mini|Eine 1895 in New York veröffentlichte Zeichnung stellt dar, wie eine Hochzeit im Jahre 2001 aussehen könnte, wenn Frauen das Wahlrecht zugesprochen würde (siehe auch Dammbruchargument)

Eine Geschlechterrolle oder Geschlechtsrolle ist im engeren Sinne die Summe von Verhaltensweisen, die in einer Kultur für ein bestimmtes Geschlecht als typisch oder akzeptabel gelten und Personen zugeschrieben werden. Im weiteren Sinne umfasst die Geschlechterrolle die individuellen Verhaltensweisen einer Person, die sie mit ihrer Geschlechtsidentität in Verbindung bringt oder mit denen sie die eigene Identität zum Ausdruck bringen will. Heute wird soziologisch und psychologisch zunehmend Geschlecht und Gender nicht mehr gleichgesetzt, um die kulturell und gesellschaftlich vorgegebenen Geschlechterrollen von den biologischen Gegebenheiten (weiblich/männlich/intersexuell) zu unterscheiden.

Begriffsentwicklung mini|hochkant=1.6|Polarisierung nach Geschlechtscharakteren oder -rollen in deutschsprachigen Lexika des 18. JahrhundertsKarin Hausen: Die Polarisierung der „Geschlechtscharaktere“: Eine Spiegelung der Dissoziation von Erwerbs- und Familienleben. In: Werner Conze (Hrsg.): Sozialgeschichte der Familie in der Neuzeit Europas: Neue Forschungen. Stuttgart 1976, S. 363–393.Karin Hausen: Family and Role-Division: The Polarization of Sexual Stereotypes in the Nineteenth Century. An Aspect of Dissociation of Work and Family Life. In: Richard J. Evans, W. R. Lee (Hrsg.): Social History of the Family in Nineteenth and Twentieth Centuries Germany. London 1981, S. 51–83 (englisch).

Die Unterscheidung von männlichem und weiblichem Habitus war unter anderem ein zentraler Aspekt der Verbürgerlichung westlicher Gesellschaften und der Durchsetzung des zugehörigen polaren Geschlechterideals. Dabei erhielt die Kontrastierung von Mann und Frau im Vergleich zu anderen Gesellschaften im letzten Drittel des 18. Jahrhunderts „eine spezifisch neue Qualität“: An die Stelle von Standesdefinitionen traten universale Charakterdefinitionen, die wurden (Karin Hausen 1976).Karin Hausen: Die Polarisierung der „Geschlechtscharaktere“: Eine Spiegelung der Dissoziation von Erwerbs- und Familienleben. In: Werner Conze (Hrsg.): Sozialgeschichte der Familie in der Neuzeit Europas. Neue Forschungen, Stuttgart 1976, ISBN 3-12-910390-2, S. 363–393, hier S. 369–370 (online auf archive.org).

Zur Beschreibung haben sich unterschiedliche Bezeichnungen mit unterschiedlichen Begriffsinhalten entwickelt: Ende des 18. Jahrhunderts wurde zunächst auf das Konzept „Charakter“ zurückgegriffen, um Geschlechtscharakter zu beschreiben; dieser Ansatz gilt mittlerweile als veraltet.David Fluhr: Thesenblatt: Karin Hausen – Die Polarisierung der „Geschlechtscharaktere“. In: Soziologie-Politik.de. Private Website, 12. Februar 2014, abgerufen am 10. März 2020. Mit dem Aufkommen des Konzepts „soziale Rolle“ setzten sich im 20. Jahrhundert zunehmend die Bezeichnungen Geschlechtsrollencharakter, Geschlechtsrolle oder Geschlechterrolle durch.

Mit der zunehmenden Erforschung der Unterscheidungskategorie „Geschlecht“ stellte sich die Ableitung aus Biologie und Natur als unhaltbar heraus (englisch sex für das biologische Geschlecht). Es entwickelten sich neue Bezeichnungen und Begrifflichkeiten: Zunächst etablierte sich ab den 1970er-Jahren im englischen Sprachraum und später dann im Deutschen das Konzept „Gender“ und mit der praxeologischen Wende ab Ende des 20. Jahrhunderts das Konzept „Doing Gender“ (Analyseansatz der Gender Studies). Die im Englischen gebräuchlichen Bezeichnungen gender stereotypes und sex-role stereotypes finden sich seit Ende der 1960er-Jahre in wissenschaftlichen Untersuchungen.P. Rosenkrantz, S. Vogel u. a.: Sex-role stereotypes and self-concepts in college students. In: Journal of Consulting and Clinical Psychology. Band 32, Heft 3, 1968, S. 287–295 (englisch; doi:10.1037/h0025909). Im Deutschen wird beides meist mit der gängigen Übersetzung „Geschlechterstereotype“ wiedergegeben.Alexandra Fleischmann, Monika Sieverding: Geschlechterstereotype. In: Dorsch – Lexikon der Psychologie. 2020, abgerufen am 10. März 2020. Deutlich seltener wird von Geschlechtsrollenstereotypen gesprochen, bezogen auf Annahmen hinsichtlich der Geschlechterrolle; diese Bezeichnung wird von Geschlechterstereotype eingeschlossen.Dörte Weber: Geschlechterkonstruktion und Sozialpsychologie. Springer VS, Wiesbaden 2005, S. 118, Fußnote 20. Seit Etablierung des Konzepts des Habitus Ende des 20. Jahrhunderts setzt sich zunehmend der Begriff „Geschlechtshabitus“ durch, der die Psycho- und Soziogenese von Gender oder Doing Gender wissenschaftlich erklärt.Google N-Gramm-Viewer: Doing Gender, Geschlechtscharakter, Geschlechtsrolle, Geschlechterrolle, Geschlechtshabitus. In: books.google.com. 2013, abgerufen am 10. März 2020 (englisch; Vergleich der Worthäufigkeiten).

Umgangssprachlich wird weitgehend die Bezeichnung „Geschlechterrolle“ verwendet, seltener „Geschlechtsrolle“.Duden online: Geschlechterrolle vs. Geschlechtsrolle. Abgerufen am 10. März 2020. Damit geht meist ein wenig differenzierteres Konzept von Geschlecht als biopsychosozialer Kategorie sozialer Ordnung und sozialer Differenzierung einher. Teilweise sind dabei differenziertere Fachbegriffe nicht nur unbekannt, sondern wirken für die eigene Identität bedrohlich und werden abgelehnt. Im Vergleich zu den mittlerweile hoch differenzierten Fachbegriffen erscheinen auf das Geschlecht bezogene Bezeichnungen der Alltagssprache oftmals als unterkomplex oder als (Hark/Villa 2015).Sabine Hark, Paula-Irene Villa: Anti-Genderismus: Sexualität und Geschlecht als Schauplätze aktueller politischer Auseinandersetzungen. Transcript, Bielefeld September 2015, ISBN 978-3-8376-3144-9, S. 7: »Anti-Genderismus« — Warum dieses Buch?

Kulturelle Geschlechterrollen mini|hochkant|Dichotomische Darstellung von Geschlechterrollen im Doppelbildnis des Kurfürsten Johann Wilhelm von der Pfalz und seiner Gemahlin Anna Maria Luisa de’ Medici (Jan Frans van Douven, 1708) mini|hochkant|Erweiterung der Geschlechterrolle: Eine Brigantin in Süditalien (Mitte 19. Jh.)

Bisher sind keine Kulturen ohne Geschlechterrollen bekannt. Sie sind je historisch entstanden und einem ständigen Wandel unterworfen; lediglich die unterschiedlichen biologischen Rollen von Frauen und Männern bei der Fortpflanzung wurden bis zur Mitte des 20. Jahrhunderts nicht in Frage gestellt. Seitdem die Medizin hier die Möglichkeiten bietet, diese biologischen Rollen teilweise zu verändern, wird dieser Teil der Geschlechtsrollen ebenfalls diskutiert; allerdings ist diese Debatte auf Randbereiche der Gesellschaft beschränkt (siehe auch Adoption durch gleichgeschlechtliche Paare, Regenbogenfamilie).

Der kulturelle Aspekt der Geschlechtsrollen ist sehr breit gefächert. Auch wenn Haupttendenzen erkennbar sind, sind doch fast alle Möglichkeiten der kulturellen Aufgabenteilung irgendwo und irgendwann praktiziert worden.

Die bekannteste Norm für kulturelle Geschlechtsrollen dürfte die heteronormative oder patriarchalische sein, welche im Westen seit Beginn des 20. Jahrhunderts zunehmend in Frage gestellt und modifiziert wird.

Wichtige Faktoren waren unter anderem die Verstädterung sowie der Erste Weltkrieg und seine Folgen: Millionen Frauen wurden Witwen (etwa 10 Millionen tote Soldaten, davon 2 Millionen deutsche Soldaten) oder alleinerziehende Mütter (die Kriegswaisen lernten ein anderes Rollenbild) Millionen Frauen arbeiteten an Arbeitsplätzen, die vorher mit Männern besetzt gewesen warenUte Daniel: Arbeiterfrauen in der Kriegsgesellschaft. Beruf, Familie und Politik im Ersten Weltkrieg (= Kritische Studien zur Geschichtswissenschaft. Band 84). Vandenhoeck & Ruprecht, Göttingen 1989, ISBN 978-3-525-35747-7 (Dissertation. Universität Bielefeld 1986) ab Herbst 1916 herrschte bei vielen Hunger (siehe auch Steckrübenwinter; die (See-)Blockade verursachte allein in Deutschland mindestens 700.000 Hungertote) eine 1914 beginnende Inflation endete 1923 in einer Hyperinflation und einer Währungsreform die Weimarer Republik war von kurzzeitigen wechselnden Regierungen geprägt mancherorts schwand der Einfluss der katholischen Kirche (in Frankreich hatte dieser Prozess schon 1905 begonnen) der Antimodernismus in der katholischen Kirche ließ langsam nach als Zäsur wurde auch empfunden, dass Frauen in vielen Ländern 1918 oder danach das Wahlrecht erhielten (etwa Österreich 12. November 1918; Deutschland 30. November 1918, USA 1920, Afghanistan 1963, Schweiz 1971)

Aber auch im letzten Viertel des 20. Jahrhunderts veränderten sich die Geschlechterrollen in westlichen Gesellschaften weiter, was sich durch die Veränderung der sozial erwünschten Eigenschaften für Frauen respektive Männer in diesem Zeitraum belegen lässt.

Soziologie In der Soziologie tritt im Zusammenhang mit dem Begriff der Geschlechterproblematik auch der Begriff der Rolle auf. Die Gesellschaft hat an Inhaber einer gewissen Position bestimmte Vorstellungen über deren Handeln. Dieses Verhalten wird als Rollenverhalten bezeichnet. In Diskussionen erfährt das Thema der Geschlechterrollen meist eine Gegenüberstellung von soziokulturellen und biologischen Einflüssen. Daneben besteht aber auch noch immer die Ansicht, dass das Individuum als ausschließlich von der Umwelt geformtem Wesen zu verstehen ist. Für jede Position kann aber auch ein Gegenbeispiel gefunden werden.

Unterscheidung Rollenverhalten und Rollenerwartungen In der neueren soziologischen Literatur findet sich eine Unterscheidung zwischen Rollenverhalten und Rollenerwartungen. Die Erwartungen werden begriffen bezüglich ihrer immer wiederkehrenden Haltungen, Leistungen und Tätigkeiten. Das Individuum, welches als Träger der Rolle gilt, hat die Aufgabe durch angemessenes Verhalten zu erfüllen. Wichtig für die Zuweisung zu bestimmten Rollen bietet, neben Beruf und Alter, auch das Geschlecht. Die Vorstellungen über bestimmte Eigenschaften der Geschlechter unterscheiden sich von Kultur zu Kultur (siehe zum Beispiel Männlichkeit im westlichen Kulturraum).

Je nach einer bestimmten Geschlechts-Zugehörigkeit, unterscheiden sich die Erwartungen und Vorschriften. In der westlichen Kultur werden den Frauen eher die Eigenschaften der Abhängigkeit, Passivität, Zurückhaltung in sexuellen Belangen, Einfühlungsgabe sowie jugendliche sexuelle AttraktivitätRita Bourauel: Zur Beurteilung alters- und geschlechtspezifischer sexueller Attraktivität im Alter, Dr. Kovac, Hamburg 1992, ISBN 3-86064-015-1 zugewiesen, den Männern Aggressivität, Durchsetzungsfähigkeit, Dominanz, Gefühlsunterdrückung und Unabhängigkeit.

Was bei einem Mann als Selbstverständlichkeit erwartet oder zugestanden würde, wird Geschlechterforschern zufolge Frauen als Fehlverhalten angelastet, und umgekehrt, wobei sowohl Frauen als auch Männer solches Fehlverhalten sanktionieren.Christiane Jüngling, Geschlechterpolitik in Organisationen: Machtspiele um Chancengleichheit bei ungleichen Bedingungen und männlichen Spielregeln, in: G. Krell und M. Osterloh (Hrsg.), Personalpolitik aus der Sicht von Frauen – Frauen aus der Sicht der Personalpolitik: was kann die Personalforschung von der Frauenforschung lernen?, Hampp, 1992, ISBN 3-87988-045-X (S. 173–205), S. 195. Zitiert nach: Andrea Fried, Christof Baitsch, Ralf Wetzel: Wenn zwei das Gleiche tun: Diskriminierungsfreie Personalbeurteilung, vdf Hochschulverlag AG, 2000, ISBN 978-3-7281-2525-5. S. 28