Daugavpils (deutsch Dünaburg; lettgallisch Daugpiļs; , auch Dźwińsk; , auch , 1656 bis 1667 auch , in der alten russischen Chronik ) ist mit rund 78.000 Einwohnern (Stand 2022)Iedzīvotāju skaits gada sākumā (= Bevölkerung zu Beginn des Jahres), Stand: 1. Januar 2022 (lettisch), abgerufen am 9. Januar 2023. die zweitgrößte Stadt Lettlands. Sie liegt im Südosten des Landes am Fluss Düna (). Daugavpils war die Hauptstadt der historischen Region Lettgallen und ist seit der Auflösung der Landkreise 2009 Republik-Stadt.

Durch die vielen, während der Zeit der Lettischen Sowjetrepublik dort angesiedelten Russen ist Daugavpils heute die größte Stadt Lettlands und der Europäischen Union mit einer überwiegend russischsprachigen Bevölkerung.

Geografie Lage Daugavpils liegt im Südosten Lettlands beiderseits des Flusses Düna. Der allergrößte Teil des Stadtgebiets einschließlich des Zentrums liegen am hydrologisch rechten (nördlichen) Ufer.

Die Staatsgrenze zu Litauen liegt 19 km südlich der Innenstadt, die Grenze zu Belarus 27 km östlich.

Stadtgliederung Daugavpils ist eine der neun Republik-Städte Lettlands und ist in 25 Stadtteile eingeteilt:

Centrs Cietoksnis Čerepova Dzelzceļnieks Dzintari Esplanāde Ezermala Gajoks Grīva Jaunā Forštate Jaunbūve Jaunie Stropi Judovka Kalkūni Križi Ķīmija Liginiški Mazie Stropi Mežciems Nīderkūni Ruģeļi Vecā Forštate Vecstropi Viduspoguļanka Vizbuļi

Nachbargemeinden Seit der Verwaltungsreform von 2009 ist die Stadt nur noch vom Bezirk Daugavpils umgeben, dessen Verwaltung ihren Sitz in der Stadt hat. Ehemalige Nachbargemeinden, die heute zum Bezirk gehören, sind: Tabore (dt. Tabor) Laucesa (dt. Lautzen) Kalkūni (dt. Kalkuhnen) Svente (dt. Swenten) Līksna (dt. Lixna) Naujene

Klima

Bevölkerung mini|Bevölkerungsentwicklung Daugavpils Am 1. Juli 2018 zählte die Stadt 92.260 Einwohner. (= Einwohnerzahlen der Selbstverwaltungsbezirke Lettlands), Stand: 1. Juli 2018 (lettisch), S. 1, abgerufen am 5. Januar 2019. Von 1970 bis 2012 lag die Einwohnerzahl über 100.000.

Die Bevölkerung von Daugavpils setzte sich 2011 aus folgenden Nationalitäten zusammen:

Daugavpils ist das kulturelle Zentrum Lettgallens. Hier befindet sich die Universität Daugavpils, ein Stadttheater sowie der Sitz vieler nationaler Institute und Gesellschaften.

Geschichte Vorzeit und Livländische Konföderation mini|Plan und Rekonstruktionsversuch der einstigen Dünaburg des Deutschen Ordens (1893) mini|Katholische Marienkirche und Martin-Luther-Kirche 1912, Foto von Sergei Michailowitsch Prokudin-Gorski Eine lettgallische Siedlung bestand im Hochmittelalter auf dem heutigen Naujiene-Hügel und war Teil der Herrschaft. Der Ort wurde 1275 erstmals schriftlich erwähnt, als eine Burg des Livländischen Ordens gebaut wurde, um die sich später die Stadt entwickelte. Bereits 1277 wurde Dünaburg einen Monat lang vom Litauischen Heer belagert. Im 14. Jahrhundert wurden die Befestigungen ausgebaut. Die einfallenden Truppen des Großfürsten Iwan III. nahmen 1481 Dünaburg ein, räumten das Gebiet aber 1493 nach einem Friedensvertrag.

Polen-Litauen Um Finanzmittel für den Krieg gegen Russland zu erhalten, verpfändete der Orden Dünaburg 1558 an Polen-Litauen. Nach der Aufteilung des Deutschordensstaates war Dünaburg ab 1566 Hauptstadt des Herzogtums Livland (). Zar Iwan IV. der Schreckliche, machte Burg und Stadt 1577 dem Erdboden gleich. Später errichtete er 19 km dünaabwärts eine Festung. Diese Stelle wurde Zentrum einer neuen Ansiedlung, die 1582 nach dem Abzug der Russen vom polnischen König Stephan Báthory das Magdeburger Stadtrecht erhielt. Die Schweden drangen in den Kriegen des 17. Jahrhunderts nicht bis Dünaburg vor. Dennoch rückten im Russisch-Polnischen Krieg die Kaiserlich Russische Armee im Jahre 1656 in Dünaburg ein. Sie hielt die Stadt, die sie Borisoglebow () nannten, bis 1667 besetzt. 1677 wurde die Woiwodschaft Livland (auch „Polnisch-Livland“) eingerichtet. Deren Woiwode residierte in Dünaburg. Im Großen Nordischen Krieg waren dort den Winter 1700/1701 hindurch sächsische Truppen einquartiert. Nach einer Pest-Epidemie 1710 war die Stadt fast entvölkert.

Russisches Kaiserreich Bei der ersten Teilung Polens kam Dünaburg 1772 an Russland. Es folgten friedlichere Zeiten, ab 1802 als Teil des Gouvernement Witebsk. Die Bedrohung durch Napoleon war 1810 Anlass für die Errichtung der Zitadelle. 1812 wurde die erste Brücke über die Düna gebaut. Ab 1826 wurde das heutige Altstadtzentrum planmäßig angelegt und bebaut.

Die 1836 angelegte Chaussee Sankt Petersburg–Warschau brachte der Stadt einen Aufschwung; so entstand 1853 mit der neuen Dünabrücke die erste Stahlbrückenkonstruktion im Baltikum. Mit dem Aufbau der Eisenbahnlinien wurde Dünaburg ein Zentrum der Industrialisierung und ein bedeutender Verkehrsknotenpunkt. Eisenbahnverbindungen wurden nach St. Petersburg (1860), Riga (1861), Warschau (1862), Orjol (1866) und Šiauliai (Schaulen) (1873) eingerichtet.

Nach der Abschaffung der Leibeigenschaft 1861 zogen immer mehr Bewohner in die Stadt. 1893 wurde die Stadt im Zuge der Russifizierungspolitik offiziell in Dwinsk (Двинск) umbenannt. Zu dieser Zeit stellten Juden mit 46 % die größte ethnische Gruppe in der Stadt, gefolgt von Russen mit 27,5 % und Polen mit 16,3 %. Bei der Volkszählung von 1897 lebten 72.231 Bewohner in der Stadt. 1905 wurde die russische Kathedrale geweiht.

1912 erhielt die Siedlung Grīva auf der gegenüberliegenden südlichen Dünaseite Stadtrechte.

Erster Weltkrieg und Republik Lettland Beim Herannahen der Front im Sommer 1915 wurden die Industriebetriebe größtenteils ins Innere Russlands evakuiert. Der Stab der 5. Russischen Armee befand sich in Dünaburg. Der Beginn der Oktoberrevolution 1917 schwächte Russland militärisch. Am 18. Februar 1918 begannen deutsche Truppen die Operation Faustschlag; einen Tag später besetzten sie Dünaburg. Nach ihrem Abzug (Deutschland musste am 11. November 1918 den Waffenstillstand von Compiègne unterzeichnen) besetzten Sowjetische Truppen Daugavpils. Am 17. Dezember 1918 wurde auf Anweisung von Lenin die Lettische Räte-Republik ausgerufen.

Während des Polnisch-sowjetischen Krieges (1919 bis 1921) wurde Daugavpils am 3. Januar 1920 von polnischen und lettischen Truppen eingenommen.Die Lage im Osten. In: Volks-Zeitung. Sozialdemokratisches Tagblatt für Tirol, 8. Januar 1920, S. 3 Digitalisat der Universitäts- und Landesbibliothek Tirol. Durch den Frieden von Riga wurde die Stadt ein Teil der Republik Lettland. 1920, nach der Sowjetherrschaft, betrug die Bevölkerungszahl noch ein Viertel der Vorkriegszahl. Die Stadtökonomie erholte sich, erreichte jedoch nicht das Vorkriegsniveau. 1935 waren 35 % der Bevölkerung Letten, 25 % Juden, 18 % Polen, 18 % Russen und 3 % Belarussen.

Zweiter Weltkrieg mini|Nach dem Einmarsch der Wehrmacht 1941 Im Juni 1940 marschierte die Rote Armee in Lettland ein. Nach dem Angriff des Deutschen Reiches am 22. Juni 1941 war die Düna eine wichtige natürliche Verteidigungslinie. Doch Soldaten der 8. Kompanie der Kommandoeinheit Brandenburg unter dem Befehl von Hans-Wolfram Knaak überquerten die Brücke auf erbeuteten sowjetischen LKWs, sie überraschten und überrumpelten die Wachmannschaft und konnten die Brücke zwei Stunden lang gegen sowjetische Gegenangriffe halten.Helmuth Spaeter: Die Brandenburger, eine deutsche Kommandotruppe zbV 800. W. Angerer, München, 2., überarbeitete Aufl. 1982, ISBN 3-922128-05-X, S. 144–150. Durch diesen Handstreich gelangten jedoch die wichtigen Dünabrücken unzerstört in die Hand der Wehrmacht. Deshalb verlor die Dünaburger Zitadelle ihre militärische Bedeutung. Beim Abzug brannte die Rote Armee große Teile der Stadt nieder. Nach der Eroberung des Baltikums durch die deutsche Wehrmacht 1941 bildete Dünaburg einen wesentlichen Stützpunkt zum Schutz der Ostgrenze des Reichskommissariat Ostlands, in dem die NS-Zivilverwaltung unter Leitung von Hinrich Lohse bis zu ihrem Abzug 1944 die Besatzungsmacht ausübte. Ihr Ziel war die rasche „In-Wert-Setzung“ der besetzten Gebiete für die deutsche Kriegswirtschaft sowie die Judenvernichtung. Gebietskommissar der nationalsozialistischen Zivilverwaltung in Dünaburg war von 1942 bis 1944 Hermann Riecken.Geoffrey Swain: Between Stalin and Hitler: Class War and Race War on the Dvina, 1940–46. 2004, ISBN 0-415-33193-5, S. 47. Die Juden aus Daugavpils und weiteren Kleinstädten wurden in einem nationalsozialistischen Ghetto konzentriert. Dieses wurde zum zweitgrößten Vernichtungslager für Juden in Lettland.Ulrich Herbert, Karin Orth: Die nationalsozialistischen Konzentrationslager: Entwicklung und Struktur. Band 1. Wallstein Verlag, 1998, ISBN 978-3-89244-289-9, S. 483. Im Stadtteil Mežciema wurde das Stammlager 340 eingerichtet. Durch den Vormarsch der Roten Armee wurde die Stadt im Juli 1944 erneut Frontgebiet. Um die zur Festung erklärte Stadt verteidigungsfähig zu machen, wurde unter anderem das jüdische Ghetto dem Erdboden gleichgemacht. In den drei Jahren deutscher Besatzung wurde praktisch die gesamte jüdische Bevölkerung der Stadt ermordet. Nach der Rückkehr der Roten Armee bestand nun das Kriegsgefangenenlager 292 für deutsche Kriegsgefangene.Erich Maschke (Hrsg.): Zur Geschichte der deutschen Kriegsgefangenen des zweiten Weltkrieges. Verlag Ernst und Werner Gieseking, Bielefeld 1962–1977.

Lettische SSR und wiederhergestellte Unabhängigkeit mini|Leninplatz (heute Platz der Einheit/Vienības laukums) in den 1950er Jahren mini|Hotel Latvija und das 1991 abgebaute Lenindenkmal von 1970 in den 1970er Jahren

In der Zeit der Inkorporation Lettlands in die Sowjetunion zwischen 1945 und 1991 erreichte Daugavpils wieder die alte Bevölkerungszahl. 1946 wurde ein Straßenbahnbetrieb aufgenommen. Die Russifizierung der Stadt wurde von den sowjetischen Behörden energisch vorangetrieben.Geoffrey Swain: Between Stalin and Hitler. Class war and race war on the Dvina, 1940–46. Routledge, London 2004, ISBN 0-415-54604-4, S. 186–207. Die Arbeiter der angesiedelten Industriebetriebe stammten hauptsächlich aus Russland und Belarus. Wichtige Arbeitgeber waren Chemie-Kombinate, Elektrowerkzeug-Fabriken und Lokomotivwerkstätten. 1956 wurde das südlich gelegene Grīva eingemeindet. Eine neue Dünabrücke besteht seit 1989.

Bauwerke Die Zitadelle Daugavpils Die Zitadelle aus dem 19. Jahrhundert ist kulturhistorisch bedeutend, da sie als einzige Anlage dieser Art in Osteuropa vollständig erhalten ist. Der Plan für die Verteidigungsanlagen stammt von Georg Heinrich Hekel (1764–1832); der Innenausbau im imperialen Stil wurde vom Architekten Alexander Staubert (1781–1843) geleitet, der auch viele Verwaltungsgebäude des Stadtzentrums plante.

Zu Beginn der Bauarbeiten 1810 herrschte große Eile, weil ein Krieg mit dem Napoleonischen Frankreich drohte. Zeitweise waren über 10.000 Soldaten und Handwerker im Schichtbetrieb eingesetzt. Die Anlagen waren im Wesentlichen 1833 fertiggestellt. Daugavpils wurde durch die Zitadelle eine bedeutende Garnisonsstadt.

Auf dem linken Ufer der Düna befindet sich ein zur Festung gehörendes Vorwerk, um den Fluss beiderseitig abzusichern. Die Anlage wird jetzt als Gefängnis genutzt.

Während der Zarenzeit saßen hier die Staatsverbrecher ein (u. a. die Dekabristen). Dann nutzten die Armee des jungen lettischen Staates und ab 1940 die Sowjets die Anlage.

1941 richteten die deutschen Besatzer ein Kriegsgefangenenlager und ein Ghetto für die einheimischen Juden ein.Festung Dünaburg Lettland 124.000 sowjetische Kriegsgefangene starben hier einen qualvollen Tod. Um ihre Verbrechen zu kaschieren, wurden 1944 vor dem Einmarsch der Roten Armee die noch überlebenden Gefangenen in die dann gesprengte Kirche der Festung eingesperrt.