Der Begriff Frauenbewegung (auch Frauenrechtsbewegung) bezeichnet eine globale soziale Bewegung, die sich für die Gleichheit und Anerkennung von Frauen in staatlichen und anderen Bereichen der Gesellschaft einsetzt. Sie entstand im Zusammenhang mit den sozialen und erzieherischen Lebensreformbewegungen des 19. Jahrhunderts in Westeuropa und den USA und breitete sich in andere Länder aus. Sie gilt als die erfolgreichste soziale Bewegung der Moderne.Michaela Karl: Die Geschichte der Frauenbewegung. Aktualisierte Ausgabe, Reclam, Stuttgart 2023, ISBN 978-3-15-014449-7, S. 11 (Leseprobe).

Wichtige Themen sind u. a. das Frauenwahlrecht, die Gleichstellung der Geschlechter und die Neubewertung der tradierten Geschlechterrollen, um insbesondere im Geschlechterverhältnis Bevormundung, Ungerechtigkeiten und soziale Ungleichheiten zu beseitigen.U. Gerhard: Frauenbewegung und Feminismus. Eine Geschichte seit 1789. München 2009, S. 6.

Weltanschauliche Grundlagen mini|hochkant|Olympe de Gouges (1748–1793)

Erste Ansätze einer Frauenrechtsbewegung entstanden im Zeitalter der Aufklärung und den Anfängen der bürgerlichen Emanzipationsbestrebungen zu Beginn des 18. Jahrhunderts. Grundgedanke war die Gleichwertigkeit aller Menschen, wie sie beispielsweise im Laufe der französischen Revolution proklamiert wurde. So forderte Olympe de Gouges mit ihrer Déclaration des droits de la Femme et de la Citoyenne bereits 1791, also kurz nach der Deklaration der Menschen- und Bürgerrechte (1789), dieselben Rechte und Pflichten für Frauen ein. Denn Aussagen zu Menschen- und Bürgerrechten berücksichtigten zu diesem Zeitpunkt nur Männer.

In Bezug auf das Verhältnis zwischen den Geschlechtern kristallisierten sich bereits früh zwei grundlegend verschiedene Auffassungen heraus: eine dualistische bzw. differenzialistische und eine generalistische bzw. egalitäre Sichtweise. Erstere ging von einer grundlegenden, natürlichen oder durch die neuen Wissenschaften begründeten „Verschiedenheit der Geschlechter“ aus.

Der egalitäre Ansatz basierte auf den Ideen der Aufklärung. Nach dieser Auffassung sind alle Menschen „von Natur aus gleich“, woraus die Forderung nach der Gleichstellung der Geschlechter in sämtlichen Bereichen der Gesellschaft abgeleitet wurde.

Moderne Frauenrechtsbewegung mini|500px|alt=Die Grafik zeigt: Aufklärung: Forderung der Einlösung dieser Grundprinzipien der Aufklärung durch einzelne Frauen wie Olympe de Gouges, Mary Wollstonecraft etc.; Ab Ende 17. Jahrhundert Grundprinzip Menschenwürde: Forderung der Anerkennung und Achtung der Menschenwürde auch für Frauen → Grundprinzipien von Freiheit und Gleichheit auch für Frauen; Ab Mitte 19. Jahrhundert 1. Welle der Frauenbewegung; Ab Mitte 19. Jahrhundert Begriff Feminismus entsteht; Ab Mitte 20. Jahrhundert 2. Welle der Frauenbewegung; Ab Ende 20. Jahrhundert 3. Welle der Frauenbewegung|Entwicklung der Frauenbewegung und des Feminismus

Die moderne Frauenrechtsbewegung lässt sich in drei Wellen unterteilen: Die erste Welle der modernen Frauenbewegung oder Frauenrechtsbewegung (Mitte des 19. Jahrhunderts bis Anfang des 20. Jahrhunderts) kämpfte für die grundsätzlichen politischen und bürgerlichen Rechte der Frauen wie z. B. das Frauenwahlrecht, das in Deutschland im November 1918 rechtlich verankert wurde, das Recht auf Erwerbstätigkeit, das Recht auf Bildung und für eine Gesellschaft auf neuer sittlicher Grundlage. Die zweite Welle der Frauenbewegung entstand in den 1960er Jahren als Kritik an der massiven Diskriminierung von Frauen, besonders von Müttern. Der Nachholbedarf bei der Gleichstellung der Frau fand allmählich staatliche Anerkennung, so z. B. bei der UNO, die 1975 zum Internationalen Jahr der Frau erklärte. Wegen ihrer Kritik an allen bisherigen Formen organisierter Politik verstanden sich dennoch zumindest große Teile der zweiten Phase etwa ab 1968 auch als autonome Frauenbewegung. Diese zweite Welle wird oft als Teil der Neuen Linken und der neuen sozialen Bewegungen verstanden. Sinnvollerweise wird aber die Frauenbewegung der letzten beiden Jahrhunderte in einem Zusammenhang betrachtet und nach Phasen oder Wellen unterschieden. In den 1990er Jahren zeichnete sich vor allem in den USA eine dritte Welle (Third-wave feminism) der Frauenbewegung ab, die die Ideen der zweiten Welle in modifizierter Form fortsetzt. Neue Aspekte sind vor allem eine globalere, weniger ethnozentristische Sichtweise sowie die Betonung, dass auch Männlichkeit ein nach Zeiten und Regionen unterschiedliches Konstrukt ist, das kritisch hinterfragt werden muss. Unter dem Begriff des Gender-Mainstreaming verabredeten 1995 auf der 4. UN-Weltfrauenkonferenz die dort versammelten Regierungen inkl. des Vatikans den kleinsten Reformkompromiss, auf den sie sich einigen konnten, als eine Top-Down Strategie, die Frauen-, aber auch Lesben- und Schwulenbewegungen unterstützen soll.

Frauenrechtlerin und Frauenrechtler sind nicht nur Bezeichnungen für Mitstreiter der älteren Frauenbewegung (1848–1933), sondern auch heute noch gebräuchlich.Begriff „Frauenrechtlerin“ in der Gegenwart: – taz.de vom 26. September 2006 – tagesspiegel.de vom 3. September 2006 – PR Newswire 4. Januar 2006 Für Angehörige der neuen Frauenbewegung seit den 1960er Jahren wird jedoch eher die Bezeichnung Feministin und Feminist verwendet. Zu den männlichen Frauenrechtlern der Vergangenheit gehörte etwa der Ägypter Qāsim Amīn.Charles C. Adams: Islam and Modernism in Egypt. 2. Auflage. Russell & Russell, New York 1968, S. 231–235.

Erste Welle mini|150px|Führerinnen der Frauenbewegung in Deutschland. Illustration aus Die Gartenlaube (1894) mini|hochkant|Anita Augspurg, Fotografie des Atelier Elvira, München 1902

Im Zuge der Französischen Revolution wurde auch die Gleichheit zwischen Mann und Frau zum öffentlichen Thema gemacht, zuerst vor allem in den Salons Europas, aber während des Vormärz auch bei den Altkatholikinnen. Auf diese intellektuellen Zirkel bezog sich die abfällige Bezeichnung Blaustrumpf.

Die erste Welle der Frauenbewegung in den USA entstand im Zuge der Anti-Sklaverei-Bewegung. Unter den Abolitionisten befanden sich auch viele, oft religiös motivierte, Frauen. Sie erkannten, dass nicht nur die Rechte der Afroamerikaner, sondern auch die der Frauen nicht den Bürgerrechten anglo-amerikanischer Männer entsprachen. So wurde 1848 die „Declaration of Sentiments“ beschlossen, die sich bewusst an der US-amerikanischen Unabhängigkeitserklärung orientierte und die Gleichheit von Frau und Mann und somit von deren Rechten deklarierte. Gefordert wurden vor allem eine Reform des Ehe- und Besitzrechtes, während die Forderung nach einem Frauenwahlrecht noch keine Mehrheit unter den Frauenrechtlerinnen in den USA fand.Howard Zinn: A People’s History of the United States. Harper Perennial, 2005, ISBN 0-06-083865-5, S. 123.

Die Mitglieder der ersten Frauenbewegung wurden Frauenrechtlerinnen genannt. Da eines ihrer Hauptziele das Frauenwahlrecht war, wurden sie auch (häufig abwertend) als Suffragetten (suffrage – Wahlrecht, von latein. suffragium – Abstimmung) bezeichnet.

Erst im letzten Drittel des 19. Jahrhunderts gelang es den Frauen sich effektiv und massenhaft zu organisieren, erst dann wurden sie in den USA und Europa zu einer wahrnehmbaren und einflussreichen gesellschaftlichen Kraft.

Die wichtigsten angestrebten Ziele der ersten Welle waren: Recht auf Erwerbsarbeit Recht auf Bildung, siehe Frauenstudium Recht auf aktives und passives politisches Handeln, siehe Frauenwahlrecht eine Gesellschaft auf neuer sittlicher Grundlage

mini|hochkant|Die Suffragette „Mrs. Suffern“ hält ihr Transparent hoch. (1914, vermutlich in New York)

In der älteren Forschung unterschied man für die deutschsprachigen Länder drei Strömungen: die bürgerlich-gemäßigte Frauenbewegung um Henriette Goldschmidt (1825–1920), Louise Otto-Peters (1819–1895), Auguste Schmidt (1833–1902), Helene Lange (1848–1930), Bertha Kipfmüller (1861–1948) und Gertrud Bäumer (1873–1954) mit dem Allgemeinen Deutschen Frauenverein, die bürgerlich-radikale Frauenbewegung um Minna Cauer (1841–1922) und Anita Augspurg (1857–1943) mit dem Deutschen Verband für Frauenstimmrecht und die sozialistische Frauenbewegung um Clara Zetkin (1857–1933). Diese strikte Trennung gilt in der neueren Forschung als veraltet, da es sinnvoller ist, Schwerpunkte des Engagements zu unterscheiden. Der bürgerlich-gemäßigte Flügel trat vorrangig zunächst für das Kommunalwahlrecht und für eine Verbesserung der Bildungsmöglichkeiten für Frauen sowie für die Anerkennung der Erwerbsarbeit von Frauen (so erwirkte Helene Neumann in Königsberg (Pr) den ersten Tariflohn für Textilarbeiterinnen) ein, oft mit Blick auf besonders benachteiligte Berufsgruppen (Dienstboten, Schauspielerinnen). Der bürgerlich-radikale Flügel strebte das volle Frauenwahlrecht auf nationaler Ebene und das Recht auf Zugang zu den Universitäten an, teilweise auch gemeinsam mit den Sozialistinnen. Für die proletarische Frauenbewegung spielte das Recht auf Erwerbstätigkeit kaum eine Rolle, stattdessen konzentrierten sich die Forderungen auf die Verbesserung der Arbeitsbedingungen, u. a. auf die gleiche Entlohnung der männlichen und weiblichen Fabrikarbeiter. Allen Flügeln gemeinsam ging es um die Umgestaltung der Gesellschaft auf neuer sittlicher Grundlage.André Böttger: Frauenwahlrecht in Deutschland. In: Marjaliisa Hentilö, Alexander Schug (Hrsg.): „Von heute an für alle!“ Hundert Jahre Frauenwahlrecht. Berliner Wissenschafts-Verlag, 2006.

Die neuere Forschung kritisiert diese Einteilung, namentlich die unkritische Übernahme der abqualifizierend gemeinte Fremdzuschreibung bürgerlich, und unterscheidet eher nach den Themenfeldern des Engagements.Angelika Schaser, Sylvia Schraut: Die (fehlende) Historiographie zu den Frauenbewegungen in Europa. In: Angelika Schaser et al. (Hrsg.): Erinnern, vergessen, umdeuten? Europäische Frauenbewegungen im 19. und 20. Jahrhundert. Campus, Frankfurt am Main / New York 2019, S. 7–21.

1898 gründete Elisabet Boehm in Ostpreußen den deutschen Landfrauenverband.

Der Anteil an Frauen mit jüdischer Herkunft war in der deutschen Frauenrechtsbewegung mit etwa einem Drittel besonders hoch.Sabine Toppe: Sidonie Werner. „Gesegnet wer seine Arbeit gefunden“. In: Gudrun Kruip et al. (Hrsg.): Religion und politisches Engagement von Frauen im 19. und 20. Jahrhundert. Franz Steiner Verlag, Stuttgart 2026 (noch nicht erschienen).

mini|links|Die Frau der Moderne als Werbeziel 1919 für erste Rundflüge in Doppeldeckern der Deutschen Luft-Reederei;Plakat: Hans Rudi Erdt; „Kranich“: Otto Firle

In Deutschland gründete sich ein Bund zur Bekämpfung der Frauenemanzipation, der 1912 in Berlin seine erste Hauptversammlung abhielt, die von Ernst Graf zu Reventlow geleitet wurde und auf der die Professoren Ludwig Langemann und Reinhold Sigismund Reden hielten.1. Hauptversammlung des Bundes zur Bekämpfung der Frauenemanzipation, in: Schlesische Volkszeitung, 5. November 1912, S. 2.

Zu den englischen Vertretern der Frauenemanzipation gehörte etwa Percy Bysshe Shelley.Evelyne Keitel: Lyrik, Inzest und die Liebe zur Mathematik: Ein schwieriges Erbe für Lord Byrons Töchter. In: Luise F. Pusch (Hrsg.): Töchter berühmter Männer: Neun biographische Portraits (= Insel TB. 979). Frankfurt am Main 1988, ISBN 3-458-32679-0, S. 155–208, hier: S. 160.

Ab dem Jahr 1900 ging die Geburtenrate deutlich zurück. Um 1910 betrug sie knapp 4, während des Krieges sank sie auf 2; nach einer kurzen Spitze fiel sie erneut Richtung 2 (und ab der Weltwirtschaftskrise 1929 auch darunter). (PDF; 7,9 MB), siehe Grafik links auf S. 15: Der Geburtenrückgang in Deutschland (Herausgeber: Rostocker Zentrum zur Erforschung des Demografischen Wandels) Die durchschnittlich gesunkene Kinderzahl trug zu einem Rollenwandel von Frauen mit Kindern bei.siehe auch Barbara Beuys: Die neuen Frauen – Revolution im Kaiserreich. Hanser Verlage, 2014, ISBN 978-3-446-24491-7.