Weliki Nowgorod (), bis 1999 Nowgorod, ist eine Großstadt in Russland mit 223.000 Einwohnern (Stand: 2025). Sie liegt etwa 164 km südsüdöstlich von Sankt Petersburg am Wolchow nördlich des Ilmensees und ist das Verwaltungszentrum der Oblast Nowgorod im Föderationskreis Nordwestrussland.

Bis 1999 hieß die Stadt offiziell nur Nowgorod, auch Novgorod geschrieben (). Weliki Nowgorod bedeutet wörtlich Großes Nowgorod („groß“ im Sinne von „bedeutend“). Frühere Namen (als Exonyme) waren deutsch Navgard, Naugard, Neugarten, Neugard und altnordisch Hólmgarðr.

Als eine der ältesten Städte Russlands feierte Weliki Nowgorod im September 2009 sein 1150-jähriges Bestehen. Im 9. Jahrhundert war Nowgorod die erste Hauptstadt der jungen Kiewer Rus. Vom 12. bis 15. Jahrhundert war Nowgorod Hauptstadt der einflussreichen, auf Handel ausgerichteten Republik Nowgorod und bedeutender Mittler zwischen der Rus und dem Abendland, bevor es Teil des zentralisierten russischen Reichs wurde. Nowgorods architektonisches Erbe ist seit 1992 UNESCO-Weltkulturerbe.Welterbeliste Nr. 604 (englisch) Nach einer Erhebung aus dem Jahr 2010 zählt Weliki Nowgorod zu den lebenswertesten Städten Russlands.

Geographie mini|Nowgorod im 17. Jahrhundert, gezeichnet von Adam Olearius (Norden ist links)

Geographische Lage Nowgorod liegt im Nordwesten des europäischen Teils von Russland und ist 164 Kilometer von Sankt Petersburg und 494 Kilometer von Moskau entfernt. Von Süden nach Norden durchschneidet der Fluss Wolchow die Stadt. Sie liegt durchschnittlich auf Höhe. Das Stadtgebiet hat eine Fläche von 90 Quadratkilometern. Ungefähr 60 Prozent des Umlandes sind bewaldet, vor allem mit Ulmen. Der Süden von Nowgorod in der Nähe des Ilmensees ist sehr reich an Sumpfland. Insgesamt ist Weliki Nowgorod umgeben von weitläufigen Moor- und Waldgebieten, in denen insbesondere Torf abgebaut wird.

Die geographische Lage ist für den Verkehr günstig, da die Flüsse Lowat, Schelon, Msta und Wolchow, die in den See münden, ideale Transportwege eröffnen. Der Wolchow mündet in den Ladogasee, von welchem man durch Sankt Petersburg direkt in die Ostsee gelangt. Über die Flüsse im Süden Nowgorods ist eine Verbindung bis ins Schwarze Meer gegeben.

Geologie

Die Stadt liegt in der Osteuropäischen Ebene und im östlichsten Teil des Baltischen Landrückens. Geologisch liegt die Stadt auf der Russischen Tafel, die in der Mehrzahl aus ungefalteten jung-proterozoischen bis känozoischen Sedimenten besteht, die hier weite Gebiete des Urkontinents Fennosarmatia bedecken. Anders als ihre umgebenden Gebirge ist die Russische Tafel trotz ihrer Größe arm an Bodenschätzen.Jörg Stadelbauer: Raum, Ressourcen und Bevölkerung. Informationen zur politischen Bildung (Heft 281). Während der letzten Eiszeiten reichten die skandinavischen Gletscher bis in das Nowgoroder Gebiet. Der flache Ilmensee (nur 2,5 bis 10 Meter tief) ist der Rest eines glazialen Schmelzsees, in dem fluviatile und periglaziäre Sedimente weit verbreitet sind.

Stadtgliederung mini|hochkant|Stadtfünftel der Sophien- und Handelsseite Die Stadt gliedert sich grob in die historische Innenstadt und die außerhalb der ehemaligen Stadtmauern angelegte Neustadt. Die Altstadt wird unterteilt in die Sophienseite, benannt nach der Sophienkathedrale, auf dem westlichen Ufer des Wolchow und die Handelsseite auf dem östlichen Ufer. Die Sophienseite besteht aus drei Stadtfünfteln, im Norden dem Nerewski-Fünftel, im Westen dem Sagorodski-Fünftel und im Süden dem Ljudin-Fünftel, dem ehemaligen Töpfer-Fünftel. Die Handelsseite besteht im Norden aus dem Plotniki-Fünftel, dem ehemaligen Zimmermanns-Fünftel, und im Süden aus dem Slawno-Fünftel. Diese Stadtteile werden im Russischen als konzy (wörtlich „Enden“, Singular konez) bezeichnet, was spezifisch für Nowgorod ist.

Im östlichen Zentrum auf der Sophienseite befindet sich der Nowgoroder Kreml. Verbunden sind die Seiten seit dem 11. Jahrhundert über eine große Holzbrücke; sie wurde sporadisch durch Feuer, Hochwasser oder Eis zerstört. In der westlichen Mitte der Handelsseite befanden sich der mittelalterliche Marktplatz, der Jaroslaw-Hof und die Kontore der fremden Händler, insbesondere der Peterhof der Hanse. Die Neustadt ist auf der westlichen Flussseite deutlich stärker entwickelt als auf der östlichen. An die Sophienseite schließen sich dort von Norden nach Süden die Stadtteile Koltowo, Grigorowo, Sapadiny, Nowaja Melniza, Leschno, Pankowka und Bely Gorod an, auf der Handelsseite im Norden das Viertel Antonowo.

Nachbargemeinden An den Stadtrajon Nowgorod grenzen innerhalb der Oblast Nowgorod sieben andere Rajons. Dies sind im Uhrzeigersinn von Norden nach Westen: der Rajon Tschudowo, Malaja Wischera, Krestzy, Parfino, Staraja Russa, Schimsk und Batezki. Im Nordwesten grenzt der Rajon an die Oblast Pskow.

Klima Nowgorod befindet sich mit seinem humiden Klima in der kühlgemäßigten Klimazone mit Einfluss des Kontinentalklimas. In der Klimaklassifikation ist es als DfB eingeordnet, das heißt, (D) der kälteste Monat hat eine Temperatur von weniger als −3 °C, der wärmste Monat liegt über 10 °C, (f) alle Monate sind feucht und (B) die Temperatur liegt unter 22 °C, es gibt aber noch mindestens vier Monate, die wärmer als 10 °C sind. Die durchschnittliche Jahrestemperatur in der Stadt beträgt 4,3 °C. Obwohl der Jahresniederschlag nur bei 561 Millimetern (zum Vergleich Köln: 798 Millimeter) liegt, ist er höher als die Verdunstung, weshalb ein humides Klima vorherrscht. Die wärmsten Monate sind Juni und Juli mit durchschnittlich 15,7 beziehungsweise 17,3 °C, die kältesten Monate sind Januar und Februar mit −9,2 beziehungsweise −8,2 °C im Mittel. Der meiste Niederschlag fällt in den Monaten Juli und August mit durchschnittlich jeweils 72 Millimeter, der geringste im Februar mit durchschnittlich 23 Millimeter.

Geschichte Vor- und Frühgeschichte Die Umgebung von Nowgorod ist von vielen Wäldern, Seen, Sumpf- und Marschland geprägt, die das Gebiet nahezu undurchdringlich und die Flüsse zu den wichtigsten Verkehrswegen machten. Entlang der Ufer der Flüsse und Seen lagen die einzigen für eine Besiedlung geeigneten Flächen.Evgenij N. Nosov: Ein Herrschaftsgebiet entsteht. Die Vorgeschichte der nördlichen Rus’ und Novgorods. In Michael Müller-Wille (Hrsg.): Novgorod. Das mittelalterliche Zentrum und sein Umland im Norden Russlands. Neumünster 2001, S. 13–74

In Rurikowo Gorodischtsche bei Nowgorod gab es eine jungsteinzeitliche Siedlung seit dem 3. Jahrtausend v. Chr. Die ersten Siedler im Gebiet um und nördlich des Ilmensees waren finno-ugrische Jäger und Fischer sowie der Slawenstamm der Slowenen (Ilmenslawen). Ackerbau der Slowenen in dieser Region ist im 8. oder frühen 9. Jahrhundert belegt.

Nowgoroder Rus Skandinavische Waräger fuhren auf den Handelswegen ins Byzantinische Reich seit dem 8. Jahrhundert auch durch dieses Gebiet. Mitte des 9. Jahrhunderts entstand auf der östlichen Uferseite des Wolchow am Ausgang des Ilmensees, zwei Kilometer südlich des heutigen Nowgorod eine ihrer Siedlungen, das jetzige Rurikowo Gorodischtsche. Siehe auch Diese Siedlung entwickelte sich zunächst zum zentralen Handelsplatz der Region.

Für 862 wurde die Siedlung in altrussischen Chroniken erstmals erwähnt.Erste Nowgoroder Chronik, Nestorchronik, für 859 die späte SophienchronikDass es sich dabei um Rurikowo Gorodischtsche und nicht um das spätere eigentliche Nowgorod handelte, ist auf Grund der archäologischen Funde heute unbestritten, vgl. Evgenij N. Nosov: Ein Herrschaftsgebiet entsteht. Die Vorgeschichte der nördlichen Rus' und Novgorods. In Michael Müller-Wille (Hrsg.): Novgorod. Das mittelalterliche Zentrum und sein Umland im Norden Russlands. Neumünster 2001, hier S. 67, aber auch T. N. Jackson; A. A. Molchanov: The old Scandinavian name of Novgorod in the toponymy of the way „from the Varangians to the Greeks“. In: Vspomogatel'nye istoriceskie discipliny, 1990, 21, S. 226–237 (russisch). Der Warägerfürst Rjurik errichtete hier das Zentrum seiner Herrschaft.

Allerdings könnten die Chroniken die Existenz der Stadt rückblickend auf diese Zeit beziehen, da die zuverlässig datierten archäologischen Schichten von Nowgorod nicht früher als aus den 930er Jahren stammen. Novgorod entstand um die Wende vom 9. zum 10. Jahrhundert‚‘Носов Е. Н.‚‘ Новгород и новгородская округа IX—X вв. в свете новейших археологических данных (к вопросу о возникновении Новгорода) // Novgorod Historical Collection. — 1984. — Issue 2 (12). — P. 3—38.‚‘Yanin V. L.‚‘ Novgorod // Veliky Novgorod. History and Culture of the 9th–17th Centuries. Enzyklopädisches Wörterbuch. — St. Petersburg: Nestor-Istorija, 2007. — S. 352. oder zu Beginn des 10. Jahrhunderts‚‘Куза А. В.‚‘ Das Land Nowgorod // Die altrussischen Fürstentümer des 10. bis 13. Jahrhunderts. — Moskau: Nauka, 1975. — S. 172..

Nowgorod in der Kiewer Rus

mini|Ostromir-Evangeliar in der Abschrift von 1056/57 mini|Nowgoroder Ikone des Erzengels Gabriel, 12. Jh. Um 911 wurde Kiew das neue Zentrum der Rus. Alt-Nowgorod verlor diese Funktion. Um 969 wurde Wladimir I. der erste separate Fürst von Nowgorod. 988/989 wurde Nowgorod Sitz der zweiten Eparchie (Bistum) der Rus.Archäologische Befunde bezeugen die Entstehung eines christlichen Viertels in der Burgstadt in dieser Zeit. Erster Bischof war Joachim Korsunianin.

Ungefähr zu dieser Zeit entstand das heutige Nowgorod (Neustadt) als Kaufleutesiedlung in einiger Entfernung zur alten Burg Rurikowo Gorodischtsche.Valentin L. Janin: Ein mittelalterliches Zentrum im Norden der Rus’. Die Ausgrabungen in Novgorod. In: Michael Müller-Wille (Hrsg.): Novgorod. Das mittelalterliche Zentrum und sein Umland im Norden Russlands. Neumünster 2001, S. 75–98, hier S. 83.Rolf Hammel-Kiesow: Nowgorod und Lübeck. Siedlungsgefüge zweier Handelsstädte im Vergleich. In: Norbert Angermann, Klaus Friedland (Hrsg.): Novgorod. Markt und Kontor der Hanse. Köln u. a. 2002, S. 25–68, hier S. 33. Als erste Kirchen entstanden wahrscheinlich die hölzernen Sophienkirche und die Joachim-und-Anna-Kirche.

Jaroslaw der Weise war seit etwa 988 Fürst von Nowgorod. 1015 strebte er nach dem Tode seines Vaters Wladimir I. die Kontrolle über Kiew an. Da ihn die Nowgoroder bei diesem erfolgreichen Unternehmen unterstützten, gab er ihnen umfangreiche Rechte, welche die Basis für die künftige Bojarenordnung in Nowgorod bildeten. Diese Privilegien führten zu einer strukturellen Teilung der Stadt. Die Höfe der Bojaren unterstanden nun nicht mehr der Gerichtsbarkeit des Fürsten und bildeten die Grundlage für die fünf Stadtviertel (конец, Ende). Zwischen diesen Vierteln siedelten freie Künstler und Händler, die weiterhin der Jurisdiktion des Fürsten unterstanden. Diese Bereiche wurden in Hundertschaften (sotni) unterteilt und von sogenannten „Tausendschaftsführern“ (tysjazkie) und „Hundertschaftsführern“ (sotskie) verwaltet.Valentin Lavrent’evič Janin: Medieval Novgorod. In: The Cambridge History of Russia. Band 1: From Early Rus’ to 1689. Bearbeitet von Maureen Perrie. Cambridge 2006, ISBN 978-0-521-81227-6, S. 188–212 (englisch).

Im Jahre 1030 ordnete Jaroslaw bei einem Besuch an, dass 300 Kinder der Älteren und Priester im Lesen unterwiesen werden sollten.

Um 1030 wurde wahrscheinlich auch der Sitz des Fürsten von Gorodischtsche in den Kreml von Nowgorod verlegt.

Die soziale Struktur bestand aus drei Schichten: Reiche Kaufleute und Bankiers (gleichzeitig Grundbesitzer) standen an der Spitze; gewöhnliche Kaufleute waren Vertreter der mittleren Schicht; Handwerker und Tagelöhner gehörten der unteren Bevölkerungsschicht an.

Neben dem Handel blühte auch die Kultur. So wirkten berühmte Ikonenmaler wie Theophanes der Grieche und Andrei Rubljow in der Stadt. 1056/1057 wurde das Ostromir-Evangeliar für den Nowgoroder Statthalter Ostromir angefertigt.