mini|Daniele Crespi (1597–1630), Fasten d. Hl. Karl Borromäus, S Maria della Passione (Mailand)

Als Fasten wird die völlige oder teilweise Enthaltung von allen oder bestimmten Speisen, Getränken und Genussmitteln über einen bestimmten Zeitraum hinweg, üblicherweise für einen oder mehrere Tage, bezeichnet. Wird nur eine ganz konkrete Art der Nahrung oder ein Genussmittel weggelassen oder eingeschränkt, spricht man von Enthaltung oder Abstinenz.

Etymologie Der Begriff kommt schon in allen altgermanischen Sprachen vor, so gotisch (ga)fastan, althochdeutsch fastēn, altenglisch fæstan und altnordisch fasta. Die ursprüngliche Bedeutung ist unsicher. Sie könnte „(an den Geboten der Enthaltsamkeit) festhalten“ sein, wobei die gebotene Enthaltsamkeit als ein „Fest-Sein“ gedacht würde.Friedrich Kluge, Alfred Götze: Etymologisches Wörterbuch der deutschen Sprache. 20. Auflage. Hrsg. von Walther Mitzka. De Gruyter, Berlin / New York 1967; Neudruck („21. unveränderte Auflage“) ebenda 1975, ISBN 3-11-005709-3, S. 186. Nach anderer Sicht könnte das germanische Wort ein alter Terminus für das kultische Fasten sein und als indogermanisch *pwost-to- „rein, rechtschaffen, gewissenhaft“ näher zu lateinisch pūrus „rein“ und lateinisch pius „rechtschaffen“ gehören.Duden. Etymologisches Wörterbuch der deutschen Sprache. 25. Auflage. Bearbeitet von Elmar Seebold. De Gruyter, Berlin / New York 2011, S. 279.

Allgemeines Fasten als Gestaltungselement des Lebens ist historisch in zahlreichen Kulturen belegt und kommt in vielfältigen Formen sowie in teilweise festgelegten Ritualen vor: für bestimmte Jahreszeiten oder Zeitabschnitte, kollektiv oder individuell, als völliger oder teilweiser Verzicht auf Nahrungsmittel sowie auf Genussmittel, Fleisch, Alkohol, Sexualität u. a. Kulturhistorisch überwiegen Fastenzeiten zu bestimmten Terminen, wo sie neben religiösen Aspekten auch als medizinisch nützlich angesehen wurden.

Die (religiöse) Fastenpraxis in Antike und Mittelalter unterschied drei Stufen: Vollfasten (lateinisch ieiunum naturale): keine Nahrungsaufnahme und kein Trinken Halbfasten (lateinisch ieiunum plenum): eine Mahlzeit pro Tag und erlaubte Flüssigkeitsaufnahme Abstinenz-Fasten (lateinisch ieiunum semiplenum): (im Gegensatz zum Vegetarismus periodischer) Verzicht auf bestimmte Speisen (etwa Fleisch von an Land oder in der Luft lebenden Warmblütern) und Getränke (etwa Wein)Gundolf Keil: Vegetarisch. In: Medizinhistorische Mitteilungen. Zeitschrift für Wissenschaftsgeschichte und Fachprosaforschung. Band 34, 2015 (2016), S. 29–68, hier: S. 36 f.

In der Neuzeit finden sich Formen des therapeutischen Fastens, etwa eine Diät begleitend oder in der Trauerarbeit, bis hin zu Formen des Protestes im Hungerstreik und des politischen Fastens, z. B. eines Mahatma Gandhi. Andererseits lässt sich der Trend erkennen, alte medizinische oder religiöse Traditionen neu zu entdecken.

Im religiösen Kontext schließlich dient das Fasten unter anderem der Reinigung der Seele, der Buße im Christentum, der Abwehr des Bösen, dem Streben nach Konzentration, Erleuchtung oder Erlösung.

Allgemein soll das Fasten mittels Verzicht oder reduzierter Nahrungsaufnahme mehreren Zwecken dienen: der religiösen Praxis, unter anderem in der christlichen Fastenzeit und im islamischen Fastenmonat Ramadan in mehreren Religionen der Vorbereitung auf große Feiertage der Askese oder der Trauer einer Förderung der Wahrnehmung einer Erhöhung der Willenskraft und Vorbereitung auf spezielle Herausforderungen dem Zuwachs an psychischer und sozialer Kontrolle (siehe z. B. Mahatma Gandhi oder allgemein Hungerstreik) der Erhöhung der Lebenserwartung und einer Verzögerung des Alterungsprozesses (siehe Hauptartikel → Kalorienrestriktion beziehungsweise intermittierendes Fasten) (bei gezielter Methodik) dem Abnehmen bzw. der Kontrolle des Körpergewichts im Rahmen einer Therapie von Krankheiten.

Der zeitweilige Verzicht auf bestimmte Nahrungsmittel während des Fastens wird nicht als Nahrungstabu behandelt.

Fasten in den Religionen Viele Religionen kennen Tage oder Zeiten des Fastens. Im alten Ägypten war das Fasten bekannt. Die Fastenkultur umfasste unter anderem den Verzicht auf Fischgerichte in der Laichzeit. Die 40-tägige Fastenzeit vor Ostern sollen die ägyptischen Kopten so von ihren Vorfahren übernommen haben.

In vielen Kulturen wird das Fasten praktiziert, um im Rahmen spiritueller Handlungen Transzendenzerfahrungen („Seelenreisen“) zu machen, die gehirnphysiologisch unter anderem mit der verstärkten Serotoninausschüttung in Verbindung gebracht werden.Gerald Hüther, Sabine Schmidt, Eckart Rüther: Essen Serotonin und Psyche. Die unbewußte nutritive Manipulation von Stimmungen und Gefühlen. Deutsches Ärzteblatt 95, Heft 9, 27. Februar 1998 (45), pdf, abgerufen am 26. November 2021, S. A-478.

In der Askese-Kultur Ostasiens und im Hinduismus spielt die Enthaltsamkeit auch im Yoga eine Rolle. Das ritualisierte Fasten bis zum Tod gibt es als Sallekhana im Jainismus und als Prayopavesa im Hinduismus.

Judentum Fasten bedeutet im Judentum am Fasttag vom Vorabend bis zum Abend des Tages (etwa 25 Stunden) nichts zu essen und nichts zu trinken. Auch Rauchen ist untersagt. Jeder Festtag und Fasttag beginnt am Vorabend, denn im jüdischen Kalender dauert der Tag vom Vorabend bis zum Abend des Tages. Als diese langen Fasttage gelten Tischa beAv und Jom Kippur. Es gibt aber auch kurze Fasttage, wie Assara beTevet, Ta’anit Esther, Fasten der Erstgeborenen, Schiwa Assar beTammus und Zom Gedalja. An ihnen beginnt das Fasten nicht schon am Vorabend, sondern erst mit der Morgenröte, und dauern dann bis zum Einbruch der Nacht. Schwangere und Stillende müssen nicht fasten. Kranke fragen einen Rabbiner, ob Fasten mit ihrer Krankheit vereinbar ist.Fasttage, Chabad. Abgerufen am 7. Januar 2020. Fasten sollen Mädchen ab 12 Jahren und Knaben ab 13 Jahren. Aber auch jüngere Kinder sollen an das Fasten herangeführt werden, beispielsweise indem sie sich nicht unbedingt satt essen und auf Süßigkeiten verzichten.

Der einzige jüdische Ruhe- und Fastentag, der in der Tora erwähnt wird, ist der Versöhnungstag (Jom Kippur). Gott fordert das von ihm auserwählte Volk, das sich durch seine Beziehung zu Gott definiert und von den anderen Völkern unterscheidet,Understanding Jewish History: Texts and Commentaries By Steven Bayme, S. 363. zur Einhaltung seines ewigen Gesetzes des Fasten- und Ruhetages auf:

Mehrfach berichtet das Alte Testament auch vom Fasten als Zeichen der Trauer oder um den Ernst eines Gebetes zu betonen . So fastete König David, als einer seiner Söhne todkrank wurde .

Diejenigen Fasttage, die an bestimmte Ereignisse wie die Zerstörung des Tempels in Jerusalem am neunten Tag des Monats Av erinnern, werden von orthodoxen und ultraorthodoxen Juden begangen. Der auf den 10. Tag des Monats Tischri fallende Versöhnungstag Jom Kippur, der höchste Fastentag im jüdischen Kalender, wird auch von weniger frommen Juden eingehalten.

Christentum Das christliche Fasten beruht auf jüdischer Tradition. Das Christentum kennt vornehmlich die 40 Tage der großen Fastenzeit, die der Vorbereitung auf Ostern dient und an die 40 Tage erinnert, die Jesus Christus fastend und betend in der Wüste verbrachte. Der Aspekt des Fastens in der Adventszeit, die ebenfalls eine Buß- und Fastenzeit ist, tritt mittlerweile mehr in den Hintergrund.

Es entwickelte sich in der Tradition eine Praxis, dass man wöchentlich am Mittwoch (dem Tag, an dem Jesus Christus verraten wurde) und am Freitag (dem Tag, an dem er gekreuzigt wurde), fastete (auch nach pharisäischer Vorgabe waren bereits zwei wöchentliche Fastentage durchgeführt worden.Gundolf Keil: Vegetarisch. In: Medizinhistorische Mitteilungen. Zeitschrift für Wissenschaftsgeschichte und Fachprosaforschung. Band 34, 2015 (2016), S. 29–68, hier: S. 36.) Das Fasten der Katechumenen vor der Taufe gab es schon im Frühchristentum, die Fasten an den Vigiltagen einiger Hochfeste kamen später hinzu.

Jesus Christus rief in der Bergpredigt zur Demut bei der Übung des Fastens auf:

Orthodoxe Kirchen

Die orthodoxen Kirchen kennen vier Fastenzeiten im Jahr:

Das Osterfasten beginnt 40 Tage vor Beginn der Karwoche (am Fest zum Einzug des Herrn in Jerusalem, entsprechend dem westlichen Palmsonntag) und dauert bis Ostersonntag, dem Fest der Auferstehung des Herrn. Aufgrund der Bedeutung des Osterfestes ist sie die bedeutendste Fastenzeit und wird daher auch Große Fastenzeit genannt.

Darauf folgt das Apostelfasten zwischen dem orthodoxen Allerheiligenfest (anders als in den Westkirchen am Sonntag nach Pfingsten) und dem 28. Juni, dem Vortag des Gedenktages der Heiligen Petrus und Paulus. Da das Osterfest und damit alle zur Osterzeit zählenden Feste (so auch Pfingsten) kalendarisch variabel sind, variiert auch die Dauer des Apostelfastens. Je nach Ostertermin und orthodoxer Landeskirche kann es bis zu 42 Tage dauern, im Falle eines sehr späten Osterfestes aber sogar gänzlich entfallen.

Das Marienfasten schließt sich den 15 Tagen vor dem Fest der Entschlafung der Gottesmutter an (entspricht dem westlichen Mariä Himmelfahrt).

Die Philippus-Fastenzeit vom 15. November (dem Tag nach dem Gedenktag des Apostels Philippus) erstreckt sich über die gesamte Vorweihnachtszeit bis zum Vorabend des Weihnachtsfests, eben jenem heiligen Abend dem dieser Tag seinen Namen verdankt.

Darüber hinaus gibt es zur Vorbereitung auf einige Feste und Gedenktage z. B. von Heiligen einzelne Fastentage. Dies variiert jedoch je nach orthodoxer Landeskirche.

Die Essensregeln im orthodoxen Fasten variieren und sind von Faktoren abhängig wie Fastenzeit, Wochentag und besonderer Gedenktag.

Römisch-katholische Kirche Die katholische Kirche hat körperlichen Ausdrucksformen der Bußpraxis von jeher viel Beachtung geschenkt.Vgl. Jörg Jarnut: Konsumvorschriften im Früh- und Hochmittelalter. In: Trude Ehlert (Hrsg.): Haushalt und Familie in Mittelalter und früher Neuzeit. Vorträge eines interdisziplinären Symposions vom 6.–9. Juni 1990 an der Rheinischen Friedrich-Wilhelms-Universität Bonn. Mit einem Register von Ralf Nelles. Thorbecke, Sigmaringen 1991, ISBN 3-7995-4156-X, S. 119–128, hier: S. 119–122 und 128. Bis zu den Reformen durch Papst Paul VI. nach dem Zweiten Vatikanischen Konzil galten als gebotene Fast- und Abstinenztage neben dem Aschermittwoch und dem Karfreitag auch die Freitage der Fastenzeit, der Karsamstag bis mittags und die Freitage der vier Quatemberwochen. Ursprünglich war auch der Mittwoch ein gebotener Abstinenztag.Georg Schreiber: Die Wochentage im Erlebnis der Ostkirche und des christlichen Abendlandes (= Wissenschaftliche Abhandlungen der Arbeitsgemeinschaft für Forschung des Landes Nordrhein-Westfalen. Band 11). Köln/Opladen 1959. Daneben bestand das Fasten-, nicht aber das Abstinenzgebot auch am Vigiltag verschiedener Feste: am Heiligen Abend, und den Vigiltagen von Pfingsten, Mariä Himmelfahrt und Allerheiligen.

Doch wurde seit etwa 1960 die entsprechende kirchliche Bußpraxis gelockert: als strenge Fast- und Abstinenztage gelten nur noch Aschermittwoch und Karfreitag. Dabei ist unter Fasten zu verstehen, dass man nur einmal am Tag eine sättigende Mahlzeit, zu den anderen beiden Tischzeiten je eine kleine Stärkung zu sich nimmt. Bei der Abstinenz hat man sich jeglicher Fleischspeisen zu enthalten. Zum Halten des Fastengebotes sind die Erwachsenen bis zum 60. Lebensjahr verpflichtet, zur Abstinenz alle Gläubigen ab 14 Jahre bis zum Lebensende.

Eine persönliche Form der Buße, das sogenannte Freitagsopfer, ist an allen Freitagen des Kirchenjahres geboten (außer wenn ein Hochfest auf einen Freitag fällt). Viele Katholiken halten traditionell auch mittwochs und samstags Abstinenz. In asketisch lebenden Orden verzichten die Mitglieder völlig oder zumindest an mehreren Tagen der Woche auf Fleisch von warmblütigen Tieren, teils auch auf Milchprodukte, Öl, Eier oder Fisch.

Einflüsse der Reformation