Jettingen ist eine Gemeinde im Landkreis Böblingen in Baden-Württemberg. Sie gehört zur Region Stuttgart und zur Randzone der europäischen Metropolregion Stuttgart.
Geographie Lage Jettingen liegt im Südwesten des Landkreises Böblingen südwestlich der baden-württembergischen Landeshauptstadt Stuttgart. Es liegt damit am westlichen Rand der Raumordnungsregion Region Stuttgart (bis 1992 Region Mittlerer Neckar) und ist landschaftlich gesehen Teil des Korngäu und des Heckengäu, wird oft aber auch fälschlicherweise als im Nordschwarzwald liegend beschrieben. Die sieben Kilometer nordöstlich gelegene Nachbarstadt Herrenberg ist Mittelzentrum der Region Stuttgart, über die S-Bahn direkt mit der Landeshauptstadt verbunden und wie Jettingen Teil des Regierungsbezirkes Stuttgart. Die vier Kilometer südwestlich gelegene Nachbarstadt Nagold hingegen, mit der sich Jettingen auch die Telefonvorwahl teilt, gehört bereits zum Schwarzwald und zum Regierungsbezirk Karlsruhe. Die Lage Jettingens wird aufgrund dieser Nähe der Gemeinde zu zwei verschiedenen Regionen Baden-Württembergs auch als Sandwich-Lage beschrieben.Hans Michael Burkhardt: Das Dach über dem Gäu – oder die Vorteile der Sandwich-Lage. In: Vom Intelligenzblatt zur Zeitung. Sonderausgabe zum 175-jährigen Jubiläum des „Gäubote“, Theodor Körner Verlag, Herrenberg 2013, S. 81/82 (, )
Nachbargemeinden Folgende Städte und Gemeinden grenzen an die Gemeinde Jettingen. Sie werden im Uhrzeigersinn, beginnend im Nordosten, genannt:
Stadt Herrenberg, Gemeinde Gäufelden, Gemeinde Mötzingen (alle Landkreis Böblingen), Stadt Nagold, Stadt Wildberg (beide Landkreis Calw)
Gemeindegliederung Jettingen besteht aus den ehemals selbstständigen Gemeinden Oberjettingen und Unterjettingen.
mini|Oberjettingen (Juni 2015) Zur ehemaligen Gemeinde Oberjettingen gehören das Dorf Oberjettingen, verschiedene Weiler (darunter Höhenhöfe) und Einzelsiedlungen sowie die abgegangenen Ortschaften Oberstetten, Im Weiler und Steinberg. Nordwestlich von Oberjettingen befinden sich zudem zwei Wassertürme sowie nordöstlich das Umspannwerk Oberjettingen.
Zur ehemaligen Gemeinde Unterjettingen gehören das Dorf Unterjettingen, der Ort Sindlingen, die Weiler Öfele, Imental und Eichenhof, die Einzelsiedlungen Mötzinger Grund und Kehrhau, eine Handvoll weitere Weiler und Einzelsiedlungen um Sindlingen herum (darunter Bühlerhof) sowie die abgegangenen Ortschaften Malmen und Wolfenkirch.Das Land Baden-Württemberg. Amtliche Beschreibung nach Kreisen und Gemeinden. Band III: Regierungsbezirk Stuttgart, Regionalverband Mittlerer Neckar. Kohlhammer, Stuttgart 1978, ISBN 3-17-004758-2. S. 94–96
Relief Jettingen ist hügelig und liegt deutlich höher als die umliegenden Gemeinden, weshalb der Wind vergleichsweise stark weht und eine effektive Nutzung von Windkraft möglich ist (siehe Abschnitt Windkraftanlagen). Der geographisch höchste Punkt auf der Gemarkung der Gemeinde, der Kühlenberg nordwestlich von Oberjettingen, ist mit auch der höchste Punkt im gesamten Landkreis Böblingen.
Naturraum Knapp 20 % der Gemarkung sind bewaldet. Die Gemeinde verfügt über keine größeren Gewässer. Einziges Fließgewässer ist das Rinnsal Tiefenschleipf, Hauptoberlauf des Kochhart, einem Zufluss des Neckar-Zuflusses Ammer.
Flächenaufteilung 17,4 % der Bodenfläche Jettingens sind Siedlungs- und Verkehrsfläche, 63,4 % Landwirtschaftsfläche, 18,8 % Wald, 0,3 % sonstige Vegetationsfläche und 0,1 % Gewässer.Flächenaufteilung nach Nutzungsart, Statistisches Landesamt Baden-Württemberg
Schutzgebiete
Im Norden der Gemeinde liegt das Landschaftsschutzgebiet Nördlicher Teil des Kühlenberges.Daten- und Kartendienst der LUBW
Geschichte Vorgeschichte, Antike und Frühmittelalter Nach Ausgrabungen im Jahr 1955 wurde das Gebiet schon ca. 2000 v. Chr. besiedelt. Eine Gruppe von Grabhügeln im Wald nördlich von Oberjettingen deutet auf Besiedler aus der Hallstattzeit. Dort wurden auch ein Einzelgrab mit menschlichem Skelett und Grabbeigaben gefunden. Die Hallstattleute wurden 400–100 v. Chr. von Kelten verdrängt. In einem Wald südwestlich von Oberjettingen kann man eine keltische Viereckschanze betrachten.Ortsplan Jettingen
Um 72 bemächtigten sich die Römer des Gebietes. Um 260 wurden diese von den Alemannen überwältigt. Diese nannten ihre Siedlung nach ihrem Führer Uoto Uotingen und prägten so die Namensgebung des Ortes. 553 unterlagen die Alemannen den Franken. Diese führten die Christianisierung durch und erbauten die Oberjettinger und die Unterjettinger Kirche. Um 700 bis 800 wurde Ütingen aufgegeben und es wurden zwei neue Dörfer gegründet (heute: Oberjettingen und Unterjettingen).
Mittelalter und Neuzeit mini|Evangelische Michaelskirche, Unterjettingen mini|Evangelische Martinskirche, Oberjettingen
Unterjettingen Das 1229 erstmals genannte Unterjettingen unterstand den Pfalzgrafen von Tübingen. 1247 kam es durch die Heirat der Pfalzgrafentochter Mechthild mit Burkhardt III. von Hohenberg als Mitgift an die Grafschaft Hohenberg. 1398 kaufte der Markgraf von Baden den Ort. Durch einen Gebietstausch wurde es 1603 württembergisch und dem Amt Altensteig zugeordnet.
Oberjettingen Der Ort gehörte anfangs ebenfalls den Pfalzgrafen von Tübingen, die ihn 1288 an das Kloster Reuthin (nächst Wildberg) verkauften. Durch die von Herzog Ulrich 1534 durchgeführte Reformation kam Oberjettingen zum Herzogtum Württemberg, das bis dahin die Vogtei des Klosters Reuthin besaß. Der Ort wurde dem Amt Wildberg unterstellt.
Sindlingen Zum ersten Mal wurde das Gut im Jahr 1150 als Sindelingen erwähnt. Von 1452 bis 1618 war die Domäne als württembergisches Lehen im Besitz der Familie von Gültlingen. Von dieser Familie gelangte sie 1618 an Heinrich Teuffel von Birkensee, seine Gemahlin und Heinrich von Trauschwitz. Nach dem Ableben des Letzteren fiel das Lehen wieder an den Herzog Eberhard III. von Württemberg zurück, der es 1640 an den kärntischen Adligen Andreas von Bernerdin auf Bärenthurn verkaufte. Über 140 Jahre lang blieb es im Besitz dieser Familie, bis diese 1782 im Mannesstamm ausstarb.
Am 9. November 1785 erwarb Reichsgräfin Franziska von Hohenheim, spätere Gemahlin des Herzogs Karl Eugen von Württemberg, das Schloss samt Anwesen; nach dem Tod des Herzogs lebte die Witwe im Sommer auf dem Schloss. Von 1794 bis zu seinem Tod 1819 hielt sich der bekannte Pietist Johann Michael Hahn in Sindlingen auf. Nachdem die württembergische Herzogin am 1. Januar 1811 gestorben war, suchte ihr Universalerbe, Kammerherr v. Böhnen, nach einem Käufer.
Mit einem Vertrag vom 26. Februar 1812 wurde das Anwesen an die Fürstin Philippine Karoline von Colloredo-Mansfeld verkauft. Die neue Besitzerin kaufte Grundstücke zur Arrondierung des Guts an und erwarb 1814 das Recht, Sindlingen zur eigenen Markung zu machen. Sie löste die Markungs- und Weiderechte sowie teilweise auch die Steuerrechte der benachbarten Gemeinden ab und erwarb die gesamte Schafweide. In kirchlicher Hinsicht war das Gut ein Filial von Oberjettingen; der dortige Pfarrer hielt alle drei bis vier Wochen sowie an den Aposteltagen Gottesdienst und reichte jährlich dreimal das Abendmahl. Zum Gut gehörte ein Gasthaus mit dem Recht der Schildwirtschaft.
Die Hofdomänenkammer als Privatvermögensverwaltung der königlichen Familie kaufte das Gut im Februar 1840 um 220.00 Gulden von der Fürstin. Nach dem Zweiten Weltkrieg enteignete die Württembergische Landsiedlung im Zuge der Bodenreform 1954 das Gut Sindlingen.
Liste der Pächter von 1843 bis zur Enteignung 1954: Friedrich und Gottlob Bräuninger, Brüder, Lauffen/Neckar (Gottlob Bräuninger tritt auf Georgi 1855 den Pacht auf der Domäne Einsiedel an.) (1843–1855) Friedrich Bräuninger (1855–1870) Heinrich Bräuninger, Sohn (1870–1888) N. N. Ruoff (1888–1896) Friedrich Adlung, Ökonomierat (1896–1921) Rudolf und Friedrich Adlung (Brüder) (1921–1946) Friedrich Adlung (1946–1954)
Entwicklung von Ober- und Unterjettingen seit dem 19. Jahrhundert Nach der 1806 erfolgten Gründung des Königreichs Württemberg gehörten Ober- und Unterjettingen bis 1810 zum Oberamt Nagold und danach zum Oberamt Herrenberg. Bei der Kreisreform während der NS-Zeit in Württemberg gelangten die Ortschaften 1938 zum Landkreis Böblingen.
Am Abend des 16. April 1945 bombardierten Jagdbomber Oberjettingen. Dabei brannten 172 Gebäude, etwa die Hälfte des Ortes, nieder. Am 17. April 1945 marschierten französische Truppen in Oberjettingen ein und versetzten die Einwohner in Angst und Schrecken. Wie auch in Nachbargemeinden wurden Frauen und Mädchen vergewaltigt.Jill Stephenson: Hitler’s Home Front: Württemberg under the Nazis, S. 289 1945 wurden Ober- und Unterjettingen Bestandteile der Amerikanischen Besatzungszone und gehörten somit zum neu gegründeten Land Württemberg-Baden, das 1952 im jetzigen Bundesland Baden-Württemberg aufging. mini|hochkant|Der 1961/62 erbaute Wasserturm in Oberjettingen Seit 1955 entstanden in beiden Ortsteilen umfangreiche neue Wohngebiete. In dieser Zeit wurde westlich und südlich von Unterjettingen sowie am nördlichen Ortsrand von Oberjettingen auch Gewerbe angesiedelt. Im Zuge der Gebietsreform in Baden-Württemberg wurde am 1. Dezember 1971 aus den bis dahin selbständigen Gemeinden Oberjettingen und Unterjettingen (mit Sindlingen) die Gemeinde Jettingen gebildet. Zwischen Ober- und Unterjettingen fand inzwischen ein großes neues Ortszentrum seinen Platz. Eine Mehrzweckhalle mit dem Namen Willy-Dieterle-Halle (ehem. Schwabenhalle) und eine Hauptschule wurden dort gebaut. Die ehemalige Hauptschule wurde mittlerweile zu einer Gesamtschule umfunktioniert (siehe Abschnitt Bildung). Seit 2011 wird die Ortsdurchfahrt durch die neugebaute Ortsumfahrung nördlich von Jettingen entlastet.
Bevölkerung Einwohnerstatistik Die Einwohnerzahlen in der folgenden Tabelle sind Volkszählungsergebnisse (¹) oder amtliche Fortschreibungen des Statistischen Landesamtes (nur Hauptwohnsitze). Jahr Einwohner 1. Dezember 1871 ¹ 1747 1. Dezember 1880 ¹ 2005 1. Dezember 1900 ¹ 2036 16. Juni 1925 ¹ 2160 16. Juni 1933 ¹ 2151 17. Mai 1939 ¹ 2072 13. September 1950 ¹ 2969 6. Juni 1961 ¹ 2938 27. Mai 1970 ¹ 3721 Jahr Einwohner 31. Dezember 1980 4794 25. Mai 1987 ¹ 5330 31. Dezember 1995 6745 31. Dezember 2000 7506 31. Dezember 2005 7722 31. Dezember 2010 7571 31. Dezember 2015 7654 31. Dezember 2020 7985
Von den 7568 Einwohnern Jettingens (Stand: 31. Dezember 2014) sind 3821 weiblich (entspricht 50,5 Prozent aller Einwohner) und 3747 männlich. 816 Personen (10,8 Prozent) besitzen nicht die deutsche Staatsbürgerschaft; mehr als die Hälfte von ihnen (438 bzw. 58 Prozent aller Einwohner ohne deutsche Staatsbürgerschaft) sind Staatsbürger der Türkei. , abgerufen am 15. Februar 2015
Konfessionsstatistik Laut dem Zensus 2011 waren 47,5 % der Einwohner evangelisch, 18,6 % römisch-katholisch und 33,8 % waren konfessionslos, gehörten einer anderen Glaubensgemeinschaft an oder machten keine Angabe., Zensus 2011 Die Zahl der Katholiken und vor allem die der Protestanten ist seitdem gesunken. Nach der Gemeindestatistik waren (Stand 31. Dezember 2020) 39,9 % (3.186) evangelisch, 16,2 % (1.293) katholisch und 43,9 % (3.499 Personen) waren konfessionslos bzw. ohne Angaben.Jettingen wächst – 8000er-Marke ist in Sicht, abgerufen am 31. Januar 2021
Im heutigen Ortsteil Sindlingen lebte der pietistische Theologe Johann Michael Hahn unter der Protektion der Herzogin Franziska von Hohenheim. Nach seinem Tod entstand unter seinen Anhängern die Michael Hahn’sche Gemeinschaft, eine evangelische Versammlungsbewegung, die noch heute besteht.Joachim Trautwein: Die Theosophie Michael Hahns und ihre Quellen (Quellen und Forschungen zur württembergischen Kirchengeschichte Band 2). Stuttgart 1969.
Politik Gemeinderat Der Gemeinderat in Jettingen besteht aus den 18 gewählten ehrenamtlichen Gemeinderäten und dem Bürgermeister als Vorsitzendem. Der Bürgermeister ist im Gemeinderat stimmberechtigt.