mini|Toni Morrison, 1980er Jahrerahmenlos|hochkant|zentriert|klasse=notpageimage skin-invert-image|Signatur mini|Toni Morrison (2008) Toni Morrison (* 18. Februar 1931 als Chloe Ardelia Wofford in Lorain, Ohio; † 5. August 2019 in New York City) war eine US-amerikanische Schriftstellerin. Sie zählt zu den bedeutendsten Vertreterinnen der afroamerikanischen Literatur und erhielt 1993 als erste schwarze Autorin den Literaturnobelpreis.
Leben und Wirken Anfangsjahre Toni Morrison wurde 1931 in Ohio als Tochter von Ramah Willis und George Wofford geboren. Sie war das zweite von vier Kindern einer afroamerikanischen Arbeiterfamilie. Ihre Mutter stammte aus Greenville (Alabama) und zog als Kind mit ihrer Familie nach Norden. Ihr Vater wuchs in Cartersville in Georgia auf. Als er etwa 15 Jahre alt war, lynchten Weiße zwei schwarze Geschäftsleute, die in seiner Straße lebten. Toni Morrison sagte: „Er hat uns nie erzählt, dass er Leichen gesehen hat. Aber er hatte sie gesehen. Und das war für ihn zu traumatisch.“ Kurz nach diesem Vorfall zog George Wofford in der Hoffnung, dem Rassismus zu entkommen und sich in der aufkeimenden Industriewirtschaft Ohios eine Erwerbstätigkeit zu sichern, in die rassisch integrierte Stadt Lorain in Ohio. Er arbeitete selbständig und als Schweißer für US Steel. Morrisons Mutter war Hausfrau und ein frommes Mitglied der African Methodist Episcopal Church.
Als Morrison etwa zwei Jahre alt war, setzte der Vermieter ihrer Familie das Haus in Brand, in dem sie lebten, während sie zu Hause waren, weil ihre Eltern die Miete nicht zahlen konnten. Ihre Familie reagierte auf diese „bizarre Form des Bösen“, indem sie über den Vermieter lachte, anstatt in Verzweiflung zu geraten. Morrison sagte später, dass die Reaktion ihrer Familie gezeigt habe, wie man seine Integrität bewahrt und sein eigenes Leben in Anbetracht der Handlungen einer solchen „monumentalen Rohheit“ aufrechterhalten könne.
Morrisons Eltern vermittelten ihr einen Sinn für Überlieferung und Sprache, indem sie traditionelle afroamerikanische Märchen und Geistergeschichten erzählten und Lieder sangen. Morrison las als Kind häufig; zu ihren Lieblingsautoren gehörten Jane Austen und Leo Tolstoi. Im Alter von 12 Jahren wurde sie katholisch und nahm den Taufnamen Anthony (nach Antonius von Padua) an, was zu ihrem Spitznamen Toni führte. An der Lorain High School war sie im Debattierclub, in der Jahrbuch-Gruppe und im Theaterclub.
Studium und Berufstätigkeit 1949 begann sie an der Howard University in Washington, D.C., einer „schwarzen Universität“, Anglistik zu studieren. In dieser Zeit änderte sie ihren Rufnamen von Chloe zu Toni. 1953 erwarb sie den Bachelor of Arts in Englisch und 1955 an der Cornell University den Master of Arts. Von 1955 bis 1957 unterrichtete sie Englische Literatur an der Texas Southern University in Houston. 1957 kehrte sie als Dozentin an die Howard University nach Washington zurück. mini|Morrison mit ihren Söhnen vor ihrem New Yorker Haus, zwischen 1980 und 1987 1958 heiratete sie den jamaikanischen Architekten Howard Morrison, mit dem sie zwei Söhne bekam. Nach ihrer Scheidung 1964 begann sie, als Verlagslektorin zu arbeiten. Während ihrer Tätigkeit für Random House von 1967 bis 1983 spielte sie eine wichtige Rolle bei der Etablierung der afroamerikanischen Literatur und brachte unter anderem Bücher von Toni Cade Bambara und Gail Jones heraus.
1970 erschien ihr einige Jahre zuvor entstandener erster Roman The Bluest Eye (Sehr blaue Augen). Sowohl dieses Werk als auch Sula (1974) wurden von der Kritik gut aufgenommen, den Erfolg beim Publikum brachte aber erst Song of Solomon (Solomons Lied) 1977. Ihre Bücher wurden in mehrere Sprachen übersetzt und handeln überwiegend von der Welt schwarzer Frauen.
Ihre Lehrtätigkeit hatte sie schon während ihrer Arbeit bei Random House wieder aufgenommen. 1981 wurde sie in die American Academy of Arts and Letters, 1988 in die American Academy of Arts and Sciences und 1994 in die American Philosophical Society gewählt. 1989 wurde sie mit der Robert F. Goheen Professur an der Princeton University gewürdigt und war bis zu ihrer Emeritierung 2006 “Robert F. Goheen Professor in the Humanities”.
Toni Morrison starb im August 2019 im Alter von 88 Jahren. Aus diesem Anlass gestaltete Kara Walker eine Titelseite im The New Yorker mit einem Porträt der Schriftstellerin.
Rezeption, Auszeichnungen und Ehrungen Morrisons Nachlass befindet sich in der Princeton University Library. 2021 kündigte diese eine umfassende Ausstellung zu Leben und Werk von Toni Morrison an, Sites of Memory. The Archival World of Toni Morrison, deren Eröffnung für das Frühjahr 2023 geplant ist. Der Haupttitel der Ausstellung bezieht sich auf das gleichnamigen Essay der Autorin.
1988: Pulitzer-Preis für den Roman Beloved 1993: Nobelpreis für Literatur 1993: Kommandeur des Ordre des Arts et des Lettres 1994: Condorcet-Médaille (Frankreich) 2001: Premio-Grinzane-Cavour-Sonderpreis 2010: Offizier in die französische EhrenlegionDer Standard: Toni Morrison ist Ritterin der französischen Ehrenlegion, 4. November 2010. 2012: Presidential Medal of FreedomThe White House: President Obama Names Presidential Medal of Freedom Recipients (englisch, 26. April 2012, abgerufen am 30. Mai 2012). 2013: Nichols-Chancellor's Medal, verliehen von der Vanderbilt University in Nashville 2014: Ivan Sandrof Lifetime Achievement Award, verliehen vom National Book Critics Circle 2016: PEN/Saul Bellow Award for Achievement in American Fiction. Médaille de la Ville de Paris
2021 wurde vom amerikanischen National Book Critics Circle der Toni Morrison Achievement Award ins Leben gerufen um, Institutionen zu ehren, die signifikante Verdienste für die Literatur geleistet haben. Der erste Preisträger war Cave Canem, eine gemeinnützige Organisation, die sich der Förderung der künstlerischen und beruflichen Entwicklung schwarzer Dichter verschrieben hat.
Werke
Romane The Bluest Eye, 1970 bei Holt, Rinehart and Winston, ISBN 0-03-085074-6 (dt. Sehr blaue Augen, 1979, übersetzt von Susanna Rademacher; Neuübersetzung 2023 durch Tanja Handels) Der Roman beschreibt den Niedergang der Familie Breedlove aus verschiedenen Perspektiven. Die Ich-Erzählerin, eine unter mehreren Stimmen, ist ein etwa zehnjähriges Mädchen, das von der etwas älteren Pecola Breedlove fasziniert ist, ohne ihr Schicksal wirklich zu verstehen. Der Titel bezieht sich auf Pecolas Vorstellung, alles würde gut werden, wenn sie nur blaue Augen hätte. Seit 1998 wurde der Titel in mehreren Bundesstaaten der USA immer wieder aus dem Lehrplan entfernt; die Sprache sei verletzend und gewalttätig, das Buch sei „Sexually explicit, unsuited to age group, contains controversial issues“.Top 10 Most Challenged Books Lists der auf ala.org. Sula, 1973 bei Alfred A. Knopf, ISBN 1-4000-3343-8 (dt. Sula, 1980, übersetzt von Karin Polz) Sula ist wie The Bluest Eye ein eher schmaler Roman. Er erzählt die Geschichte des Schwarzenviertels einer Kleinstadt im Mittleren Westen. Die titelgebende Sula dient nach mehrjähriger Abwesenheit in ihren letzten Lebensjahren seinen Bewohnern als eine Art moralische Negativfolie. Man erfährt eigentlich mehr über die Entwicklung ihrer gleichaltrigen Freundin Nel, die sie um mehrere Jahrzehnte überlebt, als über sie selbst. Am Ende durchbricht Nel den künstlichen Antagonismus (der sie stets auf der „guten“ Seite stehen ließ), als sie sich klarmacht, ein welch starkes Band die Mädchenfreundschaft zwischen Sula und ihr darstellte. Song of Solomon, 1977 bei Alfred A. Knopf, ISBN 0-394-49784-8 (dt. Solomons Lied, 1979, übersetzt von Angela Praesent; Neuübersetzung von Tanya Handels, mit einem Nachwort von Mithu Sanyal 2026) Morrisons dritter Roman erzählt die Geschichte einer afroamerikanischen Familie über mehrere Generationen hinweg. Der Protagonist Macon Dead III, genannt Milkman, dringt auf der Suche nach einem Schatz immer tiefer in die Vergangenheit vor. Das Buch, das man auch als Bildungsroman lesen kann, wurde vom National Book Critics' Circle und der American Academy and Institute of Letters ausgezeichnet. Toni Morrison erhielt dafür den National Book Award. Die Nutzung des Buchs wurde seit 1993 von verschiedenen lokalen school boards in den USA verboten. Tar Baby, 1981 bei Alfred A. Knopf, ISBN 1-4000-3344-6 (dt. Teerbaby, 1983, übersetzt von Uli Aumüller und Uta Goridis) Der Titel spielt auf die Geschichte vom Teerbaby an, einer Puppe aus Teer, die, da unbeseelt, den Gruß eines Kaninchens nicht erwidert. Das erbost dieses so sehr, dass es Teerbaby tritt. Natürlich bleibt es hängen und verfängt sich umso mehr, je mehr es sich zu befreien sucht. Diese von Sklaven aus Westafrika in die USA gebrachte Geschichte erhält dort unversehens rassistische Untertöne. Toni Morrison sieht in dem Ausdruck „Teerbaby“ vor allem ein Sinnbild für die schwarze Frau, die Dinge zusammenhalten kann (Interview mit Karin L. Badt 1995). – Mehrmals fühlt Jadine, 25, frischgebackene Kunsthistorikerin und eins der ersten erfolgreichen schwarzen Models, sich in tatsächlichen oder vorgestellten Begegnungen von solchen Frauen, die ihrem eigenen Frauenbild entgegenstehen, bedrängt oder bloßgestellt. Und in der Mitte des Romans fällt sie in einen Sumpf, der teerartige Substanzen zu enthalten scheint, kann sich aber befreien. Doch wird die dahinterstehende Symbolik nicht weiter ausgeführt. Stattdessen schildert der Roman mit Mitteln eines echten Schmökers (eine geheimnisvolle Flucht gleich zu Beginn, eine fiktive abgelegene Karibik-Insel als Haupt-Handlungsort, daneben New York und Paris, reiche und verarmte unglückliche Menschen, die große Liebe) antagonistische Konflikte, denen Menschen aufgrund ihrer sozialen Bedingtheiten und Erwartungen in ihren engsten Beziehungen ausgesetzt sind. Es sind einige wenige Individuen, die sich fragen müssen, was ihre Identität ausmacht und ob sie authentisch handeln, und sie finden letztendlich individualistische Lösungen. Beloved, 1987 bei Alfred A. Knopf, ISBN 1-4000-3341-1 (dt. Menschenkind, 1989, übersetzt von Helga Pfetsch; Neuübersetzung 2024 unter dem Titel Beloved durch Tanja Handels) Dieses Buch basiert lose auf der Geschichte Margaret Garners, die wie die Romanfigur Sethe eines ihrer Kinder tötete, um es vor einem Leben in Sklaverei zu bewahren. Der Roman beleuchtet in beeindruckender Weise die psychologischen Folgen der Sklaverei. In einem komplexen Geflecht aus (unterdrückten) Erinnerungen, realistischen und phantastischen Gegenwartshandlungen wird ein Teil Geschichte rekonstruiert, der vorher weder erzählenswert noch erzählbar schien – aufgrund der herrschenden Machtverhältnisse zum einen, aufgrund psychologischer Barrieren zum anderen. Morrison vermischt hier in für sie typischer Weise europäische und afrikanische bzw. afroamerikanische Erzähltraditionen. Für den Roman erhielt sie 1988 den Pulitzer-Preis; das Buch gelangte unter die Finalisten für den National Book Award 1987. Später verfasste Morrison auch das Libretto zu der 2005 uraufgeführten Oper Margaret Garner. Jazz, 1992 bei Alfred A. Knopf, ISBN 1-4000-7621-8 (dt. Jazz, 1993, übersetzt von Helga Pfetsch)