miniatur|Die „Lachende Sonne“ – Logo der Anti-Atomkraft-Bewegung

Die Anti-Atomkraft-Bewegung in Deutschland ist eine in den 1970er Jahren entstandene soziale Bewegung, die sich gegen die zivile Nutzung der Kernenergie wendet. Im europäischen Vergleich zeichnet sich die deutsche Anti-Atomkraft-Bewegung durch ihre Stärke und insbesondere durch ihre Kontinuität aus.

Abgrenzung Die Anti-Atomkraftbewegung setzt sich aus Einzelpersonen, Organisationen und Gruppen zusammen, die sich im Kontext eines größeren, netzwerkartigen Zusammenhangs aktiv gegen die zivile Nutzung der Atomkraft wenden. Typisches Ausdrucksmittel der Bewegung sind kollektive und öffentliche Protestformen. Die Ablehnung der Kernenergie bezieht sich in der Regel nicht auf eine bestimmte Anlage oder ein bestimmtes Land, sondern wendet sich prinzipiell gegen die Nutzung der Kernenergie. Da die innerstaatlichen Austauschprozesse deutlich stärker ausgeprägt sind als die zwischenstaatlichen, die organisatorische Basis der Bewegungen überwiegend national und subnational verankert ist, und die Kritik sich auf nationale Regierungen, Parlamente, Gerichte und Anlagenbetreiber fokussiert, ist es sinnvoll, von nationalen Bewegungen zu sprechen.Dieter Rucht: Anti-Atomkraftbewegung. In: Roland Roth, Dieter Rucht (Hrsg.): Die sozialen Bewegungen in Deutschland seit 1945. Campus, 2008, ISBN 978-3-593-38372-9.

Die Mehrheit der Gegner der zivilen Nutzung der Kernenergie wendet sich ebenfalls gegen die militärische Nutzung (Kernwaffen). Dennoch handelt es sich um unterschiedliche Organisationskerne und um weitgehend getrennte Bewegungen. Der Widerstand gegen die militärische Nutzung der Kernenergie konzentriert sich in der Friedensbewegung, nicht in der Anti-Atomkraftbewegung.

Überschneidungen gibt es ebenfalls mit der Umweltbewegung. Alle in Deutschland bekannten und namhaften Umweltorganisationen (zum Beispiel Greenpeace, Robin Wood oder der BUND) lehnen seit ihrer Gründung die Atomkraft ausdrücklich ab.

Geschichte In der Nachkriegszeit litten in Deutschland viele Menschen unter Hunger und Mangel an Brennstoff. Als Anfang der 1950er Jahre der Wohlstand in der Bundesrepublik spürbar zunahm, begann eine Phase eines geradezu euphorischen Fortschritts- und Technikglaubens. Konzeptfahrzeuge von atomkraftbetriebenen Autos wurden vorgestellt.zeit.de: Mit dem Atom-Auto über den Highway Die Genfer Atomkonferenz (1955), das Bundesministerium für Atomfragen (ab Oktober 1955; erster Minister: Franz Josef Strauß) und die Deutsche Atomkommission (1956) brachten den politischen Durchbruch der Kernenergie in Westdeutschland. In den 1950er und 1960er Jahren kam es nur selten zu Protesten. Wenn, dann blieben diese stets im lokalen Rahmen. Meist ging es dabei um Widerstand gegen Pläne, ein Kernkraftwerk (KKW) oder ein Endlager zu errichten. Beispielsweise führte der Protest der Stadt Nürnberg dazu, dass ein geplantes KKW nicht in Bertoldsheim, sondern in Gundremmingen gebaut wurde. Ähnlich wurde der etwa im südbadischen Wyhl vorgesehene Reaktorblock verhindert, dessen Großkomponenten dann als Kernkraftwerk Philippsburg II mit großer lokaler Zustimmung verwendet wurden.

Radkau zufolge war dieser regionale Ansatz der Antiatombewegung eine deutsche Besonderheit, da regionale Erfolge in Deutschland viel leichter zu erringen gewesen seien als etwa im zentralistisch regierten Frankreich.Elisabeth von Thadden: Atomkrise „Manches bleibt rätselhaft“ Japan geht mit Erdbeben seit langem risikobewusster um als mit der Kernenergie. In: DIE ZEIT, 17. März 2011 Nr. 12. Die Dynamik der deutschen und US-amerikanischen Umweltbewegung sei um 1970 aus dem Wechselspiel zwischen administrativen Eliten, Initiativen aus der Wissenschaft und den Medien entstanden. Sie beruhte demnach auf einer breiten Basis von sich stärkenden Bürgern, Parlamenten und Institutionen und einer für Aufsteiger verhältnismäßig offenen Elite.Aufstieg und Krise der deutschen Atomwirtschaft. 1945–1975. Verdrängte Alternativen in der Kerntechnik und der Ursprung der nuklearen Kontroverse. Rowohlt, Reinbek 1983, ISBN 3-499-17756-0.

Zunehmend breiter organisierte Einsprüche von Bürgern machten sich 1970 und 1971 bezüglich der geplanten KKWs in Breisach, Esenshamm, Neckarwestheim und Bonn bemerkbar. In Breisach kam es zu Kundgebungen, Protestmärschen und 65.000 Einsprüchen, was zur Verlegung des Vorhabens nach Wyhl führte, dort jedoch auf noch größeren Widerstand stieß. Wichtige Unterstützung kam von französischer Seite, wo seit 1971 gegen das Kernkraftwerk Fessenheim protestiert wurde (Baubeginn Reaktor I: 1. September 1971; Reaktor II 1-2-72). Die ungeschickte Politik der baden-württembergischen Landesregierung (1966–1978 unter Hans Filbinger; 1978–1991 unter Lothar Späth) – siehe Politik Baden-Württembergs – stärkte die Bürgerinitiativen weiter. Die größte Protestaktion war die mehrmonatige Besetzung des Wyhler Baugeländes durch ca. 28.000 Demonstranten ab Februar 1975. Sie übte eine Signalwirkung auf die gesamte Bewegung in der Bundesrepublik aus.

Die erste Ölkrise (1973/74) beschleunigte die Planung von Atomkraftwerken. Frankreich beschloss ein sehr umfangreiches Bauprogramm, das es bis etwa 1990 auch tatsächlich umsetzte (siehe Kernenergie in Frankreich).

Ab Mitte der 1970er Jahre wurde der Widerstand zunehmend vernetzt. Der Slogan der lokalen Initiativen lautete nun „Kein AKW in X und anderswo“. Einige Gruppen schlossen sich dem Bundesverband Bürgerinitiativen Umweltschutz an, andere wirkten an informellen Landes- oder Bundeskonferenzen der Atomkraftgegner mit. Das Aktivitätsspektrum wurde breiter und umfasste nun Aufklärungsveranstaltungen, Verfahrenseinsprüche, Verfassungsklagen, Protestkundgebungen und Blockadeaktionen. Die Platzbesetzung von Wyhl inspirierte ähnliche Aktionen an anderen Standorten. Zu Beginn des Anti-Atom-Widerstands waren es vor allem konservative lokale politische Gruppierungen (vorwiegend aus CDU/CSU und Freien Wählern), die den Protest organisierten. Dabei war die Sorge anfangs teilweise nicht gegen die Atomkraft gerichtet, sondern im Südbadischen gegen die künftigen Dampfschwaden der Kühltürme, deren negative Einflüsse (Verschattung, feuchteres Mikroklima und Mesoklima) auf den lokalen Weinbau man fürchtete. Die niedersächsischen Milchbauern fürchteten um ihr Image und die Verkaufspreise der Milch.Peter Leusch:

Ihnen gesellten sich später zunehmend radikale politische Gruppen aus den Städten hinzu; nach anfänglicher Zurückhaltung und Kritik an den „bürgerlichen“ Initiativen schlossen sie sich der Bewegung an. Dies führte dazu, dass sich die Gegensätze zwischen den anfangs meist friedlichen Demonstranten und den staatlichen Behörden verschärften. Überregionale Institutionen, wie etwa der Weltbund zum Schutze des Lebens,Böses Massaker. In: Der Spiegel. 14/1977. beteiligten sich an der Organisation eines breiten Widerstandes, der auch von einigen Wissenschaftlern unterstützt wurde. Prominentester Gegner der Atomenergie war der Physiker Karl Bechert (1901–1981), der dem Deutschen Bundestag von 1957 bis 1972 angehörte.

Die Gegenseite reagierte differenziert, etwa mit geringfügigen institutionellen Korrekturen und Informationskampagnen seitens Regierung und Betreibern. Auftragsstudien zur Akzeptanzproblematik wurden durchgeführt, und 1976 wurde der Bürgerdialog Kernenergie eingerichtet, um Gegner und Befürworter gleichermaßen zu Wort kommen zu lassen. Ein Teil der Gewerkschaften plädierte mit Arbeitsplatzargumenten für die Kernenergie; z. B. kamen in diesem Sinne in Dortmund im November 1977 etwa 30.000–40.000 Menschen zusammen. Im Dezember 1977 wurde bereits eine Reduzierung des Atomprogramms um 50 % für 1985 angekündigt, und mehr Gewicht auf Energiesparmaßnahmen und die Entwicklung nicht-nuklearer Energietechniken gelegt. Der Konflikt entschärfte sich jedoch nicht, auch da die Polizei etwa im Falle des Kernkraftwerk Brokdorf und der Proteste gegen den Bau des Kernkraftwerks Grohnde deutlich härter durchgriff als noch in Wyhl. In dieser Phase polarisierte sich der Konflikt so stark, dass auf der einen Seite von einem „Rückfall in die Steinzeit“ und auf der anderen von einem „totalitären Atomstaat“ gesprochen wurde. Manche Beobachter befürchteten einen „ökologischen Bürgerkrieg“.

miniatur|Pass der Republik Freies Wendland miniatur|Anti-AKW-Demonstration auf dem Bonner Hofgarten am 14. Oktober 1979

In den 1970er Jahren erschienen zahlreiche Bücher, die den atomkritischen Diskurs förderten. Genannt seien Grenzen des Wachstums (1972, erstellt im Auftrag des Club of Rome), Der Atomstaat (1977, Robert Jungk (1913–1994)), Sanfte Energie (1978, Amory Lovins (* 1947)), Müssen wir umschalten? (1978, Klaus Traube), Der Atomkonflikt (1979, Hrsg. Lutz Mez) und Friedlich in die Katastrophe (1971, Holger Strohm; 1981 bei Zweitausendeins erschienen).

Als klar wurde, dass das Atomprogramm auf direktem Wege nicht zu stoppen war, wurden alternative Wege eingeschlagen. Einige Aktivisten widmeten sich der Propagierung von Energiesparmaßnahmen und erneuerbaren Energien, andere setzten auf strikt verfahrensformalen Widerstand, andere auf den Aufbau schlagkräftiger Umweltschutzorganisationen oder politischer Parteien. Innerhalb der Bevölkerung reichte die Zahl der Gegner an die der Befürworter heran. Bei SPD und FDP sprachen sich beachtliche Minderheiten gegen die Kernenergie aus.

Ab den späten 1970er Jahren rückte der Streit um die Wiederaufbereitung und Endlagerung in den Fokus, den Mittelpunkt bildete das Erkundungsbergwerk Gorleben. Dies gab auch den Anstoß zur Gründung Grüner Listen, die später zur Bildung der Partei Die Grünen führten. In die Hochphase des Streits fiel der Unfall im Kernkraftwerk Three Mile Island in den USA, was dem Anti-Atom-Protest weitere Nahrung gab. In Hannover demonstrierten im Frühjahr 1979 bei der Ankunft des Gorleben-Trecks etwa 100.000 Menschen. In diese Phase fiel auch eine der größten bundesdeutschen Demonstrationen mit rund 100.000 Teilnehmern in Bonn im Herbst 1979. In Gorleben wurde 1980 symbolisch die Republik Freies Wendland ausgerufen. Seit 1989 findet jeden Sonntag das Gorlebener Gebet statt. Nach einem vierjährigen Baustopp wurde Ende 1980 bekannt, dass der Bau des KKW Brokdorf wohl fortgesetzt werde. Dagegen demonstrierten am 28. Februar 1981 rund 100.000 Menschen (die bis dahin größte Demonstration gegen Kernkraft in der Bundesrepublik). Im Januar 1982 demonstrierten etwa 30.000 Menschen in Wyhl.

Parallel zu den Demonstrationen gab es zahlreiche Klagen vor Verwaltungsgerichten gegen die Genehmigungsverfahren, teilweise auch in Form von Sammelklagen.Hans Michaelis: Kernenergie. 2 Bände, 1977, Reihe dtv wissenschaft In der Diskussion um den NATO-Doppelbeschluss wurde die Friedensbewegung stärker in der Öffentlichkeit wahrgenommen; deren Kundgebungen vermischten sich mit denen von Atomkraftgegnern.

Die Suche nach alternativen Endlagerstandorten führte an jeder neuen Stelle zu Proteststürmen. Gegen die Wiederaufarbeitungsanlage Wackersdorf in Bayern gab es über 880.000 Verfahrenseinsprüche. Die Nuklearkatastrophe von Tschernobyl im April 1986 revitalisierte die bundesdeutsche Anti-Atomkraftbewegung.

Einstieg in den Ausstieg