Die lettische Sprache (lettisch latviešu valoda) gehört zum baltischen Zweig der indogermanischen Sprachfamilie.
Sie ist die verfassungsmäßig verankerte Amtssprache in Lettland und eine der vierundzwanzig Amtssprachen der EU.
Lettisch ist die Muttersprache von ca. 1,7 Millionen Menschen, die überwiegend in Lettland, aber auch in der Diaspora leben.
Allgemeine Beschreibung Das Lettische gehört zur östlichen Gruppe der baltischen Sprachen (Ostbaltisch, vgl. Unterteilung der baltischen Sprachen). In seiner heutigen Struktur ist das Lettische weiter entfernt vom Indogermanischen als das verwandte und benachbarte Litauische. Archaische Züge finden sich jedoch in den traditionellen Volksliedern und Gedichten (Dainas), wo Ähnlichkeiten mit Latein, Griechisch und Sanskrit deutlicher sind. Das Vokabular enthält viele Lehnwörter aus dem Deutschen, Schwedischen, Russischen und neuerdings aus dem Englischen. Etwa 250 Wörter der Umgangssprache sind Lehnwörter aus dem Livischen.Gyula Décsy: Einführung in die finnisch-ugrische Sprachwissenschaft. Wiesbaden 1965, S. 77. Das Livische hat auch die Grammatik der lettischen Sprache beeinflusst. Das Verb „haben“ fehlt beispielsweise im Lettischen wie auch im Livischen und in den anderen ostseefinnischen Sprachen, zur Angabe des Besitzers verwendet man den Dativ mit der Kopula. Das Verb turēt, das mit dem litauischen Wort für „haben“ (tureti) verwandt ist und heute "halten" bedeutet, wurde bis ins 16. Jahrhundert in Gedichten und Erzählungen im Sinne von „besitzen, haben“ verwendet und wurde später unter dem Einfluss des Livischen ungebräuchlich.Fanny de Sivers: Parlons Live, S. 34. Paris 2001 Der Buchstabe „h“ kommt im Lettischen nur in Lehnwörtern vor und fehlt auch im Livischen.Gyla Décsy: Einführung in die finnisch-ugrische Sprachwissenschaft, S. 81. Wiesbaden 1965 Im Livischen gibt es – im Gegensatz zu den anderen ostseefinnischen Sprachen – einen Dativ, der möglicherweise unter dem Einfluss des Lettischen entstanden ist.Daniel Abondolo: The Uralic Languages, S. 97. New York 2006 Dass im Lettischen die Wörter auf der ersten Silbe betont werden wie im Livischen könnte ebenfalls eine Folge des livischen Einflusses sein.Gyla Décsy: Einführung in die finnisch-ugrische Sprachwissenschaft, S. 77. Wiesbaden 1965 Mit dem Beitritt Lettlands zur EU und der Übersetzung umfangreicher Gesetzestexte zeigten sich Lücken im lettischen Vokabular. Das staatliche Übersetzungsbüro prüft und entwickelt Wortneuschöpfungen.
Das Lettische wird mit lateinischer Schrift geschrieben. Die erste Grammatik des Lettischen (Manuductio ad linguam lettonicam facilis) wurde 1644 von Johann Georg Rehehusen, einem Deutschen, herausgegeben. Ursprünglich wurde eine an das Niederdeutsche angelehnte Orthographie verwendet, Anfang des 20. Jahrhunderts jedoch in einer radikalen Rechtschreibreform eine annähernd phonematische Schreibweise eingeführt. Diese heute noch gültige Rechtschreibung verwendet einige diakritische Zeichen, nämlich den Überstrich zur Anzeige eines langen Vokals, das Unterkomma unter einem Konsonanten zur Anzeige der Palatalisierung und den Hatschek (Haken) zur Erzeugung der Zeichen „Č“, „Š“ und „Ž“.
Im Vergleich mit westeuropäischen Sprachen ist Lettisch eine ausgeprägt flektierende Sprache. Es werden Flexionsendungen verwendet und auf Artikel wird verzichtet. Auch ausländische Eigennamen bekommen im Lettischen eine deklinierbare Endung (im Nominativ -s oder -is für Maskulinum, -a oder -e für Femininum; Namen auf -o werden nicht flektiert). Außerdem werden sie phonologisch in lettischer Rechtschreibung wiedergegeben (Beispiele sind Džordžs V. Bušs für George W. Bush, Viljams Šekspīrs für William Shakespeare). Viele aktuelle lettische Familiennamen, die deutschen Ursprungs sind, gehören ebenfalls zu dieser Gruppe und sind für Deutsche im Schriftbild oft kaum wiederzuerkennen. Die Praxis der Deklination und der phonetischen Schreibweise von Eigennamen wurde durch das lettische Namensgesetz vom 1. März 1927 für amtliche Dokumente festgeschrieben.Detlef Henning: Die deutsche Volksgruppe in Lettland und die Rechte der Minderheiten 1918 bis 1940. In: Boris Meissner, Dietrich André Loeber, Detlef Henning (Hrsg.): Die deutsche Volksgruppe in Lettland während der Zwischenkriegszeit und aktuelle Fragen des deutsch-lettischen Verhältnisses. Bibliotheca Baltica, Tallinn 2000, ISBN 9985-800-21-4, S. 40–57, hier S. 50.
Geschichte im 20. Jahrhundert 300px|mini|Lettisch als Primärsprache zu Hause nach Gemeinden und Städten (2011) – die Orte mit dem geringsten Anteil sind die Republik-Stadt Daugavpils und der Bezirk Zilupe Mit der Gründung des ersten lettischen Staates 1918 wurde das Lettische erstmals Staatssprache. Damit verbunden war die Bildung einer normierten Standardsprache.
Während der Zugehörigkeit zur Sowjetunion setzte eine Russifizierung ein. Durch gezielte Förderung der Einwanderung von sowjetischer Seite wurde Lettisch fast zur Minderheitensprache in der lettischen SSR (1990 gab es nur noch 51 % Lettischsprachige in Lettland, in der Hauptstadt Riga nur noch etwa 30 %). Nach 1991 wurden drastische Maßnahmen eingeführt, um diesen Zustand wieder rückgängig zu machen, was auch Kritik aus einigen westlichen Ländern nach sich zog. Im Jahre 2006 sprachen wieder 65 % der Einwohner Lettlands Lettisch als Muttersprache (als Verkehrssprache beherrschen 88 % der Bevölkerung Lettisch), und alle Schulkinder werden – zumindest theoretisch – neben ihrer Muttersprache teilweise auch auf Lettisch unterrichtet, sodass das Lettische in einigen Jahrzehnten möglicherweise wieder einen Status erreicht haben wird, der mit anderen Nationalsprachen in Europa vergleichbar ist. In den größeren Städten und insbesondere in den zur Sowjetzeit entstandenen Trabantenstädten ist Russisch die vorherrschende Verkehrssprache.
Seit dem 1. Mai 2004 ist Lettisch eine der Amtssprachen der EU.
Alphabet und Aussprache 450px|mini|Lettisches Sprachgebiet 1884 nach August Bielenstein. Diese Karte wurde benutzt zur Festlegung der Staatsgrenzen des unabhängigen LettlandAusstellung zum 100. Todestag von August Bielenstein Jānis Stradiņš betont in seinem Vortrag die Bedeutung dieser Karte zur Festlegung der Grenzen.. Das lettische Alphabet besteht aus 33 Zeichen: Konsonanten Lettisch IPA Deutsch Beispiel b b bērns ‚Kind‘ c z (wie Zeder) cilvēks ‚Mensch‘ č tsch čakls ‚fleißig‘ d d diena ‚Tag‘ f f fabrika ‚Fabrik‘ g g gribēt ‚wollen‘ ģ etwa dj; exakt wie das ungarische „gy“ ģimene ‚Familie‘ h ch (wie in machen) haoss ‚Chaos‘ j j jaka ‚Jacke‘ k k kakls ‚Hals‘ ķ etwa tj (wie in tja); exakt wie ungarisch „ty“oder isländische Aussprache von kj in Reykjavík ķīmija ‚Chemie‘ l eher dickes l (wie in Trakl) labs ‚gut‘ ļ lj ļoti ‚sehr‘ m m maz ‚wenig‘ n n nākt ‚kommen‘ ņ nj ņemt ‚nehmen‘ p p pazīt ‚kennen‘ r r (Zungenspitzen-r) redzēt ‚sehen‘ s stimmloses s sacīt ‚sagen‘ š sch šeit ‚hier‘ t t tauta ‚Volk‘ v w valsts ‚Staat‘ z stimmhaftes s zināt ‚wissen‘ ž wie g in Blamage žurka ‚Ratte‘ Die Buchstaben „h“ und „f“ kommen nur in Fremd- oder Lehnwörtern vor.
In älteren Schriften erscheinen noch folgende Konsonanten: „Ŗ“, ein palatalisiertes „R“ (mīkstināts burts „R“) „ch“, als einzelner Laut aufgefasst, entsprechend dem deutschen „ch“, heute als „h“ geschrieben. Diese Formen wurden durch die Rechtschreibreform 1946 in Sowjet-Lettland abgeschafft, erschienen aber weiterhin in der Exil-Literatur.
Vokale Die Phoneme und werden gewöhnlich gleich geschrieben, und zwar als e (kurz) bzw. ē (lang). Der Linguist und Literat Jānis Endzelīns, der von der ersten Unabhängigkeitsbewegung beeinflusst wurde, verwendete für den Buchstaben ę und für // zusätzlich ein Makron. Dies wurde und wird von Anhängern einer „erweiterten Orthografie“ immer wieder aufgegriffen.nach Holst, S. 37
Das ursprünglich nur als Diphthong gesprochene o wird in neuzeitlichen Lehn- und Fremdwörtern meist wie und gesprochen.
Allen übrigen Vokalen ist im Standardlettischen jeweils genau ein Buchstabe zugeordnet. + Vokale nach Holst palatal velar uvular geschlossen offen
+ Tabelle mit Beispielen Lettisch IPA Deutsch Beispiel a a akls ‚blind‘ ā [] ah ātrs ‚schnell‘ e , ä, manchmal sehr offenes ä (wie in Englisch hat) ezers ‚See‘ ē [], [] äh, manchmal sehr offenes ä (wie in Englisch bad) ēst ‚essen‘ i i ilgs ‚lang‘ ī [] ih īss ‚kurz‘ o [], , [] in lettischen Wörtern uo, in Fremdwörtern langes oder kurzes o ozols ‚Eiche‘, [] (als Diphthong), opera ‚Oper‘ (lang), ordenis (kurz) u u uguns ‚Feuer‘ ū [] uh ūdens ‚Wasser‘ mini|Banknote Zwanzig Lats (1936) mit dem Zeichen „Ō“ Die Vokale mit Makron (also ā, ē, ī und ū) werden lang ausgesprochen, wogegen die normalen Vokale sehr kurz sind, am Wortende meist kaum hörbar.
Das o wird in ursprünglich lettischen Wörtern wie [] gesprochen, der als Diphthong nicht in lang oder kurz unterteilbar ist und somit ein Makron überflüssig macht. Doch auch in Entlehnungen, die schon lange zum zentralen Wortschatz gehören (z. B. oktobris), wird dieser Buchstabe fast immer als einfacher kurzer Vokal bzw. [] ausgesprochen. Ein Gegenbeispiel ist wiederum mode (Mode, Stil), wo der Diphthong benutzt wird. Oktobra mode enthält also drei verschieden ausgesprochene o. Auf den Banknoten der Zeit zwischen den beiden Weltkriegen erscheint das „Ō“ in dem Fremdwort „nōminālvērtībā“. Das Zeichen wurde mit der Rechtschreibreform 1946 abgeschafft. In der lettgallischen Orthographie ist das „Ō“ bis heute erhalten.
Die lange bzw. kurze Aussprache des o bildet im Gegensatz zu allen anderen Vokalen nie Minimalpaare. Die anderen Vokale benötigen deshalb das Makron, um Minimalpaare wie tevi ‚dich‘ – tēvi ‚Väter‘; Rīga ‚Riga‘ – Rīgā ‚in Riga‘ in der Schreibung zu unterscheiden.
Die Betonung sagt generell nichts über die Länge der Vokale aus, vgl. den Abschnitt Grammatik. Die grammatisch bedeutsame Unterscheidung unbetonter Vokale in lang oder kurz ist z. B. im Deutschen oder Russischen unbekannt.
Kurze, unbetonte Vokale, vor allem im Auslaut, werden im verbreiteten Rigaer Dialekt weitgehend entstimmt (desonorisiert), z. B. bija ‚er/sie/es war‘ wird dann [] statt [] ausgesprochen, oder cilvēki ‚Menschen, Leute‘ als [] statt [].nach Holst, S. 45 Dies wirkt mitunter wie ein Verschlucken oder Wegfallen dieser Vokale.
Diphthonge
ai [] au [] ei [] eu []
Betonung Im Lettischen liegt die Betonung fast immer auf der ersten Silbe, was auf den Einfluss des Livischen, einer finno-ugrischen Sprache, zurückzuführen sein könnte.Gyula Décsy: Einführung in die finnisch-ugrische Sprachwissenschaft, S. 78. Wiesbaden 1965 Es gibt nur wenige Ausnahmen, beispielsweise werden die Floskeln labdien (Guten Tag) und labvakar (Guten Abend), die sich aus den Bestandteilen lab(s) (gut) und dien(a) (Tag) bzw. vakar(s) (Abend) zusammensetzen, auf der zweiten Silbe betont. Weitere Ausnahmen aus der Alltagssprache, ebenfalls mit Betonung auf der zweiten Silbe, sind paldies (danke) und alle mit kaut (irgend-) beginnenden Wörter.
Orthographie: Beispiele
Beispiel 1: Vaterunser in lettischer Sprache und verschiedenen Versionen: Die ursprüngliche Rechtschreibung des Lettischen orientierte sich stark an der deutschen Sprache. Im 19. Jahrhundert traten erste Versuche mit diakritischen Zeichen auf. Nachdem Lettland unabhängig wurde, gab es eine durchgreifende Reform, die nur zögerlich im Lauf der Jahre von den Medien aufgegriffen wurde. mini| Das Vaterunser in lettischer Sprache, veröffentlicht von Sebastian Münster in seiner Cosmographia