mini|hochkant|Stecknadel
Eine Nadel (als gemeingermanische Bezeichnung zur indogermanischen Wurzel nē-, „mit dem Faden arbeiten, nähen“, gebildetFriedrich Kluge, Alfred Götze: Etymologisches Wörterbuch der deutschen Sprache. 20. Auflage. Hrsg. von Walther Mitzka, De Gruyter, Berlin / New York 1967; Neudruck („21. unveränderte Auflage“) ebenda 1975, ISBN 3-11-005709-3, S. 501 f.) ist ein längliches, dünnes Werkzeug aus hartem Material (früher Knochen, heute meist Metall) mit einer Spitze am unteren Ende. Als Nähnadel hat das längliche, runde oder flache Stechwerkzeug am oberen Ende eine Öffnung, das sogenannte Nadelöhr oder kurz: Öhr. Bei einer Stecknadel ist das obere Ende verdickt, um vor Verletzung der Finger zu schützen. Viele Gegenstände, die im weitesten Sinne eine ähnliche Form oder Funktion haben, werden ebenfalls als Nadeln bezeichnet.
Geschichte mini|Der Nadler. (Frühneuzeitliche Darstellung und Text zur Nadelherstellung aus Eisen)Ich mach Nadel auß Eysendrat / Schneid die leng jeder gattung glatt / Darnach ichs feyl / mach öhr vnd spitzn / Alßdann hert ichs ins Feuwers hitzn / Darnach sind sie feil / zu verkauffn / Die Krämer holen sie mit hauffn / Auch grobe Nadel nemmen hin / Die Ballenbinder vnd Beuwrin. (1568)
Die frühesten Nadeln mit einem Nadelöhr, die Öhrnadeln, waren Knochennadeln oder wurden aus dem Elfenbein von Mammuts hergestellt. Das mindestens 43.000 Jahre alte Exemplar aus den frühjungpaläolithischen Schichten des Strashnaya-Höhlenkomplexes im westlichen Altai gilt als die älteste Nähnadel der Welt. Sie wurde aus der Wand eines Säugetier-Röhrenknochens gefertigt; das überschliffene Öhr ist vermutlich durch Benutzung ausgebrochen. Später, im Solutréen und im Magdalénien, wurden Nadeln in Span-Technik aus Knochen oder Geweih hergestelltR. Walter: Magdalénienzeitliche Knochennadeln aus Baden-Württemberg. In: Mamoun Fansa (Hrsg.): Experimentelle Archäologie, Bilanz 2001 (= Archäologische Mitteilungen aus Nordwestdeutschland. Beiheft 38). Isensee Verlag, Oldenburg 2000, S. 7–20. und anschließend auf einem Stein geglättet. Ein solcher Glättstein für Nadeln ist zum Beispiel aus Les Eyzies (Magdalénien) überliefert.Jean-Luc Piel-Desruisseaux: Outils préhistoriques: forme, fabrication, utilisation. Masson, Paris 1998, fig. 254. Das Öhr wurde durch Schaben, nicht durch Bohren erzeugt.Jean-Luc Piel-Desruisseaux: Outils préhistoriques: forme, fabrication, utilisation. Masson, Paris 1998, fig. 255. Die Spitze der Nadel ist nicht immer mittig.Surmely Fréderic, Fontana Laure, Bourdelle Yves, Liabeuf René, Nouveaux éléments apportés à l’étude du site magdalénien d’Enval (Vic-le-Comte, Puy-de-Dôme, France) et du peuplement de la Limagne d’Auvergne. Bulletin de la Société préhistorique française. 94/2, 1997, S. 172–181, fig. 9,3. doi:10.3406/bspf.1997.10875. Manche Nadeln sind abgebrochen, bei einigen wurde ein neues Öhr angebracht.
Nähnadeln finden sich zwischen MIS 3 und dem späten glazialen Maximum von Westeuropa bis China. Knochennadeln sind zum Beispiel in dem altsteinzeitlichen Abri am Petersfels im Hegau bei Ausgrabungen gefunden worden. Kostenki 15 in Russland lieferte einen Fund, der auf 35.000 BP datiert wird. Eine Nadel aus der Denissowa-Höhle im Altai kann wegen stratigraphischer Probleme nur grob auf den Zeitraum zwischen 43.000 und 28.500 datiert werden. In Armenien wurde in der Aghitu-3-Höhle am Vorotan in Schicht AH IIId eine Knochennadel mit einem Bruch durch das Öhr und einer stumpfen Spitze aus der Zeit zwischen 29.000 und 24,000 cal BP (Middle Upper Palaeolithic) gefundenAndrew W. Kandel u. a.: The earliest evidence for Upper Paleolithic occupation in the Armenian Highlands at Aghitu-3 Cave. In: Journal of Human Evolution. 110, 2017, S. 50 und fig. 12.. Nadeln aus der oberen Höhle von Choukoutien in China datieren zwischen 33.000 und 27.000 BPIan Gilligan: The Prehistoric Development of Clothing: Archaeological Implications of a Thermal Model. In: Journal of Archaeological Method and Theory. 17/1, 2010, S. 15–80, hier S. 49, .. In der neuen Welt stammen die ersten Nadeln aus dem jüngeren Dryas (Broken Mammoth, Alaska).
Die Erfindung der Nähnadel wird oft dem anatomisch modernen Menschen zugeschrieben, sie steht in Verbindung mit der Anfertigung eng anliegender Kleidung, die besonders in Zeiten extremer Kälte von Vorteil war. Der Gebrauch durchbohrter Gegenstände wird auch mit der „symbolischen Revolution“ im Jungpaläolithikum in Verbindung gebrachtStephen Mithen: The Prehistory of the Mind. Thames & Hudson, London 1996. –Francesco d’Errico u. a.: Archaeological evidence for the emergence of language, symbolism, and music: an alternative multidisciplinary perspective. In: Journal of World Prehistory. 17 (2003), S. 18. doi:10.1023/A:1023980201043., allerdings meist für Schmuckstücke. Der israelische Historiker Yuval Noah Harari hält die Nadel für das entscheidende Objekt, mit deren Hilfe der aus Afrika stammende Homo sapiens die nördlichen Teile Europas und Asiens besiedeln und den Neandertaler verdrängen konnte, da er sich damit schützende Kleidung aus mehreren zusammengenähten Fellen und Tierhäuten anfertigen konnte. Die Neandertaler hingegen scheiterten an der Besiedlung polarnaher Zonen.Yuval Noah Harari: Eine kurze Geschichte der Menschheit. dva, 2019.
Die solutréenzeitlichen Schichten der Höhle El Mirón in Kantabrien enthalten auch eine Nadel mit Öhr. Hier wurden nur einige wenige, kurz genutzte Feuerstellen gefunden, dies und die spärlichen Funde deuten auf eine Nutzung als Jagdlager. Nadeln gehörten also scheinbar zur Grundausrüstung auf einem Jagdausflug, vermutlich, um zerrissene Kleidung reparieren zu könnenLawrence Guy Straus, Manuel González Morales, Ana Belén Marín Arroyo, María José Iriarte Chiapusso: The Human Occupations of El Mirón Cave (Ramales De La Victoria, Cantabria, Spain) during the Last Glacial Maximum/Solutrean Period. In: Espacio, Tiempo y Forma. Serie I, Nueva época Prehistoria y Arqueología. 5, 2012, , S. 413–426, hier S. 414, (e-spacio.uned.es [Abstract und Link zum PDF; 770 kB ])..
Mit dem Ende des Magdalénien verschwinden Knochennadeln in Europa aus dem archäologischen Fundgut, ob dies mit veränderter Kleidung im Zuge der klimatischen Erwärmung oder mit schlechteren Erhaltungsbedingungen zu tun hat, ist ungewiss. Die Spantechnik findet weiter Anwendung, aber nun für ProjektilspitzenThe Groove and Splinter Technique of working antler in Upper Palaeolithic and Mesolithic Europe with special reference to the material from Star Carr. In: Proceedings of the Prehistoric Society. 6, 1953, S. 148–160..
Die ältesten Nähnadeln hatten jedoch ein gespaltenes Ende für den „Faden“ aus Tierdarm oder Sehne. In den Spalt wurde der Faden eingeklemmt. Als Material für die Nähnadel dienten meist Knochen (Ren- und Wildpferdknochen), aber auch Geweih, Mammutelfenbein, Rippen oder Röhrenknochen von Hasen und Vögeln. Dickwandige Knochen (Geweih oder Elfenbein) wurden mit spanabhebenden Bearbeitungstechniken angepasst.
Die ältesten Kupfernadeln stammen aus der Zeit zwischen 3600 und 3200 v. Chr. aus Tepe Yahya in IranMary C. Beaudry: Findings. The Material Culture of Needlework and Sewing. Yale University Press, 2006, S. 46, .. Kupferne Nähnadeln wurden auch in Naqada, Grab 63 (Ägypten) gefunden. Eine goldene Nähnadel aus Gizeh wird von dem Ausgräber in die 1. Dynastie datiertJohn Nunn, John Rowling: The Eye of the Needle in Predynastic Egypt. In: Journal of Egyptian Archaeology. 87, 2001, S. 171–172, . In der Bronzezeit wurden Nähnadeln aus Bronze hergestellt. Funde stammen unter anderem aus der Wasserburg Buchau in Baden-WürttembergUte Seidel: Bronzezeit. Württembergisches Landesmuseum, Stuttgart 1995, S. 112..
Die ersten Stahlnadeln wurden angeblich in China hergestellt. In römischer Zeit waren Damaskus und Antiochia am Orontes Zentren der Nähnadelherstellung. Eiserne Nähnadeln waren in allgemeinem Gebrauch, man fand sie zum Beispiel in Mucking in EssexSam Lucy, Christopher Evans, Rosemary Jefferies, Grahame Appleby, Chris Going: Romano-British Settlement and Cemeteries at Mucking. Excavations by Margaret and Tom Jones, 1965–1978. Oxbow Books, Oxford 2016, S. 124, .. Römische Nähnadeln sind gewöhnlich zwischen 5 und 13,5 cm lang, der Unterschied zwischen Nähnadeln und medizinischem Gerät ist jedoch nicht immer klar, besonders bei längeren ExemplarenPenelope M. Allison: Characterizing Roman Artifacts to investigate gendered Practices in Contexts without sexed Bodies. In: American Journal of Archaeology. 119/1, 2015, S. 113, doi:10.3764/aja.119.1.0103.. Es wurden auch Nadeln aus Knochen hergestellt, die keine Rostspuren verursachten. Ein entsprechendes Exemplar stammt zum Beispiel aus Schichten des 3. Jahrhunderts in Vieux/AraegenuaeDominique Bertin: La topographie de Vieux – Araegenuae (Calvados), capitale de la cité des Viducasses, d’après les fouilles anciennes et les sondages récents. In: Annales de Normandie. 27/2. 1977, S. 131–150, hier S. 145, doi:10.3406/annor.1977.5222.. Auch hier ist der Unterschied zu Nadeln zum Netzeknüpfen und für Nadelbindung nicht einfach. In Pompeii wurden Nadeln aus Eisen und Bronze gefunden, nicht immer nur im häuslichen KontextPenelope M. Allison: Characterizing Roman Artifacts to investigate gendered Practices in Contexts without sexed Bodies. In: American Journal of Archaeology. 119/1, 2015, S. 114–115, doi:10.3764/aja.119.1.0103.. Als Grabbeigaben sind Nähnadeln selten. Gelegentlich tauchen sie in militärischem Kontext auf, was zu der Theorie geführt hat, dass römische Soldaten ihre Kleidung selber repariertenL. Allason-Jones: Small Finds from Turrets on Hadrian’s Wall. In J.C. Coulton (Hrsg.): Military Equipment and the Identity of Roman Soldiers. Proceedings of the 4th Roman Military Equipment Conference (= British Archaeological Reports. 394). Archaeopress, Oxford 1988, S. 203, zit. n. Penelope M. Allison: Characterizing Roman Artifacts to investigate gendered Practices in Contexts without sexed Bodies. In: American Journal of Archaeology. 119/1, 2015, S. 113.. Nähnadeln aus Knochen und Bronze sind auch aus South Shields, den Römerlagern Ellingen, Vetera I, Rottweil und Oberstimm bekannt. Allison weist aber darauf hin, dass sich auch Frauen in militärischen Einrichtungen wie den Türmen des Hadrianswalls aufgehalten haben können.
Ab dem 14. Jahrhundert ist die Kenntnis belegt, eine Nadel aus geschmiedetem und zum Gebrauch gehärteten Eisendraht herzustellen (siehe dazu unter Abbildung: „Der Nadler“). Bronzenadeln sind aber auch im Mittelalter noch sehr häufigMary C. Beaudry: Findings, the Material Culture of Needlework and Sewing. Yale University Press, New Haven 2006, S. 118 (Anm. 1), ..
Nadeln in der Textilverarbeitung Häkelnadel mini|Häkelnadel Die Häkelnadel besitzt an ihrem Ende einen Widerhaken, mit welchem ein Faden aufgenommen und durch eine bereits bestehende Masche gezogen wird. Sie wird hauptsächlich beim Häkeln eingesetzt, aber auch fürs Occhi oder mit der Strickliesel verwendet.
Nähnadel mini|Nähnadel mini|Rundnadeln finden in der ChirurgieKlaus Dresing, Franz Langer, Theddy Slongo: Chirurgische Nadeln in Orthopädie und Unfallchirurgie, Springer Medizin Open Access, 16. September 2021, in der Polsterei (hier auch: Polsternadel) und der SattlereiFertigstellung eines Hamens. Institut für Landeskunde und Regionalgeschichte, 1985. Im Film bei 18:55 min. Verwendung. Eine Nähnadel ist mit einem Nadelöhr an dem der Spitze entgegengesetzten Ende versehen. Sie dient zum Verbinden zweier Materialien, zumeist Stoffen, mit Hilfe eines Fadens. Diesen Vorgang bezeichnet man als Nähen. Nähnadeln werden auch zum Sticken verwendet.