mini|hochkant|Rekonstruktion eines im Grab von Sutton Hoo gefundenen Prunkhelmes (7. Jahrhundert)

In der historischen Forschung wird als sogenannte Völkerwanderung im engeren Sinne die Migration vor allem germanischer Gruppen in Mittel- und Südeuropa im Zeitraum vom Einbruch der Hunnen nach Europa circa 375/376 bis zum Einfall der Langobarden in Italien 568 bezeichnet.Allgemein Springer (2006), der auch auf alternative Definitionen außerhalb der communis opinio hinweist. Alle Epochengrenzen sind letztlich nur ein Konstrukt und vor allem durch Konvention begründet (siehe Periodisierung). Vgl. auch Stefan Krautschick: Zur Entstehung eines Datums. 375 – Beginn der Völkerwanderung. In: Klio. Band 82, 2000, S. 217–222 sowie Stefan Krautschick: Hunnensturm und Germanenflut: 375 – Beginn der Völkerwanderung? In: Byzantinische Zeitschrift. Band 92, 1999, S. 10–67. Die Völkerwanderungszeit fällt in die Spätantike und bildet für die Geschichte des nördlichen Mittelmeerraums sowie West- und Mitteleuropas ein Bindeglied zwischen der klassischen Antike und dem europäischen Frühmittelalter, da man sie beiden Epochen zurechnen kann.

Die spätantike Völkerwanderung stellt allerdings keinen einheitlichen, in sich abgeschlossenen Vorgang dar. Vielmehr spielten bei den Migrationen der zumeist heterogen zusammengesetzten Gruppen aus dem außerrömischen Barbaricum unterschiedliche Faktoren eine Rolle, wobei in der neueren historischen und archäologischen Forschung viele Aspekte der Völkerwanderung äußerst unterschiedlich bewertet werden. Zentral für die Diskussion sind dabei die Fragen, ob der Zerfall des Weströmischen Reiches Folge oder vielmehr Ursache der „Völkerwanderungen“ war und ob damals tatsächlich „Völker“ umherzogen oder vielmehr Kriegerverbände auf der Suche nach Beute und Versorgung (annona) waren.

In der modernen Forschung wird der Begriff „Völkerwanderung“ daher zunehmend kritisch gebraucht, da nach heutiger Einschätzung das Bild von „wandernden Völkern“ nicht haltbar ist und vielen Gelehrten mittlerweile als widerlegt gilt bzw. die Vorstellung einer Völkerwanderung grundsätzlich als „Forschungsmythos“ verworfen wird.Vgl. von Rummel/Fehr (2011), S. 98 ff. Statt fester Völker, die von einer „Urheimat“ aus aufbrachen und sich nach einer „Wanderung“ woanders neu ansiedelten, handelte es sich dem aktuellen Forschungsstand zufolge vielmehr um heterogene Gruppen, deren Zusammensetzung fließend war (vgl. Ethnogenese) und deren Migration (aus jeweils unterschiedlichen Gründen) einen Prozess mit offenem Ausgang darstellte. Manche dieser Verbände versuchten am Reichtum des römischen Imperiums als Vertragspartner zu partizipieren (womit der römische Staat kampffähige Truppen erhielt), andere griffen zu diesem Zweck zu militärischen Mitteln und errichteten neue Herrschaftsräume auf dem Boden des Westreiches.

Dies war allerdings kein von Beginn an geplanter Prozess, so entwickelten sich die meisten der neuen Herrschaftsgebiete erst im Verlauf der Auflösung des Westreichs (beschleunigt von internen römischen Machtkämpfen und begünstigt durch äußere Faktoren wie der Bedrohung durch das Hunnenreich unter Attila). Damit handelte es sich in erster Linie um eine Herrschaftsübernahme, wobei die neuen Herren oft bestrebt waren, die vorhandenen römischen Strukturen zu nutzen und die einheimische römische Elite nicht selten kooperierte (wie im Fall der Franken, Burgunden und der Ostgoten). Allerdings konnten die überlegenen römischen Verwaltungsstrukturen im weiteren Verlauf des Frühmittelalters letztlich nicht bewahrt werden.Zu Details siehe Frühmittelalter#Herrschaftsordnung und Herrschaftsausübung mit den dortigen Belegen. Zu den Bewegungen der Kriegerverbände trat überdies die individuelle Migration von Kleingruppen und Einzelpersonen hinzu, da die Spätantike insgesamt von hoher Mobilität geprägt war.

Hauptsächlich, aber nicht ausschließlich betroffen von den Vorgängen war die Westhälfte des seit 395 de facto geteilten Römischen Reiches. Seit 382 wurden immer öfter vertragliche Regelungen (foedera) zwischen der römischen Reichsregierung und Gruppen wie den Westgoten getroffen, die eine Ansiedlung dieser Krieger auf römischem Territorium zur Folge hatten. In den internen Konflikten, die Westrom seit 395 plagten, wurden solche Kampfverbände immer öfter eingesetzt. Auch die Franken wurden auf römischem Boden angesiedelt und übernahmen als Foederaten unter anderem Aufgaben des Grenzschutzes im Nordosten Galliens. Nach dem Rheinübergang von 406 und dem Eindringen der Vandalen und Sueben in das Westreich zeichnete sich in Gallien erstmals ein möglicher Zusammenbruch der römischen Verwaltungsordnung in Europa ab.

Westrom versank in langen Bürgerkriegen, deren Verlauf die Bewegungen der Kriegerverbände zumindest teilweise bedingte, da sie an den Kämpfen prominent beteiligt waren.Henning Börm: Ein Zeitalter der Bürgerkriege. Der Untergang des Römischen Reiches und die Erosion der Zentralgewalt. In: Generaldirektion Kulturelles Erbe Rheinland-Pfalz (Hrsg.): Der Untergang des Römischen Reiches. WBG, Darmstadt 2022, S. 244–253. Gleichzeitig verfiel die Autorität der kaiserlichen weströmischen Regierung in Ravenna zusehends, und immer mehr politische Macht ging auf – römische und germanische – Militärs über, die die heutige Forschung oft als warlords bezeichnet. Im Westen traten nun die im Vergleich zur römischen Bevölkerung verschwindend geringen germanischen Gruppen an Stelle des römischen Staates. Auf dem Boden des zerfallenen westlichen Imperiums entstanden so im 5. und 6. Jahrhundert germanisch-romanische Nachfolgereiche, die die Kultur Europas im Mittelalter entscheidend prägen sollten.Siehe etwa Meier (2007).

Im Zusammenhang mit diesem Prozess kam es 476/80 zum Ende des weströmischen Kaisertums, während das Oströmische Reich das 5. Jahrhundert weitgehend intakt überstand.

Allgemeiner Überblick Der Begriff „Völkerwanderung“ Der Begriff „Völkerwanderung“ taucht im Deutschen zuerst am Ende des 18. Jahrhunderts auf. Das Deutsche Wörterbuch verzeichnet dazu die Abhandlung Geschichte der Deutschen von Michael Ignaz Schmidt aus dem Jahr 1778, in der von der „sogenannten Völkerwanderung“ die Rede ist.Band 26, Sp. 514 (online). Als feste Epochenbezeichnung benutzt ihn 1790/1792 Friedrich Schiller in seinem Aufsatz „Ueber Völkerwanderung, Kreuzzüge und Mittelalter“,Friedrich Schiller: Ueber Völkerwanderung, Kreuzzüge und Mittelalter er fand dann im 19. Jahrhundert recht schnell allgemeine Verbreitung.Springer (2006), S. 509 f. Problematisch ist, dass der Terminus Völkerwanderung einerseits eine Epochenbezeichnung ist, andererseits aber ebenfalls bestimmte Entwicklungen kennzeichnet, die sich in dieser Zeit vollzogen haben sollen. Im Kern geht die Begriffsbildung auf den Humanisten Wolfgang Lazius zurück, der 1557 sein Werk De gentium aliquot migrationibus veröffentlichte.

Außerhalb des deutschen Sprachraums wird bis heute hingegen eher der kriegerische Aspekt dieser Epoche, verbunden mit dem „Einfall der Barbaren“, hervorgehoben (barbarian invasions – nun verstärkt aber auch migration period –, invasion(s) barbare(s), ).Knapp zusammenfassend etwa Rosen (2003), S. 28 ff.

Für die vom aufkommenden Nationalismus des 18. und 19. Jahrhunderts geprägte ältere Forschung schien es lange Zeit selbstverständlich zu sein, dass es sich bei den spätantiken Migrationsbewegungen um die Wanderungen von Völkern auf der Suche nach einer neuen Heimat gehandelt habe. Diese seien gewaltsam in das Römische Reich eingedrungen, um dort Siedlungsraum zu erobern. Diese Sichtweise hat sich als sehr resistent gegenüber anderen Lesarten erwiesen und ist daher abseits der Fachwissenschaft bis heute weit verbreitet. Nach heute vorherrschender Einschätzung der meisten Historiker und Archäologen ist die Theorie von „wandernden Völkern“ allerdings wissenschaftlich nicht haltbar.Vgl. Pohl (2005) und Rummel/Fehr (2011); knapper populärwissenschaftlicher Überblick auch bei Mischa Meier: Wandernde Völker? In: Damals 7 (2016), S. 16–19.

Entscheidend ist dabei auch, wie der Begriff „Volk“ definiert wird. Es kam zwar in dieser Zeit zu Zügen von verschiedenen mehr oder weniger großen Gruppen; diese waren aber in der Regel heterogen zusammengesetzt und werden von vielen Historikern inzwischen eher als ethnisch gemischte Söldnerheere mit Tross angesehen, die in der Regel von den Römern selbst ins Reich gerufen wurden, um gegen innere und äußere Feinde eingesetzt zu werden.Mehr die wandernden Kriegergruppen im geographischen Raum im Blick hat etwa Halsall (2007). Zudem kam es in der Spätantike, wie zu allen Zeiten, zur unorganisierten Migration von Individuen und Kleingruppen. Von einem einheitlichen Prozess der „Wanderung“ ganzer „Völker“ kann daher nicht die Rede sein; diese immer noch populäre Vorstellung gilt den meisten Experten inzwischen vielmehr als „Mythos“, der auf den Nationalismus des 19. Jahrhunderts zurückgeht. Insofern ist der Begriff „Völkerwanderung“ und das damit lange Zeit verbundene Geschichtsbild hochproblematisch.Vgl. dazu mit Belegen auch Roland Steinacher: Wanderung der Barbaren? Zur Entstehung und Bedeutung des Epochenbegriffs ‚Völkerwanderung‘ bis ins 19. Jahrhundert. In: Felix Wiedemann, Kerstin P. Hofmann, Hans-Joachim Gehrke (Hrsg.): Vom Wandern der Völker. Migrationserzählungen in den Altertumswissenschaften. Berlin 2017, S. 67–95.

Ebenso besteht kein zwingender Grund, die Völkerwanderungszeit als radikalen Einschnitt zu verstehen, da das Ende der Antike ein wesentlich vielschichtigerer Prozess war.Vgl. auch von Rummel/Fehr (2011), S. 7 f. Dabei war die sogenannte Völkerwanderung nur ein Teilaspekt, zumal viele Elemente der antiken Kultur (bisweilen in anderer Form) noch nach dem 6. Jahrhundert fortbestanden.

Identitätsbildung mini|Karte der germanischen Stämme zwischen 50 und 100 Die germanischen „Stämme“ (gentes, nationes) der Völkerwanderungszeit stellten nach heute dominierender Forschungsmeinung keine konstanten Einheiten oder Abstammungsgemeinschaften dar, auch wenn die römischen Quellen dies teils suggerieren. Vielmehr schlossen sich beispielsweise gotischen Verbänden auch Rugier oder Heruler an; einzelne Individuen und ganze Gruppen konnten ihre Zugehörigkeit wiederholt wechseln (allerdings nicht nach Belieben). Die moderne Forschung hat nachgewiesen, dass Gleichartigkeiten der Sprache, der Kleidung oder der Waffen allein für eine ethnische Zuordnung kaum aussagekräftig sind.Philipp von Rummel: Gotisch, germanisch oder römisch? Methodologische Überlegungen zur ethnischen Interpretation von Kleidung. In: Walter Pohl, Mathias Mehofer (Hrsg.): Archäologie der Identität. Wien 2010, S. 51–77. Vgl. auch Walter Pohl: Telling the Difference: Signs of ethnic Identity. In: Walter Pohl, Helmut Reimitz (Hrsg.): Strategies of Distinction: The Construction of Ethnic Communities, 300–800. Leiden u. a. 1998, S. 17 ff. Auch die in den letzten Jahren immer öfter angewandte Methode, die Migrationen durch DNA-Analysen nachvollziehbar zu machen, ist aus diesem Grund kritisiert worden, da sie weniger objektiv sei, als ihre Vertreter annähmen, und die Bedeutung der Gene für die ethnische Identität überschätze.Vgl. Martin P. Evison: All in the Genes? Evaluating the Biological Evidence of Contact and Migration. In: D.M. Hadley, J.D. Richards (Hrsg.): Cultures in Contact. Turnhout 2000, S. 277–294; Mischa Meier, Steffen Patzold: Gene und Geschichte. Was die Archäogenetik zur Geschichtsforschung beitragen kann. Stuttgart 2021.