mini|Norddeutsche Tiefebene und deutsche Mittelgebirge
Der Begriff Mitteldeutschland dient der Bezeichnung eines im weitesten Sinne zentral in Deutschland gelegenen Gebietes; er findet im geographischen, linguistischen, historischen, kulturellen, wirtschaftlichen, politischen und weiteren Zusammenhang Verwendung.
Da das Gebiet nicht eindeutig oder je nach Wissenschaftszweig unterschiedlich definiert ist, überschneidet sich der Begriff mit den vielschichtigen Definitionen Nord-, Ost-, Süd- und Westdeutschlands. Bereits 1819 entstand auf dem Gebiet der Wirtschaft die Idee von Mitteldeutschland.
Seit der deutschen Einheit 1990 gibt es zunehmend Bestrebungen, das Attribut Mitteldeutschland den Ländern Sachsen, Sachsen-Anhalt und Thüringen, als Kerngebiet zusammengefasst, zuzuordnen. In diesem Sinne wurde 1991 der Mitteldeutsche Rundfunk gegründet.
Begriffsverwendung Der Begriff Mitteldeutschland wird von Sprachwissenschaftlern, Geographen, Historikern, Raumplanern, Wirtschaftsverbänden und Politikern in historischen wie auch aktuellen Zusammenhängen unterschiedlich gebraucht. Dabei handelt es sich je nach Sichtweise um eine Realregion oder um ein mit Konstruktcharakter behaftetes Gebiet. Vor 1800 war das Attribut mitteldeutsch nur im sprachgeographischen Sinn verwendet worden. Im 19. Jahrhundert kamen neue Strukturen, Handlungszwänge und Denkmodelle auf, die die Bedeutung abänderten oder ergänzten. Mitteldeutschland kann man natur- und sozialgeographisch verorten „als einen späteren Geschichtsweg vorbestimmenden Naturraum – oder als einen davon eher unabhängigen, erst gesellschaftlich geschaffenen, konstruierten, symbolisch angeeigneten Sozial- und Kulturraum.“ Eine Hochzeit des Gebrauchs von Mitteldeutschland als Begriff gab es zu Beginn der Weimarer Republik.
Sprachlicher Begriff mini|Verbreitung der mitteldeutschen Dialekte
Schon aus dem Jahre 1343 ist eine sprachliche Eigenart des Mitteldeutschen überliefert. Sprachwissenschaftlich beschreibt Mitteldeutschland das Gebiet, in dem mitteldeutsche Mundarten verbreitet sind, im Norden von der Benrather Linie und im Süden von der Mainlinie begrenzt.
Die Bezeichnung mitteldeutsch entstand im 19. Jahrhundert, als man die Dialekte im deutschsprachigen Raum untersuchte. Vorher unterschied man nur zwischen oberländischer, d. h. oberdeutscher und niederländischer, d. h. niederdeutscher Sprache. Bei den Dialektuntersuchungen stellte man allerdings fest, dass die Hochdeutsche Lautverschiebung, die den historisch auffälligsten Unterschied zwischen der oberländischen und der niederländischen Sprache ausmacht, in einem sehr breiten Streifen nur teilweise durchgeführt ist. Entsprechend kam es zu einer Dreiteilung der Sprachgebiete. Aufgrund der Lautverschiebung und einiger anderer Merkmale begann man, diesen Streifen, der am Rhein sehr viel breiter ist als im Osten, als Übergangsgebiet zwischen dem Oberdeutschen und dem Niederdeutschen zu begreifen. Das mitteldeutsche Sprachgebiet stellt damit das Gebiet der rheinfränkisch-hessischen sowie der ostmitteldeutschen Dialekte dar und reicht im Süden von Lothringen entlang der Mainlinie bis ins Erzgebirge und im Norden von Aachen über Nordhessen bis ins südliche Brandenburg.
Diese Teilung von Nord nach Süd ergänzte man zudem mit einer in West-Ost-Ausrichtung. Dies entspringt der in der deutschen Volksdichtung überlieferten Vorstellung eines Ostlands und entstand während der deutschen Ostbewegung im späten Mittelalter. Die ostmitteldeutschen Dialekte (nördlich des Thüringer Waldes, östlich der Werra und südlich der Benrather Linie, also in großen Teilen des heute als Mitteldeutschland bezeichneten Gebietes) sind dem Neuhochdeutschen und dem Standarddeutschen von allen deutschen Dialekten am nächsten, wie der Sprachforscher Theodor Frings bewiesen hat. Die Sprache im Gebiet zwischen Erfurt, Hof, Dessau und Dresden stimmt in vielen Merkmalen mit dem Neuhochdeutschen überein. Etwa findet in den nördlichen Mundarten das ick und im Süden das i hohe Verbreitung, wohingegen im mitteldeutschen das ich vorherrschend ist.
Das gilt auch für den Wortschatz, da die neuhochdeutsche Schriftsprache im Wesentlichen auf Martin Luthers Bibelübersetzung zurückgeht, der die Sprache der Staatsbeamten des Kurfürstentums Sachsen als Vorbild für die hochdeutsche Schreibung und Aussprache ansah und nutzte („Ich rede nach der sächsischen Kanzlei“). Diese war allerdings eine überregionale Ausgleichssprache und nicht identisch mit den gesprochenen Dialekten dieser Region.
Geografischer Begriff mini|Einer der Vorschläge für eine Neugliederung des Bundesgebietes nach 1990: Mitteldeutschland, bestehend aus Thüringen, Sachsen ohne Oberlausitz, dem südlichen Sachsen-Anhalt und Nordhessen
Mitteldeutschland ist geografisch der mittlere Abschnitt der deutschen Mittelgebirgsschwelle, besonders in Abgrenzung gegenüber Norddeutschland und Süddeutschland. Eine solche Sicht setzte sich um 1900 durch und wurde von Albrecht Penck (1887), Joseph Partsch (1904) und Alfred Hettner (1907) vertreten; demnach reichte das Gebiet von den östlichen Ausläufern der Ardennen bis hin zu den Sudeten. Als Zentrum wurde dabei Leipzig, gelegen in der Thüringischen oder Halle-Leipziger Tieflandsbucht, angesehen.
Diese Nord-Süd-Sichtweise entspricht auch der nach 1990 herausgebildeten Vorstellung, die etwa das Gebiet beschreibt, welches umgrenzt wird durch den Harz (im Nordwesten), den Thüringer Wald und den Frankenwald (im Südwesten), das Erzgebirge und das Lausitzer Gebirge, die Sächsische Schweiz und das Lausitzer Bergland (im Südosten) sowie den Fläming (im Norden). Im Inneren Mitteldeutschlands liegen demnach das Thüringer Becken, die Leipziger Tieflandsbucht und das Mittelsächsische Hügelland. Zur Elbe fließen in Mitteldeutschland Saale, Mulde und Schwarze Elster.
Außerdem können zu Mitteldeutschland das südliche Niedersachsen, das nördliche Hessen und Teile der Region Franken gezählt werden.Werner König: dtv-Atlas Deutsche Sprache, S. 120, Abb. Mitteldeutschland als geografischer Begriff
Kulturhistorisch-geografische Begriffsverwendung
Schon von der nördlichen Stichbandkeramik vor 7000 Jahren über die Schönfelder Kultur bis zur nördlichen Aunjetitzer Kultur vor 4000 Jahren waren Gemeinsamkeiten in diesem Raum zu erkennen. Auch das Siedlungsgebiet der frühen Thüringer umfasste vor allem Teile des heutigen Mitteldeutschlands.Helmut Castritius, Dieter Geuenich, Matthias Werner, Thorsten Fischer: Die Frühzeit der Thüringer: Archäologie, Sprache, Geschichte. Band 63 von Reallexikon der Germanischen Altertumskunde – Ergänzungsbände, Verlag Walter de Gruyter, 2009, S. 345. Aber zur Zeit Karls des Großen galt die Saale als Grenze zu den Sorben.siehe Limes Sorabicus Je nach Standpunkt reicht der Raum bis Berlin (von Wittenberg aus) oder Bayern (von Weimar aus).siehe z. B. Regionalpark Mitteldeutschland, abgerufen am 16. November 2014; Bernd Kulla: Die Anfänge der empirischen Konjunkturforschung in Deutschland 1925–1933. Verlag Duncker & Humblot, Berlin 1996, S. 79.
Nach André Thieme kann das Herrschaftsgebiet des Hauses Wettin auch als Mitteldeutschland in seiner Zeit verstanden werden. Für Karlheinz Blaschke nimmt in Anknüpfung an die Wettinische Herrschaft Sachsen bis zur Neuordnung Europas auf dem Wiener Kongress im Jahr 1815 den Raum Mitteldeutschlands ein. Das beanspruchte Gebiet deckte sich mit einem Naturraum, der von Gebirgen umfasst war, also Erzgebirge, Thüringer Wald und Harz sowie als schwache Trennlinie im Norden der Fläming. (Aber die anhaltinischen Fürstentümer gehörten den Askaniern. Daher ist der wettinische Herrschaftsbereich nur zur groben Orientierung geeignet.)
Die Berufung auf größere Herrschaftsgebiete des Mittelalters und vorangegangener Zeit lässt dabei außer Acht, dass eine Überformung durch Neuzeit und Moderne stattfand, womit für Jürgen John erst durch Industrialisierungs- und Modernisierungsprozesse ein realer Lebensbezug zu Mitteldeutschland ab 1800 geprägt worden sei. Eine heterogene Geschichte dieses Raumes zuvor, in einer historisch gewachsenen Einheit, gäbe es nicht und würde über gemeinsame Zufälligkeiten eingeebnet.
Landeskundlich-geografische Begriffsverwendung mini|Karte des westlichen Mitteldeutschland, ca. 1900
Die Mitteldeutschen Staaten wurden im 19. Jahrhundert in einer geographischen Nord-Süd-Teilung von Preußen im Norden, sowie Bayern, Baden, Württemberg und der Habsburgermonarchie im Süden unterschieden;z. B. Hugo Franz von Brachelli: Die Staaten Europa’s in kurzer statistischer Darstellung. 1867, S. 11.; Jürgen John 2008, S. 43. dabei bildeten sie „in Natur und Menschen nach ihrer Sprach, ihren Sitten und ihrem Wesen die Übergangsglieder zwischen Nord- und Süddeutschland.“ |Kommentar=genannte Gebiete für Mitteldeutschland: Das holländ. Großherzogthum Luxemburg mit dem Herzogthum Limburg, Herzogthum Nassau, Kurhessen oder Hessen-Kassel, Fürstenthum Waldeck, Fürstenthum Lippe-Detmold, Fürstentum Schaumburg Lippe, Theile von preuß. Westphalen, Theile vom Königreich Hannover, Herzogthum Braunschweig, Großherzogthum und Herzogthümer Sachsen (Herzogthum Sachsen-Meiningen-Hildburghausen, Herzogthum Sachsen-Koburg-Gotha, Großherzogthum Sachsen-Weimar-Eisenach, Herzogthum Sachsen-Altenburg), Fürstenthümer Reuß, Fürstenthum Schwarzburg-Rudolstadt, Fürstenthum Schwarzburg-Sondershausen, Herzogthümer Anhalt (Anhalt-Dessau, Anhalt-Bernburg, Anhalt-Köthen), Königreich Sachsen Volger zählte 1836 geografisch zu Mitteldeutschland die Länder, die am Mitteldeutschen Gebirge selbst lagen. Dies beinhaltete das Königreich Sachsen, das Großherzogtum Sachsen-Weimar, die Herzogtümer Sachsen (Herzogtum Sachsen-Coburg und Gotha, Herzogtum Sachsen-Meiningen und Herzogtum Sachsen-Altenburg), die reußischen Fürstentümer (Reuß jüngerer Linie und Reuß älterer Linie), die Fürstentümer Schwarzburg (Schwarzburg-Rudolstadt und Schwarzburg-Sondershausen), das Kurfürstentum Hessen, das Großherzogtum Hessen, die Landgrafschaft Hessen-Homburg, das Herzogtum Nassau, das Großherzogtum Luxemburg und das Fürstentum Waldeck. Schneider bezieht 1840 zusätzlich zu den von Volger genannten das Herzogtum Limburg, das Fürstentum Lippe-Detmold, das Fürstentum Schaumburg-Lippe, Teile von preußisch Westphalen, Teile des Königreichs Hannover und anhaltinische Fürstentümer (Anhalt-Dessau, Anhalt-Bernburg und Anhalt-Köthen) mit ein.
Im Jahr 1867, zum Ende des Deutschen Bundes und Beginn des Deutschen Kaiserreichs, zählte Brachelli zu den Mitteldeutschen Staaten das Königreich Sachsen, Thüringen (inklusive des Großherzogtums Sachsen-Weimar, der Sächsischen Herzogtümer und der schwarzburgischen Fürstentümer), die reußischen Fürstentümer (jüngere und ältere Linie), das Kurfürstentum Hessen mit Schmalkalden (hierin Gebiete am Thüringer Wald und in der Nähe), die preußischen Kreise (Erfurt, Schleusingen und Ziegenrück), das Fürstentum Waldeck (ohne Pyrmont) sowie angrenzende preußische Landesteile.
Wandel durch die deutsche Teilung mini|Aufteilung des Deutschen Reiches nach 1945
Als Mitteldeutschland wurde ab 1949 in Westdeutschland auch die Deutsche Demokratische Republik bezeichnet. Bis zur Entspannungspolitik und Anerkennung der DDR als Staat wurde von der Regierung der Bonner Republik vermieden, die DDR mit ihrem Staatsnamen zu bezeichnen. Von der Bevölkerung der BRD wurde vor der Anerkennung der DDR aber überwiegend von der Ost-Zone gesprochen, wobei dieser Begriff aus der Sowjetischen Besatzungszone (SBZ) abgeleitet war. Ab Mitte der 1960er Jahre waren auch die Begriffe und Schreibweisen sogenannte DDR, später auch nur noch „DDR“ (in Anführungszeichen) gebräuchlicher. Nach der Anerkennung der DDR wurden die Anführungszeichen weggelassen. Seit der deutschen Einheit werden für das ehemalige Staatsgebiet der DDR im allgemeinen Sprachgebrauch meist die Begriffe neue Länder oder Ostdeutschland verwendet.