Geretsried ist die jüngste Stadt (seit Juni 1970) im oberbayerischen Landkreis Bad Tölz-Wolfratshausen. Der Ort wurde urkundlich das erste Mal im Jahr 1083 erwähnt und ist eine der fünf Vertriebenengemeinden in Bayern.Vertriebenengemeinden und -siedlungen, Historisches Lexikon Bayerns, abgerufen am 26. März 2025 Geretsried ist zudem ein Teil der Metropolregion München und mit ca. 26.000 Einwohnern die größte Stadt im Landkreis.
Geographie Geretsried in der Region Bayerisches Oberland liegt etwa 35 Kilometer südlich der bayerischen Landeshauptstadt München und rund zehn Kilometer östlich des Starnberger Sees. mini|hochkant|Blick über den Stadtteil Gelting vom Turm der St.‑Benedikt-Kirche in Richtung Osten; vorne ein Maibaum Das Stadtgebiet liegt zwischen den Flüssen Loisach und Isar und grenzt nördlich unmittelbar an die Nachbarstadt Wolfratshausen. Daraus ergibt sich ein gemeinsamer Wirtschaftsraum mit rund 46.000 Einwohnern bzw. ein gemeinsames Mittelzentrum in der Planungsregion Oberland.
Das Stadtgebiet besteht aus den sieben Gemeindeteilen Buchberg, Einöde, Gartenberg (ca. 11.900 Einwohner), Gelting (ca. 1800 Einwohner), Geretsried (ca. 7800 Einwohner), Schwaigwall und Ziegelei. Weitere Orte sind Stein (ca. 2500 Einwohner) sowie die kleineren Ansiedlungen Breitenbach, Breitenmoos und Inselhof.
Geschichte
Anfänge Die Einöde „Gerratesried“ (Rodung des Gerrad) wurde erstmals 1083 urkundlich erwähnt (später auch „Geroldsried“ bzw. „Geroltzried“, seit 1736 Geretsried) und bestand bis 1938 aus zwei Bauernhöfen und der Nikolauskapelle. Der Weiler gehörte zur damaligen Gemeinde Gelting.
Wachstum zur Zeit des Nationalsozialismus In den Jahren 1938 bis 1940 entstand südöstlich dieser Doppel-Schwaige eine Fabrikanlage für Dynamit, die jedoch offiziell Schokoladenfabrik genannt wurde. In den 1950er Jahren wurde die vorhandene Infrastruktur (zwei Verwaltungsgebäude, Holzbarackenlager, Hallen, über 70 km Betonstraße, Abwasser-, Strom- und Telefonleitungen) zur Unterbringung von Heimatvertriebenen genutzt und schließlich entstand durch Zuzug und Eingemeindungen 1970 eine Stadt. mini|Rathaus Geretsried, bis 1945 Verwaltungsgebäude der Rüstungswerke der Dynamit Aktiengesellschaft (DAG).Arbeitskreis Historisches Geretsried: Ehemaliges Verwaltungsgebäude der DAG - Heute Rathaus, abgerufen am 23. März 2025
In der Zeit des Nationalsozialismus entstand nach dem Montan-Schema im Bereich der heutigen Gartenstadt oder Geretsried-Nord mit dem Werk Tal I ein „Schokoladenfabrik“ genannter Industriekomplex der Verwertchemie (Tochterfirma der Dynamit AG) und entlang der heutigen Sudetenstraße in Geretsried-Süd ein zweites Werk (Tal II der Deutschen Sprengchemie (DSC)). Die Verwertungsgesellschaft für Montanindustrie war eine reichseigene GmbH. Sie finanzierte mit etwa 200 Millionen Reichsmark das Vorhaben. Die Werke wurden dann an die Dynamit AG (DAG), Troisdorf, und die Deutsche Sprengchemie (DSC) (Tochterfirma der WASAG) verpachtet. Die Höhe der Pacht, die die Montan verlangte, war gewinnabhängig.
Geretsried-Nord Im Werk Tal I wurde ab 1940 in drei Produktionslinien (die vierte war bei Kriegsende noch im Bau) der Sprengstoff Nitropenta produziert. Mit einer Kapazität von 600 Monatstonnen war Geretsried der bedeutendste Nitropenta-Produzent im Dritten Reich. Zu Beginn wurde auch der Sprengstoff Pikrinsäure, später Initialsprengstoffe für Zünder (Bleiazid, Tetrazen, Bleinitroresorzinat) hergestellt. Der beliebte Sprengstoff Hexogen wurde in Geretsried nur getrocknet.
Geretsried-Süd Im Werk Tal II wurden ab Mai 1941 unter anderem die von der DAG hergestellten Sprengstoffe zu Presslingen verarbeitet und in Granaten und Zündladungen gefüllt.
Autarker Industriekomplex und Einsatz von Fremdarbeitern Die Fabrikanlage mit eigenen Kohle-Kraftwerken, eigener Wasserversorgung (am Isardamm) und eigenen Massenwohnlagern für Arbeiter (Buchberg (Böhmwiese)(2000 Menschen))Heute vor 75 Jahren kamen die ersten Heimatvertriebenen im Lager Buchberg an, Merkur, abgerufen am 26. März 2025, Stein (Außenstelle des Konzentrationslagers Dachau, das „Lager D.S.C. Königsdorf“, „Barackenstadt D.S.C. Geretsried“ oder „Lager Stein“ genannt wurde für 1000 KZ-Häftlinge und Zwangsarbeiter)Andreas Wagner: Vortrag vom 25. Oktober 1989 in den Ratsstuben Geretsried (ergänzte Fassung von Mai 1993) und Föhrenwald (2500 Menschen) (feste Häuser) war eine der größten Sprengstoff- und Munitionsfabriken des Deutschen Reiches. Föhrenwald wurde von den Nationalsozialisten als Mustersiedlung errichtet. Bis zu 4000 Arbeitskräfte waren insgesamt unter unzumutbaren Bedingungen tätig.
Im Sommer 1939 standen im Lager Stein die ersten Holzbaracken sowie eine Kantine für bis zu 1500 Personen. Im Endstadium wurden in 21 Baracken über 1000 Menschen untergebracht und durch Umfunktionierung der Aufenthaltsräume in Schlafräume wurde die Kapazität noch verdoppelt. Ein Kesselhaus beheizte die wenigen gemauerten Bauten, versorgte sie mit Warmwasser und bot die Möglichkeit zum Baden oder Duschen. Wie in Föhrenwald wurden die Fremdarbeiter nach Nationalität getrennt untergebracht. Im südlichen Teil des umzäunten Lagers waren ab Sommer 1942 Ostarbeiter und sowjetische Kriegsgefangene untergebracht, die nochmals mittels eines Zauns streng von den anderen Fremdarbeitern separiert waren. Sie durften das Lager nicht verlassen.
Am Isardamm 20 steht noch der ehemalige Kohlebunker (später Wohn- und Atelierhaus von Alf Lechner). Bis zu 6000 Arbeitskräfte und schweres Gerät waren am Bau der beiden Fabrikanlagen beteiligt. Die Dienstverpflichteten kamen aus Oberbayern, dem Allgäu, dem Sudetenland, Italien, der Slowakei, Litauen und dem Memelland. Für den Werkschutz wurden auch SA-Männer eingesetzt. Die Isartal-Bahn nach Wolfratshausen wurde mit 35 Kilometer Gleisen nach Geretsried-Nord und -Süd verlängert. Der Abtransport der Munition wurde an München vorbei über Bichl und Tutzing geleitet.Joachim Braun: Organisationstalent gegen schlechte Schuhe, abgerufen am 24. März 2025 Auf einer Fläche von mehr als 700 ha wurden innerhalb von zwei Jahren rund 800 Gebäude und Bunker massivster Bauart,Explosive Geheimnisse SZ, abgerufen am 23. März 2025 teilweise zur Tarnung unterirdisch bis zu 20 Meter tief in den Boden gebaut und mit Buschwerk getarnt und wie die Straßen mit grüner Farbe gestrichen. 15 km Gleisanlagen durchzogen den Forst. Die Werkbahnen und Betonstraßen bestimmen noch heute das Stadtbild.Die Geschichte der Stadt Geretsried, Geretsried.de, abgerufen am 26. März 2025
Für die Verwaltung der DAG wurde ein zweigeschossiger Zweiflügelbau im barockisierenden Heimatstil mit Eingangsturm und Tarnanstrich von Paul Wenz 1939/40 errichtet, der auch die Ingenieurshäuser plante. Im November 1940 wurden erste Abteilungen, wie die Nitropenta-Produktion, in Betrieb genommen. Im ehemaligen Verwaltungsgebäude der DSC ist heute das Pflegeheim St. Ursula untergebracht.Andreas Wagner: Zwangsarbeit im Wolfratshauser Forst, Geretsried 1938 bis 1945. 2. Die Sprengstoff- und Munitionsfabriken Für die deutschen Betriebsleiter, Angestellten, Meister, sowie den Werkschutz wurden Wohnsiedlungen entlang der Tattenkofener Straße, sowie in Wolfratshausen entlang der Schießstätt- und Alpenstraße gebaut.
Die Arbeiter in der Produktion waren zu 95 Prozent deportierte Fremdarbeiter – Arbeitsschutz war ein Fremdwort. Ihr Arbeitsplatz war äußerst gefährlich, es kam zu Explosionen und Unfällen mit vielen Toten. Im Laufe des Krieges wurde in den Fabriken eine immer größere Zahl von Zwangsarbeitern eingesetzt. Im Jahre 1941 war ein Schild „Eintritt verboten“ in 15 Sprachen am Werkzaun angeschlagen.Andreas Wagner: Zwangsarbeit im Wolfratshauser Forst, Geretsried 1938 bis 1945 Anfang 1942 „etwa 1200 Französinnen und einige hundert Franzosen“, auch „Russen“ (so bezeichnete man pauschal alle Völker der Sowjetunion) und „Ostarbeiter“, Jugoslawen, Dänen, Belgier, Norweger, Italiener, Holländer, Tschechen, Slowaken und Spanier, sowie Ungarn, Letten, Polen, Albaner und Schweizer, wobei sie zum Teil lebensgefährliche Arbeiten mit chemischen Substanzen verrichten mussten. Bis 1955 erinnerten an der Richard-Wagner-Straße am Eingang zum Gemeindeteil Stein die Grabstätten von sieben KZ-Häftlingen (die später auf den Waldfriedhof Dachau überführt wurden) an diese Vergangenheit.Gedenkstätten für die Opfer des Nationalsozialismus. Eine Dokumentation, Band 1. Bundeszentrale für politische Bildung, Bonn 1995, ISBN 3-89331-208-0, S. 142
Im April 1945 wurde die Fabrikanlage bombardiert und im Mai 1945 von der amerikanischen Armee besetzt. Neben dem heutigen Rathaus und dem Pflegeheim wurden einige weitere administrative Gebäude und Lagerhallen zu Wohnhäusern umgebaut. Sie sind noch quer über das Stadtgebiet verteilt.
Nachkriegszeit – Vertriebene und Gemeindeentwicklung Viele der deutschen Fachkräfte und zivilen Angestellten der Fabriken hatten keine Wahl, sie blieben. Zu den Verwaltungsangestellten und Ingenieuren kamen ab Anfang April 1946 deutsche Heimatvertriebene aus dem Sudetenland und weiteren Ostgebieten wie Siebenbürgen und Rumänien. Die erste größere Gruppe von 554 Sudetendeutschen aus Graslitz an der heutigen tschechisch-sächsischen Grenze erreichte Geretsried mit dem Zug und wurde in den freigewordenen Barackenlagern Buchberg und Stein und im heutigen Rathaus, der damaligen Verwaltung der DAG, untergebracht. Am 1. April 1950 wurde die Gemeinde Geretsried aus Teilen der Gemeinden Ergertshausen, Gelting, Königsdorf und Osterhofen neu gebildet.
Durch stetiges Wachstum der Bevölkerung und die Entwicklung der örtlichen Industriebetriebe wurde die Gemeinde Geretsried am 27. Juni 1970 zur Stadt erhoben.
Vertriebenenstadt Geretsried ist eine der fünf bayerischen Vertriebenenstädte (Kaufbeuren-Neugablonz, Neutraubling, Traunreut, Waldkraiburg) mit vergleichbarer Kriegs- und Nachkriegsgeschichte.
Eingemeindungen Gelting wurde am 1. Mai 1978 im Zuge der Gemeindegebietsreform in die Stadt Geretsried eingemeindet.
Einwohnerentwicklung Zwischen 1988 und 2018 wuchs die Stadt von 21.081 auf 25.275 um 4.194 Einwohner bzw. um 19,9 %. mini|400px|Einwohnerentwicklung von 1840 bis 2017 nach nebenstehender Tabelle Jahr Einwohner 1840 243 1900 263 1925 458 1938 167 1950 3.236 1961 7.341 Jahr Einwohner 1970 16.222 1991 21.924 1995 22.122 2002 23.332 2005 23.320 2010 23.306 2015 24.392 2016 24.483 Jahr Einwohner 2017 24.892 2018 25.275 2019 25.438 2020 25.380 2021 25.221 2022 25.623 2023 25.863 2024 25.997
Politik Stadtrat
Der Stadtrat besteht aus dem Ersten Bürgermeister und den Stadträten. Bei den Wahlen am 15. März 2020 wurde der Stadtrat wie folgt besetzt (in Klammern die Differenz zur Wahl 2014):Geretsried, Wahl des Stadtrats am 15. März 2020
Partei / Liste CSU FW GRÜNE SPD GL FDP Gesamt Sitze 12 (− 1) 5 (− 2) 5 (+ 2) 4 (− 2) 3 (+ 3) 1 (± 0) 30Stimmenanteil 41,1 % 17,3 % 17,0 % 11,9 % 8,8 % 3,8 % 99,9 %
Weitere Wahlen In der folgenden Tabelle sind die Ergebnisse von Bundes-, Landtags- und Europawahlen in Geretsried dargestellt. JahrWahlWbt. CSU AfD SPD Grüne Linke FDPFW BSW Sonst.2025Bundestagswahl80,138,221,710,610,45,14,53,33,32,92024Europawahl57,441,614,58,211,11,44,25,03,910,12023Landtagswahl67,139,617,66,614,31,43,011,6—5,9
Bürgermeister Seit dem 1. Mai 2014 ist Michael Müller (CSU) Erster Bürgermeister. Dieser wurde bei drei Mitbewerbern am 15. März 2020 mit 62,15 % der Stimmen wiedergewählt. Zweite Bürgermeisterin ist Sonja Frank (FW), Dritter Bürgermeister ist Gerhard A. Meinl (CSU).
Wappen
Flagge 100px Hissflagge: „Die Flagge ist weiß-blau-grün geteilt mit dem Wappen in der Mitte.“ Die Flagge wird auch als Banner geführt.
Wirtschaft und Infrastruktur Verkehr Straßenverkehr Geretsried liegt zwischen zwei in Nord-Süd-Richtung verlaufenden, von München kommende Hauptstraßen:
Im Westen die Bundesstraße 11 von München, Wolfratshausen zur B 2 in Krün bei Mittenwald