mini|Kilometerweite Marsch in den Vier- und Marschlanden am Elbdeich Marsch(land) (von urgermanisch *mariskaz, altsächsisch mersk) – auch Masch, Mersch oder Schwemmland genannt – bezeichnet einen nacheiszeitlich entstandenen geomorphologisch-pedologischen Landschaftstyp im Gebiet der nordwestdeutschen Küsten und Flüsse sowie ähnliche Landschaften weltweit. mini|Die Wedeler Marschlandschaft in Schleswig-Holstein mini|hochkant|Der Hadelner Kanal zur Entwässerung der Marsch Das Schöpfwerk Otterndorf im Land Hadeln zur Entwässerung der Medem verfügte damals bereits über die größte Kreiselpumpe Europas.|mini mini|hochkant|Das Schöpfwerk in Neuhaus für die Aue und des Neuhaus-Bülkauer Kanals
Definition Marschen sind generell flache Landstriche ohne natürliche Erhebungen. Sie bestehen aus angeschwemmten Sedimenten und liegen in etwa auf Höhe des Meeresspiegels landeinwärts des Watts und der Salzwiesen und reichen bis zur Geest, die pleistozänen Ursprungs ist. Entstehungsgeschichtlich gehören sie zu den jüngsten geologischen Formationen: Sie sind holozänen Ursprungs, also nacheiszeitlich. Wenige Dezimeter bis mehrere Meter unter dem Marschboden und flachen Meeresgebieten befinden sich glazial geformte Schichten,NIBIS-Kartenserver des Landesamtes für Bergbau, Energie und Geologie – Geozentrum Hannover: http://nibis.lbeg.de/cardomap3/ → Geologie → Geologische Küstenkarte 1:25 000 → Relief der Holozänbasis die denen entsprechen, die in der Geest zutage liegen.
Ausgedehnte Marschgebiete gibt es in Nordwesteuropa nicht nur direkt an der Nordsee, sondern beispielsweise auch als Flussmarschen im Gezeiten-Einflussgebiet der Tideflüsse, insbesondere der Schelde, Maas, Ems, Weser, Elbe, Oste, Stör, Eider und Varde Å sowie der Themse. Das Marschland der deutschen Nordseeküste bildet zusammen mit den benachbarten niederländischen und dänischen Flächen das größte Marschgebiet weltweit. Die Längsausdehnung des Marschlandes zwischen Den Helder (NL) und Esbjerg (DK) beträgt grob 500 km. Ein wichtiges Gegenstück bilden die Marschen zwischen Hoek van Holland und Calais, die sich im Mündungsgebiet von Rhein und Maas als reine Flussmarschen bis zur deutschen Grenze bei Emmerich ausdehnen.
Zwar werden auch weiter im Binnenland gelegene Niederungslandschaften umgangssprachlich oft als „Marsch“ bezeichnet (oder Abwandlungen davon, z. B. Leinemasch in Hannover mit dem Maschsee, das Rhein-Maas-Delta, die Niederrheinische Bucht oder die Leieebene (Plaine de la Lys)), bodenkundlich und hydrologisch handelt es sich dabei aber präziser um Flussauen. Auch die Mündungsgebiete der Weichsel und Nogat (Żuławy Wiślane), das Memeldelta und das Binnendelta des Oderbruchs werden gelegentlich als Marschland betrachtet.
Marschen werden auch feiner z. B. nach Alter oder Entfernung zum Meer unterschieden: Seemarschen Übergangs- und Brackmarschen Flussmarschen Moormarschen Jungmarsch und Altmarsch Der heutige Begriff Marsch ist vor allem durch die deutsche Geographie geprägt. Es handelt sich um einen holistischen Begriff, der, im Gegensatz zu den meisten fremdsprachigen Äquivalenten, sowohl bodenkundliche als auch landschaftliche und kulturgeographische Aspekte umfasst. Grundlegend waren die Reisebeschreibungen des Johann Georg Kohl (1808–1878), der über „die Marschlände der Welt“ berichtete. Der Begriff Marsch überschneidet sich mit verwandten Begriffen, wie Feuchtgebiet, Bruch, Niederung und Sumpf. Während er in Deutschland jedoch fast ausschließlich auf die besiedelte Kulturlandschaft verweist, werden seine sprachlichen Gegenstücke in anderen europäischen Sprachen eher benutzt, um unbesiedelte Feuchtgebiete mit Sümpfen, Bruchwäldern oder Salzwiesen anzudeuten. Die deutsche Terminologie wurde weitgehend in Skandinavien und Tschechien, jedoch nur teilweise im Baltikum und in Osteuropa übernommen.Die Kategorie der „Marschböden“ wurde in Polen, Russland und den baltischen Staaten häufig im formalen System der Bodenklassifikation aufgenommen. Zur Charakterisierung von Naturlandschaften werden die Begriffe „Marsch“ und „Marschland“ dagegen in Osteuropa nur für Salzwiesen benutzt, nicht für die eingedeichten Marschen. In den Niederlanden und Belgien werden dagegen Begriffe wie Kleibezirke und Polderland verwendet.
Die Bezeichnung der Marschen als Bodentyp wurde 1770 von dem Botaniker Otto von Münchhausen eingeführt, nachdem schwedische Naturforscher über „Seeton“ (Söler) schrieben.
Es wird zwischen Seemarschen, Moormarschen, Flussmarschen, Flussauen, Salzwiesen, Taigawiesen, trockengelegten Seen (Polder) und Lagunen (bzw. Haffs und Limane) unterschieden. Die niedrigen Moormarschen, auch Sietland genannt, werden in den Niederlanden zu den Moorlandschaften gerechnet.
Entstehung mini|Animation zum Zusammenhang von Watt, Salzmarsch und Hinterland mit den Gezeiten (Niedrigwasser, Mittlerer Wasserstand, Hochwasser und Springhochwasser)
Ursprung vieler Marschen ist das Watt. Die Marschen entstehen durch allmähliche Verlandung der Salzwiesen durch Sedimentation an Pionierpflanzen. Dieser natürliche Vorgang wurde von den Küstenbewohnern in der Vergangenheit für die Landgewinnung genutzt. Die Sedimentationsrate ist dann am höchsten, wenn die Marschen noch nicht zu hoch über den Meeresspiegel gewachsen sind. Wenn Sturm- und Springtiden die Salzwiesen überfluten, fällt das mitgeführte Material am Ende der Brandungszone aus, weil die Transportkraft durch die verringerte Geschwindigkeit der Wellen kleiner wird.
So entsteht eine leicht erhöhte Zone direkt an der Küste bzw. am Flussufer; das sogenannte Hochland aus minerogenen Sedimenten. Landeinwärts findet keine Sedimentation statt, weshalb hier das tieferliegende Sietland entsteht. Durch den langsamen Anstieg des Meeresspiegels bzw. Senkung des Landes wächst der Höhenunterschied zwischen Hochland und Sietland und kann mehrere Meter betragen. Die Oberfläche kann aber auch bis unter den Stand des Tidenniedrigwassers sinken.
Zur Landgewinnung bzw. zum Hochwasserschutz wurden die Marschen früher eingedeicht. Diese durch Fluss- und Seedeiche geschützten Gebiete werden als Koog (in Schleswig-Holstein), Groden oder Heller (in Niedersachsen) oder Polder (in den Niederlanden) bezeichnet. Wo kein Schutz durch Deiche vorhanden ist, zum Beispiel auf Halligen, wurden Gehöfte und Ansiedlungen wegen der Überflutungsgefahr auf einige Meter hohe aufgehäufte Warften oder Wurten (niederländisch: Terpen) gebaut.
Das Marschland wird durch ein Entwässerungssystem, bestehend aus Gräben, Wettern oder Wetterungen, Pumpstationen und Sielen trocken gehalten. Ohne diese ständige Entwässerung würden sich Moorgebiete entwickeln. Durch das Trockenlegen ist das Land (teilweise unter den Meeresspiegel) abgesackt. Die tiefste Landstelle Deutschlands liegt 3,54 Meter unter dem Meeresspiegel und befindet sich am Ortsrand von Neuendorf-Sachsenbande in der Wilstermarsch westlich von Itzehoe in Schleswig-Holstein.
Klassifizierung Die Marschen bildeten nach der deutschen Bodensystematik bis 2024 die Klasse M in der Abteilung der semiterrestrischen Böden (Grundwasserböden), jetzt entweder Marschgley (Klasse GM) genannt oder zu den Pseudogleys (Klasse SS) gerechnet.
Die deutsche Bodensystematik war eine der wenigen Klassifizierungen weltweit, die die Marschböden als eigene Klasse ansprach. Die meisten Systeme – wie die WRB – sehen in ihnen nur Teile anderer Klassen. Diese Besonderheit mag darin begründet sein, dass Marschen in Nordwestdeutschland eine große Fläche einnehmen. Die Niederlande, Belgien, Russland und seit 1995 auch Frankreich (thalassosols) kennen eine vergleichbare Systematik. Die erste Klassifizierung der Marschböden wurde 1827 vom hannöverischen Grundsteuerinspektor Andreas Wilhelm Stelzner unternommen. In den Niederlanden waren die Arbeiten der Agrarwirtschaftler Winand Staring (1856–1860) maßgebend.
Alle Marschen weisen wie die übrigen Gleye die Horizontierung A/Go/Gr auf. Zur Unterscheidung Gley-Marsch bzw. Marschgley liegen aber drei Besonderheiten vor, die alle erfüllt werden müssen:
Regionale Zuordnung in die Marschlandschaft Ausgangsmaterial sind litorale Sedimente aus der Brackwasserzone (Startpunkt Watt). Diese sind sehr schluffreich (selten liegt sogar reiner Schluff vor), sind in der Regel wegen zerschlagener Muschelschalen sehr kalkreich und weisen im gesamten Sedimentkörper bis zum pleistozänen Grund einen hohen Anteil organischer Substanz auf. Typisch für litorale Sedimente sind zahlreiche sehr feine Schichten, die auf Sturmfluten zurückzuführen sind. Junger Boden aus dem Holozän.
Unmittelbar nach der Ablagerung der Sedimente setzt die Bodenbildung ein. Damit aus dem Watt eine Marsch wird, muss die Fläche aber durch weitere Aufhöhung bei höher auflaufender Tide oberhalb des mittleren Tidenhubs liegen.
Die sieben in Deutschland unterschiedenen Bodentypen in der Klasse der Marschen bilden eine logische, zeitliche und räumliche Reihenfolge, die beim Watt startet. Die Stadien der Jungmarschen werden immer durchlaufen. Bei den Altmarschen wird einer der vier möglichen Typen erreicht. mini|Poldertreppe an einem ehemaligen Deich des Jadebusens: Die vor 1600 eingedeichten Flächen links liegen tiefer als der 1733 eingedeichte Alte Wapeler Groden rechts. Jungmarschen Rohmarsch oder Salzmarsch, jetzt Rohmarschgley (gerade entstanden, Salzwiese) Kalkmarsch, jetzt Carbonatmarschgley (vor kurzem eingedeicht; maximal 300 Jahre) Kleimarsch, jetzt Normmarschgley (ca. 300 bis 600 Jahre)
Altmarschen Etwa ab 1000 Jahren. In Deutschland maximal 2500 Jahre. Dwogmarsch, jetzt Dwogpseudogley Knickmarsch, jetzt Knickpseudogley Haftnässemarsch, jetzt Marschnassgley Organomarsch, jetzt Organomarschgley
Untertypen oder andere gebräuchliche Bezeichnungen, die keinen eigenen Bodentyp darstellen, sind Moormarsch und Geestmarsch. Moormarschen bzw. Dwogmarschen werden in den Niederlanden vorwiegend unter die Moorböden gerechnet und als „Klei-auf-Moor“ (klei-op-veen) gekennzeichnet. Es sind auch Übergänge zwischen Jungmarschen und Altmarschen möglich, die als Subtypen des stärker ausgeprägten Bodentyps angesprochen werden.
Chemische Dynamik Im Watt entstehen unter anaeroben Bedingungen große Mengen an Eisensulfid (FeS). Dieses färbt den Boden intensiv schwarz und liegt auch in den Jungmarschen noch vor. In Bereichen mit dauerhaft hoher Wassersättigung bilden sich abgestorbene Pflanzen zu Torf um. Wachsen die Sedimente aus dem täglichen Überflutungsbereich heraus, kommt es zur Belüftung des Bodens und zum Beginn der Sulfidoxidation. Bei dieser chemischen Reaktion wird Schwefelsäure freigesetzt und das schwarze Eisensulfid wird in bräunliches Eisenoxidhydroxid umgewandelt, weshalb sich die Bodenfarbe rasch ändert. Dieser Prozess dauert an, bis das gesamte Eisensulfid oxidiert ist. Dadurch wird die in allen Böden eintretende Kalkauswaschung in Jungmarschen stark beschleunigt, da die Schwefelsäure die primär sedimentierten Carbonate zerstört.Leendert Japhet Pons: Outline of the Genesis, Characteristics, Classification and Improvement of Acid Sulphate Soils. In: H. Dost (Hrsg.): Acid Sulphate Soils. Proceedings of the International Symposium on Acid Sulphate Soils 13-20 August 1972. Teil 1: Introductory Papers and Bibliography. Wageningen 1973, S. 3–27; wur.nl
Daneben setzen bei der Bodenentwicklung weitere Prozesse wie Sackung und Aussüßung ein. Im weiteren Verlauf werden die zu Beginn sehr salzreichen Böden der Rohmarsch entsalzt, das heißt, dass Magnesium- und vor allem Natrium-Ionen ausgewaschen werden. Infolge der zunehmenden Belüftung intensivieren sich auch die oxidativen Prozesse, was zum Abbau der organischen Substanz und zur Gefügeausbildung führt. Diese Prozesse führen zur Bildung der Kalkmarschen und schließlich nach der Entkalkung zur Kleimarsch.