Märchen (Diminutiv zu mittelhochdeutsch mære „Kunde, Bericht, Nachricht“) sind Prosatexte, die von wundersamen Begebenheiten erzählen. Märchen sind eine bedeutsame und sehr alte Textgattung in der mündlichen Überlieferung (Oralität) und treten in allen Kulturkreisen auf. Im Gegensatz zum mündlich überlieferten und anonymen Volksmärchen steht die Form des Kunstmärchens, dessen Autor bekannt ist. Im deutschsprachigen Raum wurde der Begriff Märchen insbesondere durch die Sammlung der Brüder Grimm geprägt.
Im Unterschied zur Sage und Legende sind Märchen frei erfunden und ihre Handlung ist weder zeitlich noch örtlich festgelegt. Allerdings ist die Abgrenzung vor allem zwischen mythologischer Sage und Märchen unscharf, beide Gattungen sind eng verwandt. Ein bekanntes Beispiel hierfür ist das Märchen Dornröschen, das etwa von Friedrich Panzer als märchenhaft „entschärfte“ Fassung der Brünnhilden-Sage aus dem Umkreis der Nibelungensage betrachtet wird. Dabei kann man die Waberlohe als zur Rosenhecke verniedlicht und die Nornen als zu Feen verharmlost ansehen.
Charakteristisch für Märchen ist unter anderem das Erscheinen phantastischer Elemente in Form von sprechenden und wie Menschen handelnden Tieren, von Zaubereien mit Hilfe von Hexen oder Zauberern, von Riesen und Zwergen, Geistern und Fabeltieren (Einhorn, Drache usw.); gleichzeitig tragen viele Märchen sozialrealistische oder sozialutopische Züge und sagen viel über die gesellschaftlichen Bedingungen, z. B. über Herrschaft und Knechtschaft, Armut und Hunger oder auch Familienstrukturen zur Zeit ihrer Entstehung, Umformung oder schriftlichen Fixierung aus. Nach der schriftlichen Fixierung der Volksmärchen setzte eine mediale Diversifikation ein (Bilder, Illustrationen, Übersetzungen, Nacherzählungen, Parodien, Dramatisierungen, Verfilmungen, Vertonungen usw.), die nun an die Stelle der mündlichen Weitergabe trat. Insofern ist die „Rettung“ der Märchen etwa durch die Brüder Grimm zwar einerseits begrüßenswert, aber andererseits setzt dies auch der mündlichen Weitergabe eines mono-medialen Texttyps ein jähes Ende.
Märchenerzählen ist als Immaterielles Kulturerbe in Österreich und Deutschland anerkannt worden. Die Österreichische UNESCO-Kommission hat das Märchenerzählen 2010 in das Nationale Verzeichnis des immateriellen Kulturerbes in Österreich aufgenommen, die Deutsche UNESCO-Kommission nahm es im Dezember 2016 in das Bundesweite Verzeichnis des immateriellen Kulturerbes auf.
Mittlerweile wird das Wort Märchen im Sinne einer in manipulativer Absicht verbreiteten „frei erfundenen Erzählung“, also einer Falschmeldung, im Deutschen nur noch selten verwendet. Stattdessen nutzen viele das neudeutsche Wort Fake News.
Märchenforschung Vergleichende Märchenforschung Die vergleichende Märchenforschung wurde von den Brüdern Grimm begründet und von Theodor Benfey später im 19. Jahrhundert weitergeführt. Viele unterschiedliche Märchen, selbst in weit voneinander entfernten Erzähltraditionen und über Sprachgrenzen hinweg, zeigen auffällig viele Gemeinsamkeiten in den kleinsten isolierbaren Handlungseinheiten. Antti Aarne kategorisierte 1910 die Märchen nach ihren wesentlichen Erzählinhalten; daraus entstand der heute noch in der internationalen Erzählforschung gebräuchliche Aarne-Thompson-Index.Antti Arne, Stith Thompson: The Types of the Folktale. A Classification and Bibliography. 2., überarbeitete Auflage, Helsinki 1973. (Im Deutschen wird oft die Abkürzung AaTh verwendet, um Verwechslungen mit AT für Altes Testament zu vermeiden). 2004 legte Hans-Jörg Uther eine weitere Überarbeitung vor. Die Klassifikation wird seither als Aarne-Thompson-Uther-Index, abgekürzt ATU, geführt und enthält eine umfangreiche Liste von Märchentypen mit systematischer Katalogisierung der Handlungseinheiten.Hans-Jörg Uther: The types of international folktales. A classification and bibliography. Based on the system of Antti Aarne and Stith Thompson. Helsinki 2004.Hans-Jörg Uther: Deutscher Märchenkatalog. Ein Typenverzeichnis. 2015. Waxmann, Münster 2015, ISBN 978-3-8309-3332-8
Der russische Philologe Wladimir Jakowlewitsch Propp leistete 1928 mit seiner strukturalistischen Untersuchung über die Morphologie des Märchens einen wichtigen Beitrag zur literaturwissenschaftlichen Märchenforschung. Dem fügte Eleasar Meletinsky wichtige Einsichten zur Abgrenzung von Märchen und Mythos hinzu.Almut-Barbara Renger: Zwischen Märchen und Mythos: die Abenteuer des Odysseus und andere Geschichten von Homer bis Walter Benjamin. Eine gattungstheoretische Studie. Metzler, Stuttgart u. a. 2006, S. 106–128.
Psychologische und psychoanalytische Ansätze In jüngerer Zeit wurden Märchen auch mit unterschiedlichen theoretischen Ansätzen aus der Anthropologie, Oral History, der Psychologie (Analytische Psychologie, Psychoanalyse, Psychologische Morphologie) und weiteren Einzeldisziplinen untersucht. Zu den wichtigsten psychologischen Märchenforschern zählen Marie-Louise von FranzGotthilf Isler: Franz, Marie-Louise von. In: Enzyklopädie des Märchens. Handwörterbuch zur historischen und vergleichenden Erzählforschung. Hg. von Kurt Ranke zusammen mit Hermann Bausinger et al. Ab Band 5 hg. von Rolf Wilhelm Brednich zusammen mit Hermann Bausinger. Band 5, De Gruyter, Berlin 1987, S. 98. und ihre Schülerin Hedwig von Beit. Von Franz publizierte zahlreiche Monografien zur psychologischen Märcheninterpretation. Ihre zentrale These ist in Anlehnung an C. G. Jung,Z. B. C. G. Jung: Zur Phänomenologie des Geistes im Märchen. (1948) In: Gesammelte Werke. Bd. 9/I, Olten/Freiburg 1976, §. 384–455. dass in Märchen archetypische Inhalte des kollektiven Unbewussten mit ihrem prozesshaften Zusammenwirken in der menschlichen Psyche dargestellt werden. Somit enthielten Märchen in symbolischer Form psychologisches Orientierungswissen; sie hätten historisch oft auch die Funktion gehabt, die Einseitigkeiten kollektiv herrschender Werte und Ansichten zu kompensieren.Marie-Louise von Franz: Psychologische Märcheninterpretation. Eine Einführung. (1986) Neu übersetzte, überarbeitete und aktualisierte Auflage. Stiftung für Jung’sche Psychologie, Küsnacht 2012, ISBN 978-3-908116-72-1. Englisches Original: An Introduction to the Psychology of Fairytales. Zürich/New York 1970. Nach Bruno Bettelheims Auffassung machen Märchen den Unterschied zwischen Lustprinzip und Verantwortungsprinzip deutlich; darin bestehe ihre pädagogische Wirkung.
Ein Problem der psychologischen oder psychoanalytischen Märchendeutung ist, dass selten zwei Interpretationen eines Märchens übereinstimmen. Das weist auf einen Mangel an Evidenz hin. Der Germanist und Erzählforscher Lutz Röhrich zeigt dies am Beispiel von Interpretationen des Märchens vom Rumpelstilzchen und stellt fest, dass der Nutzen des Märchens, an das sich Menschen erinnern oder von dem sie träumen, für den Psychoanalytiker größer ist als der Nutzen der Psychoanalyse für den Märchenforscher. Für jeden Menschen biete ein Märchen andere Assoziationsmöglichkeiten. Von der Psychoanalyse erfahre man nichts über Herkunft, Alter, Verbreitung und kulturhistorische Hintergründe der Märchen. Röhrich plädiert daher für einen Methodenpluralismus bei der Märcheninterpretation.Lutz Röhrich: Rumpelstilzchen. Vom Methodenpluralismus in der Erzählforschung. In: Schweizerisches Archiv für Volkskunde 68/69(1972/73), S. 567–596.
Strukturanalysen Weniger spekulativ sind Ansätze, die die Struktur der Märchen untersuchen. Allen Märchen liegt unabhängig von ihrem Inhalt eine feste, meist sehr klare unilineare (einsträngige) Handlungsstruktur zu Grunde. Typisch ist ein gelegentlich zweiteiliger, oft aber dreiteiliger Aufbau mit Steigerung in der dritten Periode (z. B. drei Aufgaben, drei Brüder oder Schwestern).Lüthi, Märchen, 6. Auflage 1976, S. 28 ff. Diese Struktur erfüllt bestimmte Funktionen, die mit „archetypischen“Vgl. auch G. Giesa: Märchenstrukturen und Archetypen in den Artusepen Hartmanns von Aue (= Göppinger Arbeiten zur Germanistik. Band 466). Kümmerle Verlag, Göppingen 1987, ISBN 3-87452-701-8. Akteuren verbunden sind (Held, Gegenspieler, Helfer usw.), und ist schon in der Antike aufzufinden.Almut-Barbara Renger: Zwischen Märchen und Mythos: die Abenteuer des Odysseus und andere Geschichten von Homer bis Walter Benjamin. Eine gattungstheoretische Studie. Metzler, Stuttgart u. a. 2006, S. 106–128, 145–248.
Als idealtypische Merkmale von Märchen gelten: Formelhafter Anfang und Ende („Es war einmal …“, „Und wenn sie nicht gestorben sind …“), Fehlen jeder räumlichen oder zeitlichen Einordnung, übernatürliche Mächte, die ins Alltagsgeschehen eingreifen, Tiere, die sprechen oder sogar Menschengestalt annehmen können, Fabelwesen wie Zwerge, Riesen, Drachen, Feen usw., eine naive Moral, in der die Guten belohnt, die Bösen bestraft werden; Kriterium ist hier nicht eine ernstzunehmende ethische Bewertung ihre Tuns, sondern allein ihrer Haltung zum Protagonisten.Gero von Wilpert: Sachwörterbuch der Literatur (= Kröners Taschenausgabe, Band 231). 4., verbesserte und erweiterte Auflage. Kröner, Stuttgart 1964, S. 4408 f.
Moralische Funktion von Märchen André Jolles weist die klassifikatorischen und strukturalistischen Ansätze zurück, die in Märchen bloße Abfolgen von typischen Erzählmotiven sehen. Das Märchen sei auch keine moralische Erzählung im Sinne einer Handlungsethik (warum tut jemand etwas? und ist das eine tugendhafte Handlung oder Ausdruck von Bosheit?). Vielmehr bediene die „naive“ (vor-literarische) Form des Märchens moralische Erwartungen im Sinne einer Geschehensethik: Eine Befriedigung beim Lesen oder Zuhören wird erzielt, wenn eine als ungerecht empfundene Situation so verändert wird, wie es diesem naiven Empfinden zufolge auf der Welt zugehen müsse, also wenn etwa das Glück des Benachteiligten das der Bevorzugten um so viel übertrifft, als es zu Anfang der Erzählung geringer war. Das heiße nicht, das die Bevorzugten von Natur aus stets böse und die Benachteiligten immer gut im ethischen Sinn sind, oder dass Tugend stets belohnt und Laster bestraft werden. Es bedeute nur, dass das ins Schwanken geratene Gerechtigkeitsgefühl durch den Gang des Geschehens wieder ins Gleichgewicht gebracht wird, und zwar oft ohne allzu viel Mühe (z. B. mit Wundermaschinen). Die Abstraktheit von Raum und Zeit und die Namenlosigkeit, ja Austauschbarkeit der meisten Akteure, bei denen es sich um „symbolische Verdichtungen“ (Bernd Wollenweber) handle, trage dazu bei, individuelle Handlungsmotive in den Hintergrund treten zu lassen. Werden die Erzählungen in Raum und Zeit angesiedelt und mit konkreten Figuren ausstaffiert wie bei der Sage, stelle sich sofort die Motivfrage und damit die nach „guten“ oder „bösen“ Handlungen.André Jolles: Einfache Formen. (1930) 2. Aufl. Tübingen 1958, S. 238–246.
Typisch für Märchen sind Dichotomien. Gut und Böse erscheinen meist als gut oder böse charakterisierte Figuren. Ausnahmen bilden z. B. ambivalente Trickstergestalten oder Tiere, welche „gut mit den Guten und bös mit den Bösen“ umgehen; jedoch wird selten die Innenwelt der Figuren beschrieben.Lüthi, Märchen, 6. Aufl. 1976, S. 28 ff. Ihr Charakter zeigt sich nur an ihrem Verhalten. Meist steht ein Held oder eine Heldin im Mittelpunkt, der/die Auseinandersetzungen mit guten und bösen, natürlichen und übernatürlichen Kräften bestehen muss. Oft ist der Held eine vordergründig schwache Figur wie ein Kind oder der benachteiligte jüngste Sohn. Oft verkörpert er auch Klugheit oder List, die sich mit einer rohen Umgebung auseinandersetzen muss. Oft siegt der oder die Kleine, Unscheinbare, Schwache, Niedrige über das Große, Mächtige, Vornehme,Lüthi, Märchen, 6. Aufl. 1976, S. 28 ff. manchmal auch der Dumme oder Naive, der vor lauter Dummheit angstfrei ist und seine Chance ergreift.Bernd Wollenweber: Ideologiekritik im Deutschunterricht. Analysen und Modelle. Sonderband der Zeitschrift Diskussion Deutsch. Frankfurt 1972, S. 103–107.