mini| Der Traum (Le Rêve) (1883), Gemälde von Pierre Puvis de Chavannes (1824–1898), Musée d’Orsay, Paris
Unter Traum oder Träumen versteht man das psychische Erleben während des Schlafes. Der Traum ist somit eine besondere Form des Bewusstseins. Während der Körper sich weitgehend in Ruhe befindet, kann der Träumer doch bewegte Szenen erleben. Nach dem Erwachen kann sich der Träumer an seine Träume zumindest in einem gewissen Umfang erinnern. Träume werden gewöhnlich als „sinnlich-lebendiges, halluzinatorisches“ Geschehen erinnert und wirken zum Zeitpunkt des Träumens selbst real.David Foulkes: Die Psychologie des Schlafs. Fischer, Frankfurt am Main 1969, S. 6. Die Berichte des Schlafenden über sein meist nächtliches Erleben bilden den wichtigsten Zugang zu den Bewusstseinsinhalten – beispielsweise Gefühlen, Szenen, Erlebnissen, Empfindungen – die während des Traums vom Schlafenden erlebt werden (1.-Person-Perspektive). Untersuchungen der körperlichen Korrelate des Traumes beziehen sich auf den Schlaf (3.-Person-Perspektive). Dabei werden auch physiologische Korrelate, insbesondere des Gehirns, untersucht. In psychologischen Ansätzen zur Traumerklärung werden bevorzugt die beiden Perspektiven zu einer theoretischen Position ausgearbeitet.
Die Traumdeutung wird auch als Oneirologie bezeichnet.
Traum als Erleben im Schlaf Träume werden in allen Phasen des Schlafes (Einschlafen, Aufwachen, REM-Schlaf und NREM-Schlaf) erlebt. Im NREM-Schlaf kommen Träume allerdings seltener vor als im REM-Schlaf.E. Aserinsky, N. Kleitman: Regularly occurring periods of eye motility and concomitant phenomena during sleep. In: Science, 118, 1953, S. 273–274.D. Foulkes: Die Psychologie des Schlafes. Fischer, Frankfurt am Main 1969. Träume werden aber nur recht selten erinnert. Das Traumgeschehen handelt häufig von Dingen und Ereignissen, die theoretisch unmöglich oder in der Wachrealität unwahrscheinlich sind. Sie können aber auch realen Abläufen entsprechen. Träume unterliegen nur bedingt der Steuerung des Ichs und sind oft mit starkem emotionalem Erleben assoziiert. Kognitive Fähigkeiten wie begriffliches Denken und kausal-logisches Erinnern treten in den Hintergrund. Es gibt Träume, während derer sich der Träumende seines träumenden Zustands bewusst ist, die sogenannten luziden Träume (von englisch lucid dreams). Von dem deutschen Gestaltpsychologen Paul Tholey wurde dafür der Begriff Klartraum geprägt.P. Tholey: Der Klartraum. Seine Funktion in der experimentellen Traumforschung. In: W. Tack (Hrsg.): Bericht über den 30. Kongreß der Deutschen Gesellschaft für Psychologie in Regensburg. Hogrefe, Göttingen 1976, S. 376–378. Erschreckende und angstauslösende Träume werden Albträume genannt. mini|Le cauchemar (Der Albtraum) von 1894, Eugène Thivier (1845–1920), Marmorskulptur, Musée des Augustins in Toulouse, Escalier Darcy Die Häufigkeit des Träumens scheint bei allen Menschen in etwa gleich ausgeprägt zu sein, wenngleich die Erinnerbarkeit individuell sehr verschieden ist. Durch die Einnahme bestimmter Psychopharmaka kann das Träumen unterdrückt werden oder das Klartraumerleben verstärkt werden.J. A. Hobson: Sleep and dreaming: induction and mediation of REM sleep by cholinergic mechanisms. In: Current opinion in neurobiology. Band 2, Nummer 6, Dezember 1992, , S. 759–763. PMID 1477541 (Review).L. J. Wichlinski: Possible involvement of an endogenous benzodiazepine receptor ligand of the inverse agonist type in the regulation of rapid-eye movement (REM) sleep: an hypothesis. In: Progress in neuro-psychopharmacology & biological psychiatry. Band 20, Nummer 1, Januar 1996, , S. 1–44. PMID 8861175 (Review). Auch kann gezielte Meditation vor dem Schlaf und Konzentration nach dem Aufwachen die Intensität des Traumerlebens und das Erinnerungsvermögen ausweiten.D. T. Saunders, C. A. Roe, G. Smith, H. Clegg: Lucid dreaming incidence: A quality effects meta-analysis of 50 years of research. In: Consciousness and cognition. Band 43, Juli 2016, S. 197–215. doi:10.1016/j.concog.2016.06.002 PMID 27337287 (Review).Tadas Stumbrys, Daniel Erlacher, Peter Malinowski: Meta-Awareness During Day and Night: The Relationship Between Mindfulness and Lucid Dreaming. In: Imagination, Cognition and Personality. 34, 2015, S. 415. doi:10.1177/0276236615572594 englische Zusammenfassung der Studie
Träume und deren Deutung hatten im Altertum eine zentrale Stellung in Bezug auf die Zukunft und das Schicksal der menschlichen Existenz. Beim sogenannten Tempelschlaf, einer seit der Antike belegten Praxis der Trauminkubation, suchte ein Kranker das Heiligtum eines Gottes oder eines Heros auf und hoffte, dort – manchmal in Verbindung mit einem entsprechenden Ritual und mehr oder minder aufwändiger Vorbereitung – im Traumschlaf einen Hinweis auf eine wirksame Therapie seiner Krankheit zu erhalten.
Ursache und Funktion des Traumes sind auch heute noch nicht umfänglich erforscht. Verschiedene Hypothesen wurden entwickelt, die je nach wissenschaftlichem und weltanschaulichem Hintergrund zu unterschiedlichen Auffassungen vom Traum gelangen: So werden Träume von der Hirnforschung etwa als physiologische Antwort neuronaler Prozesse betrachtet, während sie die Tiefenpsychologie als Auswirkung unbewusster Prozesse ansieht.
Hermann Hesse formulierte die nicht widerlegbare Hypothese „Niemand träumt, was ihn nichts angeht“.
Der Traum aus kritisch-realistischer Sicht In vielen Träumen wirken die Umgebung und der eigene Körper so realistisch wie im Wachzustand. Diese Gegebenheiten beschreibt Tholey aus Sicht des Kritischen Realismus, wie er auch innerhalb der Gestalttheorie vertreten wird. Es handelt sich hierbei um einen erkenntnistheoretischen – nicht aber ontologischen – Dualismus.Wolfgang Köhler: Werte und Tatsachen. 1968, S. 22. In seinem sensomotorischen Ansatz beschreibt Tholey die Wahrnehmung und Handlungen innerhalb von Traum- und Wachzustand. Das kritisch-realistische ModellPaul Tholey: Erkenntnistheoretische und Systemtheoretische Grundlagen der Sensumotorik aus gestalttheoretischer Sicht. Sportwissenschaft, 10, 1980, S. 10 ff. ist Ausgangspunkt zur Unterscheidung zwischen einer physischen (transphänomenalen) Umwelt und einer phänomenalen Erlebnis- oder Wahrnehmungswelt. Letztere basiert auf der sinnlichen Wahrnehmung der physischen Umwelt und umfasst dabei auch die Wahrnehmung des eigenen Körpers. Repräsentiert wird die physische Umwelt in diesem Modell im sogenannten psychophysischen Niveau (PPN), auf der Basis der dort verarbeiteten Sinneseindrücke. Das hypothetisch angenommene PPN lässt sich als vernetztes System verschiedener, nicht fest lokalisierter Großhirnbereiche auffassen.
Im Wachzustand bildet sich aus den verschiedenen Sinneseindrücken die phänomenale Welt, verstanden als Abbild der physischen Welt. Aus Bewegungsabsichten werden gewünschte Bewegungen in korrespondierende Bewegungen des Körpers umgesetzt. Diese Bewegungen werden wiederum über die Sinne zum PPN zurückgemeldet. Zwischen physischer und phänomenaler Welt wird hierdurch ein sogenannter sensomotorischer Regelkreis etabliert. Im Traumzustand wird dieser Regelkreis aufgehoben. Die phänomenale Welt ist nicht länger Abbild der physischen Welt, sondern basiert auf psychischen Gegebenheiten des Schläfers, letztlich seinen Hirnzuständen. Alles, was dem Subjekt unmittelbar erscheint, ist grundsätzlich in jedem Bewusstseinszustand Bestandteil der eigenen phänomenalen Welt. Während aber im Wachzustand über sensomotorische Regelkreise vom PPN in die physische Welt handelnd eingegriffen werden kann, ist im Traumzustand keine unmittelbare Einwirkung auf die physische Umgebung mehr möglich: Bewegungsabsichten werden dann nicht mehr in korrespondierende Bewegungen des physischen Körpers umgesetzt.
Forschungszugänge Generell sieht sich die Traumforschung mit einem zentralen Problem konfrontiert: Das Traumgeschehen, wie es der Träumer erlebt, ist erfahrungswissenschaftlich nicht unmittelbar zugänglich. Die unterschiedlichen Zugänge zur Erforschung des Phänomens Traum gliedern sich in drei Bereiche.angelehnt an S. Leber: Der Schlaf und seine Bedeutung. Verlag Freies Geistesleben, Rieden 1996, ISBN 3-7725-1584-3, S. 15
Übersicht BereichBeispielePhysiologische Ansätze, insbesondere NeurobiologieHirnstrommessungen (EEG), Identifizierung von Schlafphasen des Gehirns, Erforschung beteiligter Hirnstrukturen, Erfassung weiterer Vitalparametern wie Herzschlag, Atmung oder HautleitfähigkeitBeobachtbares SchlafverhaltenAugenbewegungen, Muskelzuckungen, Lagewechsel, Bewegungen der Gliedmaßen (z. B. Faust ballen), Verhalten träumender Tiere während des Schlafs nach gezielten Eingriffen im GehirnExperimentelle PsychologieUntersuchung der Erfahrungsberichte von Probanden nach gezieltem Wecken im Schlaflabor während bestimmter Schlafphasen, während Schlafentzug-Experimenten, nach Schlafwandel-Episoden, nach oder während Klarträumen mittels vor dem Einschlafen vereinbarten Augenbewegungen, Untersuchung der Auswirkungen von äußeren Reizen und Tageserlebnissen auf den Traum, oder der Auswirkung von Träumen auf das Wachleben
Neurobiologie Es gibt bisher keine unter Neurophysiologen allgemein anerkannte Hypothese zur Funktion des Traumes und des REM-Schlafs. Der Schlafforscher Jerome Siegel bemerkt dazu: „Es ist schwer zu glauben, dass dieser physiologische Zustand nicht eine irgendwie geartete lebenswichtige Rolle spielt“, jedoch bestehe keine allgemeine Übereinstimmung unter Schlafforschern hinsichtlich der Funktion des REM-Schlafs.Jerome Siegel: (PDF) It is difficult to believe that this physiological state does not have some vital survival role. There is no general agreement among sleep researchers about the function of REM sleep.
Die medizinisch-naturwissenschaftliche Erforschung des Phänomens Traum begann 1953 in Chicago mit Eugene Aserinskys Entdeckung der REM-Phase im Schlaf. An der Universität Lyon konnten Forscher um Michel Jouvet 1962 den Pons (auch Brücke genannt, ein Teil des Stammhirns) als den Bereich des Gehirns lokalisieren, der die Schlafphasen steuert. mini|Elektroenzephalogramm einer REM-Schlafphase