Das Einhorn (von althochdeutsch einhurno, Übersetzung von bzw. Friedrich Kluge, Alfred Götze: Etymologisches Wörterbuch der deutschen Sprache. 20. Auflage. Hrsg. von Walther Mitzka. De Gruyter, Berlin / New York 1967; Neudruck („21. unveränderte Auflage“) ebenda 1975, ISBN 3-11-005709-3, S. 159.) ist ein Fabelwesen von Pferde- oder Ziegengestalt mit einem geraden Horn auf der Stirnmitte. Es wurde im Mittelalter besonders durch den Physiologus bekannt, gilt als das edelste aller Fabeltiere und steht als Symbol für das Gute.

mini|hochkant=1.5|Einhorn auf einem Mosaikfußboden von 1213 in der Basilika San Giovanni Evangelista in Ravenna.

Berichte Antike In der Antike wird das Einhorn unter anderem von Aristoteles (384–322 v. Chr.),Aristoteles: Historia animalium (), II, 1 (499b): (Übersetzung Hermann Aubert und Friedrich Wimmer) Plinius dem Älteren (23/24–79 n. Chr.)Caius Plinius Secundus: Naturalis historia (Naturgeschichte), VIII, 76 (Kap. 31): (Übersetzung Georg Christian Wittstein) und Claudius Aelianus (um 200 n. Chr.)Claudius Aelianus: De natura animalium () XVI, Kap. 20. Vgl. die Übersetzung von Friedrich Jacobs: Claudius Aelianus Werke. Band 4: Aelian’s Thiergeschichten. Stuttgart 1839, S. 1042–1043 (Von den Thieren des innern Indiens und dem Kartazonon). erwähnt. Diese Berichte gehen auf Ktesias von Knidos (um 500 v. Chr.) zurück, der in seinen stark romanhaften Indika von Einhörnern in Indien berichtet. Das Werk ist größtenteils verloren, doch zitiert Claudius Aelianus in seinen „Tiergeschichten“ () daraus. Sie sollen weiß mit rotem Kopf und blauen Augen gewesen sein.Hermann Güntert: Einhorn. In: Handwörterbuch des deutschen Aberglaubens. Walther de Gruyter, Berlin 1974 (Reprint der Erstauflage von 1930), Sp. 710. Sie seien wild, schnell und kräftig, ihr Horn habe eine antitoxische Wirkung, weswegen es am Hof der Achämeniden als Trinkgefäß verwendet werde.Ktesias: Indika IV, 53. Vgl. Heinrich und Margarethe Schmidt: Die vergessene Bildersprache christlicher Kunst. Ein Führer zum Verständnis der Tier-, Engel- und Mariensymbolik. Beck, München 1981, S. 47. Aelianus zitiert auch den Historiker Megasthenes, der selber in Indien war. Er berichtet in seinen Indika von Einhörnern, die Elefantenfüße und Schweineschwänze gehabt haben sollen. Ihr Horn sei schwarz gewesen und wüchse zwischen ihren Augen hervor. Allgemein seien diese Tiere friedfertig, jedoch aggressiv gegen Artgenossen. Sie hätten eine laute und hässliche Stimme. Ganz ähnlich beschreibt Plinius der Ältere die indischen Einhörner.Plinius maior: Naturalis Historia VIII, 31. 76. Damit sind offensichtlich Nashörner gemeint (auch im Mittelalter war mit „Einhorn“ neben dem Fabeltier und dem Narwalstoßzahn auch das Nashorn – das Panzernashorn oder das Javanashorn – bzw. dessen Horn gemeint, etwa in Der ältere PhysiologusDieter Offermanns: Der Physiologus nach den Handschriften G und M. Meisenheim am Glan 1966 (= Beiträge zur Klassischen Philologie. Band 22), S. 84.Friedrich Maurer (Hrsg.): Der altdeutsche Physiologus: Die Millstätter Reimfassung und die Wiener Prosa (nebst dem lateinischen Text und dem althochdeutschen Physiologus). Tübingen 1967 (= Altdeutsche Textbibliothek. Band 67), S. 11–15.Heinz Mettke (Hrsg.): Altdeutsche Texte. Leipzig 1970, S. 98 („De unicornis: Sô heizzit ein andir tier rinocerus, daz ist einhurno“).).

mini|Einhorn im Berner Physiologus (einer lateinischen Übersetzung der christlichen Naturlehre Physiologus, etwa 830)

In der griechischen und der römischen Mythologie kommt das Einhorn nicht vor, auch sind keine antiken Abbildungen von Einhörnern bekannt.René Bloch: Einhorn. In: Der Neue Pauly Enzyklopädie der Antike. Metzler, Stuttgart 2010, Band 3, Sp. 916. Ob das von Gaius Iulius Caesar (100–44 v. Chr.) in einer wahrscheinlich pseudepigraphen Schilderung der Fauna des Hercynischen Waldes erwähnte hirschartige Tier mit langem, geraden Horn, das sich an der Spitze palmenartig verzweige, als Einhorn angesehen werden kann, ist umstritten.Gaius Julius Cäsar: De Bello Gallico VI, 26; vgl. Curt Woyte: Anmerkungen. In: derselbe (Hrsg.): Gaius Julius Cäsar: Der gallische Krieg. Reclam, Stuttgart 1975, S. Heinrich und Margarethe Schmidt: Die vergessene Bildersprache christlicher Kunst. Ein Führer zum Verständnis der Tier-, Engel- und Mariensymbolik. Beck, München 1981, S. 47.

Im Physiologus, einer auf Griechisch geschriebenen frühchristlichen Natursymbolik aus dem 2. Jahrhundert n. Chr. mit Geschichten über wundersame Tiere, Pflanzen und Steine, heißt es, dass ein Einhorn nur von einer Jungfrau eingefangen werden könne, wobei die Jungfrau allegorisch als Jungfrau Maria, das Einhorn als Jesus Christus gedeutet wurde. Dass es nur ein Horn habe, verweise auf den Monotheismus, dass es einem kleinen Bock gleiche, auf Christi Demut und die Menschwerdung Gottes.The Greek Physiologus. Deutsche Übersetzung nach Friedrich Lauchert: Geschichte des Physiologus. Straßburg 1889, Kapitel 22 (, abgerufen am 7. Juli 2015).

Bibel mini|Darstellung eines Auerochsen auf Babylons Ischtar-Tor (6. Jahrhundert v. Chr.), heute im Pergamonmuseum, Berlin. Die Darstellung im Profil zeigt nur ein einziges Horn

An mehreren Stellen des Alten Testaments wird das „Re’em“ () erwähnt, ein kräftiges und wildes Tier (zum Beispiel , , ). Als der hebräische Text im dritten Jahrhundert v. Chr. von den legendären 72 Übersetzern ins Griechische übertragen wurde, übersetzten sie dieses Wort mit (Gen. ),, , . Anmerkung: In der Septuaginta heißt es (Gen. ), während anderswo auch die Form (Gen. ) existiert. zu deutsch: Einhorn. Die Vetus Latina übersetzt an diesen Stellen unicornis, die Vulgata auch rhinoceros (griechisch rhinokérōs „Nashorn“Franz Dornseiff: Die griechischen Wörter im Deutschen. De Gruyter, Berlin 1950, S. 51.) oder monoceros („Einhorn“)., , . Martin Luther übersetzte „Einhorn“.Biblia, das ist die gantze Heilige Schrifft Deudsch. Übersetzt von Dr. Martin Luther aus dem Textus Receptus. Lufft, Wittemberg 1545. Im Internet bereitgestellt von Hans Jürgen Herbst. . .René Bloch: Einhorn. In: Der Neue Pauly. Enzyklopädie der Antike. Metzler, Stuttgart 2010, Band 3, Sp. 916. Gemeint war nach heute verbreiteter Vermutung aber vielmehr der Wildstier oder Auerochse. Ursache für den Irrtum waren vielleicht babylonische Reliefs und Wandmalereien, welche die Tiere nur im Profil zeigen, wobei nur eines der beiden Hörner zu sehen ist.Jens Wiesner: Fabelwesen: Das Einhorn – Die Wahrheit hinter dem Mythos auf GEOlino.de. Noch bis ins 18. Jahrhundert hinein war die Auffassung verbreitet, Einhörner kämen in der Bibel vor. Erst Heinrich Sander wies 1779 auf den Übersetzungsfehler hin.Heinrich Sander: Kleine Schriften, Band 1, 1779. S. 101 f. Aktuelle Übersetzungen verwenden für Re’em „Wildstier“ (Einheitsübersetzung 2016Beispiel: und Lutherbibel 2017Beispiel: ) oder „Büffel“ (Elberfelder BibelBeispiel: ).

Mittelalter und Frühe Neuzeit mini|links|Darstellung der Einhorn-Jagd auf einem Elfenbeinkästchen, Paris, 14. Jh.

Im Mittelalter werden Einhörner unter anderem bei Hildegard von Bingen (12. Jahrhundert), Albertus Magnus (13. Jahrhundert) und in Arzneibüchern erwähnt.

mini|hochkant|Einhorndarstellung aus dem 18. Jahrhundert über der Rats-Apotheke auf dem Holm in der Flensburger Innenstadt

Einem unter dem Horn des (weißen) Einhorns seit dem 12. Jahrhundert vermuteten (roten) „Karfunkelstein“, wie er etwa auch bei Drachen und anderen Tieren zuweilen angenommen wurde, sollten äußerst heilsame Kräfte (etwa die Förderung der Wundheilung) innewohnen.Theodore Ziolkowski: Der Karfunkelstein. In: Euphorion. Band 55, 1961, S. 306–309.Bernhard Dietrich Haage: Prolegomena zu Anfortas’ Leiden im „Parzival“ Wolframs von Eschenbach. In: Würzburger medizinhistorische Mitteilungen. Band 3, 1985, S. 101–126, hier: S. 113–115. Das Herz des Einhorns sollte gegen viele Krankheiten wirksam sein.Ortrun Riha: Konzepte: Säfte und Symbole. In: Medizin im Mittelalter. Zwischen Erfahrungswissen, Magie und Religion (= Spektrum der Wissenschaften. Spezial: Archäologie Geschichte Kultur. Band 2.19), 2019, S. 6–11, hier: S. 10.

Marco Polo (1254–1324) berichtet in seinen Reisebeschreibungen (Il Milione), er habe auf Sumatra ein Einhorn gesehen. Die Beschreibung lässt vermuten, dass es sich dabei um ein Java-Nashorn oder Sumatra-Nashorn handelte. Andere Details lassen zudem vermuten, dass er das Tier nicht selbst sah, sondern lediglich vom Hörensagen kannte. Der englische Abenteurer Edward Webbe (1554–1590) will drei Einhörner im Serail eines indischen Sultans gesehen haben, wohingegen der portugiesische Jesuit Jerónimo Lobo (1593–1678) angibt, ihm sei eines in Äthiopien begegnet. Der schottische Reisende John Bell (1691–1780) berichtet noch 1713, eines dieser Tiere gesehen zu haben. Nach Umberto Eco sind diese Berichte auf die prägende Kraft der den Reisenden schon vor Abreise bekannten Legenden zurückzuführen, die sie bewogen, nicht nur zu berichten, was sie wirklich sahen, sondern auch das, von dem sie meinten, es gesehen haben zu müssen.Umberto Eco: Die Geschichte der legendären Länder und Städte. Hanser, München 2013, S. 109.

Vor allem der Physiologus hatte, neben der Bibel, bis in die Frühe Neuzeit hinein besondere Bedeutung für den christlichen Glauben an Einhörner,Karen Duve, Thies Völker: Lexikon berühmter Tiere. Eichborn Verlag, Frankfurt am Main 1997, ISBN 3-8218-0505-6. so noch bei dem Schweizer Naturforscher Conrad Gessner (1516–1565).Conrad Gessner: Allgemeines Thier-Buch, das ist: Eigentliche und lebendige Abbildung aller vierfuessigen […] Thieren […], durch den hochberuehmten Herrn Conradum Forerum ins Teutsche uebersetzt […]. Frankfurt am Main (Wilhelm Serlin) 1669; Neudruck („Thierbuch“) Schlüter, Hannover (1983 und) 1994, sowie Lehmann 1995, S. 71–83 (Von dem Einhorn – Unicornis), hier: S. 77. Bei den mittelalterlichen Alchemisten symbolisierte das Einhorn wie der Löwe den „Spiritus Mercurius“ (Mercurius war die alchemistische Bezeichnung für Quecksilber). Der Löwe wurde in der alchemistischen Vorstellungswelt durch die Verehrung des Einhorns, das für die aktive Reinheit, das befruchtende Schwert und die durchdringende Kraft des Mercurius-Geistes stand, beschwichtigt.

Der britische Anthropologe John Layard (1891–1974) vermutet in einer Episode von Ysgithyrwyn in der walisischen Sage Mal y kavas Kulhwch Olwen („Wie Kulhwch Olwen errungen hat“) einen Hinweis auf das sagenhafte Einhorn.John Layard, Anne S. Bosch (Hrsg.): A Celtic Quest, Spring Publications, Dallas (Texas) 1975, ISBN 978-0-88214-110-7, S. 76, 166 ().

mini|Einhorndarstellung aus Leibniz’ Protagaea

Der Philosoph Gottfried Wilhelm Leibniz bildet in seiner Schrift Protogaea, an der er von 1691 bis 1693 arbeitete und die erst postum veröffentlicht wurde, die Rekonstruktion eines zweibeinigen Skeletts ab, das er als das eines Einhorns bezeichnet. Die dazu verwendeten Fossilien eines Wollnashorns und eines Mammuts waren 1663 in einem Gipssteinbruch in der Nähe von Quedlinburg gefunden worden und 1678 zu einem „Einhorn“ zusammengefügt. Das Besucherzentrum der Einhorn-Höhle bei Scharzfeld im Südharz, die Leibniz nicht mit den Funden in Verbindung bringt, verwendet die Zeichnung als ihr Logo.Friedrich-W. Wellmer: Einführung. In: Protogaea sive de prima facie telluris et antiquissimae historiae vestigiis in ipsis naturae monumentis dissertatio. Herausgegeben von Christian Ludwig Scheid. Mit der Übersetzung von Wolf von Engelhardt. Olms-Weidmann, Hildesheim/Zürich/New York 2014, S. XLII.

Das Einhorn als Fabelwesen mini|links|Einhorn. Conrad Gessner: Historiae animalium, 1551

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