mini|Johann Wolfgang von Goethe. (1828)mini|Faust-Szene vor Auerbachs Keller in Leipzig, Plastik von Mathieu Molitor

Faust. Eine Tragödie (auch Faust. Der Tragödie erster Teil oder kurz Faust I) von Johann Wolfgang von Goethe gilt als eines der bedeutendsten und meistzitierten Werke der deutschsprachigen Literatur. Die 1808 veröffentlichte Tragödie greift die Geschichte des historischen Doktor Faustus auf und wird in Faust II zu einer Menschheitsparabel ausgeweitet.

Inhalt Figuren Dr. Heinrich Faust, ein Gelehrter Mephistopheles (Mephisto), Teufel Margarete, genannt Gretchen, ein junges Mädchen Marthe Schwerdtlein, Gretchens Nachbarin Wagner, Fausts Famulus Valentin, Gretchens Bruder Hexe Schüler Frosch, Brander, Siebel, Altmayer, „lustige Gesellen“ in Auerbachs Keller Lieschen, eine Bekannte Gretchens Direktor, ein Theaterdirektor Dichter Lustige Person, ein Schauspieler Raphael, Gabriel und Michael, drei Erzengel Der Herr, Gott Geist, Erdgeist

Außerdem: Chor der Engel, Chor der Weiber, Chor der Jünger, Spaziergänger aller Art, Bauern, Geister, Hexentiere, Böser Geist, Walpurgisnacht-Figuren, Stimme von oben, ein Pudel, Meerkatzen der Hexe.

Übersicht Die Handlung von „Faust I“ verbindet die „Gelehrtentragödie“ (Tragödie des Gelehrten Faust) und die „Gretchentragödie“.

Heinrich Faust, wie sein historisches Vorbild Johann Georg Faust (ca. 1480–1538) ein nicht mehr junger, aber angesehener Forscher und Lehrer, zieht eine selbstkritische Lebensbilanz: Als Wissenschaftler fehle es ihm an tiefer Einsicht und brauchbaren Ergebnissen und als Mensch sei er unfähig, das Leben in seiner Fülle zu genießen. Tief deprimiert und lebensmüde geworden, verspricht er Mephisto seine Seele, wenn es diesem gelingen sollte, Faust von seiner Unzufriedenheit zu befreien und für stetige Abwechslung zu sorgen. Mephisto schließt mit Faust einen Pakt in Form einer Teufelswette. Mephisto, der als Teufel angesehen werden kann und dem neben Zauberkräften auch Humor und Charme zu Gebote stehen, ist bestrebt, Faust vom rechten Weg abzubringen. Er verwandelt ihn zurück in einen jungen Mann, nimmt ihn mit auf eine Reise durch die Welt und hilft ihm, die Liebschaft mit der jungen Margarete (Gretchen) einzufädeln, einer zunächst naiv dargestellten, jungen Frau, in die sich Faust sofort verliebt, nachdem ihm Mephisto einen Zaubertrank übergeben hat. Faust bringt Gretchen in eine Lebenskrise, indem er sie verführt und dabei schwängert und indem er den Tod von Gretchens Mutter und Bruder herbeiführt. Gretchen bringt ein uneheliches Kind zur Welt, tötet es aus Verzweiflung und wird daraufhin verhaftet. Faust will sie mit des Teufels Hilfe vor der Hinrichtung retten; er versucht vergeblich, sie zur Flucht zu überreden, kann sie aber nicht davon überzeugen. Er muss sie schließlich ihrem Schicksal und der Gnade Gottes überlassen.

Detaildarstellung Die Handlung (Szenentitel nach Goethe, Einzelheiten und Zitate kursiv)

Einleitung Zueignung mini|Satan wettet mit Gott.Szene aus der Hiobslegende auf einem Fresko im Campo Santo di Pisa, von Taddeo Gaddi (um 1290–1366)

Bei dem Gedicht „Zueignung“ handelt es sich inhaltlich um eine Elegie, formal um eine Stanze. Goethe spricht darin die Personen des Dramas selbst an, berichtet vom Erwachen des Schaffensprozesses und gibt die Gefühle wieder, die sich seiner dabei bemächtigt haben. Er trauert den vergangenen Zeiten nach, seiner Jugend, seiner ersten Liebe und Leidenschaft und den verlorenen Gefährten dieser Zeit.

Vorspiel auf dem Theater Ein Theaterdirektor, ein Dichter und die Lustige Person (gemeint ist ein Schauspieler) streiten über Sinn und Zweck eines gelungenen Theaterspiels. Der Direktor betont dessen unternehmerische, der Dichter die künstlerische, die Lustige Person die unterhaltende Absicht. Ihr Kompromiss sei das nun folgende Universalstück, der Faust: So schreitet in dem engen Bretterhaus / den ganzen Kreis der Schöpfung aus / und wandelt mit bedächt’ger Schnelle / vom Himmel durch die Welt zur Hölle! (V. 239–242).

Prolog im Himmel Der Prolog im Himmel beginnt mit einer Verherrlichung der Werke des Herrn (Gottes) durch die Dreiergruppe der Erzengel. Deren positive Sichtweise wird durch Mephisto spöttisch in Frage gestellt. Darauf folgend schließen Mephisto und der Herr eine Wette ab, die an die Hiobswette im Alten Testament angelehnt ist. Der Herr bringt die Sprache auf Doktor Faust, seinen Knecht (V. 299), der ihm bisher nur verworren diene (V. 308). Mephisto wettet, er könne Faust verführen, vom rechten Weg abzuweichen. Der Herr lässt Mephisto gewähren (Nun gut, es sei dir überlassen! (V. 323)), sagt aber voraus, dass Mephisto verlieren werde: Und steh beschämt, wenn du bekennen musst: / Ein guter Mensch in seinem dunklen Drange / ist sich des rechten Weges wohl bewusst (V. 327–329).

Der Tragödie erster Teil Nacht – Faust, Erdgeist, Wagner mini|hochkant|Faust im Studierzimmer (Gemälde von Georg Friedrich Kersting, 1829) mini|links|hochkant|„Geschäftiger Geist, wie nah fühl ich mich Dir!“ –„Du gleichst dem Geist, den du begreifst, Nicht mir!“Faust und Erdgeist, Illustration von Goethes eigener Hand

Der promovierte Gelehrte Heinrich Faust zweifelt am Erkenntniswert der Wissenschaft, die weit davon entfernt sei, zu erklären, was die Welt im Innersten zusammenhält (V. 383). Er zieht die Summe seiner langjährigen Studien und sieht, dass wir nichts wissen können! (V. 364). Um der realwissenschaftlichen Sackgasse zu entkommen, greift er zur Magie und beschwört den Erdgeist, die wirkende Kraft der Natur.

Er hofft, durch ihn zur Teilhabe am Leben des göttlichen Alls zu gelangen: Der Du die weite Welt umschweifst, / geschäftiger Geist, wie nah fühl ich mich dir! (V. 510–511), wird aber von jenem Geist nur verhöhnt und schmerzvoll an seine eigene Sterblichkeit erinnert: Wo ist der Seele Ruf? / Wo ist die Brust, die eine Welt in sich erschuf? […] Wo bist Du, Faust, des Stimme mir erklang? […] Ein furchtsam weggekrümmter Wurm! (V. 490–491, V. 494, V. 498). So entzieht sich der Erdgeist Faust, und Wagner tritt auf.

Aus Verzweiflung und einem letzten Bedürfnis nach Grenzüberschreitung beschließt Faust, sich durch Gift das Leben zu nehmen, wird jedoch durch das Glockengeläut zum Ostersonntag, das ihn weniger an die christliche Botschaft als an glückliche Kindertage erinnert, davon abgehalten, das Gift auszutrinken.

Vor dem Tor – Osterspaziergang mini|hochkant|Faust und Wagner auf dem Osterspaziergang, Lithographie von Gustav Schlick Am nächsten Tag, dem Ostersonntag, unternimmt Faust mit Wagner einen festtäglichen Frühlingsspaziergang und mischt sich unter das promenierende Volk. Bei dieser Gelegenheit zeigt sich, welch hohe Achtung Faust seiner medizinischen Verdienste wegen bei der Landbevölkerung genießt. Die Szene zeigt einen Querschnitt der Gesellschaft: Es treten Bürger und Bauern auf, Studenten, Handwerksburschen und Soldaten, Bürgertöchter und Mägde. In ihren Gesprächen werden unterschiedliche Anschauungen der verschiedenen Stände und Generationen deutlich.

Faust offenbart Wagner sein inneres Zerrissensein zwischen körperlichen und geistigen Bedürfnissen, zwischen irdischen und himmlischen Ambitionen: Zwei Seelen wohnen, ach! in meiner Brust, / die eine will sich von der andern trennen: / die eine hält, in derber Liebeslust, / sich an die Welt mit klammernden Organen; / die andre hebt gewaltsam sich vom Dust / zu den Gefilden hoher Ahnen. (V. 1112–1117).

Ein seltsamer schwarzer Pudel folgt den beiden Spaziergängern; Faust nimmt ihn mit in sein Studierzimmer.

Studierzimmer (I) – Pudelszene: Faust, Mephisto Faust übersetzt den Anfang des Johannesevangeliums . Um den Sinn des griechischen Wortes logos zu erfassen, zieht er die Übersetzungen Wort, Sinn und Kraft in Erwägung und entscheidet sich dann für Tat: Im Anfang war die Tat! (V. 1237).

Unterdessen wird der ihm zugelaufene Pudel unruhig. Von Faust zur Rede gestellt und mit Zaubersprüchen beschworen, entpuppt sich das Tier schließlich als Mephisto (Das also war des Pudels Kern! (V. 1323)), der sich vorstellt als ein Teil von jener Kraft, / die stets das Böse will und stets das Gute schafft (V. 1335–1336) und als Geist, der stets verneint (V. 1338).

Studierzimmer (II) – Teufelspakt, Schülerszene mini|hochkant|Der Teufelspakt, Stahlstich von Julius Nisle (um 1840)

Im sogenannten Teufelspakt verpflichtet sich Mephistopheles, Faust im Diesseits zu dienen und hier alle Wünsche zu erfüllen. Im Gegenzug ist Faust bereit, dem Teufel seine Seele zu überantworten, falls es diesem gelinge, ihm Erfüllung und Lebensglück zu verschaffen (Faust: Werd’ ich zum Augenblicke sagen: / Verweile doch! du bist so schön! / Dann magst du mich in Fesseln schlagen, / Dann will ich gern zugrunde gehn! (V. 1699–1702)).

Mephistopheles knüpft an Fausts Enttäuschung über sein Studierstubenleben an, um ihm den banalen Lebensgenuss schmackhaft zu machen: Wir müssen das gescheiter machen / Eh’ uns des Lebens Freude flieht. (V. 1818–1819) Hinter seinem Rücken verhöhnt er ihn: Verachte nur Vernunft und Wissenschaft … (V. 1851).

In Fausts Professorentalar gekleidet, hält Mephisto einen soeben neu angekommenen Studenten mit einer zynischen Studienberatung zum Narren und holt aus zu einem satirischen Rundumschlag gegen die Universitätsgelehrsamkeit im Allgemeinen und die Engstirnigkeit einzelner Fakultäten im Besonderen.

Die Begegnung mit dem Schüler endet mit dem Eintrag in dessen Stammbuch: Eritis sicut Deus scientes bonum et malum (Ihr werdet sein wie Gott und wissen, was gut und böse ist (V. 2047)). Damit zitiert Mephisto die Worte, die die Schlange der Bibel zufolge an Adam und Eva richtete, um sie zur Sünde zu verführen. Indem Mephisto in seinem anschließenden Kurzmonolog die Szene mit den Worten Dir wird gewiss einmal bei deiner Gottähnlichkeit bange! (V. 2049) verspottet, bewertet er zugleich indirekt Fausts Streben nach Gottesebenbildlichkeit (V. 614) als Wiederholung des Sündenfalls.

Auerbachs Keller in Leipzig Vier angetrunkene Studenten in Auerbachs Keller versuchen, sich mit zotigen Scherzen und ordinären Liedern in Laune zu bringen. Mephisto führt Faust ins Lokal, um ihm zu zeigen, wie leicht sich’s leben läßt (V. 2160). Als Ortsfremde erregen beide das Interesse der Zechenden. Durch ein Lied versteht Mephisto, sich schnell in deren Kreis einzuschmeicheln, und als er jedem die gewünschte Weinsorte aus dem Tisch zaubert, steigt die Stimmung. Faust hat davon bald genug, aber Mephisto bittet um Geduld: Gib nur erst acht, die Bestialität / wird sich gar herrlich offenbaren (V. 2297–2298). Der Wein verwandelt sich plötzlich in Feuer und die Betrunkenen versuchen daher, Mephisto mit Messern anzugreifen. Dank seiner magischen Kräfte gelingt es diesem jedoch, die Gefahr zu bannen und mit Faust zu entfliehen. Die Studenten bleiben verwundert zurück: Nun sag mir eins, man soll kein Wunder glauben! (V. 2336).

Hexenküche Mephisto führt Faust in eine Hexenküche, in der ihm – unter der Deklamation des Hexeneinmaleins – ein Zaubertrank verabreicht wird, der ihn verjüngt und ihm jede Frau begehrenswert erscheinen lässt. Faust legt zunächst Widerworte ein, fügt sich dann aber doch. Überrumpelt von Mephistos schmeichelnden Verheißungen und der verwirrenden Umgebung in diesem Wust von Raserei (V. 2339), trinkt er das Zaubergebräu. Noch bevor seine körperliche Verjüngung einsetzt, erblickt er in einem Spiegel das Idealbild einer Frau und ist von deren Anblick vollkommen verzückt – Oh Liebe, leihe mir den schnellsten deiner Flügel / und führe mich in ihr Gefild! (V. 2431–2432). Von diesem Bild will er nicht lassen, doch Mephisto führt ihn, unter Hinweis auf zukünftige Liebesfreuden, mit den Worten fort: Du siehst, mit diesem Trank im Leibe, / Bald Helenen in jedem Weibe (V. 2603–2604).

Straße (I) – Begegnung mit Gretchen