Die litauische Sprache (Litauisch; litauisch ) ist eine baltische Sprache innerhalb der Familie der indogermanischen Sprachen. Es gibt knapp 3,2 Millionen Sprecher der litauischen Sprache. Litauisch ist Amtssprache in Litauen und seit dem 1. Mai 2004 eine der Amtssprachen in der EU. Litauischsprechende Minderheiten gibt es im Nordwesten von Belarus und im Nordosten Polens (Woiwodschaft Podlachien). Darüber hinaus leben größere Gruppen von Exillitauern in verschiedenen Ländern. Allein für Irland geht man von 120.000 Litauern aus, die in der anhaltenden Auswanderungswelle seit dem Zerfall der Sowjetunion nach 1990 zugewandert sind.Airijoje lietuvių per metus padaugėjo 20 tūkst. (470), auf delfi.lt Bis 1945 wurde Litauisch auch im nördlichen Teil Ostpreußens, dem sogenannten Kleinlitauen oder auch Preußisch-Litauen, gesprochen. Hier entstand im 16. Jahrhundert die litauische Schriftsprache.
Eine historische Sprachperiode bzw. Entwicklungsstufe der litauischen Sprache war das Altlitauische.
Geschichte Überlieferung Schriftliche Überlieferung miniatur|Eine litauische Handschrift aus den Jahren 1505–1515 miniatur|Das früheste in litauischer Sprache gedruckte Buch: der Katechismus von Martynas Mažvydas (Martinus Mossuid), gedruckt in Königsberg (Preußen) (litauisch Karaliaučiaus)
Die älteste handschriftliche Glosse, ein Vaterunser, stammt erst aus dem Jahr 1503. Das früheste Buch ist der Katechismus des Martynas Mažvydas (Martinus Mossuid), gedruckt 1547 in Königsberg. Das erste Wörterbuch erschien 1620: Dictionarium trium linguarum von Konstantinas Sirvydas (Constantin Szyrwid) in den Sprachen Polnisch – Latein – Litauisch.
Die Mehrheit der überlieferten frühen litauischen Werke sind kirchliche Texte, die ins Litauische übersetzt wurden. Daraus resultiert, dass im übersetzten Text oft die Syntax der Quellensprache durchscheint und anhand dieser Texte nur bedingt eine Vorstellung von der Syntax der damals gesprochenen Sprache gewonnen werden kann.
Von Interesse sind die sogenannten Nebenüberlieferungen. Das sind einzelne Orts- oder Personennamen in fremdsprachigen Dokumenten, so etwa in den Wegeberichten der Kreuzritter oder in altrussischen Chroniken, die oft entstellt sind, aber wegen ihres hohen Alters wichtig für die Namenforschung sind.
miniatur|Eine litauische Zeitung in lateinischer Schrift aus dem Jahr 1902, gedruckt in der ostpreußischen Gemeinde Neukirch (heute Timirjasewo)
Infolge des polnisch-litauischen Aufstands von 1863 wurde in dem Teil Litauens, der zum Zarenreich gehörte, 1864 das Drucken von litauischen Büchern in lateinischen Lettern verboten – stattdessen durften nur kyrillische Lettern verwendet werden. Erst 1905 wurde dieses Verbot wieder aufgehoben. Während dieser zudem noch durch Zensur geprägten Zeit wurden Bücher oft im benachbarten Ostpreußen gedruckt und durch die sogenannten knygnešiai („Bücherträger“) ins Land geschmuggelt.
Frühgeschichte miniatur|Ausdehnung der litauischen Sprache einschließlich Mischgebieten im 16. Jahrhundert
Das Litauische stammt über das Ur-Baltoslawische von der indogermanischen Grundsprache ab. Von den baltischen Sprachen lebt neben dem Litauischen nur noch die lettische Sprache. Beide Sprachen werden dem Ostbaltischen zugeordnet. Die Trennung des Lettischen und Litauischen voneinander wird für das frühe Mittelalter (7./8. Jahrhundert) datiert. Von der verwandten ausgestorbenen altpreußischen Sprache, die als westbaltische Sprache gilt, gibt es noch einige Schriftdenkmäler.
Das Litauische zeichnet sich durch viele erhaltene altertümliche grammatische Formen aus, die sich zum Teil auch im Sanskrit oder in anderen alten indogermanischen Sprachen wiederfinden. Deswegen gilt das Litauische als die (in vieler Hinsicht) konservativste lebende indogermanische Sprache. Die oberflächlichen (typologischen) Ähnlichkeiten zum Sanskrit sind hauptsächlich darauf zurückzuführen, dass beide Sprachen im Vergleich zu modernen, aber auch den meisten älteren indogermanischen Sprachen die Grundstruktur einer vermuteten indogermanischen Ursprache besonders gut bewahren.Diese Ähnlichkeiten bedeuten aber nicht, dass das Litauische dem indischen Zweig verwandtschaftlich näher stehen würde als dem Lettischen. Vielmehr wäre ein Vergleich des Baltischen (oder Balto-Slawischen) insgesamt und des Indoiranischen insgesamt (besser: der beiden zu rekonstruierenden Grundsprachen Urbaltisch – oder Urbaltoslawisch – und Urindoiranisch, aus denen sich die jeweiligen Unterfamilien entwickelt haben) sinnvoll, im Vergleich zu anderen Zweigen der indogermanischen Sprachfamilie. (Ein ähnlicher Fall ist der Vergleich zwischen Isländisch und Deutsch: Beide Sprachen haben die grammatische, vor allem morphologische Struktur der urgermanischen Sprache besonders gut bewahrt, im Vergleich zu Sprachen wie Dänisch oder Englisch sind sie aber dennoch innerhalb der germanischen Sprachen nicht besonders eng verwandt, sondern gehören unterschiedlichen Zweigen an. Ebenso ist die Ähnlichkeit zwischen Italienisch und Spanisch Ausdruck der Tatsache, dass sie die Struktur des gemeinsamen Vorläufers Latein besser bewahren als z. B. das Französische, doch sind Italienisch und Spanisch innerhalb der romanischen Sprachfamilie nicht besonders eng miteinander verwandt.)
Die Ankunft der Balten im heutigen Siedlungsgebiet wird in das dritte Jahrtausend vor Christus datiert. Die Untersuchung von Gewässernamen hat gezeigt, dass das baltische Siedlungsgebiet sich einst von der Weichsel bis Moskau und Kiew erstreckte – allerdings darf man von einer nur dünnen Besiedlung ausgehen. Baltische Völkerschaften wurden hier später von den expandierenden Slawen assimiliert.
Die Gründung eines litauischen Staates erfolgte im Mittelalter durch Mindaugas. Über die Rolle des Litauischen in diesem Staat ist wenig bekannt. Als Schriftsprache diente eine ostslawische Sprache, das sogenannte Kanzleislawische (Ruthenisch), in Kyrillica, allerdings angereichert mit litauischem Vokabular. Später war das Litauische infolge der Vereinigung des Großfürstentums Litauen mit dem Königreich Polen (Union von Krewo) vermehrt polnischen Einflüssen ausgesetzt.
Mündliche Überlieferung Mündliche Überlieferung spielt bis heute eine große Rolle in der Entstehung und Erhaltung der Dialektvielfalt. Trotz des heute kleinen Sprachraumes lassen sich mehrere Idiome unterscheiden, die in zwei Großgruppen unterschieden werden: Aukštaitisch (Oberlitauisch) und Žemaitisch (mitunter auch Schemaitisch geschrieben, Niederlitauisch). Der geschriebenen Sprache liegt das dem Aukštaitischen zuzurechnende Idiom der Region Suvalkija zugrunde, besonders in der Variante wie sie in dem zu Preußen gehörenden Teil der Region gesprochen wurde.
Als historisch kann man indessen die mündliche Überlieferung von Lied- und Erzählgut bewerten – hier gibt es nunmehr riesige Sammlungen an Liedtexten, Märchen und Legenden, die zumeist im 20. Jahrhundert notiert wurden. In diesem Material finden sich viele archaische Relikte des Litauischen.
Jüngste Geschichte, Normierung miniatur|Beispiel einer zweisprachigen Aufschrift (litauisch/russisch) aus der Sowjetzeit (Kernkraftwerk Ignalina)
Um die Herausbildung einer litauischen genormten Schriftsprache haben sich besonders Kazimieras Būga und Jonas Jablonskis verdient gemacht. Im Wesentlichen erfolgte diese Normierung während der Unabhängigkeit Litauens zwischen den Weltkriegen (1918–1941). Neben dem Litauischen war während der Zeit der sowjetischen Okkupation das Russische eine weitgenutzte Verkehrssprache. Durch die Ansiedlung von Menschen aus anderen Sowjetrepubliken waren besonders Industrieregionen betroffen, im Politischen und im Militär war es unvermeidlich, aber teils kam Russisch auch in den Medien, wie Kino und Fernsehen sowie als Publikationssprache in der Wissenschaft in den Vordergrund. Jedoch war das Russische nie erste Amtssprache. Straßenschilder und amtliche Formulare waren zweisprachig. Im Vergleich zu Lettland und Estland blieb der Anteil der Russischsprecher in Litauen geringer.
Über die Reinheit der litauischen Sprache in der Republik Litauen wacht die parlamentarische Kommission der litauischen Sprache (Lietuvių kalbos komisija), die insbesondere das Eindringen von Fremdwörtern durch Bildung neuer Begriffe zu bekämpfen sucht und die Aussprache von Fernseh- und Rundfunkmoderatoren kontrolliert. Die Vorschläge und teils gesetzlichen Vorgaben dieser Kommission sind nicht unumstritten und oft Gegenstand von Spötteleien. Typisch für die normierte litauische Schriftsprache ist der Umstand, dass ausländische Lehnwörter und auch Eigennamen der litauischen Aussprache folgend transkribiert werden. So kam es zu Gerhardas Šrioderis für Gerhard Schröder, Džordžas Bušas für George Bush oder Haris Poteris für Harry Potter. Im Deutschen und vielen anderen Sprachen findet dieses Verfahren der Transkription nur für Begriffe Anwendung, deren Originalsprachen keine Lateinschrift verwenden. Eigennamen werden mit großen Anfangsbuchstaben geschrieben, andere Substantive dagegen nicht.
Dazu kommt das Anhängen der Endung -as, -is oder -us an maskuline, und eines -a oder -ė an feminine Substantive, auch wenn es sich um Lehnwörter handelt, solches sind šlagbaumas, ananasas, vunderkindas – taksi, ledi sind hingegen indeklinabel. Dieses Hinzufügen der Endung ist rein grammatikalischer Natur und in der artikellosen litauischen Sprache für die Verständlichkeit unverzichtbar.
Forschungsgeschichte Besondere Verdienste um die Erforschung des Litauischen erwarb sich im 19. Jahrhundert August Schleicher, der als Philologieprofessor an der Prager Universität 1856/1857 das erste wissenschaftliche Handbuch der litauischen Sprache in zwei Bänden veröffentlichte. Schleicher beschreibt darin das von ihm in Ostpreußen erlernte preußische Litauisch. August Leskien und Karl Brugmann erforschten ebenfalls das Litauische. Ergebnis einer gemeinsamen Expedition war eine Sammlung litauischer Märchen und Lieder.
Aufgrund der Altertümlichkeit des Litauischen ist es eine wichtige Quelle in der Indogermanistik. In der Baltistik wird das Litauische im engeren Kontext erforscht, zudem ist es in der Finnougristik von Interesse, da sich viele Lehnwörter in den ostseefinnischen Sprachen gut anhand von baltischem und insbesondere litauischem Material deuten lassen.
Alphabet
Das litauische Alphabet basiert auf dem lateinischen Alphabet und enthält als zusätzliche diakritische Zeichen (Akzentuierungen) verschiedene Häkchen und Punkte, nämlich das Ogonek, das Hatschek, das Makron sowie den Überpunkt. Zur Kennzeichnung der Töne sind darüber hinaus der Gravis `, der Akut ´ sowie die Tilde ˜ im Gebrauch. Die lateinischen Buchstaben q, w und x werden nur in Fachtexten zur originalgetreuen Schreibung fremdsprachlicher Eigennamen gebraucht.
Phonetik und Phonologie Konsonanten + Konsonanten des Litauischen bilabial labiodental alveolar postalveolar palatal velar stimmlos stimmhaft stl. sth. stl. sth. stl. sth. stl. sth. stl. sth. Plosive nicht palatalisiert palatalisiert Affrikaten nicht palatalisiert palatalisiert Nasale nicht palatalisiert palatalisiert Vibranten nicht palatalisiert palatalisiert Frikative nicht palatalisiert palatalisiert Approxi-manten nicht palatalisiert palatalisiert Laterale nicht palatalisiert palatalisiert
Bei den meisten Konsonanten ist die Palatalisierung tatsächlich phonemisch. An Beinaheminimalpaaren mangelt es nicht, z. B. anglų „Engländer (Gen. Pl.)“ gegenüber anglių „Kohlen (Gen. Pl.)“. Echte Minimalpaare beschränken sich jedoch zumeist auf grammatische Phänomene, z. B. sunkus „schwer (Nom. Sg. m.)“ gegenüber sunkius „schwer (Akk. Pl. m.)“.