mini|Hildegard von Bingen empfängt eine göttliche Inspiration und gibt sie an ihren Schreiber, den Mönch Volmar, weiter, Frontispiz des Liber Scivias aus dem Rupertsberger Codex (um 1180), Tafel 1 mini|Wandbehang mit einer Darstellung der hl. Hildegard in der Heilig-Geist-Kirche in Frankfurt-Riederwald
Hildegard von Bingen (* 1098 in Bermersheim vor der Höhe (Ort der Taufkirche) oder in Niederhosenbach (damaliger Wohnsitz der Familie); † 17. September 1179 im Kloster Rupertsberg in Bingen am Rhein) war eine deutsche Benediktinerin.
Sie gilt als eine der frühesten Vertreterinnen der Deutschen Mystik des Mittelalters. Ihre Werke befassen sich unter anderem mit Religion (insbesondere Theologie und Bibelexegese), Medizin, Musik (auch Kompositionen), Ethik, Naturkunde und Kosmologie, wobei Visionsschriften im Mittelpunkt ihres literarischen Schaffens standen.Vgl. Bernhard Schnell: Der deutsche „Macer“: Vulgatfassung. Mit einem Abdruck des lateinischen Macer floridus ‘De viribus herbarum’ kritisch herausgegeben (= Texte und Textgeschichte. Würzburger Forschungen. Band 50). Niemeyer, Tübingen 2003, ISBN 3-484-36050-X, S. 45–47 (Hildegard von Bingen). Von ihr ist ein umfangreicher Briefwechsel erhalten geblieben, der sie als Ratgeberin und Mahnerin hochgestellter geistlicher und weltlicher Zeitgenossen zeigt, sowie Berichte über weite Seelsorgereisen und ihre öffentliche Predigertätigkeit.
In der römisch-katholischen Kirche wird Hildegard als Heilige verehrt. Papst Benedikt XVI. dehnte am 10. Mai 2012 ihre Verehrung auf die Weltkirche ausVgl. auch und erhob sie am 7. Oktober 2012 zur Kirchenlehrerin (Doctor Ecclesiae universalis).Vgl. auch Hildegard ist neben Albertus Magnus (um 1200–1280) die einzige deutsche Person, der dieser Titel von der römisch-katholischen Kirche verliehen wurde.
Auch in der anglikanischen, der alt-katholischen und manchen evangelischen Kirchen wird mit Gedenktagen an sie erinnert. Ihre Reliquien befinden sich in der ihr geweihten Pfarrkirche von Eibingen.
Lebensgeschichte Herkunft Hildegard von Bingen wurde als Tochter der Edelfreien Hildebert und Mechtild geboren. Weder der genaue Geburtstag noch der Geburtsort werden von ihr oder zeitgenössischen Biografen genannt. Das wahrscheinliche Geburtsdatum lässt sich anhand ihrer Schrift Scivias näher eingrenzen auf die Zeit zwischen dem 1. Mai 1098 und dem 17. September 1098. Ausgedehnter Besitz der Familie Hildegards aus Bermersheim vor der Höhe (bei Alzey in Rheinhessen), der in ihre spätere Klostergründung einging und der in einem Dokument ein „Hiltebertus von Vermersheim und seinem Sohn Drutwin“ (als Name von Hildegards Bruder bekannt) erwähnt werden, legten lange Zeit eine Geburt oder zumindest Kindheit auf dem Gut Bermersheim nahe.Marianna Schrader, Adelgundis Führkötter: Die Herkunft der Heiligen Hildegard. In: Quellen und Abhandlungen zur mittelrheinischen Kirchengeschichte. Band 43, 2. Auflage. Mainz 1981, S. 14 und 18. Nach neueren Forschungsergebnissen aus dem Ende des letzten Jahrtausends stammt Hildegard von dem in einer Urkunde von 1112 genannten Hildebert (Hildebrecht) von Hosenbach ab. Hildebert wird im Jahr des Eintritts der Hildegard als Inkluse am Kloster Disibodenberg in einer Urkunde benannt, die den Disibodenberg betrifft. Nach Heinzelmann ist Bermersheim als Geburtsort unwahrscheinlich, da sich zum Zeitpunkt der Geburt von Hildegard dort kein Adelssitz mehr befand.
Nach dem aktuellen wissenschaftlichen Stand stammte Hildegard von Bingen mit hoher Wahrscheinlichkeit aus der Familie der Edelfreien von Hosenbach. Sie wurde 1098 als Kind dieser Adelsfamilie geboren. Ihr Vater war demnach Hildebert (Hildebrecht) von Hosenbach, dem heutigen Niederhosenbach bei Idar-Oberstein und ihre Mutter Mechthild von Merxheim. Es ist demnach davon auszugehen, dass Hildegard am Stammsitz ihrer Familie im heutigen Niederhosenbach geboren wurde und dort die ersten acht Jahre ihres Lebens verbrachte.
Als zehntes Kind der Eltern sollte sie ihr Leben der Kirche widmen (ein Zehnter an Gott).
Kindheit Hildegard wuchs auf dem väterlichen Herrenhof auf und wurde in ihrem achten Lebensjahr, wie damals üblich, von ihren Eltern als Oblatin dargebracht und mit der etwa sechs Jahre älteren Jutta von Sponheim in religiöse Erziehung gegeben. Jutta hatte bereits zwei Jahre zuvor im Alter von 14 Jahren von dem Mainzer Bischof Ruthard die Jungfrauenweihe empfangen. Für drei Jahre übernahm diese Erziehung die geweihte Witwe Uda von Göllheim.
In der Klause auf dem Disibodenberg
Am 1. November 1112Jahreszahl nach Juttas Vita (Franz Staab: Reform und Reformgruppen im Erzbistum Mainz. Vom ‚Libellus de Willigisi consuetudinibus‘ zur ‚Vita domnae Juttae inclusae‘. In: Reformidee und Reformpolitik im spätsalisch-frühstaufischen Reich, Hrsg. Stefan Weinfurter unter Mitarbeit von Hubertus Seibert, Mainz 1992 (= Quellen und Abhandlungen zur mittelrheinischen Kirchengeschichte. Band 68)). Dagegen berichtet Hildegards Vita, sie sei im Alter von acht Jahren auf dem Disibodenberg eingeschlossen worden. (Monika Klaes (Hrsg.): Vita Sanctae Hildegardis. (Corpus Christianorum, Continuatio mediaevalis 126). Brepols, Turnholti 1993., ISBN 2-503-04261-9, I, 1, S. 6) wurde sie mit Jutta, von da an ihre Lehrmeisterin, und einer dritten jungen Frau in einem Inklusorium an oder in dem seit 1108 von Benediktinermönchen bewohnten Kloster Disibodenberg eingeschlossen. Während Jutta an diesem Tage vor Abt Burchard (1108–1113) auch ihre Profess ablegte, tat dies Hildegard später vor dem Bischof Otto von Bamberg, der von 1112 bis 1115 den inhaftierten Mainzer Erzbischof Adalbert vertrat.Alfred Haverkamp: Hildegard von Disibodenberg-Bingen. Von der Peripherie zum Zentrum. In: Alfred Haverkamp (Hrsg.): Hildegard von Bingen in ihrem historischen Umfeld. Internationaler wissenschaftlicher Kongress zum 900-jährigen Jubiläum. 13. bis 19. September 1998. Bingen am Rhein. Mainz 2000. Anm. 5 und 73Klaes 1998, S. 14.
Nach dem Tode Juttas in der mittlerweile zum Konvent gewachsenen Klause wurde Hildegard 1136 zur Magistra der Schülerinnen gewählt. Mehrfach kam es zu Auseinandersetzungen mit Abt Kuno von Disibodenberg, weil Hildegard die Askese, eines der Prinzipien des Mönchtums, mäßigte. So lockerte sie in ihrer Gemeinschaft die Speisebestimmungen und kürzte die durch Jutta festgelegten, sehr langen Gebets- und Gottesdienstzeiten. Offener Streit brach aus, als Hildegard mit ihrer Gemeinschaft ein eigenes Kloster gründen wollte. Die Benediktiner von Disibodenberg stellten sich dem entschieden entgegen, da Hildegard deren Kloster Popularität verschaffte.
Beginn der öffentlichen Wirksamkeit Bei der Leitung ihrer Anhängerschaft und zur Begründung ihrer geschriebenen Texte berief sich Hildegard auf Visionen, die nach ihrer eigenen Darstellung 1141 unwiderstehlich stark wurden. Unsicher über die göttliche Herkunft ihrer Visionen, suchte Hildegard in einem aufgewühlt klingenden Brief Unterstützung bei Bernhard von Clairvaux, der sie beruhigte, zugleich aber vorsichtig antwortete:
Die beiden Briefe sind trotz gegenseitiger Hochschätzung die einzige Korrespondenz, die zwischen Hildegard und Bernhard stattfand. Da der Brief Bernhards die Erwartung Hildegards bzw. ihres Umfeldes nicht ganz erfüllte, wurde er für die Aufnahme in den Rupertsberger Riesenkodex abgeändert. Daneben wird in der neueren Forschung darüber gestritten, ob dieses kurze Zitat, das wie ein höfliches Ausweichmanöver gelesen werden kann, nicht genauso fiktiv ist wie die Episode über den vergeblichen Besuch Bernhards in Rupertsberg, bei dem Hildegard leider nicht anwesend sein konnte. Jedenfalls hat seine Anerkennung – ob fiktiv oder nicht – sehr zur Anerkennung ihrer historischen Persönlichkeit beigetragen.Michael Embach: Die Schriften Hildegards von Bingen: Studien zu ihrer Überlieferung und Rezeption im Mittelalter und in der frühen Neuzeit. Habilitation Universität Trier, Berlin 2003.
Dennoch begann Hildegard 1141 in Zusammenarbeit mit ihrem Sekretär Volmar von Disibodenberg und ihrer Vertrauten, der Nonne Richardis von Stade, ihre Visionen und theologischen wie anthropologischen Vorstellungen in Latein niederzuschreiben. Da sie selbst die lateinische Grammatik wenig beherrschte, ließ sie alle Texte von ihrem Schreiber (letzte Sekretäre: Gottfried von Disibodenberg, Guibert von Gembloux) korrigieren. Ihr Hauptwerk Scivias („Wisse die Wege“) entstand in einem Zeitraum von sechs Jahren. Dieses Buch enthält 35 Miniaturen theologischen InhaltsMichael Zöller: Gott weist seinem Volk seine Wege. Die theologische Konzeption des Liber Scivias der Hildegard von Bingen (1098–1179). Tübingen 1997 (= Tübinger Studien zur Theologie und Philosophie, 11). sind äußerst kunstvoll in leuchtenden Farben gemalt und dienen hauptsächlich zur Veranschaulichung des komplizierten und tiefsinnigen Textes.Ute Mauch: Hildegard von Bingen und ihre Abhandlungen zum dreieinen Gott im Liber Scivias (Visio II, 2). Ein Beitrag zum Übergang vom sprechenden Bild zu Wort, Schrift und Bild. In: Würzburger medizinhistorische Mitteilungen 23, 2004, S. 146–158. Die Originalhandschrift gilt seit Ende des Zweiten Weltkrieges als verschollen, in der Abtei St. Hildegard in Eibingen befindet sich eine illuminierte Kopie aus dem Jahr 1939.
Während einer Synode in Trier bekam Hildegard 1147 schließlich von Papst Eugen III. die Erlaubnis, ihre Visionen zu veröffentlichen. Diese Erlaubnis stärkte auch ihre politische Bedeutung. Darüber hinaus stand sie mit vielen geistlichen und weltlichen Mächtigen in Korrespondenz. Hildegard hatte zahlreiche Visionen. 1141 erlebte sie eine Erscheinung, die sie als Auftrag Gottes verstand, ihre Erfahrungen aufzuzeichnen. Unsicher darüber, was diese Vision bedeutete, wurde Hildegard krank. In der Niederschrift ihrer Visionen, Scivias („Wisse die Wege“), schreibt Hildegard:
Hildegards sehr bildliche Beschreibungen ihrer körperlichen Zustände und ihrer Visionen interpretiert der Neurologe Oliver Sacks als Symptome einer schweren Migräne, speziell aufgrund der von ihr geschilderten Lichterscheinungen (Auren). Sacks und andere moderne Naturwissenschaftler vermuten, dass Hildegard an einem Skotom litt, das diese halluzinatorischen Lichtphänomene hervorrief.Oliver Sacks: Migraine: Understanding a Common Disorder. Berkeley, 1985, S. 106–108; Ines Perl: Der Migräne-Aura auf der Spur, Uni Magdeburg, Januar 2001
Meisterin vom Rupertsberg Zwischen 1147 und 1150 gründete Hildegard das Kloster Rupertsberg auf dem Rupertsberg bei Bingen bei der Mündung der Nahe in den Rhein. Die erhaltenen Kunstgegenstände, vor allem das gold-purpurne Antependium, zeugen vom ehemaligen Reichtum Rupertsbergs. Bemerkenswert ist, dass Meister Mathis Gothart Nithart gen. Grünewald dieses Kloster Rupertsberg oberhalb der Nahe als Vorlage für die Klosterkirche im romanisch-frühgotischen Stil genommen hat, die im Hintergrund der „Weihnachtstafel“ des Isenheimer Altars (um 1516) zu sehen ist; das belegt ein Vergleich mit den Kupferstichen von Daniel MeisnerMeisner / Kieser: Thesaurus philopoliticus oder Politisches Schatzkästlein, Faksimile-Neudruck mit Einleitung und Register von Klaus Eymann, Verlag Walter Uhl, Unterschneidheim 1972, 2. Buch, 2. Teil, Nr. 43 und Matthäus Merian.Matthäus Merian: Topographia Archiepiscopatum Moguntinensis, Trevirensis et Coloniensis. herausgegeben von Lucas Heinrich Wüthrich. Kassel / Basel 1967, S. 15 ff. Für diese Annahme spricht auch, dass Grünewald sich um 1510 in Bingen aufgehalten und auf der dortigen Burg KloppPantxika Béguerie-De Paepe / Magali Haas: Der Isenheimer Altar – Das Meisterwerk im Musée Unterlinden, Paris 2016, S. 25 als „Wasserkunstmacher“ gearbeitet hat.