mini|Edith Stein, um 1920

Edith Stein, Ordensname Teresia Benedicta a Cruce OCD oder Teresia Benedicta vom Kreuz (* 12. Oktober 1891 in Breslau, Provinz Schlesien; † 9. August 1942 im KZ Auschwitz-Birkenau), war eine deutsche Philosophin und Frauenrechtlerin jüdischer Herkunft. 1922 wurde sie durch die Taufe in die römisch-katholische Kirche aufgenommen. 1933 trat sie in den Orden der Unbeschuhten Karmelitinnen ein. Sie gilt als Brückenbauerin zwischen Christen und Juden.Gedenkfeier für Edith Stein in Auschwitz-Birkenau. Patronin Europas und Frauenrechtlerin. Interview mit Stefan Dartmann, SJ, anlässlich der Predigt von Kardinal Meisner zum 70. Todestag Edith Steins im ehemaligen Vernichtungslager Auschwitz-Birkenau. Domradio, 8. September 2012.

In der Zeit des Nationalsozialismus wurde Stein „als Jüdin und Christin“ zum Opfer des Holocaust.Gedenkfeier für Edith Stein in Auschwitz-Birkenau, Patronin Europas und Frauenrechtlerin. Interview mit Stefan Dartmann, SJ, Renovabis, anlässlich der Predigt von Kardinal Joachim Meisner zum 70. Todestag Edith Steins im ehemaligen Vernichtungslager Auschwitz-Birkenau; Domradio, 8. September 2012. In der katholischen Kirche wird sie als Heilige und Märtyrerin verehrt,Johannes Paul II.: Ansprache bei der Seligsprechung, publiziert unter anderem als „Komm, wir gehen für unser Volk“. Ansprache bei der Seligsprechung von Edith Stein in Köln, in: Christliche Innerlichkeit 22/3–5 (1987) (Transkript Online); auch z. B. in: L’osservatore romano 127/106 (4. Mai 1987), S. 4–5; Ders.: Edith Stein: Jüdin, Philosophin, Ordensfrau, Märtyrin, in: Ordenkorrespondenz 28/3 (1987), S. 260–266. Gedenktag ist am 9. August, vgl. Schott, Die Feste und Gedenktage im Lauf des Jahres (online) Teilen der Evangelischen Kirche gilt sie als Glaubenszeugin. Ihr römisch-katholischer und evangelischer Gedenktag ist der 9. August.

Papst Johannes Paul II. sprach Stein am 1. Mai 1987 selig und am 11. Oktober 1998 heilig.

Leben Kindheit, Ausbildung und philosophische Arbeiten mini|Breslau, Nowowiejskastraße 38: das Haus in der vormaligen Michaelisstraße, in dem die Familie Stein wohnte, 2006

Edith Stein wurde als jüngstes von elf Kindern in eine jüdisch-orthodoxe Familie geboren. Vier der Geschwister waren bereits vor Ediths Geburt verstorben.Webseite karmel.at: Edith Stein. Ihr Vater, der Kaufmann Siegfried Stein, starb, als Edith etwa ein Jahr alt war. Die Mutter Auguste Stein, geborene Courant, führte den Holzhandel weiter und ermöglichte allen Kindern eine solide Ausbildung.„Stein, Edith Dr. phil. Selige, Heilige Schwester Teresia Benedicta a Cruce“. In: Helga Pfoertner: Band 3, Herbert Utz Verlag, München 2005, S. 81. (online) mini|Gedenktafel am Edith-Stein-Haus in Breslau, heute Wrocław alt=Friedenskreuz zu Ehren der Hl. Teresa vom Kreuz – Edith Stein|mini|Friedenskreuz zu Ehren der Hl. Teresa vom Kreuz – Edith Stein

Nach neun Schuljahren verließ Edith Stein als begabte Schülerin 1906 vorzeitig das zehnjährige Lyzeum in Breslau und half fast ein Jahr lang in Hamburg ihrer ältesten Schwester Else Gordon (* 1876 in Gleiwitz, Oberschlesien; † 1956 in Bogota, Kolumbien), die zwei Kinder hatte. Zu der religiösen Tradition ihres Elternhauses entwickelte die junge Edith Stein ein kritisches Verhältnis und verstand sich zeitweilig als Atheistin. Zurück in Breslau, finanzierte die Mutter kurze Zeit Privatunterricht, so dass Edith 1908 nach einer Prüfung, ohne die 10. Klasse absolviert zu haben, in die 11. Klasse des Gymnasiums aufgenommen wurde und dort 1911 ein sehr gutes Abitur ablegte.Reiner Wimmer: Edith Stein. In: Vier jüdische Philosophinnen. Leipzig 1996, S. 226 f.

An der Universität Breslau begann sie anschließend ein Lehramtsstudium und belegte die Fächer Psychologie, Philosophie, Geschichte und Germanistik. Sie wollte schon damals, wie sie rückblickend schrieb, der „Menschheit dienen“.Reiner Wimmer: Edith Stein. In: Vier jüdische Philosophinnen. Leipzig 1996, S. 228. Später studierte sie an der Universität Göttingen und in Freiburg im Breisgau, zuletzt wieder in Breslau. Nach ihrem Staatsexamen und der Doktorarbeit 1916 mit dem Thema Zum Problem der Einfühlung war sie bis 1918 wissenschaftliche Assistentin ihres Doktorvaters, des Philosophen Edmund Husserl in Freiburg. Obwohl mit Auszeichnung promoviert, wurde sie nicht zur Habilitation zugelassen. An der Universität Göttingen legte sie 1919 erfolglos die Habilitationsschrift Psychische Kausalität vor; in Breslau und Freiburg im Breisgau bewarb sie sich vergebens mit der philosophischen Abhandlung Potenz und Akt. Alle vier Versuche, zur Habilitation zugelassen zu werden, scheiterten daran, dass sie eine Frau war. Edith Stein überarbeitete und beendete die Schrift in der NS-Zeit 1936 unter dem Titel Endliches und ewiges Sein; sie konnte erst nach Kriegsende 1950 veröffentlicht werden.Webseite der Philosophischen Fakultät der Heinrich-Heine-Universität Düsseldorf: Edith Stein. „Endliches und Ewiges“, zuletzt abgerufen am 15. August 2010. Die Schrift ist ein Grundriss der Ontologie. Edith Stein setzte sich darin mit dem Denken von Thomas von Aquin, Husserl und Heidegger auseinander.

Konversion und Arbeit als Lehrerin mini|Gedenktafel für Edith Stein in Speyer mini|hochkant|Gedenktafel für Edith Stein vor der Erzabtei St. Martin in Beuron

Den Wendepunkt im Leben Edith Steins bildete die Lektüre der Autobiographie der hl. Teresa von Ávila. Am 1. Januar 1922 wurde Edith Stein in Bad Bergzabern durch die Taufe in die römisch-katholische Kirche aufgenommen. Ostern 1923 siedelte sie in die Pfalz über, wo sie durch Vermittlung ihres geistlichen Begleiters, des Domkapitulars Joseph Schwind, eine Stelle als Lehrerin an den Schulen der Dominikanerinnen von St. Magdalena in Speyer übernahm.

Zwischen 1927 und 1933 hatte sie intensiven Kontakt zur Erzabtei Beuron; fünfzehn Aufenthalte sind nachgewiesen. Der Beuroner Erzabt Raphael Walzer hielt sie über Jahre von ihrem Plan ab, in den Karmel einzutreten, und bat sie, weiterhin und verstärkt in der Öffentlichkeit zu wirken. Daher wechselte Edith Stein 1932 zum Deutschen Institut für wissenschaftliche Pädagogik in Münster, einer katholischen Einrichtung, wo sie besonders gerne die Kirche St. Ludgeri besuchte. In Münster beschäftigte sie sich unter anderem mit dem hl. Thomas von Aquin. In dieser Zeit begegnete sie dem Philosophen Peter Wust. Edith Stein hielt Vorträge zur Frauenfrage und zu Problemen der neueren Mädchenbildung.

Sie war Mitglied im Verein katholischer deutscher Lehrerinnen.

Beginn der Verfolgung und Eintritt in den Karmel Nach der Machtergreifung im Januar 1933 gipfelten die immer häufigeren Ausschreitungen der Nationalsozialisten gegen die Juden am 1. April 1933 im Aufruf zum „Judenboykott“ und der dadurch erzeugten Pogromstimmung. Mitte April schrieb Edith Stein einen Brief an den damaligen Papst Pius XI., mit der Bitte, öffentlich gegen die Judenverfolgung zu protestieren:

Eine Antwort aus dem Vatikan erhielt Edith Stein zwar nicht, aber der Kardinalstaatssekretär Eugenio Pacelli (der spätere Papst Pius XII.) schrieb dem Erzabt Walzer, dass der Brief pflichtgemäß dem Papst vorgelegt worden sei. Die Hoffnungen Edith Steins auf eine öffentliche Stellungnahme seitens des Vatikans wurden enttäuscht.Hubert Wolf: Papst und Teufel. Die Archive des Vatikan und das Dritte Reich. C. H. Beck, München 2008, ISBN 978-3-406-57742-0, S. 214. Nur wenige Tage zuvor hatten die Verhandlungen über das Reichskonkordat begonnen, das von Hitler zwar später laufend gebrochen wurde, von der Kirche und der Bundesrepublik Deutschland auch im 21. Jahrhundert beachtet wird. Es schränkte Hitlers Vorgehen gegen die kath. Kirche in Deutschland jedoch bis zu einem gewissen Grad wirksam ein.siehe auch Konrad Repgen: Hitlers „Machtergreifung“, die christlichen Kirchen, die Judenfrage und Edith Stein. Eingabe an Pius XI. vom 9. April 1933. In: Edith-Stein-Jahrbuch 2004. S. 31–68.

Auf Druck des Naziregimes gab Edith Stein schließlich Ende April 1933 ihre Stelle in Münster auf, um das Institut vor Schaden zu bewahren. Ein dezidiertes Lehrverbot oder ein Kündigungsschreiben erhielt sie nicht.M. Amata Neyer: Der Brief Edith Steins an Papst Pius XI. In: (PDF; 9,2 MB), Würzburg 2004, S. 15.

Am 14. Oktober 1933, zur ersten Vesper des Hochfestes ihrer Namenspatronin Teresa von Ávila, trat Edith Stein mit 42 Jahren als Postulantin in den Karmel Maria vom Frieden in Köln ein und nahm zur Einkleidung ein halbes Jahr später den Ordensnamen Teresia Benedicta a Cruce an. Zwei Jahre später, 1936, ließ sich auch Ediths ältere Schwester Rosa Stein (1883–1942) taufen. Rosa Stein lebte später als Gast und Tertiarin bei ihrer Schwester im niederländischen Karmel in Echt und betreute die Pforte.

Übersiedlung nach Echt und Ermordung mini|Edith Stein, Passbild vom Dezember 1938

Die jüdische Herkunft Edith Steins wurde spätestens im April 1938 durch eine Indiskretion ihrer Oberin amtlich bekannt. Nach der Pogromnacht vom 9. November 1938 entschloss sie sich zum Umzug in ein Kloster außerhalb Deutschlands und siedelte schließlich in den Karmel im niederländischen Echt über, wo sie am Silvestertag 1938 aufgenommen wurde. Ihr gelang es, im Juli 1939 ihre Schwester Rosa zu sich zu holen. Mit der deutschen Besetzung der Niederlande im Mai 1940 holte die Bedrohung sie dort wieder ein. Der Aufforderung der Besatzungsbehörden im Dezember 1941, alle nichtniederländischen „Nichtarier“ sollten sich zur „freiwilligen Emigration“ melden, mussten auch Edith Stein und ihre Schwester folgen, da sie seit Oktober 1941 in Maastricht polizeilich gemeldet waren. Die Maßnahme diente den Verfolgern dazu, die im Land lebenden jüdischen Emigranten zu erfassen. Edith Stein beantragte kurz darauf bei den Behörden, die beiden Frauen aus den Emigrantenlisten wieder zu streichen und ihnen den weiteren Aufenthalt im Kloster zu gestatten. Auf diese Weise wollten sie verhindern, von den Deutschen zwangsverschickt zu werden. Parallel bemühten sie sich über private Bekannte um eine Einreise- und Aufenthaltserlaubnis für die Schweiz, um in den Schweizer Karmel Le Pâquier fliehen zu können, was aber trotz Vermittlungsversuchen durch Hilde Vérène Borsinger nicht mehr rechtzeitig gelang.Felix M. Schandl: «Ich sah aus meinem Volk die Kirche wachsen». Edith Steins christliches Verhältnis zum Judentum und ihre praktischen Konsequenzen. In: Teresianum 43 (1992/1), S. 53–107; hier: S. 101 f.Christa Mutter: Hilde Vérène Borsinger – Mein Land, die Schweiz, hat sich als unfähig erwiesen, eine so große Frau wie Edith Stein zu retten. In: Waltraud Herbstrith: Edith Steins Unterstützer. Bekannte und unbekannte Helfer während der NS-Diktatur. Berlin 2010, S. 61–64.