Der Pfälzische Erbfolgekrieg (1688–1697), auch Orléansscher Krieg, Krieg der Augsburger Allianz, Krieg der Großen Allianz oder Neunjähriger Krieg genannt, war ein vom französischen König Ludwig XIV. provozierter Konflikt, um vom Heiligen Römischen Reich die Anerkennung seiner Erwerbungen im Rahmen seiner Reunionspolitik zu erreichen.
Begrifflichkeit Für den Krieg existieren verschiedene Bezeichnungen. Die französische Historiographie bevorzugt den Begriff des Guerre de la Ligue d’Augsbourg nach der Augsburger Allianz. Dieser Begriff überschätzt nach Heinz Duchhardt aber die Bedeutung dieser als Defensivbündnis angelegten Kreisassoziation erheblich. Problematisch ist auch der Begriff Pfälzischer Erbfolgekrieg, weil Ludwig XIV. nicht die Erbfolge in der Pfalz als solche in Frage stellte, sondern weil es um bestimmte Rechte und Allode ging, auf die Philippe I. de Bourbon, duc d’Orléans, Ansprüche erhob. Daher wurde der Konflikt auch Orléansscher Krieg genannt. Neutral ist der im Englischen gebräuchliche Begriff Nine Years War (Neunjähriger Krieg). Seltener gebraucht wird der Begriff des Krieges der Großen Allianz.Heinz Duchhardt: Das Reich und die europäische Staatenwelt 1648–1806. München 1990, S. 22.vergl.: Johannes Burckhardt: Deutsche Geschichte in der Frühen Neuzeit. München, 2009. S. 80, Johannes Burckhardt: Vollendung und Neuorientierung des frühmodernen Reiches 1648–1763. Stuttgart, 2006; S. 103
Überblick Als Vorwand dienten Streitigkeiten um das Erbe des Kurfürsten Karl II. von der Pfalz. Ein ähnlicher Vorwand war auch der Konflikt um die Besetzung des Kölner Erzbischofssitzes (Kölner Bistumsstreit).
Gegen Ludwig XIV. bildete sich die Wiener Große Allianz unter anderem aus England, den Niederlanden, Spanien, Savoyen und dem Heiligen Römischen Reich. Innerhalb des Reiches spielten neben der Kaiserlichen Armee und territorialen Kontingenten insbesondere einige armierte Reichsstände und die vom Kriegsgeschehen betroffenen Vorderen Reichskreise eine wichtige Rolle.
Der Krieg fand anfangs vorwiegend in der Kurpfalz, in großen Teilen Südwestdeutschlands sowie am Niederrhein statt. Als Reaktion auf die vorrückenden Alliierten verwüsteten französische Truppen systematisch die Pfalz und angrenzende Gebiete. Zahlreiche Dörfer, Burgen, Festungen, Kirchen und ganze Städte wie Speyer, Mannheim und Heidelberg wurden in der Pfalz, in Kurtrier und in der Markgrafschaft Baden zerstört.
Der Krieg weitete sich in Europa auf Kriegsschauplätze in den Niederlanden, Italien und Spanien aus. Damit in Zusammenhang standen die Glorious Revolution und die Thronbesteigung Wilhelms III. von Oranien sowie die jakobitischen Gegenreaktionen auf den britischen Inseln. Kaiser Leopold I. kämpfte zugleich im Großen Türkenkrieg gegen die Osmanen.
Auf dem Festland verlagerte sich der Schwerpunkt der Kämpfe im Laufe des Krieges in die Spanischen Niederlande. Die Kriegsführung war geprägt von einer Zermürbungsstrategie, von wechselnden taktischen Manövern der Armeen und verschiedenen Belagerungen. Größere Schlachten waren relativ selten. Daneben kämpften die Seemächte England und die Niederlande gegen Frankreich auch auf See und in den Kolonien. Neben großen Flottenoperationen spielte auf beiden Seiten der Kaperkrieg eine wichtige Rolle. Insgesamt konnten sich die Franzosen gegen die gegnerische Übermacht behaupten. Einen klaren Sieger gab es nicht.
Schließlich einigten sich Ludwig XIV. und der englische König Wilhelm III. auf einen Friedensschluss, dem sich das Reich anschließen musste. Im Frieden von Rijswijk musste Ludwig XIV. einige eroberte Gebiete wie das Herzogtum Lothringen, seine rechtsrheinischen Stützpunkte und alle reunierten Territorien außerhalb des Elsass räumen. Das 1681 von Frankreich besetzte Straßburg und das Elsass verblieben dagegen bei Frankreich.
Vorgeschichte Französischer Einfluss im Reich mini|Ludwig XIV. im Krönungsornat (Porträt von Hyacinthe Rigaud, 1701) Ludwig XIV. leitete aus dem Westfälischen Frieden ein Interventionsrecht der Garantiemacht Frankreich ab und betrieb eine aktive Politik im Reich. Diese manifestierte sich etwa im Rheinischen Bund und in der Suche nach Verbündeten unter den Reichsständen. Frankreich nahm im Streit zwischen einzelnen Ständen, etwa zwischen Kurmainz und der Kurpfalz (1658) oder im Wildfangstreit (bis 1667), eine Schiedsrichterfunktion ein.
Der Devolutionskrieg von 1667/68 gegen die Spanischen Niederlande berührte auch das Reich, weil es dabei um Teile des Burgundischen Reichskreises ging. Allerdings leisteten das Reich oder die Reichsstände dagegen kaum Widerstand. Dies übernahm die Tripel-Allianz von 1668 aus England, den Niederlanden und Schweden.
Aus Furcht vor einer übermächtigen Dominanz Habsburgs im Reich erschien vielen Reichsständen ein Bündnis mit Frankreich insbesondere in den 1660er Jahren als logische Konsequenz. Infolge der fortgesetzten Expansionspolitik Frankreichs verlor Ludwig XIV. aber zunehmend an Prestige. Dazu trug etwa die Besetzung des Herzogtums Lothringen (1670) oder die Auslösung des Holländischen Krieges bei. In diesem stand die Mehrheit der Stände an der Seite der Niederlande und des Kaisers gegen Ludwig XIV.Heinz Duchhardt: Das Reich und die europäische Staatenwelt 1648–1806. München 1990, S. 16–18.
Reunionspolitik, Osmanenkrieg und Aufhebung des Edikts von Nantes mini|Kaiser Leopold I. (Gemälde von Benjamin von Block um 1672) Die Reunionspolitik Ludwigs XIV. trug dazu bei, dass die meisten Reichsstände – mit Ausnahmen wie dem Kurfürstentum Brandenburg – wieder an die kaiserliche Seite rückten.Heinz Duchhardt: Das Reich und die europäische Staatenwelt 1648–1806. München 1990, S. 19f. Ludwig XIV. beanspruchte mit Hinweis auf einen unscharfen Artikel des Westfälischen Friedens zum Elsass Reichsterritorien und setzte die französische Herrschaft teilweise mit Hilfe der sogenannten Reunionskammern als Legitimationsbasis durch. Ohne Rechtsanspruch annektierte er 1681 die Reichsstadt Straßburg. Sofort begann Sébastien Le Prestre de Vauban mit der Befestigung der Stadt durch den Bau der Zitadelle von Straßburg. Mit der Unterwerfung des Elsass einher ging die Förderung des Katholizismus in diesem Gebiet. Dies führte relativ bald zu einer Veränderung der Konfessionsverhältnisse. Im Rahmen des Reunionskrieges von 1683/84 ließ Ludwig XIV. Luxemburg besetzen. Damit konnten Lücken im Festungssystem von Vauban geschlossen werden. Auch in Italien konnte der König seine Position mit dem Erwerb von Casale ausbauen.Heinz Duchhardt: Das Reich und die europäische Staatenwelt 1648–1806. München 1990, S. 21; Heinz Duchhardt: Barock und Aufklärung. München 2007, S. 33.
Im Reich stieß die französische Politik auf Empörung und trug zum Abschluss einer strikt defensiven Reichskriegsverfassung bei. Sie sah ein von den Reichskreisen zu stellendes stehendes Heer vor, das im Kriegsfall verstärkt werden würde. Widerstand dagegen kam von den armierten Reichsständen wie Kurbrandenburg, die ihre Machtstellung in Gefahr sahen. Kaiser Leopold I. war ebenfalls mit dem Ergebnis wenig zufrieden, weil er das Reichsheer lieber unter der eigenen Kontrolle gehabt hätte. Er setzte stattdessen auf Bündnisse mit Kreisassoziationen wie in der Laxenburger Allianz. Bei allen Defiziten bereitete sich das Reich auf künftige militärische Auseinandersetzungen vor.Heinz Duchhardt: Barock und Aufklärung. München 2007, S. 34; vgl.: Karl Otmar von Aretin: Das Problem der Kriegsführung im Heiligen Römischen Reich. In: Ernst Willi Hansen (Hrsg.): Politischer Wandel, organisierte Gewalt und nationale Sicherheit: Beiträge zur neueren Geschichte Deutschlands und Frankreichs. München 1995, S. 1–9, hier: S. 3f.
Durch die Offensive der Osmanen 1683 mit dem Höhepunkt der zweiten Wiener Türkenbelagerung war Leopold I. gezwungen, sich um die Sicherung seiner Erblande zu kümmern. Nach der Überwindung der akuten Krise konzentrierte er sich weiter auf den Kampf gegen die Osmanen. Der Große Türkenkrieg dauerte bis 1699, führte dazu, dass Österreich zur Großmacht aufstieg, und beförderte das Prestige des Kaisers im Reich stark. Diese Verschiebung der Prioritäten führte dazu, dass Leopold I. im Regensburger Stillstand von 1684 einen Waffenstillstand mit Frankreich schloss und die Reunionen vorläufig anerkannte. Der Regensburger Stillstand bedeutete keineswegs, dass Ludwig XIV. seine Expansionspolitik aufgegeben hätte.Heinz Duchhardt: Das Reich und die europäische Staatenwelt 1648–1806. München 1990, S. 21, Heinz Duchhardt: Barock und Aufklärung. München 2007, S. 36.
Zusätzlich zur expansiven Politik im Westen des Reiches empörten die Aufhebung des Edikts von Nantes durch das Edikt von Fontainebleau 1685 und die Verfolgung der Hugenotten das protestantische Deutschland und die anderen protestantischen Mächte. Auf diese Weise verlor Ludwig XIV. mit dem Kurfürsten von Brandenburg einen seiner wichtigsten Verbündeten im Reich.Heinz Duchhardt: Das Reich und die europäische Staatenwelt 1648–1806. München 1990, S. 21, Heinz Duchhardt: Barock und Aufklärung. München 2007, S. 37.
Pfälzische Frage Ludwig XIV. versuchte die Gebundenheit des Kaisers im Türkenkrieg zur Sicherung und zum Ausbau der durch die Reunionspolitik gewonnenen französischen Gebiete auf Reichsboden zu nutzen. Als Vorwand kamen ihm zum einen der Streit um die Nachfolge im Erzbistum Köln zustatten, zum anderen die Erbfolgefrage in der Pfalz. Ein weiterer Faktor war die Gründung der Augsburger Allianz. mini|Der Streit um den Erbanspruch der Liselotte von der Pfalz verheiratet mit Philippe I. de Bourbon, duc d’Orléans, war einer der Auslöser des Krieges (Gemälde von François de Troy um 1680) Kurfürst Karl I. Ludwig, der Sohn Friedrichs V., des Winterkönigs, hatte ursprünglich beabsichtigt, das politische Verhältnis zum angrenzenden Frankreich durch die Hochzeit seiner Tochter Liselotte von der Pfalz mit Herzog Philipp von Orléans, dem Bruder des „Sonnenkönigs“, zu stabilisieren. Das Projekt ging auf die Vermittlung Anna Gonzagas (1616–1684), der Schwägerin des Kurfürsten, und ihre Verbindungen zum französischen Hof zurück. Ludwig XIV. beabsichtigte damit eine enge politische Verbindung mit der Kurpfalz einzugehen, um seinen Einfluss im Reich zu wahren. Dass der Sohn des Kurfürsten seiner Schwester an Vitalität erheblich nachstand und sie sich deshalb gewisse Chancen auf ein Erbe ausrechnete, mag eine Rolle gespielt haben. Der Ehevertrag sah den Verzicht der pfälzischen Braut auf ihre territorialen Ansprüche im Reich vor. Aber die allodialen Besitzungen blieben davon ausgenommen. Nach dem Tod des Kurfürsten 1680 starb sein kinderloser Sohn Karl II. im Jahr 1685. Damit erlosch die reformierte Linie der Familie. Die Herrschaft ging mit Philipp Wilhelm an das katholische Pfalz-Neuburg über. Der neue Kurfürst machte kein Hehl aus seiner antifranzösischen Haltung.
Anlass für die französische Politik war der Anspruch auf das Erbe der Liselotte von der Pfalz, das im Heiratsvertrag nur unzureichend umschrieben war. Kurfürst Karl Ludwig hatte zwar Verfügungen in Geld und Naturalien in seinem Testament anerkannt, aber alle territorialen Ansprüche abgelehnt und Liselotte von der Erbfolge ausgeschlossen. Dieses Testament ließ Ludwig XIV. aber durch das Pariser Parlement für nichtig erklären.Pfälzischer Erbfolgekrieg – Vorgeschichte und Anlass.
Augsburger Allianz