Der Puritanismus war eine vom 16. bis zum 17. Jahrhundert wirksame Bewegung in England, Schottland und später in Neuengland, die für eine weitreichende Reformation der Kirche nach evangelisch-reformierten bzw. calvinistischen Grundsätzen eintrat. Die Bezeichnung Puritaner, die sich selbst als the godly bezeichneten, wurde zunächst als Spottname gegen derart gesinnte Laien und Geistliche verwendet und leitet sich von ihren Forderungen nach einer Reinigung (engl. purification) der Kirche von „papistischen“, also römisch-katholischen Lehren her.Andrea Roedig: Von Rauchverbot bis zu #MeTooPuritanismus und Verbotskultur, Website deutschlandfunk.de (7. Oktober 2018, abgerufen am 27. Juni 2024)

Konfessionell zersplitterte sich der Puritanismus in eine Reihe verschiedener Denominationen, wie Presbyterianer, Kongregationalisten und andere, auf die viele der heutigen Freikirchen im englischsprachigen Raum ihre Ursprünge zurückführen. Seinen Höhepunkt erreichte er mit dem Sieg im Englischen Bürgerkrieg und der Errichtung einer puritanisch geprägten Republik unter Oliver Cromwell. Nach der Restauration König Karls II. im Jahr 1660 erschöpfte sich der englische Puritanismus als intellektuelle und politische Kraft recht bald, blieb aber insbesondere in den neuenglischen Kolonien bis in das frühe 18. Jahrhundert prägend.

Der Ausdruck Puritanismus wird heute eher zu Unrecht gelegentlich als Synonym für „Moralismus“ verwendet und besonders im amerikanischen Sprachgebrauch auch für etwas, was „bigott, blutleer, engstirnig, heuchlerisch, humorlos, kalt, kleingeistig, nachtragend, pedantisch, prüde, rückständig und selbstverleugnend“ erscheint.„Often used as an epithet, or a shorthand way of signifying everything in the culture that is cold, bloodless, small-minded, self-denying, hypocritical, and vengeful“. Judith S. Graham: Puritan Family Life: The Diary of Samuel Sewall. Northeastern University Press, Boston 2000. S. 13 Denn für die Puritaner waren nicht primär Verbote, sondern das spirituelle Leben in der Gemeinschaft wichtig, das mit verstärkter Bildung und sozialen Reformen zum gesellschaftlichen Fortschritt beitrug.Andrea Roedig: Von Rauchverbot bis zu #MeTooPuritanismus und Verbotskultur, Website deutschlandfunk.de (7. Oktober 2018, abgerufen am 27. Juni 2024)

Geschichte England Der englische Puritanismus entstand in der zweiten Hälfte des 16. Jahrhunderts. Angestoßen durch die neue theologische Freiheit, welche die Reformation in England bot, wurde er stark beeinflusst durch kontinentale Impulse des Genfer Calvinismus und durch die Hugenotten; er forderte eine liturgische und moralische Erneuerung der Kirche ein. Auch politische Forderungen gehörten zum Programm der Puritaner: So setzte sich John Stubbs in einem Flugblatt dafür ein, die Heirat von Elisabeth I. mit dem Grafen von Anjou zu verhindern. Da die Königin der Radikalität der Bewegung gegenüber nicht offen war, blieb eine grundlegende Reform von Kirche und Gesellschaft nach dem Vorbild Genfs aus. Puritaner, die nicht zur äußeren Konformität mit der anglikanischen Kirche bereit waren, wurden durch bereits 1593 verabschiedete Gesetze verfolgt, was später die Auswanderung vieler Puritaner begünstigte.

Seine Blütezeit erlebte der Puritanismus im 17. Jahrhundert. 1640 wurde Oliver Cromwell Mitglied des „Langen Parlaments“ und entwickelte sich zu einem der Führer der Opposition gegen König Karl I. und dessen absolutistische Herrschaft. Der Konflikt mit dem englischen Königshaus weitete sich zum Englischen Bürgerkrieg aus. Als Führer der Puritaner gewann Cromwell entscheidenden Einfluss während des Krieges. Er führte das gegen die Krone kämpfende puritanische Parlamentsheer an, das zwar letztlich siegte, aber für etliche Verwüstungen im Lande und auch für die Bilderstürme in englischen Kirchen verantwortlich war. Der englische König wurde hingerichtet, und Cromwell selbst übernahm als „Lordprotektor“ bis zu seinem Tod 1658 die Herrschaft in England. Die Intoleranz des Puritanismus in der Cromwellschen Militärdiktatur hatte diesen in weiten Teilen der englischen Bevölkerung verhasst gemacht. Von der „Reaktion“ profitierte die Monarchie, die nach dem Tode Cromwells in Gestalt Karls II. wiederkehrte.

Der Puritanismus war ein wesentlicher Impuls bei der Entstehung des Methodismus, da die Begründer der methodistischen Traditionen und Kirchen John Wesley und Charles Wesley aus einem Elternhaus stammten, das durch den Vater (Samuel Wesley) und insbesondere durch die Erziehung der Mutter (Susanna Wesley-Annesley) puritanisch geprägt war.John Wesley: The Methodist. Kapitel 1

Nordamerika mini|Die auf dem 1930 entstandenen Gemälde American Gothic abgebildeten Bauern gelten als Sinnbild für das puritanisch geprägte Hinterland der Vereinigten Staaten. Viele Puritaner emigrierten im 17. Jahrhundert von England in die britischen Kolonien nach Neuengland in den späteren USA. Da in den ersten Jahrzehnten der Existenz dieser Kolonien die Bevölkerung vor allem aus Puritanern bestand, wurde der Puritanismus damals auch zur dort bestimmenden Religion. Aufgrund der religiösen Verfolgung der Puritaner in Europa versuchten einige von ihnen in Neuengland religiös organisierte Siedlungen nach ihren Idealen aufzubauen, so auch die sogenannten Pilgerväter, die ab 1620 mit den ersten Schiffen aus England bei Plymouth anlegten. Schon vor und während der Überfahrt wurden hierzu Kontrakte aufgesetzt und Predigten gehalten, die dieses Ziel formulierten, so z. B. John Winthrops A Model of Christian Charity. Relativ schnell jedoch zeigten sich die ersten Probleme, die wiederum auch im Medium der Predigt verhandelt wurden (z. B. Danforth: Errand into the Wilderness). Umstritten ist dabei jedoch, ob die Enttäuschung der Kleriker daran lag, dass das Ziel, ein religiöses Vorbild für die Welt sein zu können, nicht erreicht wurde, weil England nach der Glorious Revolution das Interesse an der Kolonie verlor,Perry Miller: Errand into the Wilderness. In: Errand into the Wilderness. Cambridge MA, 1965, S. 1–15 oder ob von vornherein geplant war, sich auf die Siedlung in Amerika zu konzentrieren.Bercovitch, Sacvan: “Rhetoric and History in Early New England: The Puritan Errand Reassessed.” In: R.J. Budd, E.M. Cady, C.L. Anderson (Eds.). Toward a New American Literary History. Durham N.C., 1980, S. 54–86.

In den USA soll der Puritanismus – so beispielsweise nach Max Weber (Die protestantische Ethik und der Geist des Kapitalismus) und, ihm zuvor, Alexis de Tocqueville (Über die Demokratie in Amerika (De la démocratie en Amérique )) – großen Einfluss auf den Nationalcharakter ausgeübt haben; diese Annahme vernachlässigt jedoch andere Strömungen, die für die Besiedlung der USA ebenso wichtig waren. So war z. B. die erste dauerhafte englische Kolonie in Nordamerika nicht in Neuengland, sondern Virginia; hier waren vor allem wirtschaftliche Überlegungen (Agrarland, Tabakanbau) ausschlaggebend für die Ansiedlung, und der Anglikanismus blieb bis 1786 Staatsreligion.

Noch heute besteht im kalifornischen San Diego die Puritan Evangelical Church of America, die die ursprüngliche puritanische Theologie vertritt.

Lehre Die Puritaner sind in der Lehre strikte Calvinisten, die sich neben den vier „Soli“ der Reformation auch an die spezifischen Calvinistischen Lehren halten. Souveränität Gottes: Gott ist der allmächtige Herrscher über das ganze Universum bis hin zum Leben jedes einzelnen Menschen. Autorität der Schrift: Die Bibel ist die alleinige Richtschnur für den Glauben und das Leben. Prädestinationslehre: In Übereinstimmung mit der reformierten Verständnis der Erwählung glauben sie, dass Gott bestimmte Menschen zur Errettung vorherbestimmt hat. Persönliche Frömmigkeit: Das christliche Leben muss durch Buße und Hingabe an Christus und Heiligung gekennzeichnet sein. Gottesdienst: Die Versammlungen sind auf das Wort Gottes ausgerichtet, daher lehnen sie viele rituelle und liturgische Elemente der anglikanischen Kirche ab.Die Puritaner: Eine Bewegung der geistlichen Reife und Erneuerung, Website dreieinigkeit.de (10. März 2025, abgerufen am 20. März 2025)

Zudem sahen sie den Menschen als von Natur aus völlig verworfen an und glauben, dass nur die von Gott Erwählten gerettet werden und dass die biblische Lehre im Gemeinde- und Privatleben kompromisslos angewendet werden sollte. In der reformierten Tradition von Zwingli und Calvin lehnten sie alle Formen der Religionsausübung ab, die sie nicht durch Gottes Wort in der Bibel begründet fanden, und standen damit im Gegensatz zur anglikanischen und lutherischen Tradition, die alles erlaubte, was nicht durch die Bibel ausdrücklich verboten wurde. Kongregationen und Presbyterien, deren Mitglieder von der Gemeinde gewählt wurden und die von Staat und Kirche völlig unabhängig waren, legten das puritanische Glaubensbekenntnis in Übereinstimmung mit dem Wortlaut der Bibel fest.

Puritaner legen großen Wert auf persönliche Bekehrung, persönliche religiöse Erfahrung und Abkehr von allem, was sie als weltlich ansahen. Eine sehr bekannte allegorische Darstellung dieser Lebenssicht ist John Bunyans Buch The Pilgrim’s Progress (Die Pilgerreise). Die Puritaner sehen den Teufel hinter allen weltlichen Aktivitäten. Das wurde auch in den Predigten zum Ausdruck gebracht, wo das Höllenfeuer ein beliebtes Thema war. Beispiel ist die bekannte Predigt von Jonathan Edwards „Sünder in der Hand eines zornigen Gottes“ (englisch: „Sinners in the hands of an angry God“).

Praxis Die Puritaner lehnten die anglikanischen Gebetbücher und die christlichen Kreuze ebenso ab wie priesterliche Gewänder, Bischöfe und die Bilderverehrung. Auch auf den üblichen steinernen und reich geschmückten Altar in Kirchen verzichteten sie und ersetzten ihn durch einen einfachen Holztisch. Ebenso lehnten sie das Feiern von Weihnachten ab. Während der Zeit von Cromwell waren Weihnachtsfeiern sogar gesetzlich verboten, nicht nur in England (erstmals 1644),WDR 2 – Stichtag: 25. Dezember 1644 – Englisches Parlament verbietet Weihnachtsfeierlichkeiten, 25. Dezember 2019, abgerufen am 24. Dezember 2024. sondern auch in Massachusetts. Erst 1856 wurde Weihnachten in Massachusetts ein staatlicher Feiertag.Massachusetts Foundation for the Humanities: Christmas Celebration Outlawed.

Stark betonen Puritaner das fromme Familienleben mit Hausandachten, strenger Einhaltung des Sabbats am Sonntag und Dienst am Nächsten. Ein einfaches, von der Arbeit und vom Fleiß des Einzelnen geprägtes und moralisch einwandfreies Leben war Pflicht. Andererseits waren die Puritaner längst nicht so asketisch, wie sie später dargestellt wurden. Sowohl ihre Kleider als auch ihre Häuser waren farbig. Strikt lehnten sie weltliche Vergnügungen wie Tanz oder Schauspiel am Sonntag und Wirtshäuser ab. In den kinderreichen Ehen sahen sie eher den Ausdruck der Liebe in gegenseitiger Fürsorge als in Sex. Andererseits wurde Sex innerhalb der Ehe als so wichtig angesehen, dass ein Ehepartner, der den Geschlechtsverkehr verweigerte, dafür bestraft werden konnte.

In den Kolonien von Neuengland errichteten die Puritaner verschiedene Gemeinschaften nach ihren Vorstellungen. Hier sollte die Regierung die ethischen Grundsätze der Bibel durchsetzen.