mini|300px|Logo bis 28. November 2022
Der Tagesspiegel (auf dem Titelblatt der Printausgabe bis 2022 sowie im Impressum der Printausgabe weiterhin Der Tagesspiegel) ist eine 1945 gegründete Tageszeitung aus Berlin. Er hat vor der Berliner Zeitung und der Berliner Morgenpost die höchste Auflage unter den Berliner Abonnementzeitungen und wird – im Unterschied zur Berliner Zeitung – vor allem in den westlichen Bezirken der Stadt gelesen. Die verkaufte Auflage beträgt zusammen mit der Nebenausgabe Potsdamer Neueste Nachrichten Er erscheint im Verlag Der Tagesspiegel GmbH, der zur DvH Medien gehört. Das Motto der Zeitung lautet „rerum cognoscere causas“ („Die Ursachen der Dinge erkennen“).
Politische Ausrichtung
Im Bundestagswahl-Jahr 2021 untersuchte der Tagesspiegel selbst, welches die „Lieblingsmedien der Parteien“ seien. Dabei wurde ermittelt, „von welchen Medien Bundestagsabgeordnete auf Twitter am häufigsten Links teilen – über alle Parteien hinweg“, und danach sortiert danach, „welche Parteien allgemein die meisten Links teilen […] und danach, welche Medien am häufigsten geteilt wurden“. Hierbei erhielt der Tagesspiegel 1191 Links von Grünen-Abgeordneten, es folgten 993 von der FDP, 836 von der Linken und 798 von der AfD. Erst danach folgten die damaligen Regierungsparteien SPD mit 727 und CDU/CSU mit 549.Eigendarstellung des Tagesspiegels auf tagesspiegel.de
Eine Untersuchung von 47 Medien im Jahr 2024 der Universität Mainz verortet die „ideologische Grundpositionierung“ des Tagesspiegels als gemäßigt liberal-progressiv und gemäßigt sozialstaatsorientiert. Er positioniert sich damit geringfügig konservativ-autoritärer und marktliberaler als etwa Die Zeit. In Relation zu allen untersuchten Medien liegt er damit relativ mittig.
Geschichte
Anfänge Die erste Ausgabe der von Erik Reger, Walther Karsch, Heinrich von Schweinichen und Edwin Redslob gegründeten Tageszeitung erschien nach dem Zweiten Weltkrieg am 27. September 1945 unter der Lizenz der Information Control Division der US-amerikanischen Militärregierung. Das Blatt war zunächst in Berlin und Brandenburg verbreitet, in der Sowjetischen Besatzungszone jedoch unerwünscht. Die New York Times vom 21. März 1946 beschrieb den Tagesspiegel als “independent journal printed in the American sector of Berlin – […] suppressed in the Soviet zone and the Berlin sector” (übersetzt: ‚unabhängige Zeitschrift, gedruckt im amerikanischen Sektor Berlins – […] unterdrückt in der sowjetischen Zone und im Berliner Sektor‘). 1949 beschränkte die Berlin-Blockade den Vertrieb auf West-Berlin.
Für die Gründung der Zeitung stellte der Geschäftsmann und ehemalige Papierhändler Heinrich von Schweinichen seinen Mitgesellschaftern das Gründungskapital in Höhe von 5000 Reichsmark (kaufkraftbereinigt in heutiger Währung: rund Euro)siehe Tabelle „Kaufkraftäquivalente historischer Beträge in deutschen Währungen“ der Deutschen Bundesbank zur Verfügung und finanzierte die Zeitung in den ersten Monaten ihres Bestehens aus eigener Tasche. Im Juni 1946 wurde von Schweinichen aus bisher nicht restlos geklärten Gründen die Lizenz von der US-amerikanischen Besatzungsmacht entzogen.Wolfgang Schivelbusch: Vor dem Vorhang. Das geistige Berlin 1945–1948. München 1995, S. 254 ff. Während die übrigen Gründungsherausgeber noch heute im Impressum des Tagesspiegels genannt werden, bleibt der Name von Schweinichens unerwähnt. Franz Karl Maier, Verleger und Herausgeber des Tagesspiegels von 1949 bis 1984, ein früher Mitherausgeber der Stuttgarter Zeitung, war ab 1946 in Stuttgart öffentlicher Ankläger bei der Spruchkammer zur Aufarbeitung der Verbrechen des Nationalsozialismus gewesen. Da er dort auch den späteren Ministerpräsidenten Reinhold Maier angezeigt hatte, musste er die Stuttgarter Zeitung mit einer Abfindung verlassen und zog nach Berlin.
Die amerikanische Militärregierung erteilte am 26. Juni 1945 die Lizenz für die Zeitung. Am 27. September 1945 erschien die erste Ausgabe. Das Motto „Rerum cognoscere causas – den Dingen auf den Grund gehen“ (Virgil) zierte die Titelseite erst ab dem folgenden Jahreswechsel.
Die Redaktion arbeitete zunächst unter einfachen Bedingungen. Sitz war das Tempelhofer Ullsteinhaus. Die Startbedingungen dort waren karg und provisorisch.
Rasantes Wachstum, dann ein tiefer Einbruch Der Erfolg kam schnell. Schon 1946, im Jahr nach der Gründung, verkaufte die Zeitung 450.000 Exemplare in ganz Deutschland. Gelesen wurde sie in beiden, noch nicht völlig getrennten Teilen Berlins. Doch der Kalte Krieg verschärfte sich. Nach der Blockade und der Währungsreform drifteten Ost und West weiter auseinander. Anfang der 1950er Jahre lag die Auflage nur noch bei 79.000 Exemplaren.
Die Blockade Berlins 1948 Die sowjetische Blockade schnitt den Tagesspiegel von seinem Umland ab. Die Zeitung musste sich auf West-Berlin allein verlassen. Der Kalte Krieg traf Berlin früh und hart. Zeitungspapier kam nur noch per Luftbrücke in die Stadt. Die „Rosinenbomber“ brachten das Papier nach West-Berlin. Auf dem Rückflug nahmen sie Druckmatern für die Fernausgabe mit. Ohne diese Versorgung hätte der Tagesspiegel bald schließen müssen.
Ein Neubau für Verlag und Druckerei Verleger Franz Karl Maier fand Anfang der 1950er eine geeignete Immobilie in der Potsdamer Straße 87 in Tiergarten. Die Partnerschaft mit der Zeitung „Der Abend“ hielt die Investition in moderaten Grenzen. Gemeinsam gründete man die Druckerei Mercator. Ihr Name lebt bis heute in den Mercator-Höfen weiter. Beide Zeitungen erschienen zu unterschiedlichen Tageszeiten und behinderten sich so nicht. Am 30. März 1954 setzte Bürgermeister Walther Schreiber die beiden Rotationsmaschinen in Gang. „Ein Kilometer Zeitung pro Minute“, berichtete man im Blatt. Die Redaktion selbst blieb vorerst im Ullsteinhaus. Ihre Berichte mussten jeden Abend im VW Käfer nach Tiergarten gebracht werden. Am 18. Dezember 1954 zog die Redaktion schließlich in die Potsdamer Straße um.
Eine eigene Seite für Berlin Erst unter Franz Karl Maier führte die Zeitung eine eigene Seite mit ausschließlich Berliner Themen ein. Die Neuerung stärkte laut Verlagschronik die Bindung zwischen Blatt und Leserschaft.
1955 beschäftigte der Tagesspiegel erstmals ein eigenes Feuilleton. Die Leitung übernahm der junge Wolf Jobst Siedler.
Berichterstattung über den Alltag in der DDR Zuständig für die Rubrik „Ost-Berlin in der Ost-Presse“ war der Redakteur Christoph Müller, der von 1960 bis 1968 zunächst als Volontär, dann als Redakteur in der Lokalredaktion arbeitete. Als einziger Mitarbeiter der Berlin-Redaktion besaß er einen bundesdeutschen Reisepass und konnte deshalb selbst nach Ost-Berlin einreisen. In dieser Funktion erhielt er laut Tagesspiegel den inoffiziellen Status eines Sonderkorrespondenten für Ost-Berlin. Er sichtete täglich die DDR-Presse und wählte daraus Beiträge für den Abdruck aus. Die ausgewählten Artikel erschienen unkommentiert. Es handelte sich überwiegend um gewöhnliche Lokalmeldungen, zu denen West-Berliner sonst keinen Zugang hatten. Die Rubrik bestand bis kurz vor dem Mauerfall. Am 1. Oktober 1989 erinnerte sie mit einem Auszug aus der Zeitung „Der Morgen“ an den 20. Geburtstag der Weltzeituhr am Alexanderplatz.
1964 erweiterte der Tagesspiegel sein Angebot um eine regelmäßige Besprechung des DDR-Fernsehens. Als Kritiker gewann die Redaktion den Schriftsteller Uwe Johnson, der die DDR 1959 verlassen hatte. Johnson rezensierte bis Dezember desselben Jahres die Sendungen des Ost-Fernsehens, darunter den „Schwarzen Kanal“ und die Nachrichtensendung „Aktuelle Kamera“.
Weitere Berichterstattung über Ostdeutschland Ab 1972 durften West-Berliner auch ohne besonderen Anlass zu Tagesbesuchen nach Ost-Berlin und in die DDR einreisen. Der damalige Feuilletonchef Hans Scholz nutzte diese neue Freizügigkeit. Am 13. August 1972 veröffentlichte er die erste von 17 Folgen seiner „Bahn- und Fußreise“ durch die Mark Brandenburg. Die Reisen führten ihn nach Erkner, Fürstenwalde, Rauen, Petersdorf, Bad Saarow, Storkow und in das LPG-Dorf Kolpin. Scholz begab sich dabei auf die Spuren des Schriftstellers Theodor Fontane, um den Lesern die Regionalgeschichte der Umgebung nahe zu bringen. Die Zeitung geriet in dieser Phase auch in einen medienpolitischen Konflikt mit dem Land Berlin. Der Regierende Bürgermeister Klaus Schütz (SPD) hatte 1971 von der sozialliberalen Bundesregierung unter Willy Brandt Sondermittel in Höhe von 15 Millionen DM erhalten. Das Geld sollte in drei Jahresraten kleinere und mittlere West-Berliner Zeitungen stützen, vor allem den SPD-nahen Telegraf und dessen Abendausgabe Nacht-Depesche. Auch „Abend“, „Spandauer Volksblatt“ und der Tagesspiegel waren als Empfänger vorgesehen. Die als Kredite deklarierten Zahlungen liefen wegen ihrer günstigen Konditionen faktisch auf eine staatliche Subvention hinaus. Das widersprach den Grundsätzen von Verleger Franz Karl Maier. Er lehnte die für den Tagesspiegel vorgesehene erste Tranche von 500.000 DM ab. Als der Senat auch in den Folgejahren Zahlungen an Abend und Spandauer Volksblatt plante, ging Maier juristisch dagegen vor. Im Mai 1974 untersagte das Verwaltungsgericht die erneute Subventionierung der beiden Zeitungen als verfassungswidrigen Eingriff in die Pressefreiheit. Der Senat legte Berufung ein, unterlag aber ein Jahr später auch vor dem Oberverwaltungsgericht.
Das Ende der Bleisatz-Ära (1983) Am 8. März 1983 erschien die letzte Ausgabe im Bleisatz. Sie wurde noch mit klassischen Linotype-Setzmaschinen hergestellt. Danach stellte auch der Tagesspiegel auf Fotosatz um. Damit endete, wie es die Redaktion später in Anlehnung an Hölderlin humorvoll nannte, die „bleierne Zeit“ der Zeitung. Im Januar 1986, ein Jahr vor der 750-Jahr-Feier Berlins, begann Lokalredakteur Ekkehard Schwerk mit einer Serie über die Ostberliner Bezirke. Unter dem Titel „Menschen und Merkmale im anderen Teil der Stadt“ unternahm er Spaziergänge durch die elf Bezirke Ost-Berlins. Die erste Folge führte ihn durch Prenzlauer Berg, zum Kollwitzplatz und in die Husemannstraße, wo er mit Anwohnern ins Gespräch kam. Der technische Rückstand des Blattes zeigte sich auch am Ende des Jahrzehnts noch deutlich. Der spätere Chefredakteur Hermann Rudolph berichtete rückblickend, er sei Ende 1990 bei einem ersten Rundgang durch die Redaktion überrascht gewesen: Die Büros seien eng gewesen, das Arbeiten habe noch an westdeutsche Zeitungshäuser der 1960er Jahre erinnert, mit Schreibmaschinen, Schere und Klebstoff statt Computern.
Neue Eigner seit 1992 mini|Von 1954 bis zum 1. Oktober 2009 genutzter Verlagssitz in der Potsdamer Straße mini|Seit dem 2. Oktober 2009 genutzter Verlagssitz am Askanischen Platz