deutsche Truppen in Minsk ein.
Unter deutschem Schutz, aber ohne das Einverständnis der Besatzungsmacht, wurde am 25. März 1918 zum ersten Mal die Unabhängigkeit von Belarus proklamiert. Die „Rada“, das Exekutivorgan des I. Weißrussischen Volkskongresses, deklarierte die Loslösung von Sowjetrussland und rief die „freie und unabhängige Weißrussische Volksrepublik“ („Belaruskaja Narodnaja Respublika“) aus, die weder vom Deutschen Reich noch von den Westmächten anerkannt wurde. Sie existierte nur ein halbes Jahr bis Herbst 1918, gilt aber historisch und im Bewusstsein der Weißrussen als der Gründungsakt einer eigenen weißrussischen Staatlichkeit.
Im Zuge der deutschen Novemberrevolution, der Hinfälligkeit des Vertrages von Brest-Litowsk und des Bürgerkrieges im benachbarten Russland, der auch auf Belarus übergriff, geriet das Land unter die Kontrolle der Kommunisten. In dieser Phase wurde am 1. Januar 1919 in Smolensk die Weißrussische SSR proklamiert und deren Verwaltung schon eine Woche später nach Minsk verlegt. Von Westen her versuchte Polen unter Marschall Józef Piłsudski, weite Teile von Belarus unter seine Kontrolle zu bringen, um dort einen mit Polen föderierten Staat zu bilden. Er wollte an die Traditionen des Großherzogtums Litauen anknüpfen. Am 27. Februar 1919 fusionierte die Weißrussische SSR mit Litauen für einige Monate zur Litauisch-Weißrussischen SSR,Kristian Gerner, Stefan Hedlund: The Baltic states and the end of the Soviet empire. Routledge, London 1993, ISBN 0-415-07570-X, S. 57. die aber im Juli 1919 während des Polnisch-Sowjetischen Krieges durch polnische Truppen zerschlagen wurde.
mini|Belarus als Teil Polens und der Sowjetunion, 1939 (vor dem Zweiten Weltkrieg)
Im August 1919 besetzte Polen einen großen Teil von Belarus und auch die Hauptstadt Minsk. Diese Besetzung dauerte bis zum 11. Juli 1920 an. Am 1. August 1920 wurde schließlich die Weißrussische SSR (BSSR) neugegründet.
1920 erkannte Polen die BSSR an, Belarus wurde zwischen Polen und der BSSR aufgeteilt.
Zwischen den Weltkriegen (Sowjetunion) Zwischen dem Ersten und dem Zweiten Weltkrieg gehörte der westliche Teil des heutigen Belarus zu Polen, der östliche zur Weißrussischen SSR, die 1922 Gründungsmitglied der Sowjetunion war.
In Reaktion auf die Herrschaft der Bolschewiki ereignete sich 1920 der Aufstand von Sluzk, mit dem Ziel einen unabhängigen weißrussischen Staat zu schaffen.