Die Schlacht bei Murten wurde am 22. Juni 1476 zwischen Truppen der Eidgenossenschaft und des burgundischen Herzogs Karl des Kühnen im Rahmen der Burgunderkriege ausgetragen.

Vorgeschichte Karl der Kühne war seit 1467 Herzog von Burgund und beherrschte ein ausgedehntes Reich zwischen Frankreich und dem Heiligen Römischen Reich. 1474 verwickelte sich Karl in eine Reihe von Kriegen mit Frankreich, dem Haus Habsburg und der alten Eidgenossenschaft, die als Burgunderkriege in die Geschichte eingegangen sind und die zu seinem Tod und zum Untergang seines Reiches führten.

Karl verhandelte 1473 in Trier mit dem Kaiser Friedrich III. über die Erhöhung seines erweiterten Herzogtums zu einem neuen Königreich Burgund. Zudem strebte er nach dem Titel des Rex Romanorum, der ihn zum Nachfolger als Kaiser empfohlen hätte. Friedrich verlangte im Gegenzug die Vermählung von Karls einziger Erbin, Tochter Maria, mit seinem Sohn Maximilian, was Karl jedoch ablehnte. In der Folge griff er Neuss am Rhein an (Belagerung von Neuss), mit dem Ziel, die wichtige Bischofsstadt Köln zu erobern und von da aus die rheinischen Städte südwärts einzunehmen.

Unter Einfluss des französischen Königs Ludwig XI. löste Herzog Siegmund 1474 die an den burgundischen Hof verpfändeten Gebiete im Elsass und im Breisgau mit einem Kredit der Städte um Basel aus. Die Eidgenossenschaft schloss mit Siegmund ein dauerhaftes Bündnis ab, die sog. Ewige Richtung. In der Folge erklärten die Eidgenossen Burgund den Krieg und erweiterten diesen auf das Herzogtum Savoyen, als sich dieses weigerte, auf Druck der Verbündeten in Bern und Freiburg seinerseits gegen Burgund den Krieg zu eröffnen. Um Verstärkungen der Burgunder aus der Lombardei zu verhindern, besetzten Bern und Freiburg in der Folge die burgundische Freigrafschaft und die savoyische Waadt, während der mit Bern verbündete Bischof von Sitten das Unterwallis besetzte.

Im Jahr 1476 unternahm Karl von der Freigrafschaft Burgund aus einen Feldzug gegen das Territorium der Eidgenossen. Ziel war vor allem die Unterwerfung der Städte Bern und Freiburg. Zu Karls Aufgebot gehörten zahlreiche Bogenschützen, ausserdem verfügte sein Heer über hunderte Kanonen. Hinzu kamen Armbrustschützen, schwere Reiterei und einige Soldaten, die mit frühen Arkebusen ausgerüstet waren. Teilnehmer, etwa zur chirurgischen Versorgung von Schussverletzungen, waren auch der deutsche Wundarzt Hans von Gersdorff und sein Tiroler Lehrmeister Klaus von Matrei.Ralf Vollmuth: Die sanitätsdienstliche Versorgung in den Landsknechtheeren des ausgehenden Mittelalters und der frühen Neuzeit: Probleme und Lösungsansätze. Königshausen & Neumann, Würzburg 1991 (= Würzburger medizinhistorische Forschungen. Band 51), ISBN 3-88479-800-6; zugleich Medizinische Dissertation Würzburg 1990, S. 244.

Zuerst plante Karl gegen Bern vorzugehen, das er zu Recht als treibende Kraft hinter der anti-burgundischen Liga erkannte. Am 28. Februar 1476 nahm er nach kurzer Belagerung die Stadt Grandson am Neuenburger See ein und liess die eidgenössische Besatzung von 412 Mann, die sich auf die Zusicherung freien Geleits ergeben hatte, an den Bäumen aufknüpfen. Die kurze Zeit der Belagerung hatte Bern genutzt, um ein grösseres Aufgebot zusammenzustellen und Karl entgegenzuziehen. Am 2. März 1476 kam es in der Schlacht bei Grandson zum ersten grossen Treffen, bei dem Karls Truppen eine erste Niederlage im Kampf gegen die eidgenössische Infanterie hinnehmen mussten.

Den Eidgenossen gelang die Erbeutung von über 400 burgundischen Geschützen. Mangels Kavallerie konnten die Eidgenossen den fliehenden Burgundern jedoch nicht nachsetzen, was es Karl erlaubte, mit «nur» zirka 1000 Mann Verlusten aus dieser Schlacht herauszukommen (von einem Heer von zirka 20.000 Mann). Karl konnte seine zwar geschlagenen, aber nicht vernichteten Truppen sammeln und neu ordnen.

Bern als treibende Kraft hinter dem anti-burgundischen Bündnis versuchte vergeblich, die Eidgenossenschaft dazu zu bewegen, nach der Schlacht bei Grandson den geschlagenen Burgundern nachzusetzen und die Waadt zu besetzen. Selbst als Karl bereits in Lausanne wieder ein neues Heer sammelte und sich offensichtlich für einen neuen Feldzug gegen Bern rüstete, versagten die Eidgenossen jeder Präventivaktion ihre Unterstützung. Als symbolische Massnahme wurden rund 1000 Mann unter dem Hauptmann und späteren Zürcher Bürgermeister Hans Waldmann in die Stadt Freiburg gelegt. Für den Fall, dass der Herzog von Burgund in ihr Gebiet einfallen sollte, erhielt die Stadt Bern aber die Zusicherung, dass weitere eidgenössische Truppen ihr zu Hilfe kommen würden. Am 14. Oktober 1475 willigte Freiburg i. Ue. auf das Drängen der Berner ein (gegen den Rat der Eidgenossen), zusammen mit Bern die Stadt Murten zu besetzen. Bereits am folgenden Tag standen Bern und Freiburg vor Murten. Bern forderte von Murten, sich freiwillig zu ergeben und «Berner» zu werden. Andernfalls müssten «sy darumb liden dass inen an Lib und Gut übel keme». Auf das Versprechen von Freiburg, dass Murten selbständig bleiben dürfe, wenn es sich ergebe, gaben die Murtener ihren Widerstand auf, forderten jedoch, dass nur eine Besatzung von Freiburgern unter dem Kommando von Wilhelm Perrotet stationiert werde. Nach der Schlacht bei Grandson stationierte Bern eine Garnison von 1500 Mann unter Adrian I. von Bubenberg in der gut befestigten Stadt, um die dort stationierte Freiburger Garnison zu unterstützen. Damit waren beide Wege nach Bern, über Freiburg und Murten, für Karl vorläufig gesperrt. Ohne eine Belagerung einer der beiden Städte war Bern nicht zu erreichen. Auf diese Weise war sichergestellt, dass bei einem Angriff auf Bern genügend Zeit für einen Zuzug der Eidgenossen zur Verteidigung der Stadt zur Verfügung stehen würde.

Schlacht mini|links|Übersichtsplan (1879) Die Heere Karls des Kühnen und der Eidgenossen mini|Jakob von Savoyen, Graf von Romont, Kommandant des 4. burgundischen Korps mini|Anton Bastard von Burgund, Kommandant des burgundischen Reservekorps mini|Hans Waldmann, Hauptmann der Zürcher bei Murten, Reiterstandbild von Hermann Haller

Karl der Kühne besass das modernste Heer im damaligen Europa. Es war ein Söldnerheer bestehend aus Infanterie, Kavallerie und Artillerie. Bei der Infanterie sind die englischen Bogenschützen zu erwähnen, die einen hervorragenden Ruf genossen. Karl verfügte ausserdem über die modernste Artillerie Europas. Im Mai 1476 erliess Herzog Karl in Lausanne eine Militärordonnanz zur Neuorganisation seines Heeres in vier aktive und ein Reservekorps. Kommandeure der vier aktiven Korps waren der Herzog von Afry, der Prinz von Tarent, der Graf von Marle und Jakob von Savoyen, Graf von Romont. Das Reservekorps wurde von Anton Bastard von Burgund geführt.

Die Eidgenossen und ihre Verbündeten hatten ihre eigene Kampftaktik, die sich seit den ersten Schlachten gegen die Habsburger im 14. Jahrhundert herausgebildet hatte. Im Kampf gegen schwere Reiterei und gepanzerte Kämpfer formierten sie sich zu Gewalthaufen. Als wichtige Neuerung konnten sie erstmals in Grandson mit etwa 5 m langen Spiessen aus Eschenholz eine Art «Igelwand» bilden, welche von der Kavallerie nicht durchbrochen werden konnte. Machiavelli verglich diese Kampftaktik der Eidgenossen mit der griechischen Phalanx, damals wurde zeitweise eine ähnliche Waffe, die Sarissa, verwendet. Eine wichtige Waffe der Eidgenossen war die seit Morgarten bewährte Halbarte, eine kürzere Stangenwaffe mit durchschlagender Wirkung. Handfeuerwaffen kamen auf beiden Seiten zum Einsatz, waren aber wegen der Unausgereiftheit des Zündungsmechanismus und der Zielungenauigkeit von untergeordneter Bedeutung.

Nach der Schlacht bei Grandson erliess die eidgenössische Tagsatzung am 18. März 1476 erneut eine Kriegsordnung. Ziel war die Stärkung des Zusammenhalts der Truppe im Feld, um eine vermehrte Zusammenfassung aller Kräfte auf das Hauptziel einer Schlacht zu erreichen, nämlich die völlige Vernichtung der gegnerischen Streitmacht. Insbesondere wurde es untersagt, Kriegsgefangene zu machen, um Lösegeld zu erhalten. Es hatte sich nämlich gezeigt, dass die Kämpfer dadurch stark abgelenkt wurden und die Masse der Feinde deshalb entfliehen konnte. Hauptschwäche der Eidgenossen blieb der fehlende Oberbefehl. Jede Truppe hatte ihre eigenen Führer, es gab lediglich eine Versammlung der Hauptleute, die über Strategie und Taktik entschied.

Belagerung von Murten mini|links|Die Belagerung von Murten durch Karl den Kühnen 1476. Amtliche Luzerner Chronik, 1513

Nach der Niederlage bei Grandson flüchtete Karl nach Lausanne. Der Fürstbischof von Lausanne stand unter dem Einfluss der Herzöge von Savoyen, die mit Karl verbündet waren. In Lausanne sammelte Karl in kurzer Zeit auf der Plaine du Loup ein neues Heer. Insbesondere musste er seine ganze Artillerie neu aufbauen, die er bei Grandson verloren hatte.

Im Juni stiess er durch die Waadt in Richtung Bern vor. Der Weg über Grandson-Neuenburg kam nicht in Frage, weshalb er sein Heer südlich des Neuenburger Sees vorstossen liess. Grundsätzlich gab es zwei Wege, auf denen ein grosses Heer mit Tross und Artillerie nach Bern gelangen konnte: Entweder über Payerne-Murten oder über Romont-Freiburg. Beide Städte waren mit Garnisonen versehen. Weshalb sich Karl schliesslich für den Weg über Murten entschloss, ist ungeklärt. Wahrscheinlich war ein Zusammenstoss seiner Vorhut mit einer Abordnung der Besatzung von Murten bei Avenches dafür entscheidend.

Am 9. Juni traf Karl vor Murten ein. An den folgenden zwei Tagen liess er die Stadt durch sein langsam eintreffendes Heer umzingeln und eine Belagerung aufbauen. Um nach Bern zu gelangen, war diese Belagerung zwar nicht unbedingt nötig – die Strasse lag etwas südlich der Stadt –, es wäre aber zu riskant gewesen, bei einer Belagerung Berns die 2000 Berner aus Murten im Rücken zu wissen. Die Aufstellung der burgundischen Truppen ist genau überliefert. Drei Korps lagen um Murten, zwei Korps als Reserve im burgundischen Lager südlich und östlich des Bois Domingue, einer dominierenden Anhöhe in der Ebene vor Murten, auf der das Hauptquartier Karls des Kühnen lag. «Bodemünzi», die spätere Bezeichnung der Anhöhe, entstammt nicht etwa wie weithin angenommen dem schweizerdeutschen «z‘ bode müend si / zu Boden müssen sie», sie ist nur eine Abwandlung des französischen «Bois Domingue». In östlicher Richtung liess Karl ein mit Artillerie bestücktes Hindernis errichten, das in der Schweizer Geschichte den Namen «Grünhag» erhalten hat. Damit sollte das Belagerungsheer vor einem Überraschungsangriff aus Bern geschützt werden.

Der Herzog von Burgund liess am 12. Juni zudem Voraustrupps in Richtung Bern marschieren, um die Brückenköpfe Laupen über die Sense und Gümmenen über die Saane zu erobern. Diese Vorstösse wurden von Bern aber blutig zurückgewiesen. Mit dem Vorstoss auf bernisches Gebiet traten nun die Hilfsverträge mit der Eidgenossenschaft in Kraft.

In der Zwischenzeit hatte die Belagerung der Stadt begonnen und die Artillerie hatte bereits einige Türme zerstört. Die Belagerten leisteten unter der energischen Leitung Adrians I. von Bubenberg heftigen Widerstand. Bern hatte praktisch die gesamte erbeutete Artillerie aus Grandson nach Murten gebracht, weshalb die Belagerung sich für die Burgunder zu einem verlustreichen Unternehmen entwickelte. Der anhaltende Widerstandswille wurde auch durch das Beispiel des Schicksals der Besatzung von Grandson gestützt – es war von vornherein klar, dass die Besatzungstruppe eine Niederlage nicht überleben würde. Dennoch war die Lage angesichts der starken Belagerungsgeschütze auf längere Sicht aussichtslos. Der schwerste Angriff erfolgte am Abend des 18. Juni. Die Verbindung mit Bern konnte über den Seeweg jedoch gehalten werden, und Adrian von Bubenberg schrieb nach Bern, dass ein solcher Angriff nur schwer nochmals abgewendet werden könne.