mini|Willi Baumeister (porträtiert von Emil Stumpp, 1927)

Friedrich Wilhelm Baumeister (* 22. Januar 1889 in Stuttgart; † 31. August 1955 ebenda) war ein deutscher Maler, Grafiker, Bühnenbildner, Typograf, Kunsttheoretiker, Autor und Hochschullehrer. Er gilt als bedeutender Künstler der Moderne.Jörg Kurz: Die Gänsheide, Geschichte und Kultur. Verlag im Ziegelhaus, Stuttgart 2007, ISBN 978-3-925440-16-8.Brigitte Pedde: Willi Baumeister 1889–1955. Schöpfer aus dem Unbekannten. epubli, Berlin 2013, ISBN 978-3-8442-6815-7. (Open-Access-Ausgabe)

Leben Kindheit und Ausbildung Willi Baumeister wuchs in seiner Geburtsstadt Stuttgart auf, wo er die Friedrich-Eugens-Oberrealschule bis zur Mittleren Reife besuchte. Seine Eltern Wilhelm und Anna Baumeister hatten bereits eine Tochter Klara und einen Sohn Hans. Der Vater führte als Hofkaminfegermeister den familieneigenen Handwerksbetrieb. Anna Baumeister geb. Schuler stammte aus einer Dekorationsmaler-Familie, die seit fünf Generationen dieses Handwerk ausübte.Brigitte Pedde: Willi Baumeister 1889–1955. Schöpfer aus dem Unbekannten. epubli, Berlin 2013, S. 15. (Open-Access-Ausgabe)

Schon während der Ausbildungszeit zum Dekorationsmaler ab 1905 nahm Baumeister ein Studium an der Kunstakademie Stuttgart auf, besuchte Robert Poetzelbergers Zeichenklasse und nahm bei Josef Kerschensteiner zusätzlich Unterricht. 1906 setzte er seine Malerlehre fort und beendete diese 1907 mit der Gesellenprüfung. Von Herbst 1907 bis Herbst 1908 leistete er seinen Militärdienst als Einjährig-Freiwilliger in Stuttgart ab.

Studium und Erster Weltkrieg Nach dem Militärdienst nahm Willi Baumeister sein Studium an der Kunstakademie wieder auf. Er wurde jedoch von seinem Lehrer Poetzelberger wegen mangelnder Begabung als Schüler abgelehnt. Baumeister wechselte in die Kompositionsklasse von Adolf Hölzel, der er (mit kriegsbedingter Unterbrechung) bis Ende Wintersemester 1918/19 angehörte. Hier lernte er Oskar Schlemmer und Alf Bayrle kennen. Im Jahr 1911 unternahm Baumeister seine erste Paris-Reise. Er beteiligte sich erfolgreich 1912 an einer Ausstellung in der Zürcher Galerie Neupert. Im darauf folgenden Jahr wurde er Teilnehmer des Ersten Deutschen Herbstsalons in der Berliner Sturm-Galerie. Hier begegnete er dem expressionistischen Maler Franz Marc. 1914 hatte Baumeister seine erste Einzelausstellung im von Oskar Schlemmer und dessen Bruder gegründeten Stuttgarter „Neuen Kunstsalon“. Ihm, Schlemmer und Hermann Stenner vermittelte Adolf Hölzel im selben Jahr den Auftrag zur Ausführung von Wandgemälden in der Kölner Werkbundausstellung. Bei der großen Stuttgarter Ausstellung des Verbandes der Kunstfreunde in den Ländern am Rhein 1914 waren er, Josef Eberz und Schlemmer im sogenannten „Expressionisten-Saal“, den Hölzel ausgerichtet hatte, mit jeweils drei Werken am stärksten vertreten.Ausstellungskatalog Kunst-Ausstellung Stuttgart 1914. Kgl. Kunstgebäude, Schloßplatz, Mai bis Oktober. Hrsg. vom Verband der Kunstfreunde in den Ländern am Rhein, Stuttgart 1914, S. 47, Kat.-Nr. 401 („Bild IV“, Ölgemälde), Kat.-Nr. 404 („Bild III“, Ölgemälde) sowie Kat.-Nr. 409 („Bild I“, Ölgemälde).

Bevor Willi Baumeister Anfang November 1914 zum Kriegsdienst bei einer Feldflieger-Ersatz-Abteilung eingezogen wurde, unternahm er noch Reisen zusammen mit Schlemmer und zeitweilig auch Stenner nach Amsterdam, London und Paris. Trotz des Krieges begegnete Baumeister 1915 in Wien dem Maler Oskar Kokoschka und dem Architekten Adolf Loos. 1916 beteiligte er sich an der Ausstellung Hölzel und sein Kreis im Kunstverein Freiburg im Breisgau, die 1917 auch im Kunstsalon Ludwig Schames in Frankfurt am Main gezeigt wurde. Aus dem Feld steuerte er für die Ausstellungspublikation, die vier seiner Werke abbildete, den Text „Vadartal. Ahranli, den 20. Juli 1916“ bei.Hölzel und sein Kreis 1916. Strecker und Schröder [Drucker], Stuttgart September 1916, Abb. S. 33 (Eva), 34 (Lesende), 35 (Blaue Komposition), 36 (Gestade), der Text ist abgedruckt auf S. 19. Noch vor seiner Entlassung aus dem Militärdienst und seiner Rückkehr nach Stuttgart im Dezember 1918 stellte er zusammen mit Oskar Schlemmer in der Stuttgarter Galerie Schaller aus. Als Baumeister und Schlemmer im Verlaufe des Jahres 1919 versuchten, die Berufung Paul Klees an der Stuttgarter Akademie in der Hölzel-Nachfolge durchzusetzen, wurde dies, obwohl sich Klee zur Übernahme des Lehramts bereit erklärt hatte, seitens der Akademie unter der Leitung Heinrich Altherrs mit Unterstützung lokaler Presseorgane heftig bekämpft und abgelehnt. Wieweit Baumeister bereits 1919 der Berliner Künstlervereinigung „Novembergruppe“ beitrat, ist unklar. Sie war 1918 von Max Pechstein, unmittelbar nach der deutschen Kapitulation und dem Sturz der Monarchie, gegründet worden und blieb bis 1933 einer der bedeutendsten Zusammenschlüsse deutscher Künstler.

Üecht und Berufung mini|Willi Baumeister, Ausstellungsplakat, Üecht-Gruppe, Stuttgart 1919 In Stuttgart ergriff Baumeister mit Schlemmer und anderen Künstlern 1919 die Initiative zur Gründung der Künstlergruppe Üecht (alemannisch: „echt“, „wahr“), die er 1921 verließ. 1919 fertigte er sein erstes Bühnenbild, dem insgesamt 17 weitere folgten. 1922 beendete Baumeister sein Studium an der Stuttgarter Akademie, wo er zuletzt bei Heinrich Altherr eingeschrieben war, und bezog ein eigenes Atelier in Stuttgart.Wolfgang Kermer: Zeittafel. In: Ders.: Willi Baumeister – Typographie und Reklamegestaltung. Edition Cantz, Stuttgart 1989, ISBN 3-89322-145-X, S. 305, Abb. S. 254 Nr. 4 (Abschrift der Bescheinigung über die Studienzeiten Willi Baumeisters, ausgestellt von der Württ. Akademie der Bildenden Künste Stuttgart am 8. Dezember 1927) Er arbeitete als freier Künstler und nahm an Ausstellungen in Berlin, Dresden und Hagen teil. Seine Bekanntheit und die über Deutschland hinausweisende Anerkennung wurden in einer gemeinsamen Ausstellung mit Fernand Léger in der Berliner Galerie „Der Sturm“ im Jahre 1922 deutlich. In diesen Jahren entwickelte Baumeister Beziehungen zu Künstlern wie Paul Klee, Léger, Le Corbusier, Ozenfant oder Michel Seuphor. 1924 wurden einige seiner Arbeiten auf der „Ersten Allgemeinen Deutschen Kunstausstellung“ in Moskau gezeigt. 1925 wurde Baumeister zum Sondersachverständigen für farbige Hausanstriche der Württembergischen Bauberatungsstelle ernannt und nahm an der Pariser Ausstellung L’Art d’aujourd’hui („Kunst heute“) teil. Neben seiner künstlerischen Arbeit widmete er sich parallel der Gebrauchsgrafik und entwarf Anzeigen für Unternehmen, wie zum Beispiel für Bosch und DLW (Deutsche Linoleumwerke).

1926 heirateten Willi Baumeister und die Malerin Margarete Oehm. Baumeister hatte im selben Jahr die Gelegenheit, in New York an der International Exhibition of Modern Art („Internationale Ausstellung Moderner Kunst“) der Société Anonyme im Brooklyn Museum teilzunehmen. Es folgte im Jahr darauf eine Einzelausstellung in Paris und anlässlich seiner Beteiligung an der Großen Berliner Kunstausstellung (mit eigenem Raum) lernte er Kasimir Malewitsch kennen.

1927 wurde Baumeister Chefgrafiker der DLW und auf Empfehlung von Fritz Wichert an die Frankfurter Kunstgewerbeschule, die spätere Städelschule, berufen. Hier leitete er von 1928 an die Klasse für Gebrauchsgrafik, Typographie und Stoffdruck. Baumeisters Tochter Krista wurde in diesem Jahr geboren. Eine im folgenden Jahr ausgesprochene Berufung an das Bauhaus in Dessau sagte er ab. 1929 nahm Willi Baumeister als Mitglied des Deutschen Künstlerbundes an der Jubiläumsausstellung im Kölner Staatenhaus am Rheinpark teil, wo er drei Ölgemälde zeigte.Katalog Deutscher Künstlerbund Köln 1929. Mai–September 1929 im Staatenhaus. M. DuMont Schauberg, Köln 1929. (Baumeister, Willi, Frankfurt A.M.: Kat.Nr. 23: Zentrum, 24: Schwimmer an der Leiter (Abb. S. 43), 25: Boxschule)

Ab 1930 betreute er die Gestaltung der Zeitschrift des Neuen Frankfurt,Sämtliche von Baumeister gestalteten Umschläge der Zeitschrift farbig abgebildet in: Wolfgang Kermer: Willi Baumeister – Typographie und Reklamegestaltung. Edition Cantz, Stuttgart 1989, ISBN 3-89322-145-X, S. 286–287. 1931 erschien das Magazin Der Querschnitt erstmals mit Baumeisters werbekräftiger Umschlagkonzeption.Wolfgang Kermer: Willi Baumeister und die Zeitschrift „Der Querschnitt“. In: Willi Baumeister: Stuttgart und die Schwaben. WerkstattReihe (6), hrsg. von Wolfgang Kermer. Staatliche Akademie der Bildenden Künste Stuttgart, 1999, S. 9–13. Während Baumeister seit 1927 Mitglied im „ring neue werbegestalter“ war (Vorsitzender war Kurt Schwitters) trat er 1930 der Künstlervereinigung Cercle et Carré („Kreis und Quadrat“) bei und erhielt im selben Jahr den Württembergischen Staatspreis für das Gemälde Linienfigur. Er war neben Cercle et Carré noch Mitglied der Künstlerbewegung Abstraction-Création in Paris.

Im nationalsozialistischen Deutschland Am 31. März 1933 wurde Willi Baumeisters Professur an der Kunstgewerbeschule infolge der Machtübernahme durch die Nationalsozialisten eingespart, seine Kollegen Albert Windisch und Wilhelm Biering waren gezwungen, auch Baumeisters Kurse zu übernehmen. Elisabeth Hase, Marta Hoepffner, Jacques Germain, Hannes Neuner und Jo von Kalckreuth zählten zu den wichtigsten Schülern Baumeisters in Frankfurt. Nach seiner Rückkehr nach Stuttgart (April 1933) lebte Baumeister hauptsächlich von Gebrauchsgrafik, unternahm allerdings Reisen in die Schweiz, nach Italien und Frankreich. Im selben Jahr wurde seine Tochter Felicitas geboren. 1936 lernte er durch die Vermittlung des Wuppertaler Architekten Heinz Rasch – mit dem er seit der Zusammenarbeit bei der Bauausstellung 1924 in Stuttgart befreundet war – Kurt Herberts, Inhaber einer Wuppertaler Lackfabrik, kennen und arbeitete ab 1937 in dessen Wuppertaler Arbeitskreis. Dort arbeiteten neben ihm weitere von den nationalsozialistischen Machthabern verfemte Künstler: Hans Hildebrandt, Franz Krause, Alfred Lörcher, Georg Muche und Oskar Schlemmer.

1937 wurden in der deutschlandweiten konzertierten Aktion „Entartete Kunst“ eine Vielzahl von Tafelbildern, Aquarellen, Druckgrafiken und Zeichnungen Baumeisters aus dem zur Nationalgalerie Berlin gehörenden Kronprinzenpalais, dem Schlesischen Museum der Bildenden Künste Breslau, dem Museum Folkwang Essen, dem Provinzial-Museum Hannover, der Städtischen Kunsthalle Mannheim, der Städtischen Kunstsammlung Chemnitz, dem Städtischen Kunst- und Gewerbemuseum Dortmund, den Kunstsammlungen der Stadt Düsseldorf, dem Museum für Kunst und Heimatgeschichte Erfurt, dem Kunstverein Jena, der Staatlichen Kunsthalle Karlsruhe, dem Wallraf-Richartz-Museum Köln, dem Städtischen Museum Frankfurt am Main, der Württembergischen Staatsgalerie Stuttgart, dem Schlossmuseum Weimar und dem Nassauischen Landesmuseum Wiesbaden beschlagnahmt. Fünf seiner Werke wurden in der nationalsozialistischen Ausstellung „Entartete Kunst“ gezeigt.

Baumeister hatte, bis 1941 ein Mal- und Ausstellungsverbot der Reichskammer der bildenden Künste erging, noch vielfach die Gelegenheit, seine Arbeiten im europäischen Ausland auszustellen. Trotz des Verbotes und stetiger Überwachung arbeitete er parallel zu seiner Tätigkeit in der Lackfabrik Herberts an seinem künstlerischen Werk. Als 1943 Wuppertal und schließlich ebenfalls bei einem Bombenangriff Baumeisters Haus in Stuttgart unbewohnbar wurden, zog er mit seiner Familie nach Urach an der Schwäbischen Alb um. Dort schrieb er das Manuskript seines Buches Das Unbekannte in der Kunst nieder. Die bedrückenden Umstände, unter denen das Buch entstand, beschreibt Baumeister in der „Neujahr 1943/44“ datierten Einführung: