mini|Polnischer Korridor und Danzig (1939) mini|Gebietsverluste an Polen nach dem Versailler Vertrag: Teile Westpreußens (Korridor) und Posen Der Polnische Korridor (zeitgenössisch auch Danziger Korridor oder Weichselkorridor, ) war ein vormals preußischer Landstreifen zwischen Pommern im Westen sowie dem Unterlauf der Weichsel im Osten. Deutschland musste ihn nach dem Ersten Weltkrieg an Polen abtreten. Er trennte von 1920 bis zum Überfall auf Polen im September 1939 Ostpreußen vom übrigen Deutschland ab. Der Korridor war keine politisch-historische Einheit; zwischen dem Polen zuerkannten Küstenabschnitt und der deutsch-russischen Grenze von 1914 lagen außer dem größten Teil der bisherigen Provinz Westpreußen auch Teile des historischen Großpolen, die zur Provinz Posen gehört hatten. Die beim Deutschen Reich verbliebenen westlichen Streifen Posens und Westpreußens wurden zur Provinz Grenzmark Posen-Westpreußen vereinigt.
Politisch gehörte das Gebiet nach dem Zweiten Frieden von Thorn 1466 bis zur Ersten Teilung Polen-Litauens 1772 als Preußen Königlichen Anteils zur polnischen Krone und als Woiwodschaft Pommerellen (1919–1939) zur Zweiten Polnischen Republik.
Die Bildung des „Polnischen Korridors“, der geographisch gesehen ein „Zerschneidungskorridor“Martin Schwind: Lehrbuch der Allgemeinen Geographie. Band VIII: Allgemeine Staatengeographie. de Gruyter, Berlin 1972, S. 38–39. durch das Deutsche Reich war, gehörte zum 14-Punkte-Programm des nordamerikanischen Präsidenten Woodrow Wilson bei den Verhandlungen zum Friedensvertrag von Versailles. Zu diesen Verhandlungen waren die deutschen Delegierten nicht zugelassen; zur Unterzeichnung des Vertrags wurden sie unter erheblichem außenpolitischem Druck genötigt.Kurz nach der Unterzeichnung des Versailler Vertrags am 28. Juni 1919 durch die deutschen Delegierten äußerte Wilson in der breiten amerikanischen Öffentlichkeit: “We tried to be just to Germany, and when we had heard her arguments and examined every portion of the counter proposals that she made, we wrote the Treaty in its final form and said, ‘Sign here’”, vgl. Wodrow Wilson’s Case for the League of Nations. Compiled with his Approval by Hamilton Foley. Princeton University Press / Humphrey Milford / Oxford University Press, Princeton/London 1923, S. 29. Die Übernahme der Gebiete durch Polen fand mit dem Inkrafttreten des Vertrags am 20. Januar 1920 statt.
Im Versailler Vertrag wurde vereinbart, dass Polen den ungehinderten Bahn-, Schiffs-, Post-, Telefon- und Telegrafenverkehr durch den Korridor sicherstellen müsse.
Geschichte mini|Ost- und Westpreußen, 1896
Ältere Territorialgeschichte Die Geschichte des Gebiets des Polnischen Korridors ist eng mit der Geschichte Pomerellens verknüpft. Am Nordzipfel des Korridorgebiets, an der Ostsee, gab es früh menschliche Ansiedlungen. 1877 wurde zwischen Großendorf (Władysławowo) und Schwarzau (Swarzewo) ein ausgedehnter Begräbnisplatz aus dem Beginn der Eisenzeit aufgefunden. Kennzeichnend für diese als Großendorfer Kultur bezeichnete Kultur sind die pommerellischen Gesichtsurnen. Weitere jüngere Funde wurden 1913 und 1932 auf dem Gebiet des heutigen Hallerowo gemacht.
In der zweiten Hälfte des 10. Jahrhunderts wurde Pomerellen unter Herzog Mieszko I. dem polnischen Staat angegliedert. Ende des 12. Jahrhunderts konstituierte sich in Pomerellen ein Herzogtum. Nach dem Aussterben der pomerellischen Herzöge im Mannesstamm, 1294, wurde das Gebiet nach Erbstreitigkeiten durch den Vertrag von Soldin 1309 an den Rechten der polnischen Krone vorbei zwischen zwei deutschen Feudalstaaten, der Mark Brandenburg und dem Deutschordensstaat, geteilt. Der Besitzstand des Deutschen Ordens in Pomerellen wurde im Vertrag von Kalisch 1343 durch polnischen König und Stände bestätigt.
Nach dem Ende des 13-jährigen Kriegs und dem Zweiten Thorner Frieden am 19. Oktober 1466 unterstellten sich die sezessionistischen pomerellischen Stände als Polnisch-Preußen und autonomer Preußischer Bund vor Gewalt und Unrecht freiwillig der Schirmherrschaft der Krone Polens, das heißt des polnischen Königs persönlich. Durch die Erste Teilung Polen-Litauens 1772 wurde Polnisch-Preußen von König Friedrich II. von Preußen annektiert und als Provinz Westpreußen seinem Königreich Preußen einverleibt. Die Provinz Westpreußen existierte bis 1919/20.
Traditionell war das Gebiet der Woiwodschaft Pommerellen ethnisch gemischt besiedelt: Hier wohnten Deutsche, Polen, Kaschuben und auch wenige Jiddischsprachige. Der Gebrauch des Jiddischen, fast ausschließlich durch Juden, war bis 1918 zu Gunsten des Deutschen stark zurückgegangen. Konfessionell und religiös war das Gebiet ebenfalls gemischt, dabei sprachen Katholiken meist Polnisch oder Kaschubisch als Muttersprache (zu 98 %, nur knapp 2 % der Katholiken hatten Deutsch als Muttersprache), unierte Protestanten dagegen überwiegend Deutsch (zu 90 %, zu knapp 10 % dagegen Polnisch), während Juden (Zensus von 1931 knapp 3.500) sich ethnisch in drei Gruppen teilten, 50 % mit Jiddisch, 27 % mit Polnisch und 19 % mit Deutsch als Muttersprache,Vgl. Drugi powszechny spis ludności z dn. 9.XII.1931 r: Mieszkania i gospodarstwa domowe. Ludność. Stosunki zawodowe: Województwo pomorskie/Le deuxième recensement général de la population du 9 décembre 1931: Logements et ménages, population, professions: Voïévodie de Pomorze, Główny Urząd Statystyczny Rzeczypospolitej Polskiej (Hrsg.), redigiert von Edward Szturm de Sztrem (1885–1962), Warschau: Główny Urząd Statystyczny, 1938, Tablica 10. Ludność według wyznania i płci oraz języka ojczystego / Population d'après la confession et le sexe, ainsi que d'après la langue maternelle. beide erstere Gruppen vor allem seit 1920 zugewandert aus dem österreichischen bzw. russischen Teilungsgebieten Polens.
Im Nachkriegspolen nannte man das nach dem Ersten Weltkrieg dem Freistaat Preußen (vgl. Weimarer Republik) entnommene Territorium des „Polnischen Korridors“: Danziger Pommern, Ostpommern, Weichselpommern oder Unser Pommern.
Gründe für die Abtrennung vom Deutschen Reich mini|Der amerikanische Präsident Woodrow Wilson (1912)
Nach dem 14-Punkte-Programm, in dem der amerikanische Präsident Woodrow Wilson im Januar 1918 die Kriegsziele der USA zusammengefasst hatte, sollte ein unabhängiger polnischer Staat mit einem eigenen Zugang zum Meer errichtet werden, wie es polnische Politiker, insbesondere Roman Dmowski, seit Kriegsbeginn von der Entente gefordert hatten. Am 8. Oktober 1918 überreichte Dmowski in Washington Präsident Wilson ein Memorandum.Paul Roth: Die Entstehung des polnischen Staates. Eine völkerrechtlich-politische Untersuchung. Liebmann, Berlin 1926, S. 70 ff. und Anhang 9, insbes. S. 133–142. Es wurde am 25. Februar 1919 auch der mit den polnischen Angelegenheiten befassten Sonderkommission der Friedenskonferenz vorgelegt. Darin waren die territorialen Forderungen Polens an Deutschland umrissen. Mit dem Vorhaben des eigenen Zugangs zur Ostsee sollte die nach 123 Jahren der Fremdherrschaft neu entstandene Zweite Polnische Republik ökonomisch unabhängiger gemacht werden, als es als reiner Binnenstaat hätte sein können. Der Gegenvorschlag der deutschen Delegation im Friedensvertrag von Versailles, Polen stattdessen in Gdingen und an weiteren Orten Freihäfen einzuräumen, wurde abgelehnt. Die Verwirklichung des durch deutsches Staatsgebiet führenden Korridors kollidierte teilweise mit dem Selbstbestimmungsrecht der Völker, das Wilson seinen 14 Punkten zugrunde gelegt hatte; denn die Bevölkerung in dem 1772 von Preußen annektierten Territorium westlich der unteren Weichsel bis zur Ostseeküste war auch 1918 ethnisch sehr gemischt. In der deutschen Geschichtsschreibung der 1920er bis 1940er Jahre war daraus stellenweise der politische Mythos gebildet worden, der amerikanische Präsident habe nur unzureichende Geographie-Kenntnisse besessen und hätte sich deshalb von seinen Verhandlungspartnern, namentlich von dem französischen Ministerpräsidenten Georges Clemenceau und dem Leiter der polnischen Friedensdelegation, Dmowski, während der Pariser Friedensgespräche übertölpeln lassen. Heute gehen Historiker davon aus, dass Wilson mit den ethnographischen Gegebenheiten im Großen und Ganzen vertraut war.Hagen Schulze: Weimar. Deutschland 1917–1933 (= Die Deutschen und ihre Nation; Bd. 4). Siedler Verlag, Berlin 1994, S. 195 f. Die vielfältigen Beweggründe für sein damaliges politisches Handeln legte Wilson in Ansprachen vor dem Komitee für Auswärtige Angelegenheiten (Foreign Relations Committee) des US-Senats dar und in 37 öffentlichen Reden, die er nach seiner zweiten Rückkehr aus Paris im Westen der Vereinigten Staaten hielt.Woodrow Wilson: Woodrow Wilsons Case for the League of Nations. Compiled with hith Approval by Hamilton Foley. Princeton University Press / Humphrey Milford / Oxford University Press, Princeton/London 1923.
Zweite Polnische Republik Am 11. Juli 1920 wurden die zum Korridor gehörenden Gebiete an die Zweite Polnische Republik abgetreten und bildeten die Woiwodschaft Pommerellen. Hierzu gehörte neben den größeren Städten Graudenz und Thorn (Sitz des Woiwoden) insgesamt vierzehn Landkreise. Zum Abtretungsgebiet zählte auch die Ostseeküste vom Flüsschen Piasnitz an über die Halbinsel Hela, die Putziger Wiek bis Zoppot (letzteres gehörte bereits zur Freien Stadt Danzig). Nachdem sich polnische Pläne, die Hafenstadt Danzig ganz nach Polen zu integrieren, nicht hatten realisieren lassen, und diese weiterhin eine „Freie Stadt“, nur teilweise unter polnischer Kontrolle blieb, begann Polen mit dem Bau eines eigenen Hafens im Erholungs- und Fischerort Gdingen (poln. Gdynia), der 1921 nur etwa 1300 Einwohner hatte. Gdingen wurde vom polnischen Staat planmäßig zu einem der größten Handels-, Auswanderungs-, Kriegs- und Fischereihäfen der Ostsee mit mehr als 112 000 Einwohnern (1937) ausgebaut und durch eine Eisenbahnstrecke quer durch den Korridor mit dem Industrierevier im ebenfalls abgetrennten polnischen Teil Oberschlesiens um Katowice (Kattowitz) verbunden. Damit machte man sich von der Verbindung durch das Gebiet der Freien Stadt Danzig unabhängig, die von deutschen Eisenbahnern jederzeit bestreikt werden konnte. Für den Export oberschlesischer Kohle gebaut, wurde diese Bahnstrecke auch Kohlenmagistrale genannt. Auch militärische Anlagen umfasste der damals einzige Seehafen auf polnischem Hoheitsgebiet.
Die Konkurrenz zwischen Danzig und Gdingen führte zu Streit, der durch den deutsch-polnischen Handelskrieg noch verschärft wurde. Von Danziger Seite argumentierte man, dass Polen nach dem Bau des Hafens von Gdingen Danzig als Hafen nicht mehr brauche. Im August 1933 schlossen Danzig und Polen ein erstes Abkommen, das beiden Häfen einen gleich großen Anteil am polnischen Seehandel garantierte.
Weimarer Republik mini|Abschnürung Ostpreußens von der Weichsel
Der polnische Korridor war ein Gebiet ohne klare ethnische Trennlinien, in dem eine sprachlich-kulturell gemischte Bevölkerung lebte. Sein Verlust wurde in Deutschland generell als ungerecht und als Verstoß gegen das Selbstbestimmungsrecht empfunden, weil der Bildung des Korridors keine Volksabstimmung vorangegangen war. Die Bevölkerung des Korridors war überwiegend slawisch, doch gab es auch mehrheitlich deutschsprachige Gebiete, u. a. die Städte Thorn und Graudenz. Außerdem wurde von deutscher Seite argumentiert, dass die reine Sprachenstatistik nicht ausreichend das Zugehörigkeitsgefühl der Bevölkerung wiedergeben würde.