Satire ist eine Kunstform, mit der Personen, Ereignisse oder Zustände kritisiert, verspottet oder angeprangert werden. Typische Stilmittel der Satire sind die Übertreibung als Überhöhung oder die Untertreibung als bewusste Bagatellisierung bis ins Lächerliche oder Absurde. Üblicherweise ist Satire eine Kritik von unten (Bürgerempfinden) gegen oben (Repräsentanz der Macht), vorzugsweise in den Feldern Politik, Gesellschaft, Wirtschaft oder Kultur.

Die Anwendung von Satire wird oft als schwarzer Humor bezeichnet.

Begriff und Wortherkunft In der älteren Bedeutung des Begriffs war Satire lediglich eine Spottdichtung, die Zustände in sprachlich überspitzter und verspottender Form thematisiert. Historische Bezeichnungen sind auch Spottschrift, Stachelschrift und Pasquill (gegen Personen gerichtete satirische Schmähschrift).

Das Wort Satire entstammt dem lateinischen satira, das wiederum aus satura lanx hervorgeht und ‚mit Früchten gefüllte Schale‘ bedeutet. Im übertragenen Sinn lässt es sich mit ‚bunt gemischtes Allerlei‘ übersetzen. In früherer Zeit wurde Satire fälschlicherweise auf Satyr zurückgeführt, daher die ältere Schreibweise Satyra.Siehe Udo Kindermann: Satyra. Die Theorie der Satire im Mittellateinischen. Vorstudie zu einer Gattungsgeschichte. Carl-Verlag, Nürnberg 1978, ISBN 3-418-00058-4. mini|hochkant=1.2|Satirische Zeichnung von 1806 zeigt Napoleon als Bäcker seiner Verbündeten und Talleyrand, der bereits neuen Teig knetet. mini|hochkant=1.2|Andere Rollenverteilung 1814, Napoleon wird von Blücher und Woronzeff in den „Backofen der Verbündeten“ geschoben.

Varianten Unter Satire kann man Folgendes verstehen: die satirische Darstellungsweise, die in verschiedensten medialen Formen (literarischer oder journalistischer Text – wie Gedicht, Essay oder Roman –, Drama, Zeichnung, Kabarett­programm, Film, Sendung im Fernsehen oder Hörfunk, Website usw.) und in verschiedensten Darstellungsformen (gefälschte Nachricht, fiktives Interview, fiktive Reportage, Glosse etc.) auftritt; eine literarische Gattung römischen Ursprungs; als solche sind ihre wichtigsten Untergattungen: Menippeische Satire (Menippos) Verssatire (fragmentarisch bereits bei Ennius; Lucilius eigentlicher Schöpfer) Ständesatire (Mittelalter) Narrenliteratur (Renaissance) Pikaresker Roman (Barock) Literatursatire (Romantik) Philistersatire oder Spießbürgersatire (Romantik) Gelehrtensatire gesellschaftskritische und politische Satire (19. und 20. Jahrhundert) ein einzelnes künstlerisches Werk, das von der satirischen Schreibweise Gebrauch macht oder der Gattung angehört. Als Realsatire bezeichnet man einen realen Vorgang, der unbeabsichtigt wie eine Satire wirkt.

Satirische Schreibweise Es gibt annähernd so viele Bestimmungen der satirischen Schreibweise wie es Satiriker gibt, und keine Bestimmung trifft auf die Gesamtheit der Satiren zu. Ihre Gegenstände, Mittel und Funktionen wandeln sich im Laufe der Geschichte. Es ist daher unmöglich, sie scharf von der Komik, der Parodie und der Polemik zu trennen.

Satire kann folgende Funktionen haben (nicht alle müssen im Einzelfall gleichermaßen gegeben sein): Kritik: Nach Schiller stellt die Satire die mängelbehaftete Wirklichkeit einem Ideal gegenüber.Vgl. dazu: Friedrich Schiller: Satirische Dichtung. In: Über naive und sentimentalische Dichtung. (1795) Philosophische Schriften Teil 1; Nationalausgabe Band 20, Weimar/Böhlau, 1962. Polemik: Einseitigkeit, Parteilichkeit, Agitation bis hin zur Aggression Didaktik: direkte oder indirekte Absicht zu belehren und zu bessern Unterhaltung: Nähe zu Formen der Komik und zur Parodie, von denen sie sich durch die kritische Haltung unterscheidet

Die Satire bedient sich häufig der Übertreibung (Hyperbel), kontrastiert Widersprüche und Wertvorstellungen in übertriebener Weise (Bathos), verzerrt Sachverhalte, vergleicht sie spöttisch mit einem Idealzustand (Antiphrasis) und gibt ihren Gegenstand der Lächerlichkeit preis. Zu ihren Stilmitteln gehören Parodie, Travestie und Persiflage, zu ihren Tonfällen Ironie, Spott und Sarkasmus. Insofern sich die Satire auf eine Idealvorstellung beruft, kann sie sich auch des Pathos bedienen.

Eine wichtige Form der Satire ist der satirische Roman, in der die Satire als fiktionales Narrativ auftritt. Sehr häufig ist hier die Form des Reiseberichts in der ersten Person oder einer Reisebeschreibung in der dritten Person, wobei die Hauptfigur oft sehr naiv erscheint (siehe Erzählperspektive). Es können entweder die naiven Erwartungen der Hauptfigur an die Welt mit der Wirklichkeit, die sie erlebt, kontrastiert werden, oder die von ihr bereiste Welt kann satirisch mit anderen Formen literarischer oder philosophischer Weltdarstellung kontrastieren.

Satire tritt häufig als Mittel der Polemik auf. In öffentlichen Debatten und im gelehrten Disput kann sie ein Mittel sein, einen Gegner bloßzustellen. Dabei greift sie nicht direkt mit Sachargumenten an, sondern geht den indirekten Weg der Kontrastierung, bei der dem Zuhörer oder Leser der Kontrast zwischen Wirklichkeit und Ideal augenfällig wird. In dieser Funktion ist sie Teil der Streitkunst (Eristik). Aggressionspotenzial und Gewaltnähe der Satire werden in der alteuropäischen Tradition durchgehend reflektiert.Christoph Deupmann: ‚Furor satiricus‘. Verhandlungen über literarische Aggression im 17. und 18. Jahrhundert. Niemeyer, Tübingen 2002, ISBN 3-484-18166-4.

Geschichte Antike Menippeische Satire Älteste und zugleich langlebigste Untergattung der Satire ist die menippeische Satire. Die Antike definierte sie zunächst rein formal durch die Kombination von Vers- und Prosa­dichtung (Prosimetrum). Nach dem römischen Polyhistor Marcus Terentius Varro, der die prosimetrische Form (nicht den Inhalt) in die römische Literatur importierte, wird sie auch als varronische Satire bezeichnet.

Ihr Namensgeber ist der griechische Kyniker Menippos von Gadara (3. Jahrhundert v. Chr.), von dem selbst keine Schriften erhalten sind. Er soll mit einer Mischung aus Ernst und Komik, aus Witz und Spott, in Dialogen und Parodien die kynische Kritik (Diatribe) in literarische Form gebracht haben.

Die formale Freiheit der Menippea wurde bald umgedeutet zur inhaltlichen und stilistischen Freiheit. Äußere Formlosigkeit, freier Wechsel der Tonfälle und Perspektiven wurden für sie zu flexiblen Mitteln, durch Spott, Parodie und Ironie die Wahrheit zu sagen.

Der Syrer Lukian von Samosata (2. Jahrhundert n. Chr.) war der erste Schriftsteller, der sich auf Menippos berief, als er satirische Werke in dieser freien Form verfasste. In seinen komischen Totengesprächen, die eine heute verlorene Schrift des Menippos nachahmen, tritt dieser auch selbst als Figur auf. Ein klassisches Beispiel für die Menippea ist Senecas Apocolocyntosis („Verkürbissung“), eine Schmährede auf den verstorbenen Kaiser Claudius, sowie auch Petrons Satyricon.

In der Renaissance lebte die Menippea wieder auf. 1581 veröffentlichte der Humanist Justus Lipsius sein Werk Satyra Menippea: Somnium, sive lusus in nostri aevi criticos, es war der erste Werktitel nach der Antike, der sich auf diesen Gattungsbegriff berief. 1594 entstand in Paris eine Gemeinschaftsarbeit von vier gebildeten Parisern, die unter dem Titel La Satire Ménippée die Herrschenden anprangerte (Lexika nennen diesen Titel noch bis 1750 unter diesem Stichwort). Weitere literarische Beispiele sind etwa François Rabelais’ Pantagruel (1532) und Gargantua (1534), Johann Fischarts Geschichtklitterung (1575/90), Laurence Sternes Tristram Shandy (1759–1767), Des Luftschiffers Gianozzo Seebuch von Jean Paul (im Titan, 1800–1803) oder die Wunderbare Geschichte von BOGS dem Uhrmacher (1807) von Clemens Brentano und Joseph Görres.

Northrop Frye schlug vor, die Menippea als literarische Großform neben anderen Formen der Prosa einzuordnen. Michail Bachtin (1987) sieht in ihr das kulturtragende Prinzip des Karnevals, das in den Volkskulturen Europas eine zentrale Rolle spielt und auch in der Literatur aufzufinden ist.

Lucilische, horazische, juvenalische Satire Römische Antike Lucilius Horaz Juvenal Apuleius Petron Martial Persius Lukian

Die Römer führten die Satire auf die Spottverse des römischen Dichters Lucilius zurück. Quintilians stolzer Satz: „Satura quidem tota nostra est“ („Die Satire freilich ist ganz unser“)Quintilian, Institutio Oratoria 10, 1. belegt, wie bedeutsam den Römern diese literarische Gattung erschien; diese als einzige hatten sie nicht von den Griechen übernommen. Lucilius’ Verssatiren markierten also im 2. Jahrhundert v. Chr. eine Emanzipation von der bis dahin griechisch geprägten Dichtkunst. Damit gemeint ist jedoch nur die Verssatire (in daktylischen Hexametern), auch lucilische Satire genannt.

Lucilius war ein Schriftsteller von Rang und finanzieller Unabhängigkeit; nur so konnte er es wagen, über Personen des öffentlichen Lebens Spott auszugießen. Viele seiner Spottdichtungen wurden ursprünglich einzeln publiziert, wenn sie sich auf tagespolitische Ereignisse bezogen. Sie verspotten in Epigrammen und Dialogen die römische Geschäftswelt und das Leben in Rom, die menschlichen Laster, Aberglauben und Krankheiten, zeichnen in bissigem Ton Ehefrauen und Affären, und belehren über Sprache, Orthografie und Dichtkunst.

Horaz berief sich auf Lucilius als Vorgänger, indem er seine Satiren wie dieser als Sermones betitelte und in strengen Hexametern abfasste. Sie erheben den philosophischen Anspruch, die Laster in der Welt zu nennen, die für den Unfrieden in der Welt verantwortlich sind: Habgier, Ehebruch, Aberglaube, Maßlosigkeit usw. Die Themen sind also ähnlich denen von Lucilius’ Satiren, doch weniger scharf im Ton; Horaz war wegen seiner weniger einflussreichen Position dazu gezwungen, die Schwächen des Menschen an sich selbst oder an verstorbenen Personen aufzuzeigen oder an solchen, die ihm nicht gefährlich werden konnten.

Stilistisch wird demnach zwischen der horazischen Satire (scherzhaft und komisch) und der juvenalischen Satire (strafend, pathetisch) unterschieden. Diese Gattungsbegriffe existierten bis weit ins späte 18. Jahrhundert und waren in der literarischen Praxis und in der Literaturgeschichte gebräuchliche Unterscheidungen; selbst Friedrich Schiller unterschied noch zwischen der „lachenden“ und der „pathetischen“ Satire (in Über naive und sentimentalische Dichtung). Durch Goethes folgenreiche Neueinteilung der Literatur in Epik, Lyrik und Drama verloren die antiken Unterscheidungen für die Gegenwartsliteratur an Bedeutung.

„Satura“ („Füllung“, „Gemisch“) war ursprünglich der Titel einer Gedichtsammlung von Ennius, die aber selbst nicht satirischen Inhalts ist. Als „saturae“ werden bei Livius auch komödiantische Gesangs- und Tanzdarbietungen bezeichnet, die er auf die griechischen Satyrspiele zurückführen wollte. Bezeichnete Lucilius selbst seine Satiren anfangs als „ludus ac sermones“ (Spiele und Schriftwerke, Dialoge), so standen in den ersten drei Jahrhunderten beide Begriffe nebeneinander, bis sich mit dem polemisch gesellschaftskritischen Schriftenzyklus aus 16 Satiren von Juvenal im 2. Jahrhundert n. Chr. die Bezeichnung „satura“ für ein literarisches Werk satirischen Inhalts endgültig durchsetzte. Juvenal war auch der erste Satiriker, der das Phänomen der Realsatire ins Wort brachte, als er über einen unfreiwillig komischen Vorfall schrieb: „Difficile est satiram non scribere“ („Hier keine Satire zu schreiben, ist schwer“)Juvenal, Saturae I,30; lateinisches Zitat und Quellennachweis nach Zeno.org-Archiv

Mittelalter Ständesatire Heinrich von Melk Wernher der Gartenaere Seifried Helbling Walther von der Vogelweide Des Teufels Netz (um 1400)

Parodie Neidhart Heinrich Wittenwiler Ulrich von Liechtenstein links|mini|Hasen rösten den Jäger am Spieß, Kupferstich von Israhel van Meckenem, 15. Jahrhundert