mini|Im Lande des Christkinds 1903, Nachdruck 1915 mini|Das Hünfelder Rathaus als Adventskalender hergerichtet mini|Adventskalender vom Carlsen Verlag 1959. Ein Adventskalender (in Österreich Adventkalender) gehört seit dem 19. Jahrhundert zum christlichen Brauchtum in der Zeit des Advents. Der Kalender ist in verschiedenen Formen und Ausprägungen verbreitet, zeigt jedoch in der Regel die verbleibenden Tage bis Weihnachten an.
Adventskalender zählen entweder in Bezug auf das Kirchenjahr oder auf den bürgerlichen Kalender. Adventskalender, die sich auf das Kirchenjahr beziehen, umfassen den ganzen Advent (der erste Adventssonntag kann zwischen den 27. November und den 3. Dezember fallen) bis Weihnachten oder Heilige Drei Könige, während kalendarische Adventskalender am 1. Dezember beginnen und am 24. Dezember, dem Heiligen Abend, enden. Adventskalender sollen, ähnlich wie der Adventskranz, die Wartezeit bis zum Weihnachtsfest „verkürzen“ und die Vorfreude steigern.
Ursprünglich aus einer lutherischen Sitte Deutschlands stammend, gehören Adventskalender heute in christlich geprägten Ländern zur Vorbereitung auf das Fest der Geburt Jesu Christi.
Im deutschsprachigen Raum haben vor allem Kinder einen Adventskalender. Gleichwohl gibt es auch solche, die eher für Erwachsene angelegt sind. Im Handel weit verbreitet sind Kalender, die mit weihnachtlichen Motiven bedruckt sind und an denen sich kleine Türen öffnen lassen, hinter denen sich Bilder, Sprüche, Süßigkeiten oder andere Überraschungen befinden. Ebenso werden selbstgebastelte Kalender verwendet, denen oft ein ähnliches Prinzip zugrunde liegt. In vielen deutschen Gemeinden gehört es zur Tradition öffentliche Gebäude wie Rathäuser zur Weihnachtszeit als Adventskalender zu dekorieren.
Historisches Ursprünge mini|Dänische Adventskalenderkerze Zunächst war der Adventskalender vor allem Zählhilfe und Zeitmesser. Die eigentlichen Ursprünge lassen sich bis ins 19. Jahrhundert zurückverfolgen.
rechts|rahmenlos|Wichernkranz mini|hochkant|Johann Hinrich Wichern (1808–1881)
Den ersten dokumentierten Adventskalender schuf der evangelische Theologe Johann Hinrich Wichern 1839 für die Kinder eines Kinderheims (Rauhes Haus in Hamburg), um die Wartezeit bis zur Weihnacht überschaubarer zu machen. Er stellte pro Tag eine Kerze auf ein Wagenrad, für jeden Adventssonntag eine dickere. So schuf er zugleich zwei Traditionen: die des Adventskranzes (der heute nur noch die Adventssonntage zählt) und die des Adventskalenders, der alle Tage bis Weihnachten zählt.
Der erste selbstgebastelte Adventskalender im Privathaushalt stammt vermutlich aus dem Jahr 1851, ebenfalls im protestantischen Umfeld. So hängten Familien nach und nach 24 Bilder an die Wand. Einfacher war eine Variante mit 24 an die Wand oder Tür gemalten Kreidestrichen, bei der die Kinder täglich einen Strich wegwischen durften. in der Arte-Sendung Karambolage vom 4. Dezember 2005. In katholischen Haushalten wurden hingegen Strohhalme in eine Krippe gelegt, für jeden Tag einer, bis zum Heiligen Abend. Weitere Formen des Adventskalenders waren die Weihnachtsuhr oder eine Adventskerze, die jeden Tag bis zur nächsten Markierung abgebrannt wurde. Diese Variante war besonders während der Zeit des Nationalsozialismus als Ersatz des gebräuchlichen Adventskalenders verbreitet. – „Bräuche in Schleswig-Holstein“, 14. Dezember 2007. Gleichzeitig stellt das Abbrennen eine skandinavische Tradition dar.
Thomas Mann erwähnt in seinem Roman Buddenbrooks den Advent des Jahres 1869, in dem der kleine Hanno das Nahen der Weihnachtszeit auf einem von der Kinderfrau angefertigten Abreißkalender verfolgt: – „Erinnerungsreise mit dem Adventskalender“, 14. Dezember 2007.
1900 bis zum Zweiten Weltkrieg mini|Das Geheimnis der Weihnacht – auf das Kirchenjahr bezogener Adventskalender vom ersten Advent bis zum Dreikönigsfest von Paula Jordan. Die Adventssonntage haben zusätzlich eigene Türchen. mini|hochkant|Adventskalender in St. Petri in Lübeck, 2011 1902 veröffentlichte die Evangelische Buchhandlung Friedrich Trümpler in Hamburg den ersten gedruckten Kalender in Form einer Weihnachtsuhr für Kinder mit den Zahlen 13 bis 24 auf dem Zifferblatt. Ab 1922 erschienen Weihnachts- bzw. Adventsuhren mit 24 Feldern.
1903 brachte der Münchner Verleger Gerhard LangAndrej Abplanalp: Das Fest der Symbole und Bräuche im Blog des Schweizerischen Nationalmuseums vom 28. November 2019 einen gedruckten Kalender mit dem Titel Im Lande des Christkinds auf den Markt. Sellmer Verlag, abgerufen am 22. Dezember 2009. Er bestand aus einem Bogen mit 24 Bildern zum Ausschneiden und einem Bogen mit 24 Feldern zum Aufkleben. Jeden Tag in der Adventszeit durften die Kinder ein Bild ausschneiden und in ein Feld kleben. Da der 1. Dezember ein eher willkürlich gewähltes Datum war – die Adventszeit hat je nach Beginn zwischen 22 und 28 Tage, womit der 1. Dezember meist schon in der Adventszeit lag –, brachte Lang ab dem folgenden Jahr zunächst einen Nikolaus-Kalender heraus, der zum 6. Dezember einsetzte.Tina Peschel: Adventskalender. Geschichte und Geschichten aus 100 Jahren. Verlag der Kunst, Husum 2009, ISBN 978-3-86530-114-7, S. 26. Solche Nikolaus-Kalender waren in dieser Zeit auch als Werbegeschenke verbreitet. Auch Leipziger Verlage brachten derartige Kalender heraus. Es gab zudem Adventshäuschen und Weihnachtsuhren mit der Zählung ab dem 6. Dezember. Nach 1945 wurden solche Kalender nur noch selten produziert.Tina Peschel: Adventskalender. Geschichte und Geschichten aus 100 Jahren. Verlag der Kunst, Husum 2009, ISBN 978-3-86530-114-7, S. 27. 1904 wurde dem Stuttgarter Neuen Tagblatt ein Adventskalender als Präsent beigelegt.
Die 1920er Jahre gelten als eine der Hochzeiten der gedruckten Adventskalender. Häufig wurden sie von bekannteren und auch weniger bekannten Kinderbuchillustratoren, Plakatkünstlern oder Gestaltern von Grußkarten, Malbüchern, Kinderspielen und Spielkarten erstellt. So gestaltete Gertrud Caspari einen ab 1928 erschienenen Kalender im Esslinger J.F. Schreiber Verlag, in Hamburg 1920 der Weihnachtskalender für unsere Kleinen von Johann Huber mit Texten von Hedda Krüss.Tina Peschel: Adventskalender. Geschichte und Geschichten aus 100 Jahren. Verlag der Kunst, Husum 2009, ISBN 978-3-86530-114-7, S. 28–29. 1929 veröffentlichte der Nürnberger Kunstverlag Anton Jaser zwei Abreißblöcke unter den Namen Knecht Ruprecht und Weihnachts-Engel. Kinder konnten die Abreißbilder in ein dazugehöriges Album kleben. Ein Jahr später erschien in Hamburg ein Abreißadventskalender.Tina Peschel: Adventskalender. Geschichte und Geschichten aus 100 Jahren. Verlag der Kunst, Husum 2009, ISBN 978-3-86530-114-7, S. 31. Eine weitere Form waren als Himmelsleiter gestaltete Kalender, auf denen man einen Engel täglich eine Stufe weiter setzen konnte.
In den 1920er Jahren verdrängten die profanen Kalender die religiösen von der Spitze der Verbreitung. Die sogenannten „Erika-Kalender“ etwa zeigten häufig moderne Motive wie moderne Transportmittel von Eisenbahnen über Autos bis hin zu Flugzeugen oder auch Verkehrspolizisten und sprachen vorrangig ein männliches Publikum an.Tina Peschel: Adventskalender. Geschichte und Geschichten aus 100 Jahren. Verlag der Kunst, Husum 2009, ISBN 978-3-86530-114-7, S. 23. Die Bilder waren meist in einem „lieblichen“ Stil gestaltet, dem manche Anbieter, etwa die Dürerhausbewegung, mit qualitativ und künstlerisch anspruchsvolleren Produkten entgegenwirken und zugleich zur künstlerischen Bildung beitragen wollten.Tina Peschel: Adventskalender. Geschichte und Geschichten aus 100 Jahren. Verlag der Kunst, Husum 2009, ISBN 978-3-86530-114-7, S. 33. Erfolgreiche Kalender wurden zum Teil über Jahrzehnte immer wieder neu aufgelegt.Tina Peschel: Adventskalender. Geschichte und Geschichten aus 100 Jahren. Verlag der Kunst, Husum 2009, ISBN 978-3-86530-114-7, S. 35.
Nach 1920 verbreiteten sich schließlich Kalender, deren Fensterchen man öffnen konnte. Hinter jedem Fensterchen war auf einer zweiten, angeklebten Papier- oder Pappschicht ein Bild zu sehen. Bis in die 1930er Jahre hinein genoss die lithografische Anstalt von Reichhold & Lang in München den Ruf, die kunstreichsten und fantasievollsten Werke auf diesem Gebiet herauszugeben. Lang kam auf die Idee, da ihm seine Mutter jedes Jahr in der Vorweihnachtszeit 24 Gebäckstücke („Wibele“) auf einen Karton nähte und er als Kind ab dem 1. Dezember jeden Tag eines essen durfte. Lang stellte auch schon eine Art Schokoladen-Adventskalender her, das Christkindleinshaus zum Füllen mit Schokolade. Auch andere Formen der Verzierung kamen nun in Mode. So wurden viele der Kalender mit glitzernden Materialien überzogen. Zunächst wurde meist Kaliglimmer („Katzensilber“) verwendet, aber auch Metallsand („Streuglanz“) oder Glasglimmer. Vor allem Glasglimmer kam noch bis in die 1970er Jahre zum Einsatz, bis er durch ungefährliches Aluminium ersetzt wurde.
Vor allem Sachsen war ein Zentrum der Produktion von Adventskalendern. So produzierten in Leipzig beispielsweise die Verlage Meissner & Buch, Josef Alzinger sowie der Arthur Beyerlein Kunstverlag, in Dresden der Verlag Dürer-Haus und der Walter Flechsig Verlag, in Heidenau Erika, in Buchholz Herold, in Chemnitz und Halle (Saale) der B.F.B. Verlag. Auch die übrige Produktion hatte einen Schwerpunkt im Osten Deutschlands, so in Berlin (Paul Pittius AG), Zittau (Werner Klotz Verlag), Magdeburg (Willy Klautzsch) oder Reichenau (Rudolf Schneider Verlag). Andererseits gab es Regionen in Deutschland, in denen Adventskalender lange Zeit unbekannt waren. So waren offenbar in den Grenzregionen des Sudetenlandes solche Kalender bis 1938 unbekannt. Erfolgreich wurden Adventskalender auch in andere Länder vertrieben. Neben Österreich wurden sie schon seit vor dem Ersten Weltkrieg erfolgreich nach England und durch den Lahrer Verlag Ernst Kaufmann exportiert. Meissner & Buch aus Leipzig versahen ihre Kalender mit dem Zusatz Printed in Germany.
Vorweihnachten, der nationalsozialistische Adventskalender Während der Zeit des Nationalsozialismus wurde versucht, die christlichen Weihnachtsbräuche im öffentlichen Leben zurückzudrängen.Esther Gajek: Adventskalender: Vom Anfang bis zur Gegenwart. Süddeutscher Verlag München 1996, ISBN 3-7991-6422-7, S. 79 ff. Schon 1933 war bei manchen Kalendern der Wechsel und der Einfluss der neuen Zeit zu spüren. Der Münchener Verlag Reichhold & Lang etwa zeigte unter anderem einen salutierenden Soldaten. Dieser von Dora Baum gestaltete Kalender mit Schiebefiguren hatte den Titel Deutsche Weihnacht. 1936 und 1938 publizierte, von Hertha Fritsche gestaltete Kalender nannten den Dezember Julmond und das Weihnachtsfest Julfest. Doch nicht alle Kalender waren an den neuen Zeitgeist angepasst. C.C. Meinhold aus Dresden etwa gab zwischen 1935 und 1937 fünf verschiedene Werkmappen nach Entwürfen von Max Noack heraus, mit denen man sich selbst die Kalender basteln konnte.Tina Peschel: Adventskalender. Geschichte und Geschichten aus 100 Jahren. Verlag der Kunst, Husum 2009, ISBN 978-3-86530-114-7, S. 36.
Nach 1940 wurde das Papier in Deutschland kontingentiert. Weihnachtskalender durften nur noch auf holzhaltigem Papier gedruckt werden und die maximalen Größen und Gewichte wurden ebenso wie die maximale Dicke von Papier und Karton von der Reichsstelle für Papier- und Verpackungswesen vorgegeben. Christliche Verlage mussten seit Juni 1941 auch andere Erzeugnisse publizieren, weshalb 1940 der letzte nachweisbare Kalender Der Kinder Adventsbüchlein des Verlages erschien. Es reichte bis zum 25. Dezember und war mit Scherenschnitten und Sinnsprüchen versehen.Tina Peschel: Adventskalender. Geschichte und Geschichten aus 100 Jahren. Verlag der Kunst, Husum 2009, ISBN 978-3-86530-114-7, S. 36–37.