Die Internet Corporation for Assigned Names and Numbers (kurz: ICANN) koordiniert die Vergabe von einmaligen Namen und Adressen im Internet. Dazu gehört die Koordination des Domain Name Systems und die Zuteilung von IP-Adressen, was auch als „IANA-Funktion“ (abgeleitet von engl. Internet Assigned Numbers Authority) bezeichnet wird. Die ICANN hat ihren Hauptsitz in Los Angeles und ist in Kalifornien als Non-Profit-Organisation eingetragen.

Geschichte mini|Bürogebäude mit ICANN-Gründungssitz in Marina del Rey (2007) mini|ICANN-Hauptsitz in Playa Vista (2024)

Übertragung der IANA-Funktion auf die ICANN Die IANA-Funktion zur Zuteilung von Namen und Adressen war im Arpanet und später im Internet ursprünglich dem US-amerikanischen Informatiker Jon Postel übertragen worden, der hierzu von der DARPA, einer Forschungsagentur der US-amerikanischen Streitkräfte, beauftragt worden war. Beim Auslaufen der Förderprogramme von DARPA und der Forschungsstiftung NSF in den 1990er Jahren entwickelte sich das Internet von einem Netzwerk für Hochschulen und Militär zu einem kommerziellen Rechnernetzwerk. Die Verantwortung zur Aufsicht über die Ausübung der IANA-Funktion ging dabei von der DARPA zur nationalen Telekommunikationsbehörde der Vereinigten Staaten, der National Telecommunications and Information Administration (NTIA), über, welche beim United States Department of Commerce (US-Handelsministerium) angesiedelt ist.

Die NTIA schlug im Februar 1998 in einem „Green Paper“ die Gründung einer neuen gemeinnützigen Organisation vor, die mit der IANA-Funktion beauftragt werden sollte.NTIA: Improvement of Technical Management of Internet Names and Addresses, veröffentlicht im Federal Register am 20. Februar 1998. Abgerufen am 27. Oktober 2012. Am 5. Juni 1998 erklärte die NTIA in einem „White Paper“, die US-amerikanische Bundesregierung sei bereit, eine solche Organisation anzuerkennen und mit der IANA-Funktion und anderen Aufgaben vertraglich zu beauftragen.

Im Oktober 1998 wurde daraufhin die ICANN im kalifornischen Marina del Rey gegründet. Michael M. Roberts wurde der erste Chief Executive Officer und Esther Dyson die Vorstandsvorsitzende. Jon Postel sollte als Chief Technical Officer seine Tätigkeit für die IANA-Funktion fortführen, er verstarb aber im selben Monat.

Ursprünglich sollte die ICANN von einem 19-köpfigen Board of Directors geführt werden, von denen neun von der öffentlichen Nutzerschaft gewählt werden. Nachdem zunächst das Board übergangsweise intern besetzt worden war, fand im Jahr 2000 eine online durchgeführte Direktwahl für fünf Direktorenplätze statt, jeweils einer pro Kontinent. Drei der gewählten Direktoren war seinerzeit eine Nähe zur ICANN nachgesagt worden, während mit Andy Müller-Maguhn für Europa und Karl Auerbach für Nordamerika zwei Kritiker gewählt wurden.Katherine Guckenberger, John F. Kennedy School of Government: ICANN: Ein Experiment globaler Koregulierung. In: Wer regiert das Internet? ICANN als Fallbeispiel für Global Internet Governance (PDF; 2,1 MB), Verlag Bertelsmann Stiftung, Gütersloh 2001. Seite 165 Im Jahr 2002 kam es zu einem Konflikt, bei dem Auerbach vor einem Superior Court in Kalifornien mit einer Klage auf Einsicht in die Geschäftsbücher obsiegte. Daraufhin beschloss man im selben Jahr wurde eine neue Satzung, die die ICANN neu strukturierte, die öffentliche Direktwahl abgeschaffte und die Amtszeit der fünf öffentlichen Vertreter mit Ablauf des Jahres 2003 beendete.

Die weitere Entwicklung Die ICANN entwickelte das System der generischen Top-Level-Domains (gTLD) schrittweise weiter. Im Jahr 2000 wurden sieben neue gTLDs zugelassen: .aero, .biz, .coop, .info, .museum, .name, .pro. 2004 folgten sieben weitere: .asia, .cat, .jobs, .mobi, .post, .tel, .travel.

Seit Juli 2010 unterstützen die Root-Nameserver des Domain Name Systems die Sicherheitserweiterung DNSSEC.

Im Februar 2011 teilte die ICANN die letzten freien IPv4-Adressblöcke den Regional Internet Registries zu und verwies auf IPv6, bei dem genügend freie Adressen zur Verfügung stünden.Available Pool of Unallocated IPv4 Internet Addresses Now Completely Emptied (PDF; 44 kB), 3. Februar 2011. Abgerufen am 5. Januar 2017.

Im Juni 2011 beschloss die ICANN, ein offenes, kostenpflichtiges Bewerbungsverfahren zur Einführung neuer generischer Top-Level-Domains durchzuführen. Während der offiziellen Bewerbungsphase vom 12. Januar bis zum 20. April 2012 wurden 1.930 Bewerbungen eingereicht. Die schrittweise Einführung der ersten neuen gTLDs begann am 23. Oktober 2013.

Im Juni 2012 bezog die ICANN einen neuen Hauptsitz im Ortsteil Playa Vista in Los Angeles, wenige Kilometer vom alten Standort in Marina del Rey entfernt.

Wegfall der Regierungsaufsicht seit 2016 Über die Zukunft der ICANN wird seit längerem diskutiert. Der im September 2016 auslaufende Vertrag zwischen der US-amerikanischen Bundesregierung und der ICANN bot einen Anlass, die Wahrnehmung der IANA-Funktion grundlegend zu überdenken und gegebenenfalls in neue Hände zu geben.

Im März 2014 hatte die NTIA angekündigt, beim Auslaufen des Vertrags die Aufsicht über die ICANN abzugeben – allerdings nur, wenn sich auch andere Regierungen aus der Kontrolle der ICANN heraushielten. Spätestens im Sommer 2015 sollte der NTIA dazu ein Vorschlag vorgelegt werden. Nachgedacht wurde auch über die Ansiedelung der IANA-Funktion bei den Vereinten Nationen.

Im März 2016 haben sich die Gremien der ICANN jedoch auf ihrem 55. Treffen in der marokkanischen Stadt Marrakesch auf ein Modell für die Weiterführung ihrer Aufgaben, die Verwaltung der zentralen Rootzone und weiterer zentraler Datenbanken, ohne Aufsicht der US-amerikanischen Regierung geeinigt. Die Kontrolle der IANA-Funktion soll demnach durch die Selbstverwaltungsgremien der ICANN selbst erfolgen. Die Prüfung durch die NTIA und die Beratung im US-amerikanischen Kongress schlossen sich an – vor dem Hintergrund der scheidenden Regierung Obama und vor den Präsidentschaftswahlen im November 2016. Die Zustimmung wurde in Zusammenhang mit Bemühungen der US-amerikanischen Seite gesehen, im Nachgang zur Snowden-Affäre gegenüber anderen Staaten versöhnlicher aufzutreten.

Am 29. September 2016 hatten die vier von der republikanischen Partei dominierten US-amerikanischen Bundesstaaten Arizona, Oklahoma, Texas und Nevada kurz vor dem Auslaufen des Vertrags den Versuch unternommen, die Privatisierung der zentralen Rootzone mit Hilfe eines Antrags auf eine einstweilige Verfügung zu stoppen. Dazu riefen sie das Bundesbezirksgericht in Galveston, Texas, an. Der Antrag wurde jedoch zurückgewiesen, so dass die Aufsicht der US-amerikanischen Bundesregierung über die ICANN wie vorgesehen am 30. September auslief.

Aufgaben Damit das Internet funktioniert, müssen bestimmte Namen und Adressen weltweit einmalig sein. Deshalb vergibt die ICANN diese Namen und Adressen entweder direkt an anfragende Personen und Organisationen, oder in größeren Blöcken an regionale Organisationen, die die Weitervergabe regeln. Zu den Aufgaben der ICANN gehört die Durchführung der IANA-Funktion, die folgendes umfasst:

Zuteilung von IP-Adressblöcken an die fünf Regional Internet Registries, damit diese kleinere Adressbereiche an die Local Internet Registries zuteilen können Zuteilung von Nummern und Bezeichnern, die von Netzwerkprotokollen verwendet werden, etwa Portnummern oder die Zeitzonen-Datenbank Zuteilung von Top-Level-Domains an Domain Name Registries, damit diese Domain-Registrierungen von Domain-Name-Registraren verwalten

Daneben koordiniert die ICANN den Betrieb der Root-Nameserver und betreibt selbst einen davon. Auch die Verwaltung des DNSSEC-Schlüssels für die Root-Zone gehört zum Aufgabenbereich.

Nach ihrem Selbstverständnis arbeitet die ICANN basisorientiert („bottom up“), konsensgesteuert („consensus-driven“) und unter Einbeziehung verschiedener Interessensgruppen („multi-stakeholder model“).ICANN: Welcome to ICANN! Abgerufen am 5. Januar 2017.

Rechtlicher Status Als zivilrechtliche Non-Profit-Organisation hat die ICANN keine staatlichen Befugnisse. Die Zusammenarbeit mit anderen Organisationen, etwa Registries, wird daher über zivilrechtliche Verträge geregelt. Mit Hauptsitz in Kalifornien unterliegt die ICANN US-amerikanischer Rechtsprechung.

Die US-Regierung legitimiert die ICANN durch verschiedene Vereinbarungen und den Vertrag zur Durchführung der IANA-Funktion. Seit dem 1. Oktober 2009 ersetzt eine gemeinsame „Erklärung verbindlicher Vereinbarungen“ (Affirmation of Commitments) das bisherige Abkommen (Joint Project Agreement, JPA), womit Vertreter der Regierungen und betroffene Interessengruppen regelmäßig prüfen sollen, ob die ICANN ihren Aufgaben satzungsgemäß nachkommt.heise online: Neue Zeitrechnung für die Internetverwaltung Regierungsvertreter aller Staaten haben die Möglichkeit, über das Governmental Advisory Committee (siehe Abschnitt Organisation) beratend an den ICANN-Tätigkeiten mitzuwirken.

Der IANA-Vertrag ist davon unberührt. In diesem sind die Anforderungen und Aufgaben der IANA-Funktion vorgegeben. So darf die ICANN etwa nicht eigenmächtig Änderungen an den Top-Level-Domains in der Root-Zone durchführen, sondern muss diese zur Freigabe an die NTIA geben, die wiederum Verisign als Betreiber des „A“-Root-Nameservers zur Umsetzung der Änderung autorisiert.NTIA: IANA Functions Contract (PDF; 879 kB), 2. Juli 2012. Abgerufen am 5. Januar 2017. Seit der ersten Beauftragung im Jahr 2000 erneuert die NTIA den befristeten Auftrag regelmäßig, zuletzt für den Zeitraum Oktober 2012 bis September 2015, mit Option zur Verlängerung bis September 2019. Die NTIA behält sich das Recht vor, nach Auslauf des Vertrags den Auftrag anderweitig zu vergeben.

Organisation Die ICANN besteht aus verschiedenen Organen, deren Aufgaben in der Satzung der ICANN festgelegt sind. Zentrales Organ ist das aus 21 Mitgliedern bestehende Board of Directors, von denen 16 Mitglieder stimmberechtigt sind. Im November 2013 wurde mit Wolfgang Kleinwächter auch ein renommierter deutscher Akademiker in das Board gewählt. Acht stimmberechtigte Board-Mitglieder werden von einem Nominierungskomitee gewählt und sieben von den ICANN-Organen ASO, ccNSO, GNSO und ALAC. Die Satzung sieht bei der Auswahl der Mitglieder eine geographische und kulturelle Diversität vor. Diese 15 Mitglieder wählen einen Kandidaten für die Position des Präsidenten und CEOs, der ebenfalls stimmberechtigtes Board-Mitglied wird. Fünf weitere Board-Mitglieder ohne Stimmrecht werden von beratenden Organen nominiert. Aus den bestehenden Mitgliedern ernennt das Board einen Vorsitzenden und einen Stellvertreter. Die staatlichen Regierungen sind an der Selbstverwaltung der ICANN gleichberechtigt mit anderen „Stakeholdern“ beteiligt. In Deutschland sind die Parlamente insoweit nicht beteiligt.

Von 2003 bis 2009 war Paul Twomey Präsident und CEO. Seine Nachfolge übernahm Rod Beckstrom, der Juni 2012 seinen Vertrag auslaufen ließ. Von September 2012 bis März 2016 war Fadi Chehadé Präsident und CEO der ICANN, der im Mai 2016 von Göran Marby abgelöst wurde. Vorsitzender des Gremiums ist Steve Crocker, der 2011 die Nachfolge von Peter Dengate Thrush übernahm.

Address Supporting Organization Die Address Supporting Organization (ASO) vertritt die Interessen der Regional Internet Registries (RIRs), die für die Vergabe von IP-Adressblöcken zuständig sind. Seit Oktober 2004 werden die Aufgaben der ASO von der externen Number Resource Organization durchgeführt, die von den RIRs gegründet wurde.ICANN Address Supporting Organization (ASO) MoU, 21. Oktober 2004. Abgerufen am 5. Januar 2017. Der Umstand ist eher formaler Natur, faktisch sind die RIRs seit Gründung der ICANN an der Entwicklung von Richtlinien zur Adressvergabe beteiligt und haben Stimmrecht im Board of Directors.

Country Code Names Supporting Organization