mini|Marco Polo erreicht von Indien kommend Hormus am Persischen Golf. Dargestellt ist ein Schiff, auf dem sich ein Elefant und Kamele befinden (Boucicaut-Meister (fl. 1390–1430)): Livre des Merveilles du Monde, Pergament, 42 × 29,8 cm, ca. 1410–1412; Bibliothèque nationale de France [B.N. fr.] (Ms Fr 2810, f. 14v). mini|Jan van Grevenbroeck (1731–1807): Marco Polo in Tatarenkleidung, 1754, Museo Correr, rechts oben das Familienwappen. Die Darstellung spiegelt die Vorstellungen wider, die man sich zur Zeit Grevenbroecks von chinesischen Kleidungsgebräuchen machte.
Marco Polo (* 1254 in Venedig; † 8. Januar 1324 ebenda) war ein Asienreisender, der aus einer venezianischen Händlerfamilie stammte und durch seinen Bericht über seinen mehr als zwei Jahrzehnte dauernden Aufenthalt im Kaiserreich China bekannt wurde, das in Europa weitgehend unbekannt war. Motiviert wurde er durch die Berichte seines Vaters und seines Onkels, die bereits vor ihm das von Mongolen beherrschte China und Zentralasien bereist hatten. Über lange Jahre hinweg war er in Diensten Kublai Khans tätig, kehrte 1295 nach Venedig zurück und geriet 1298 als Kommandant eines venezianischen Kriegsschiffes in genuesische Gefangenschaft. In dieser Zeit diktierte er einem Mitgefangenen in höchstens acht Monaten seine Reisegeschichte. Wohl in dieser Zeit oder kurz davor kam eine Tochter namens Agnese zur Welt, die schon 1319 starb. Sie hatte eine Tochter und zwei Söhne. Im Mai 1299 kehrte Marco Polo in seine Heimatstadt zurück, wo er kurz darauf Donata Badoer heiratete, die einer der einflussreichsten Familien entstammte; mit ihr hatte er drei Töchter. Insgesamt hatte er also vier Töchter, eine Enkelin und zwei Enkelsöhne. Sein noch im Januar 1324 aufgesetztes Testament liegt im Staatsarchiv Venedig.
Herkunft mini|Handelswege in Zentralasien mit Darstellung der Reiserouten von Johannes de Plano Carpini, Wilhelm von Rubruk und Marco Polo, aus dem Historical Atlas, 2. Auflage, 1923
Der Name Polo stammt vom lateinischen Paulus, und die Polo sind in Venedig bereits ab 971 nachweisbar.Laurence Bergreen: Marco Polo. From Venice to Xanadu. Alfred A. Knopf, New York 2007, S. 24. Die Familie zählte zwar nicht zur herrschenden, obersten Adelsschicht, die zu dieser Zeit noch weniger abgegrenzt war als in späterer Zeit, doch erscheint Marco Polo in den Quellen als nobilis vir (Edelmann), worauf er durchaus stolz war. Als nobilis vir erwartete er auch auf Reisen, erst recht aber in Venedig, in besonderer Weise behandelt zu werden.Laurence Bergreen: Marco Polo. From Venice to Xanadu. Alfred A. Knopf, New York 2007, S. 25.
Nach einer legendenhaften Überlieferung stammte die Familie ursprünglich aus Dalmatien, unter anderem wurde die dortige Stadt Sebenico und auch die Insel Curzola als mögliche Herkunftsorte genannt.Laurence Bergreen: Marco Polo. From Venice to Xanadu. Alfred A. Knopf, New York 2007, S. 24. „Although complete agreement on the origins of the family is lacking, one tradition suggests that the Polos migrated from the Dalmatian town of Sebenico to the Venetian lagoon in 1033. At various times, Sebenico was ruled by Hungarians and Croatians, and it would later join the Venetian empire. Another tradition holds that Marco Polo was born on Curzola, the island where he would later be captured by the Genoese, while a third asserts that Polos had been entrenched in the Venetian lagoon prior to all these events.“ ().
Die Polos waren in jedem Falle Händler,Folker Reichert: Asien und Europa im Mittelalter. Studien zur Geschichte des Reisens. Vandenhoeck & Ruprecht, Göttingen 2014, ISBN 978-3-525-30072-5, S. 204 (eingeschränkte Buchvorschau bei google-books): „Ob er jemals selbst im Handel aktiv wurde, steht auf einem anderen Blatt. Forschung und Öffentlichkeit haben gerne die große Zahl der von Marco Polo erwähnten Handelsgüter zitiert und das Bild des „merchant adventurer“, des wagenden Kaufmanns, beschworen. Es trifft zu für Vater und Onkel, nicht aber für Marco Polo selbst. Kein Quellenzeugnis erweist, dass er nicht nur gelegentlich, sondern über einen längeren Zeitraum hinweg den Beruf eines Kaufmanns ausgeübt hätte. Er war lediglich der Sohn eines Fernhändlers, der dadurch über einige Sachkenntnis von Handelswegen und -gütern, von Preisen und Gewinnen verfügte. Seine Sozialisation beruhte auf den Traditionen seiner Heimat Venedig. Doch seine berufliche Identität ergab sich aus Chancen, die nicht in Europa, sondern erst im Inneren Asiens sich auftaten.“ Reichert verweist in Anmerkung 27 auf: Ugo Tucci: Marco Polo, mercante. In: Lionello Lanciotto (Hrsg.): Venezia e l’Oriente (= Cività Veneziana. Studi, 42). L. S. Olschki, Florenz 1987, ISBN 88-222-3520-7, S. 323–337. und schon der Großonkel Marco kommandierte 1168 in Konstantinopel ein Handelsschiff. Der Großvater Marco Polos war ein Andrea Polo aus der Gemeinde San Felice in Cannaregio, der drei Söhne hatte, nämlich Marcos Vater Niccolò Polo, dann seine Onkel Maffeo (auch Maffio oder Matteo) sowie einen weiteren Marco. Nicolò und Maffeo gingen auf Handelsreise im Osten.
Marco Polos Haus befand sich etwa am rechtwinkligen Zusammentreffen des Rio di San Giovanni Crisòstomo und des Rio di San Lio, vermutlich am Corte seconda del Milion 5845-5847Marcello Brusegan: I Palazzi di Venezia. Rom 2007, S. 299. oder dort, wo jetzt das Teatro Malibran ist. Das Haus ist im Jahr 1596 abgebrannt (Graziano Tavan).
Marco Polos Mutter starb während der Reise ihres Mannes und ihres Schwagers nach Ostasien in den Jahren 1260 bis etwa 1269. Allerdings fanden der Mediävist Luca Molà und die Archivarin Paola Benussi in einem Notariatsakt von 1314 eine Frau, die behauptete, Marco Polos Mutter zu sein.Marco Polo, spunta la madre Elena dall’archivio di Stato di Venezia. Sorprendente scoperta in un atto notarile del 1314, in: Il Gazzettino, 7. Januar 2024. Grundlage ist der Beitrag Luca Molà, Paola Benussi: Tre documenti inediti su Marco Polo (1317) e una pergamena enigmatica (1314), in: Archivio Veneto CLIV 26 (2023) 53–69. Von Marcos Vater Niccolò ist nur bekannt, dass er um 1300 verstarb, und von seinem Onkel Maffeo kennt man nur ein 1310 angefertigtes Testament, das die Schenkung von drei Goldtafeln durch den Großkhan auf ihrer ersten Reise belegt.
Die Reise seines Vaters und Onkels (1260–1269) mini|Niccolò und Maffeo Polo mit Gregor X.Le livre des Merveilles du Monde, Handschrift des 15. Jahrhunderts, Bibliothèque nationale de France, Fr2810, f.4v
Marco Polos Vater Nicolò und sein Onkel Maffeo brachen 1260 zu einer Reise auf, um am Unterlauf der Wolga Edelsteine zu verkaufen. Über Konstantinopel fuhren sie nach Soldaia (heute Sudak) auf der Krim, wo Marco der Ältere, der dritte der Polo-Brüder, ein Kontor betrieb. Somit reisten sie nahezu auf derselben Route, die auch Wilhelm von Rubruk 1253 für seine Mission gen Osten gewählt hatte. Bevor die Brüder nach Asien zu den Mongolen aufbrachen, hatten schon die Mönche André de Longjumeau und Johannes de Plano Carpini im Auftrag von Papst Innozenz IV. und später auch Wilhelm von Rubruk im Auftrag des französischen Königs Ludwig IX. jeweils eine solche Reise angetreten. Nach ihrer Rückkehr verfassten sie jeweils eigene Reiseberichte.Johannes de Plano Carpini: Liber Tartarorum. und Ystoria Mongolorum quos nos Tartaros appelamus; Wilhelm von Rubruk: Itinerarium Willelmi de Rubruc (in Form eines Briefes an den französischen König). Nach ihrem Zwischenaufenthalt gelangten die Brüder in das Gebiet, das von der Goldenen Horde beherrscht wurde. Nun hielten sie sich etwa ein Jahr in der Nähe des Dschingis-Khan-Enkels Berke Khan an der Wolga auf. Anschließend wurden sie durch die dort herrschenden Kriegswirren immer weiter gen Osten über den Fluss Ural und entlang der Seidenstraße (nördlicher Abzweig nach Südrussland) bis nach Buchara verschlagen.
Da sie an einer Rückreise gehindert waren, verblieben sie dort drei Jahre und schlossen sich schließlich einer persischen Gesandtschaft an, die auf dem Weg zum Großkhan Kublai war. In den Wintermonaten 1266 trafen sie nach einjähriger Reisezeit am Hofe des Mongolenherrschers in Peking (damaliger Name: Khanbaliq, bei Marco Polo: Kambaluk) ein, wo sie vom Khan willkommen geheißen wurden. Dieser ließ den Polo bei ihrer Abreise ein sogenanntes Païza in Form eines Goldtäfelchens zukommen, das sicheres Geleit und freie Versorgung im Gebiet des Großkhans garantierte.Elise Guignard: Marco Polo, Il Milione. Die Wunder der Welt. Frankfurt am Main / Leipzig 2009, Kapitel IX, S. 15. Außerdem wurden sie vom Großkhan beauftragt, dem Papst eine Botschaft mit der Bitte zu überbringen, ihm geweihtes Öl aus dem Jesusgrab in Jerusalem und etwa einhundert christliche Gelehrte zum Verbreiten des Evangeliums unter seinen Untertanen zu schicken. So traten die Männer die Rückreise nach Venedig an, wo sie um 1269 eintrafen. In der Zwischenzeit hatten mehrere Nachfolger den jeweils verstorbenen Papst abgelöst, aktuell hatte eine Nachfolgewahl begonnen.
Eigene Reise (1271–1295) Richtung Vorderasien (ab 1271) mini|Grobe Skizze der Hin- und der Rückreise Papst Clemens IV., der sich nie in Rom aufgehalten hatte, war am 29. November 1268 im italienischen Viterbo gestorben. Wegen anhaltender Uneinigkeit im Kardinalskollegium dauerte die päpstliche Sedisvakanz bis September 1271. Doch die Polos wollten nicht länger auf ein für sie nicht absehbares Ende der Papstwahl warten und beschlossen daher, auch ohne päpstlichen Auftrag oder päpstliche Botschaft erneut die Reise zum Großkhan anzutreten, um diesen nicht länger auf die Erfüllung seiner Wünsche warten zu lassen. Noch vor dem Ende der Sedisvakanz brachen Niccolò und Maffeo Polo 1271 wieder auf und nahmen den siebzehnjährigen Marco mit.
In Akkon betrat dieser zum ersten Mal den Boden Asiens. Hier erläuterten die drei Polos dem dortigen päpstlichen Legaten und Archidiakon von Lüttich, Tebaldo Visconti da Piacenza, den Sinn und Zweck ihrer Reise und baten ihn zunächst darum, nach Jerusalem weiterreisen zu dürfen, da der Mongolenherrscher Niccolò und Maffeo Polo auf ihrer ersten Asienreise gebeten hatte, ihm Öl aus der Lampe des Heiligen Grabes mitzubringen. Mit der gewünschten Erlaubnis reisten die Polos nach Jerusalem, wo sie das erbetene Öl besorgen konnten, und kamen anschließend nach Akkon zurück.Elise Guignard: Marco Polo, Il Milione. Die Wunder der Welt. Frankfurt am Main / Leipzig 2009, Kapitel XI, S. 17. Nunmehr übergab der Legat den Reisenden einen Brief an den Großkhan, in dem bezeugt wurde, dass die Brüder sich aufrichtig bemüht hätten, ihren Auftrag beim Papst zu erfüllen, dieser jedoch verstorben und ein neues Oberhaupt der christlichen Kirche noch immer nicht gewählt sei.
Auf ihrer anschließenden Weiterreise waren sie schon an der Küste Kleinasiens in Laias (İskenderun/Alexandretta)Elise Guignard: Marco Polo, Il Milione. Die Wunder der Welt. Frankfurt am Main / Leipzig 2009, Anhang Geographische Namen, S. 430. angekommen, als sie erfuhren, dass der Legat Tebaldo Visconti da Piacenza nunmehr als Papst Gregor X. gewählt worden war. Es erreichte sie dort auch ein Schreiben des neu gewählten Papstes, in dem sie aufgefordert wurden, unverzüglich nach Akkon zurückzukehren. Gregor X., der sich zum Zeitpunkt seiner Wahl als Kreuzfahrer in Palästina aufhielt, beauftragte dort die Polos nunmehr offiziell als Kirchenoberhaupt, ihre Reise zum Großkhan fortzusetzen, um diesen zum Christentum zu bekehren und als Bündnispartner gegen den Islam zu gewinnen. Dafür wurden ihnen zwei italienische Mönche (Bruder Nicolao von Vicenza und Bruder Wilhelm von TripolisElise Guignard: Marco Polo, Il Milione. Die Wunder der Welt. Frankfurt am Main / Leipzig 2009, Kapitel XIII, S. 18.) mitgegeben, die als gelehrte Männer und kenntnisreiche Theologen galten, auf der wieder aufgenommenen Reise in Richtung Asien jedoch bald umkehrten.