mini|„Ideologie“ ist ein sensibler Begriff, der leicht zu Widerspruch führt! Grafik: „Žižek überprüft ideologische Erreger“
Eine Ideologie (von ; zu , hier „Idee“, und „Lehre, Wissenschaft“ – eigentlich „Ideenlehre“)Duden online: Ideologie ist eine umfassende Weltanschauung oder ein Deutungsmuster, das gesellschaftliche Rahmenbedingungen in einer bestimmten, interessegeleiteten und damit einseitigen, bis hin zu einer verzerrten Art und Weise auffasst. Sie kann sich dabei auf die gesamte Gesellschaft beziehen oder auf Teilaspekte wie Politik, Wirtschaft, Kultur, Religion oder Geschichte. Ideologien berufen sich auf Kriterien wie Wahrheit, Angemessenheit, Notwendigkeit oder Plausibilität.Der große Brockhaus. Bd. 13, 21., völlig neu bearbeitete Auflage, F. A. Brockhaus, Leipzig/Mannheim 2006. ISBN 978-3-7653-4113-7. S. 96–97 (Themenseiten: „Schlüsselbegriff Ideologie“). Sie bestehen unter anderem aus Ideen, Erkenntnissen, Kategorien und Wertvorstellungen und können gesellschaftliche Normen, Interessen oder Machtverhältnisse rechtfertigen.Franz Austeda: Lexikon der Philosophie. 6., erweiterte Auflage. Verlag Brüder Hollinek, Wien 1989, S. 165–166, Stichwörter „Ideologie“ und „Ideologiekritik“
Ideologische Deutungsmuster sind nicht auf politische Lehren beschränkt, sondern können auch nationale, kulturelle, wirtschaftliche oder religiöse Vorstellungen einschließen. Insofern können auch Religionen ideologisch wirksam werden, wenn religiöse Überzeugungen zur umfassenden Begründung weltlicher, sozialer oder politischer Ordnungen herangezogen werden. Beispiele hierfür sind religiöser Fundamentalismus im Christentum oder der Islamismus, der nicht mit der Religion Islam verwechselt werden darf. Religionen lassen sich jedoch nicht pauschal als Ideologien bezeichnen, da sie auch spirituelle und metaphysische Dimensionen umfassen, die nicht notwendig auf die Rechtfertigung gesellschaftlicher oder politischer Ordnung gerichtet sind.
Einige, aber nicht alle Ideologien tragen in ihrer Bezeichnung das Suffix -ismus.
Begriffsverständnis Es existieren zwei unterschiedliche Verständnisse von Ideologie. Im gesellschaftlichen Diskurs werden die beiden Ideologiebegriffe oft nicht hinreichend voneinander unterschieden:
Für Karl Marx war es das „falsche Bewusstsein“ einer Gesellschaft. Seit Marx und Engels bezieht sich der Ideologiebegriff auf „Ideen und Weltbilder, die sich nicht an Evidenz und guten Argumenten orientieren, sondern die darauf abzielen, Machtverhältnisse zu stabilisieren oder zu ändern“. Der Ideologiebegriff der marxistischen Philosophie, der nicht nur im westlichen Marxismus eine zentrale Rolle spielt, geht davon aus, dass das herrschende Selbstbild vom objektiv möglichen Selbstbild der jeweiligen gesellschaftlichen Entwicklungsstufe verschieden ist. Da die materiellen Verhältnisse und Interessen das Denken bestimmen, wird nach Marx die Ideologie der Gesellschaft durch die Interessen dominanter gesellschaftlicher Gruppen, z. B. der Bourgeoisie, beeinflusst, um diese zu rechtfertigen. Durch eine Ideologiekritik kann diesen Interessen entgegengewirkt werden, um im Sinne eines allgemeinen Interesses ein nach dem Stand der Erkenntlichkeit korrektes und vollständiges Bild der Gesellschaft zu entwerfen. Eine wichtige Weiterentwicklung erfährt die Theorie der Ideologie bei Georg Lukács, der sie mit einer Theorie des Totalitarismus verknüpft: Die vollständige Vereinnahmung des Individuums durch gesellschaftlich organisierte Aktivitäten und Strukturen führt dazu, dass sich das Individuum nur innerhalb dieser Strukturen verstehen kann und somit selbst eine passende Ideologie entwickelt. In der US-amerikanischen Wissenssoziologie hat sich Ideologie hingegen als Bezeichnung für jedes System von sozialen Normen von Gruppen oder Organisationen durchgesetzt, die zur Rechtfertigung und Bewertung eigener und fremder Handlungen dienen. Sie bilden demnach das notwendige „Wir-Gefühl“, das den inneren Zusammenhalt jeder menschlichen Gemeinschaft ermöglicht.Dieter Haller: Dtv-Atlas Ethnologie. 2., vollständig durchgesehene und korrigierte Auflage. dtv, München 2010, ISBN 978-3-423-03259-9, S. 175. Dieser Ideologie-Begriff wird auch auf die Ideensysteme von politischen Bewegungen, Interessengruppen, Parteien etc. angewandt, wenn von politischen Ideologien die Rede ist.
Ideengeschichte Zu Beginn des 19. Jahrhunderts prägte Antoine Louis Claude Destutt de Tracy den französischen Begriff idéologie als Bezeichnung für das Projekt einer „einheitlichen Wissenschaft der Vorstellungen oder Wahrnehmungen“ (science qui traite des idées ou perceptions), das sich auf die Erkenntnistheorie von Condillac berief. Die Idéologistes setzten zur Vorbeugung gegen eine neue Schreckensherrschaft ein pädagogisches Programm der Breitenaufklärung ins Werk.Brigitte Schlieben-Lange: Idéologie: Zur Rolle von Kategorisierungen im Wissenschaftsprozess. (Schriften der Philosophisch-historischen Klasse der Heidelberger Akademie der Wissenschaften 18) C. Winter Universitätsverlag, Heidelberg 2000, ISBN 3-8253-0917-7, S. 3. Durch eine publizistische Kampagne von Napoleon Bonaparte wurde diese Schule jedoch als wirklichkeitsfremdes, spekulatives Systemgebäude angegriffen;Napoleon im Journal de Paris, 15 pluviôse an IX [= 4. 2. 1801] 815–817, zit. auch in: A. H. Taillandier: Documents biographiques sur P. C. F. Daunou. Paris 1847, S. 197f. aus dieser Tradition leitet sich der Begriff der Ideologie als kohärentes Weltbild auf der Basis unzutreffender Prämissen ab. Erst durch Marx und Engels wurde dieser Begriff dann herrschaftskritisch angewandt. Zuvor war der Ausdruck Ideologen im deutschen Sprachraum für eine Orientierung an Ideen (anstatt der Realität), etwa der der Freiheit oder einer republikanischen Verfassung reserviert gewesen.U. Dierese, Eintrag: Ideologie (I) in: Historisches Wörterbuch der Philosophie Bd. 4, S. 161–164.
Der Begriff der Ideologie ist, bis zum Versuch einer funktionalen Beschreibung in der Wissenssoziologie, immer eng mit dem Gedanken Ideologiekritik verbunden. Neben den hier genannten Positionen sind zu den Ideologiebegriffen u. a. einschlägig: Ferdinand Tönnies, Hans Barth, Ernst Topitsch, Hans Albert, Bertrand Russell, Louis Althusser, Theodor W. Adorno, Hannah Arendt und Jürgen Habermas.
Vorläufer des modernen Ideologiebegriffes ist die Idolenlehre von Francis Bacon. Schon hier ist die Idee einer Aufdeckung von falschen Vorstellungen entscheidend: Die Reinigung des Denkens von Idolen (Trugbildern) ist für ihn die Voraussetzung von Wissenschaft. Quellen dieser Trugbilder können Tradition, Sprache, Herkunft und Sozialisation sein.
Eine besondere Rolle spielte die Ideologiekritik in der Aufklärung. Zentrales Ziel der Aufklärung war die Befreiung des Bewusstseins der Menschen von Aberglauben, Irrtümern und Vorurteilen, die nach dieser Sichtweise den mittelalterlichen Machthabern zur Legitimation ihrer Herrschaft dienten. Die französischen Materialisten, u. a. Paul Heinrich Dietrich von Holbach und Claude Adrien Helvétius, kritisierten insbesondere die katholische Kirche und bezeichneten deren – ihrer Meinung nach im Interesse der Machterhaltung verbreiteten – Behauptungen als Priesterbetrug. Die Aufklärung verlangte die politische Durchsetzung von Vernunft, Wissenschaft, Demokratie und Menschenrechten.
Die Vorstellung des Aufrechterhaltens von für das Individuum oder die Gesellschaft zuträglichen Irrtümern über Selbst und Welt findet sich auch bei Arthur Schopenhauer, Max Stirner, Friedrich Nietzsche, Vilfredo Pareto (dieser als „Derivation“).
Marxistische Philosophie mini|Marx und Engels prägten den Ideologiebegriff entscheidend. Nach dem sozialistischen Utopisten Saint Simon griffen Mitte des 19. Jahrhunderts Marx und Engels den seit Napoleon stigmatisierten Begriff wieder auf. Ideologie wird hier nicht als bewusste Verführung, sondern als ein sich aus den gesellschaftlichen Verhältnissen ergebender objektiv notwendiger Schein konzipiert: Aus dem Klassencharakter der gesellschaftlichen Verhältnisse ergibt sich nach Marx die Tendenz, dass die Gedanken der herrschenden Klasse, die mit den bestehenden Produktionsverhältnissen im Einklang stehen, auch die herrschenden Gedanken in der Gesellschaft sind. In seinem Hauptwerk, Das Kapital, bestimmt Marx den Waren- und Geldfetisch als bestimmende Verkehrungsmomente in der kapitalistischen Produktion. Die Menschen nehmen ihre (arbeitsteiligen) Beziehungen zueinander als Beziehungen zwischen Waren wahr.
Im 20. Jahrhundert wurden von westlichen Marxisten ideologische Momente der Verdinglichung diskutiert, so zum Beispiel von Ernst Bloch (Geist der Utopie, 1918) oder Georg Lukács (Geschichte und Klassenbewußtsein, 1923), für dessen Verdinglichungsanalyse die Idee einer ideologischen Verblendung zentral war. Demnach sei Ideologie „notwendig falsches Bewusstsein“. Die Bilder von der Wirklichkeit, die das Subjekt sich schafft, sind von subjektiven Faktoren beeinflusst oder bestimmt. Daher sind sie nicht objektiv, sondern verfälschen die Wirklichkeit.
Antonio Gramsci entwickelt in den Gefängnisheften einen Ideologiebegriff, der Ideologie als „gelebte, habituelle gesellschaftliche Praxis“ versteht.Terry Eagleton: Ideologie. Eine Einführung. Stuttgart/Weimar 2000, S. 136. Ideologie ist bei ihm nicht mehr zu reduzieren auf die Ebene des Bewusstseins, sondern umfasst auch Handlungen der Menschen.
Nach Louis Althusser vermitteln Ideologien dem Individuum Bewusstsein und üben über das Individuum Macht aus, z. B. in Verbindung mit sogenannten ideologischen Staatsapparaten. Zudem ermöglichen Ideologien es den Individuen, sich in der Gesellschaft als Subjekte wiederzuerkennen. Ideologie ist nach Althusser nicht nur Manipulation, sondern konstituiert Subjekte – sie verstünden sich trotz bzw. wegen ihrer Unterwerfungen als frei. Ein wichtiger Gedanke von Althusser ist, dass Ideologien unbewusst sind.Louis Althusser: Für Marx. S. 183 ff. Ein zentrales Werk für Althussers Ideologietheorie ist sein Essay Ideologie und ideologische Staatsapparate aus dem Jahre 1970.
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