mini|Women’s March on Washington, 2017 mini|Czarny Protest in Warschau, 2016 gegen eine Verschärfung der Gesetze zur Abtreibung

Feminismus (über abgeleitet von und -ismus) bezeichnet verschiedene soziale Bewegungen, insbesondere die Frauenbewegung. Der Feminismus setzt sich für gleiche Rechte und Privilegien von Frauen in Gesellschaft, Politik, Familie und Arbeitswelt ein. Er betont auch das spezifisch Weibliche und fordert Änderungen ein, wo dieses unterprivilegiert ist. Er beseitigt damit die gesellschaftliche und politische Benachteiligung von Frauen.Winfried Böhm, Sabine Seichter: Wörterbuch der Pädagogik. 18. Auflage. UTB, Paderborn 2022, S. 163.Dieter Nohlen, Florian Grotz: Kleines Lexikon der Politik. C. H. Beck, München 2011, S. 173. In der Wissenschaft macht der Feminismus die für wissenschaftliche Erkenntnis hinderliche Diskriminierung von Frauen wahrnehmbar und setzt sich für deren Überwindung ein.Klaus Schubert, Martina Klein: Das Politiklexikon. 7., aktualisierte und erweiterte Auflage. Dietz, Bonn 2020 (Online bei Bundeszentrale für politische Bildung).

Feministinnen und Feministen analysieren die Geschlechterordnungen und treten für Gleichberechtigung, Menschenwürde und Selbstbestimmung von Menschen jeglichen Geschlechts ein. Sie wenden sich gegen Sexismus und versuchen diese Ziele durch entsprechende Maßnahmen umzusetzen.Sally Haslanger, Nancy Tuana, Peg O’Connor: Topics in Feminism. In: Edward N. Zalta (Hrsg.): The Stanford Encyclopedia of Philosophy. Ausgabe Winter 2012. Feminismus umfasst zudem politische Philosophien, welche die Gesamtheit gesellschaftlicher Verhältnisse im Blick haben. Auf Basis dieser Gesellschaftskritik kann ein grundlegender Wandel der sozialen und kulturellen Ordnung angestrebt werden.Ute Gerhard: Frauenbewegung und Feminismus. Eine Geschichte seit 1789. Beck-Verlag, München 2009, S. 6–7.

Der Feminismus erlebte seinen Aufschwung in Europa mit den Emanzipationsbestrebungen von Frauen während der Aufklärung. Heute ist er eine weltweite Bürgerrechts- und Freiheitsbewegung. Während der Aufklärung hatte sich das Bürgertum zwar schrittweise vom Feudalsystem emanzipiert und das Ideal der Gleichheit aller Menschen ausgerufen. Allerdings zeigt sich in der Lebenswirklichkeit von Frauen in Neuzeit und Moderne dieses Ideal nicht verwirklicht. So ist die gesetzliche Gleichberechtigung von Frauen und Männern zwar eine notwendige Voraussetzung, darüber hinaus müssen aber auch die tatsächlichen Zustände geändert werden, wenn in ihnen der Gleichheitsanspruch noch nicht eingelöst ist.Vgl. Barbara Holland-Cunz: Das Gleichheitsversprechen. Eine politische Ideengeschichte des modernen Feminismus. In: Barbara Holland-Cunz: Die alte neue Frauenfrage. Edition Suhrkamp, 2003, ISBN 3-518-12335-1, S. 17–18.

Unterschiedliche Kulturen und gesellschaftliche Verhältnisse können Frauen stärker prägen als das Geschlecht. Daher ist es heute nicht mehr üblich, ein weltweit einheitliches Verständnis von Feminismus zu entwickeln. Aus diesem Grund spricht man heute auch oft von Feminismen als einer der Denkbewegungen der Moderne.Ilse Lenz: Feminismus: Denkweisen, Differenzen, Debatten. In: Beate Kortendiek, Birgit Riegraf, Katja Sabisch (Hrsg.): Handbuch Interdisziplinäre Geschlechterforschung. Band 1. Springer VS, Wiesbaden 2020, ISBN 978-3-658-12495-3, S. 239.

Begriffsgeschichte Geschichtlicher Hintergrund Durch die französische Revolution und die Erklärung der Menschen- und Bürgerrechte (1789) wurde das Geschlechterverhältnis in der westlichen Welt zunehmend zu einem politisch diskutierten Thema. Dabei entstanden in den 1830ern die Worte Sozialismus und Individualismus und erst 1872 das Wort Feminismus, um das neue politische Thema der Geschlechterverhältnisse bzw. Geschlechterpolitik diskutieren zu können.

Das Geschlechterverhältnis wurde gerade auch zwischen Männern diskutiert, denn auch zahlreiche Männer befürworteten eine Gleichstellung der Frauen. Dazu zählte beispielsweise der Sozialphilosoph Charles Fourier (1772–1837). Ihm wurde aufgrund zahlloser Zirkelverweise die Schöpfung des Wortes lange Zeit fälschlicherweise zugeschrieben. In seinem Werk ist das Wort tatsächlich aber nicht nachweisbar. Er definierte jedoch 1808 erstmals den Grad der Befreiung der Frau als Maßstab für die gesellschaftliche Entwicklung und formulierte: Charles Fourier: Die Theorie der vier Bewegungen und der allgemeinen Bestimmungen. (1808), Wien / Frankfurt am Main 1966, S. 190.

Schon zu Beginn des 20. Jahrhunderts waren zum Oberbegriff des Feminismus zahllose Unterbegriffe entstanden, wie etwa bürgerliche Feministin, christlicher Feminist, radikale Feministin, männlicher Feminist.

Bedeutungserweiterung 1872 im Französischen: féministe Seine Bedeutungserweiterung erfuhr das Wort Feminismus im Französischen. Schriftlich ist das Wort als féministe erstmals 1872 im Buch L’Homme-femme (wörtlich Die Mann-Frau) nachweisbar, in dem Alexandre Dumas der Jüngere auf einen Artikel des französischen Diplomaten und Schriftstellers Henri d’Iveville antwortet.„Die Feministen, gestatten Sie mir diesen Neologismus, haben jedenfalls die beste Absicht, wenn sie versichern: Das ganze Übel liegt darin, weil man nicht anerkennen will, daß die Frau ganz auf dieselbe Stufe gehört wie der Mann und weil man ihr nicht dieselbe Erziehung gibt und nicht dieselben Rechte einräumt wie dem Manne; der Mann mißbraucht seine überlegene Kraft etc. (…) In der That hat das männliche Geschlecht seine Kraft beinahe zu allererst dazu benützt, das ihm unentbehrliche weibliche Geschlecht nach Möglichkeit einzuengen und sich unterzuordnen; denn der Mann bemerkte nur zu früh, er habe die Freiheit des Weibes, selbst in einem paradisischen Aufenthalte, zu theuer zu bezahlen.“ Dumas Buch fand in der zunehmenden geschlechterpolitischen Debatte weite Resonanz und wurde im gleichen Jahr auch ins Deutsche übersetzt unter dem Titel Mann und Weib.

Der französische Verleger und Journalist Émile de Girardin bestätigte Dumas Wortneuschöpfung in seiner Antwort. Da feminisme auch im Französischen bis dahin jedoch ein Begriff für eine medizinische Pathologie war, warf er Dumas vor, Frauen damit lächerlich zu machen und deren Emanzipationsbemühungen zu diskreditieren:„Hier ist also die Frau, gegen deren Emanzipation Sie kämpfen, indem Sie sie lächerlich machen und diejenigen, die eine andere Meinung als Sie haben, als „Feministinnen“ bezeichnen! Feministisch! So soll es sein.“

1928 setzte sich die französische Schriftstellerin und Literaturkritikerin Rachilde auf gleichermaßen provokante wie humorvolle Weise mit Begriff und Bedeutung in ihrem Essay Pourquoi je ne suis pas féministe auseinander.

Selbstbeschreibung Frauenrechtlerin Hubertine Auclert 1882 mini|hochkant|Die Französin Hubertine Auclert (1848–1914) war die Erste, die sich selbst als féministe (Feministin) beschrieb

Die erste Frauenrechtlerin, die den Begriff als Selbstbeschreibung gebrauchte, war 1882 die Französin Hubertine Auclert.Karen Offen: European Feminisms, 1700–1950: A Political History. Stanford University Press 2000, ISBN 0-8047-3420-8, S. 19 ff. (); dieselbe: On the French origin of the words feminism and feminist. In: Feminist Issues. Band 8, Nr. 2, (Juni) 1988, S. 45–51. doi:10.1007/BF02685596 Auf dem Internationalen Kongress für Frauenwerke und Frauenbestrebungen im September 1896 in Berlin, den Lina Morgenstern, Minna Cauer und Hedwig Dohm mitorganisiert hatten, debattierten 1700 Teilnehmerinnen aus Europa und den USA über den Stand der Frauenfragen. Die französische Delegierte Eugénie Potonié-Pierre informierte die Presse über den Begriff Feminismus und was er bedeutet. Von da an fand er zunehmend internationale Verbreitung.Ute Gerhard: Frauenbewegung und Feminismus. Eine Geschichte seit 1798. 2. Auflage. Beck, München 2012, ISBN 978-3-406-56263-1, S. 67.

Internationale Verbreitung des Gallizismus Zu Diskussion des zentralen geschlechterpolitischen Themas der Frauenemanzipation wurden die Begriffe féministe und féminisme schnell auch in andere Sprachen übernommen (Gallizismus). Feminismus wurde als Synonym für Frauenemanzipation genutzt und für Bewegungen und Personen, die die Rechte der Frauen proklamierten.

Im Deutschland des Kaiserreichs wurde „Feminismus“ kaum benutzt, mit Ausnahme von der feministischen Vordenkerin Hedwig Dohm und dem radikalen Flügel der bürgerlichen Frauenbewegung um Minna Cauer, Anita Augspurg, Lida Gustava Heymann und Käthe Schirmacher. Von der Mehrheit der deutschen Frauenbewegung wurde er jedoch abgelehnt, zum einen aus Abgrenzung gegenüber Frankreich, zum anderen weil der Begriff schon früh von den Gegnern des Feminismus zur Abwertung der Emanzipationsbewegung besetzt war.Christiane Streubel: Radikale Nationalistinnen. Agitation und Programmatik rechter Frauen in der Weimarer Republik (Dissertation; = Reihe Geschichte und Geschlechter. Band 55). Campus Verlag, Frankfurt 2006, ISBN 3-593-38210-5, S. 65 f. (Siehe Antifeminismus)

Die erste Nennung des Begriffs in Großbritannien ist für die Jahre 1894/1895 belegt. Seit 1910 ist er in den USA gebräuchlich. In den 1920er Jahren fand er auch Eingang in die japanische und arabische Sprache.

In Deutschland war bis Mitte des 20. Jahrhunderts der Begriff „Frauenemanzipation“ weitaus geläufiger als Feminismus. Erst mit der Zweiten Frauenbewegung seit den 1970er Jahren verbreitete sich der Begriff als positive Selbstbeschreibung für Angehörige der Bewegung. Seit Ende der 1970er Jahre wird der Begriff „Feminismus“ häufiger verwendet als „Frauenemanzipation“.Google Ngram Viewer: Feminismus, Frauenemanzipation

Abgrenzung Feminismus und Frauenbewegung Die vom Geist der französischen Revolution getragenen Grundprinzipien gleicher Menschenwürde und gleicher Rechte für Frauen sorgten im deutschsprachigen Raum von Anfang an für „Beunruhigung“. Die Worte Feminismus und Feministin hatten einen „Geruch von Radikalität“ und wurden nur selten zur Selbstbezeichnung genutzt, sondern meist „abwertend und denunzierend von den Gegnern der Frauenemanzipation“. Erst mit der zweiten Welle der Frauenbewegung der 1970er Jahre wurden die Begriffe vermehrt auch zur positiven Selbstbezeichnung genutzt.

Bis Ende des 19. Jahrhunderts war der am meisten verwendete Oberbegriff im Deutschen das Wort Frauenfrage, danach abgelöst durch das Wort Frauenbewegung. Der Oberbegriff Feminismus wurde im Deutschen wesentlich weniger verwendet. Im Gegensatz zum Deutschen ist im Französischen und im Englischen der Oberbegriff féminisme bzw. feminism der hauptsächlich verwendete Oberbegriff.

Von Außenstehenden werden die Begriffe Feminismus und Frauenbewegung heute sowohl in der Umgangssprache als auch in der Fachsprache vielfach synonym benutzt. In der Fachsprache gibt es einzelne Versuche zur inhaltlichen Abgrenzung, bspw. des Feminismus als theorie- und politikbezogenem Teil der Frauenbewegung. Die verschiedenen feministischen Strömungen und Bewegungen hingegen bezeichnen sich selbst kaum noch mit den Begriffen Frauenbewegung oder frauenbewegt, sondern verwenden eher Feminismus und feministisch. Mit dem Begriff Frauenbewegung wird heute nicht die Frauenbewegung bzw. der Feminismus der Gegenwart assoziiert, sondern die der Vergangenheit. Die „Zeiten der Frauenbewegung“ gelten insofern als abgeschlossen und ihre Ziele gewissermaßen als „veraltet“, die des Feminismus jedoch nicht.

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