mini|hochkant=1.2|Landesvater der deutschen Studenten in Prag (1900) Unter dem Begriff der Studentenverbindung oder Korporation wird im weitesten Sinne jede organisierte Form von natürlichen Personen in traditioneller studentischer Sozialisation verstanden, wie sie seit der frühen Neuzeit an europäischen Universitäten nachweisbar ist. Im engeren Sinne versteht man darunter einen im deutschen Sprachraum verbreiteten Verband von Studenten und Alumni einer Hochschule in Form einer Gesellschaft mit bruderschaftlichen und genossenschaftlichen Elementen, der Brauchtum und gewachsene Traditionen pflegt.George Turner, Joachim D. Weber: Hochschule von A–Z. Orientierungen – Geschichte – Begriffe. Berliner Wissenschafts-Verlag, Berlin 2004, ISBN 3-8305-0836-0, S. 212 („Studentische Verbindungen“).Matthias Asche, Stefan Gerber: Studentenverbindung. In: Enzyklopädie der Neuzeit (ENZ) Sp. 1166–1175, hier Sp. 1166 f. In Deutschland sind weniger als ein Prozent aller Studierenden Mitglied in einer Studentenverbindung.

International bestehen heute über 1.600 Studentenverbindungen mit über 190.000 Mitgliedern nach deutschsprachigem Ursprung. In Deutschland gibt es insgesamt etwa 1000 Studentenverbindungen. Sie sind in rund 30 Korporationsverbänden organisiert und unterscheiden sich sehr stark voneinander., wdr.de. Gemeinsame Merkmale der Verbindungen im deutschsprachigen Raum sind der Convent und der Lebensbund. Lediglich Studentenverbindungen pflegen sogenannte studentische Kneipen.Herbert Neupert: Andere Korporationen und gemeinsame Institutionen. A. Das gemeinsame Prinzip. In: Vorstand des Verbandes Alter Corpsstudenten e. V. (Hrsg.): Handbuch des Kösener Corpsstudenten. Band I, 6. Auflage, Würzburg 1985, S. 283. Traditionelle studentische Societäten außerhalb des deutschen Sprachraums pflegen teilweise ganz andere Traditionen. In Deutschland wurden Studentenverbindungen während der Zeit des Nationalsozialismus – teils freiwillig, teils unfreiwillig – gleichgeschaltet und größtenteils aufgelöst. Im Zuge der 68er-Bewegung erlitten Studentenverbindungen einen starken Ansehensverlust.

Überblick mini|Kösener Corpsstudenten (2011) In Studentenverbindungen gestalten Studenten ihre Studienzeit in einer organisierten Gemeinschaft, der aktive wie nicht aktive Mitglieder lebenslang verbunden bleiben. Zudem ist das Conventsprinzip, ein Organisationskonzept geprägt von Autonomie und basisdemokratischer Entscheidungsfindung, eine wichtige Gemeinsamkeit aller studentischen Korporationen.George Turner, Joachim D. Weber: Hochschule von A–Z. Orientierungen – Geschichte – Begriffe. Berliner Wissenschafts-Verlag, Berlin 2004, ISBN 3-8305-0836-0, S. 213 („Studentische Verbindungen“).

In Deutschland sind Studentenverbindungen in der Regel in der Rechtsform des nicht eingetragenen Vereins organisiert.Vgl. Carl Creifelds und Klaus Weber (Hrsg.): Rechtswörterbuch. Beck, München 1999, zum Stichwort Verein. So gibt es etliche Studentenverbindungen, die vom Namen her zwar Vereine sind, trotzdem aber zu den Studentenverbindungen gezählt werden. Neben dem Lebensbundprinzip und dem Conventsprinzip ist auch das Vorhandensein von Comments – traditionellen Regelwerken für verschiedene Bereiche des Zusammenlebens – ein wichtiges Merkmal zur Unterscheidung zwischen Studentenverbindungen und -vereinen.

Ein Ziel des Lebensbundes ist es, Kontakte und Freundschaften zwischen den Generationen zu ermöglichen, die der Vernetzung dienen. Bei den meisten Verbindungen duzen sich alle Mitglieder unabhängig von ihrem Alter und beruflichen Status ohne besondere Vereinbarung von dem Moment an, in dem ein Student als „Fuchs“ der Verbindung beitritt. Studentische Verbindungen stellen ein äußerst einflussreiches und weit verzweigtes Netzwerk dar, welches es den Mitgliedern ermöglichen soll, Unterstützung zu erfahren und beruflich schnell aufzusteigen. Das Lebensbundprinzip, d. h. die lebenslange Mitgliedschaft, trägt dabei maßgeblich dazu bei, dass solche Netzwerke von beständiger Dauer sind.Gerald Pilz: Networking – Beziehungen und Kontakte nutzen. Beck-Wirtschaftsberater im dtv, dtv, München, 2009, S. 67.

Vor dem Erreichen des ersten akademischen Abschlusses sind studentische Mitglieder Teil der Aktivitas. Diese organisiert in der Regel im Rahmen ihres Semesterprogramms selbstverantwortlich Veranstaltungen: wissenschaftliche Weiterbildungen (Studium generale), Feste und Feiern, je nach Ausrichtung aber auch sportliche und musische Aktivitäten in der Freizeit, bzw. allgemein die Pflege des gesellschaftlichen Lebens, dazu gehört auch die Pflege von Studentenliedern.

Bei vielen traditionsorientierten Verbindungen ist das akademische Fechten, die Mensur, ein fester Bestandteil ihres Gemeinschaftslebens.Hermann Rink: Die Mensur, ein wesentliches Merkmal des Verbandes. In: Rolf-Joachim Baum (Hrsg.): „Wir wollen Männer, wir wollen Taten!“ Deutsche Corpsstudenten 1848 bis heute. Siedler, Berlin 1998, ISBN 3-88680-653-7, S. 383–402. Diese schlagenden Verbindungen erwarten die Ausübung der Mensur entweder von jedem Mitglied (pflichtschlagend) oder stellen sie ihm frei (fakultativ schlagend). Die Mehrzahl der deutschen Verbindungen ist heutzutage nichtschlagend.

Nach dem Studium folgt die Philistrierung: Fortan ist man in der Korporiertensprache „Alter Herr“ bzw. „Alte Dame“ oder „Hohe Dame“ und gehört zu einer eigenen, von der Aktivitas verschiedenen, Organisationsstruktur: dem Philisterium. Dieses unterstützt aus seinen Mitgliedsbeiträgen unter anderem die Verbindung finanziell; es hat in der Regel die Rechtsform eines eingetragenen Vereins (e. V.).

Das Brauchtum vieler Verbindungen entstand oft vor dem 19. Jahrhundert und stammt großenteils aus einer besonderen studentischen Kultur und Lebensweise, die seit dem Mittelalter bis in die erste Hälfte des 19. Jahrhunderts für alle Studenten üblich war.George Turner, Joachim D. Weber: Hochschule von A–Z. Orientierungen – Geschichte – Begriffe. Berliner Wissenschafts-Verlag, Berlin 2004, ISBN 3-8305-0836-0, S. 212 f. („Studentische Verbindungen“) Ab etwa 1850 entwickelte sich daraus die Kultur der Studentenverbindungen, in der alte, in weiten Teilen der Studentenschaft vergessene ausgeprägte Traditionen konserviert wurden. Dazu gehört bei vielen Verbindungen das Tragen von Farben, dem sogenannten Couleur, in Form von Studentenmützen oder Bändern. Andere tragen diese nicht, sondern führen bei Zusammenkünften nur ihre farbigen Studentenwappen und Fahnen mit (farbenführend im Gegensatz zu farbentragend). Wieder andere verzichten selbst darauf (schwarze Verbindungen). Im frühen 20. Jahrhundert führte die Jugendbewegung zu Erneuerungsbestrebungen auch im Verbindungsleben.Franz Meyers, 1908–2002: eine politische Biographie, Stefan Marx, Klartext, 30. Juni 2003. Sprachliche Besonderheiten der Burschensprache haben teilweise auch den Weg in den Mainstream gefunden, manche sind bis heute auf den internen Gebrauch beschränkt. Die meisten Verbindungen nehmen traditionell nur Männer auf. 1899 wurden die ersten Damenverbindungen gegründet, die nach 1945 aber allesamt nicht wieder Fuß fassen konnten. Um das Jahr 1970 wurden die ersten bis dahin rein männlichen Verbindungen durch die Aufnahme von Frauen in „gemischte Verbindungen“ umgewandelt. Erst seit den 1980er Jahren gibt es auch wieder rein weibliche Studentenverbindungen; ihre Zahl hat seit 2000 stark zugenommen.Couleurstudentische Informationen: Damenverbindungen

Ihre weiteste Verbreitung fanden Studentenverbindungen zur Zeit des deutschen Kaiserreiches, wo in größeren Universitätsstädten wie Berlin 25 % aller Studenten, in kleinen Universitätsstädten wie Bonn bis zu 60 % aller Studenten in Verbindungen organisiert waren.Möller, Silke: Zwischen Wissenschaft und „Burschenherrlichkeit“. Franz Steiner Verlag: 2001, S. 108 Verfügbar über Google Books.

Etwa 10 bis 15 % der deutschen Studentenverbindungen, vor allem Burschenschaften, halten auf ihren Häusern Veranstaltungen zur politischen Bildung ab. Im Mittelpunkt stehen hierbei vor allem Fragen der deutschen Einheit, des deutschen Volkstums, der deutschen Nation und der Freiheit. Bei österreichischen Verbindungen (hauptsächlich katholischen) wird über die Republik Österreich in der Europäischen Union diskutiert.

1984 gehörten in der Bundesrepublik Deutschland etwa 2 bis 3 % aller Studenten einer Verbindung an. Damals bezeichneten sich etwa 170.000 bis 200.000 studierende oder berufstätige Personen in Westdeutschland und Österreich als „Verbindungsstudenten“.Als Basis der Schätzung dient Herbert Neupert: Statistiken, Organigramme und Aufstellungen anderer Korporationsverbände. In: Vorstand des Verbandes Alter Corpsstudenten e. V. (Hrsg.): Handbuch des Kösener Corpsstudenten. Band II, Ziffer 42, 6. Auflage, Würzburg 1985, S. 4/1. Hier werden in einer Aufstellung von 24 Verbänden, die Mitglied im CDA sind, 23.304 studierende Mitglieder und 152.333 nicht mehr studierende Mitglieder gezählt, zusammen 175.637 Mitglieder (Stand 1984). Mitgezählt sind weder suspendierte Korporationen noch solche, die 1984 nicht Mitglied des CDA waren. Die Hochschulorte mit den meisten aktiven Verbindungen in Deutschland sind München (84 Verbindungen), Berlin (63), Bonn (51), Göttingen (42) und Aachen (42), in Österreich sind das Wien (118), Graz (43) und Innsbruck (42), in der Schweiz Zürich (26), Genf (20) und St. Gallen (18).

Verbindungsarten

Verbindungsform Ausprägungft = farbentragend; ff = farbenführend (also nicht farbentragend); schw = schwarz (hat keine Farben); ps = pflichtschlagend; fs = fakultativ schlagend; ns = nichtschlagend Dachverbände Anzahl der Verbindungen(ohne freie Verbindungen) Katholische Studentenverbindungen ft/ff, ns CV, ÖCV, KV, ÖKV, UV, RKDB, TCV, StV, KÖL, historisch: KDV, SKV 402 Corps ft, ps KSCV, WSC, historisch: RSC, NSC, HPSCV 161 nichtkonfessionelle Burschenschaften ft, ps/fs DB, DBÖ, ADB, CDC, NeueDB, SK, SB 158 nichtkonfessionelle Landsmannschaften ft, ps CC, ÖLTC 73 Damenverbindungen ft/ff, nsVCS, VfM, NdK, teilweise organisiert in SV, SB, UV 143Im deutschsprachigen DACH-Raum, siehe Liste der Damenverbindungen Christliche Studentenverbindungen meist ft, ns SB, WB, WK 61 Sängerschaften und Akademische Musikverbindungen ft/ff, fs/ns DS, SV 44 Akademische Turnverbindung bzw. akad. Turnvereine ff, ns ATB, ATBÖ 41 Vereine Deutscher Studenten ff, ns VVDSt 40 Turnerschaften ft, ps/fs CC, MK 34 Ferialverbindungen (an Orten ohne eigene Universität) ft, ps/ns VkF, WK, historisch: FDC, VsaH 34 Jagdverbindungen ft, ps/fs WJSC, KAJC 17 Schwarze Verbindungen ff, schw, fs/ns MR, MWR 9

Legende:

Darüber hinaus gibt es Studentische Forstverbindungen und Nautische Kameradschaften sowie Verbindungen, die in die obigen Kategorien nur bedingt eingeordnet werden können, zum Beispiel die Verbindungen des Deutschen Wissenschafter-Verbandes, die Hütte in Berlin, Stuttgart und Karlsruhe, eine akademische Fliegerschaft, Segler- und Sportverbindungen, eine katholisch-bayerische Verbindung und weitere.

All diese Verbindungsarten unterscheiden sich beträchtlich durch ihre Prinzipien, ihre Geschichte und spezifischen Gebräuche. Trotz der Vielfalt treten bestimmte Formen besonders häufig auf, die in der beigefügten Tabelle benannt sind. Diese enthält jedoch nicht alle Verbände und keine verbandsfreien Verbindungen. In der Liste der Korporationsverbände findet man ferner die erloschenen und heute noch aktiven Verbände und Dachverbände.