mini|Gottfried Benn (1934) rahmenlos|rechts
Gottfried Benn (* 2. Mai 1886 in Mansfeld bei Putlitz, Prignitz; † 7. Juli 1956 in Berlin) war ein deutscher Dichter, Essayist und Arzt. Er wuchs als Sohn eines Theologen in einem Pfarrhaus auf. Nach einem abgebrochenen Studium der Theologie schloss er erfolgreich das Medizinstudium ab. 1912 erschien der erste Gedichtband Morgue und andere Gedichte, welcher wegen der drastischen Themenwahl und saloppen Ausdrucksweise einen Skandal provozierte und den Autor als Vertreter der neu aufkommenden expressionistischen Lyrik schlagartig bekannt machte. Mit dem 1916 erschienenen Novellenband Gehirne verfasste er einen bedeutenden Beitrag zur expressionistischen Kleinprosa. Die Zivilisationskritik der Morgue-Gedichte verfolgte er fortan in seinem essayistischen Werk. In Das moderne Ich widmete er sich der Frage nach der Stellung des Individuums in der Gesellschaft.
Nach dem Ersten Weltkrieg experimentierte Benn in seinen Gedichten mit der Montage und orientierte sich an antiken Topoi wie Vollendung und Formstrenge, jedoch im fragmentalen Bewusstsein der Moderne. Gleichzeitig verfolgte er in seinen Essays aus einer darwinistischen und lebensphilosophischen Perspektive die Themen Sozialisation und Individualität weiter. Im Jahr 1927 erschien sein Gedichtband Gesammelte Gedichte. Gleichzeitig erfuhr Benn in der Weimarer Republik seitens der literarischen Öffentlichkeit die erhoffte Anerkennung als hervorragender Dichter seiner Zeit. 1932 wurde er in der Sektion für Dichtkunst der Preußischen Akademie aufgenommen.
Im Jahr 1933 hielt Benn die Rede Der neue Staat und die Intellektuellen, in der er nach der NS-Machtübernahme die Mitarbeit der Dichter im nationalsozialistischen Staat einforderte. Als die Nazidiktatur 1933/34 brutal durchgesetzt wurde, zerschlug sich Benns metapolitische Ambition. Benn wurde zudem als ehemaliger führender Expressionist schwer angefeindet. Seine Werke wurden zwar weiterhin gedruckt, doch stand er nunmehr außerhalb der durch NSDAP-Dichter dominierten Literatur.
Zwei Jahre nach Ende des Zweiten Weltkrieges – Benn wurde wegen seiner Rede und seiner Mithilfe bei der Ausschaltung der Akademie vehement von zurückgekehrten Schriftstellerkollegen kritisiert – erschien im Schweizer Verlag Arche der Gedichtband Statische Gedichte. Es folgte 1951 die Verleihung des Georg-Büchner-Preises. Die Autobiographie Der Ptolemäer und sein poetologischer Essay Ausdruckswelt waren bereits 1949 erschienen. Besonders seine antikisierende und klassizistische Spruchdichtung aus den Statischen Gedichten und den Apreludes trugen zur Anerkennung des Dichters bei, wie auch seine Redebeiträge und Debatten im Rundfunk ihn bekannter machten. Seine Montagelyrik sichert ihm den Rang eines bedeutenden deutschen Lyrikers der klassischen Moderne. Benn wurde bereits zu Lebzeiten ein Vorbild späterer Dichtergenerationen. Günter Eich und Peter Rühmkorf waren von seiner Artistik, dem kühlen Sound, aber auch Melancholie beeinflusst und zahlreiche Autoren der neuen Bundesländer, darunter der Dramatiker Heiner Müller und der frühe Durs Grünbein wie die Dichtergeneration der späten 80er Jahre, darunter Marcel Beyer und Thomas Kling, konnten mit Zunahme von Benns Subjektdekonstruktion gegen die damals vorherrschende Neue Subjektivität operieren.
Leben mini|80 Pf-Sondermarke der Bundespost Berlin (1986) mit einem Porträt von Gottfried Benn mini|Gedenktafel am Haus Mehringdamm 38 in Berlin-Kreuzberg
Frühe Kindheit Gottfried Benn wurde am 2. Mai 1886 als zweitältestes der acht KinderHolger Hof, Benn (2007), S. 36. des evangelischen Pastors Gustav Benn (1857–1939) und dessen Frau Caroline Benn (1858–1912, geb. Jequier; aus Fleurier im schweizerischen Jura stammend) in dem Dorf Mansfeld bei Putlitz, Kreis Westprignitz, geboren. Zu seinen Geschwistern zählten unter anderem Theodor Benn (1891–1981), der in den 1920er Jahren aufgrund seiner Beteiligung an einem Fememord bekannt wurde, und Ernst-Viktor Benn (1898–1990), der 1952 kurzfristig Präsident des Landeskirchenamts in Hannover war.Hannelore Braun, Gertraud Grünzinger: Personenlexikon zum deutschen Protestantismus 1919–1949. Vandenhoeck & Ruprecht, Göttingen 2006, S. 34 (Online-Vorschau). Als Benn ein halbes Jahr alt war, zog die Familie nach Sellin bei Bärwalde in die Neumark. Aufgrund des geringen Einkommens als Landpfarrer waren die wirtschaftlichen Mittel der Familie knapp bemessen und mussten durch eine eigene kleine Landwirtschaft aufgebessert werden. Seine Kindheit thematisierte Benn zum Beispiel in der Prosaschrift Lebensweg eines Intellektualisten (1934) und in Gedichten mitunter in sehnsuchtsvollem Ton als unbewusst-glückliche Zeit.
„Es ist ein Garten, den ich manchmal sehe östlich der Oder, wo die Ebenen weit […] Es ist ein Knabe, dem ich manchmal trauere, der sich am See in Schilf und Wogen ließ, noch strömte nicht der Fluß, vor dem ich schauere, der erst wie Glück und dann Vergessen hieß.“Aus Epilog 1949, IV, S. 345; in Gottfried Benn: Gesammelte Werke in vier Bänden, Band III, 9. Auflage. Hrsg.: Dieter Wellershoff, Klett-Cotta, Stuttgart 1993.
Auf Benns Sozialisation hatte Einfluss gehabt, dass er zusammen mit Landarbeiterkindern und mit Söhnen des ostelbischen Adels aufgewachsen war. Zwar genoss seine Familie, da der Vater Pastor war, am Wohnort eine privilegierte Stellung in der Gesellschaft, doch verblieb auch wegen ungleicher Besitzverhältnisse ein gefühlter Standesunterschied gegenüber den Junkersöhnen.Wolfgang Emmerich: Gottfried Benn. Rowohlt, 2006, S. 14 ff. Der erste Benn-Biograph Thilo Koch folgerte daraus eine „nicht vollendete Sozialisation“ und „Entwurzelung“ Benns und ein „bedrückendes Gefühl“ wegen seiner „Armut“, das einen auch noch im späteren Leben nachweisbaren Minderwertigkeitskomplex zur Folge gehabt habe.Thilo Koch: Gottfried Benn – Ein biographischer Essay. 1957; erweiterte Neuausgabe: Deutscher Taschenbuch Verlag, München 1970, S. 15 ff.
Beziehung zu den Eltern Benns Verhältnis zu seinem Vater, den er als patriarchalisch, christlich-pietistisch, teils auch als sozialdemokratisch geprägt wahrnahm, war zeitweise gespannt. Noch in Benns eigenen Worten von 1954 wird er als „großer Zelot und Fanatiker“ beschrieben.Gottfried Benn an Hans Egon Holthusen am 16. Mai 1954. In: Gottfried Benn: Ausgewählte Briefe. Nachwort von Max Rychner. Limes Verlag, Wiesbaden 1957, S. 265. Später stieß Benn – ähnlich wie Friedrich Nietzsche, ebenfalls Pastorensohn – zunehmend der permanente religiöse Bezug ab, der in Benns Worten „alles nur mit Gott oder dem Tod, aber nicht der Irdischkeit verknüpfte“.Wolfgang Emmerich: Gottfried Benn. Rowohlt, 2006, S. 19.
Zu seiner Mutter hatte er ein innigeres Verhältnis. Ihr früher Tod im Jahr 1912 traf ihn tief. Dies zeigt auch sein (zu Lebzeiten unveröffentlichtes) Gedicht Mutter:
„Ich trage dich wie eine Wunde auf meiner Stirn, die sich nicht schließt. Sie schmerzt nicht immer. Und es fließt das Herz sich nicht draus tot. Nur manchmal plötzlich bin ich blind und spüre Blut im Munde.“Gottfried Benn: Gedichte. Gesammelte Werke in vier Bänden. Band III, 3. Auflage. Hrsg.: Dieter Wellershoff, Klett-Cotta, Stuttgart 1993, S. 24.
Als Benns Mutter an Brustkrebs litt, verbot sein Vater dem schon approbierten Sohn aus religiösen Gründen – da der Schmerz gottgewollt sei – sogar die Behandlung der Mutter mit schmerzlindernden Morphinen. Dies führte zu einem schweren Zerwürfnis zwischen Benn und seinem Vater, und Benn unterbrach den Kontakt für die nächsten Jahre vollständig. Dieser Gesamtkomplex eines Vater-Sohn-Konfliktes ist exemplarisch in Benns zwischen 1912 und 1917 geschriebenem und 1922 veröffentlichten Gedicht Pastorensohn zu beobachten, in dem er – bis zur Kastration des Vaters gehend – mit diesem radikal abrechnet:
„[…] Verfluchter alter Abraham, zwölf schwere Plagen Isaake haun dir mit einer Nudelhacke den alten Zeugeschwengel lahm.“Gottfried Benn: Gedichte, Gesammelte Werke in vier Bänden. Band III, 3. Auflage. Hrsg.: Dieter Wellershoff. Klett-Cotta, Stuttgart 1993, S. 400.
Im Gedichtzyklus Söhne von 1913 scheint die Kritik am Vater dann in einem im Expressionismus durchaus üblichen Gesamtzusammenhang eines historischen und überindividuellen GenerationenkonfliktsIngeborg Scholz: Gottfried Benn – Lyrik und Prosa. 2. Auflage. Beyer Verlag, Hollfeld 1992, S. 37, 38. erneut auf:
„[…] Von meinen Schultern blättern die Gefilde, Väter und Hügelglück –; Die Söhne wurden groß. Die Söhne gehn nackt und im Grame des entbundnen Bluts die Stirn aufrötet ein Abgrundglück.“Aus Schnellzug. In: Sämtliche Werke. Band II. Klett-Cotta, Stuttgart 1986, S. 33.
Gymnasialzeit mini|hochkant|Gedenktafel für Gottfried Benn und Klabund in Frankfurt (Oder)
Von September 1897 bis September 1903 besuchte er das Friedrichsgymnasium in Frankfurt (Oder), in dem er auch das Reifezeugnis erwarb. Er wohnte vier Jahre in einer Pensionsstube zusammen mit dem gleichaltrigen Heinrich Graf Finck von Finckenstein, den er schon seit dem Hauslehrerunterricht seines Vaters bei der Familie kannte. Benn hatte allgemein eher mittelmäßige Noten. In Latein und Altgriechisch war er dagegen gut. Dies spiegelt sich später auch in der engen Beziehung seiner Dichtung zur griechischen Antike und ihrer Mythologie und Götterwelt wider.Gunnar Decker: Gottfried Benn – Genie und Barbar – Biographie. Aufbau Verlag, Berlin 2006, S. 82 ff.
Studium Nach seinem Abitur im September 1903 wollte Benn sofort Medizin studieren. Dies widersprach aber den Vorstellungen seines Vaters, da dieses Studium lang und teuer war und er seinen Sohn gerne als Nachfolger in seinem Pfarramt gesehen hätte. Zum Wintersemester 1903/1904 nahm Benn also das Studium der Evangelischen Theologie und der Philosophie in Marburg auf. Er wohnte zunächst preisgünstig im Korporationshaus der dort ansässigen Turnerschaft, der schon sein Vater angehört hatte.Walter Lennig: Gottfried Benn in Selbstzeugnissen und Bilddokumenten. 1962, S. 15. Im Wintersemester 1904/1905 wechselte er zum Philologiestudium an die Friedrich-Wilhelms-Universität in Berlin. Benn scheint für beide Studiengänge wenig Interesse aufgebracht zu haben und wurde im Sommer 1905 wegen „Unfleißes“ aus der Universitätsmatrikel gestrichen.
Nun stellte der Vater sich einem Medizinstudium des Sohnes nicht mehr in den Weg. Aus Kostengründen kam aber nur ein Studium an der Kaiser-Wilhelms-Akademie für das militärärztliche Bildungswesen in Frage. Diese ermöglichte eine nahezu kostenfreie Ausbildung unter der Auflage, für jedes Studiensemester später ein Jahr als Militärarzt zu dienen. Benn hat die Bedeutung dieser qualitativ hochstehenden, strengen, aber auch vielseitigen Ausbildung für seine Entwicklung später positiv hervorgehoben:Bertelsmann Lexikon, Deutsche Autoren – Vom Mittelalter bis zur Gegenwart, Band 1, A–Eh, Hrsg.: Walther Killy, Bertelsmann Lexikon Verlag, München 1994, S. 172.
Durch seine sechsjährige Studienzeit nahm Benn einen lebenslangen – von Zeitzeugen häufig angemerkten – durch das preußische Militär als Lebensform geprägten geistigen wie auch gesellschaftlichen Habitus an.Wolfgang Emmerich: Gottfried Benn. Rowohlt, 2006, S. 29. Ab Oktober 1910 war Benn Unterarzt im Infanterie-Regiment 64 in Prenzlau und hospitierte gleichzeitig von Oktober 1910 bis November 1911 als Unterarzt in der Charité, vermutlich in der Psychiatrie. In dieser Zeit verfasste Benn mehrere medizinische Studien zu psychiatrischen Fragen, von denen eine (Die Ätiologie der Pubertätsepilepsie) den ersten Preis der Berliner Medizinischen Fakultät von 1910 errang. Im Oktober 1911 legte er sein medizinisches Staatsexamen ab, erhielt die Approbation, und 1912 promovierte er mit Über die Häufigkeit von Diabetes mellitus im Heer zum Doktor der Medizin.Werner Rübe: Provoziertes Leben – Gottfried Benn. Klett-Cotta, 1993, S. 110.