mini|Martin Schongauer, Maria im Rosenhag, Tempera auf Holz, gemalt 1473, Dominikanerkirche Colmar
Marienverehrung bezeichnet die Verehrung Marias, der Mutter Jesu Christi. Die Marienverehrung ist Bestandteil der Liturgie und zeigt sich darüber hinaus in vielfältigen Formen des Brauchtums sowie der Volksfrömmigkeit. Eine besonders große Bedeutung hat die Marienverehrung in den Ostkirchen und in der Katholischen Kirche, während evangelische Kirchen den meisten Formen der Marienfrömmigkeit reserviert gegenüberstehen.mini|Maria von Zagreb
Historische Entwicklung im Überblick Heiligenverehrung in der Alten Kirche Nach der Mitte des 2. Jahrhunderts zeigten sich Ansätze zur Hochschätzung von Märtyrern. Das Grab des um 155 n. Chr. wegen seines Christseins getöteten Polykarp von Smyrna bekam eine besondere Bedeutung als Ort für gottesdienstliches Feiern. Mit dieser besonderen Hochschätzung für Märtyrer war eine terminologische Änderung verbunden: Während etwa Paulus in seinen Briefen die Christen einer Gemeinde insgesamt als „die Heiligen“ bezeichnete, wurde „Heiliger“ nun zu einem Ehrentitel, und man sprach z. B. vom „heiligen Polykarp“ (und später von der „heiligen Jungfrau Maria“).Franz Graf-Stuhlhofer: Zu Heiligen beten? Heiligenverehrung gemäß der Bibel, bei Kirchenvätern sowie in heutiger kirchlicher Praxis und Lehre. Schulte+Gerth, Asslar 1988, 2. verbesserte Auflage: Folgen Verlag, Langerwehe 2014 (eBook), Kap. „Märtyrerverehrung im 2. und 3. Jahrhundert“. Ab dem 3. Jahrhundert wurden auch Asketen, also ehelos lebende Christen, hochgeschätzt.
Marienverehrung in der Alten Kirche Etwa in der Mitte des 2. Jahrhunderts entstand das Protoevangelium des Jakobus. Dieses lange nach den vier kanonischen Evangelien entstandene Werk blieb außerhalb des Bibelkanons, war aber beliebt und beeinflusste auch die Glaubenslehre der römisch-katholischen Kirche sowie der Ostkirche. Darin wird gewissermaßen die Vorgeschichte der Evangelien erzählt, indem die Herkunft und die Jugendzeit von Maria, der Mutter Jesu, dargestellt wird. Darin zeigt sich eine besondere Beachtung Marias, insbesondere ihrer Jungfräulichkeit.
Es dauerte bis zum Ende des 4. Jahrhunderts, bis der Gedanke aufkam, zu Maria zu beten.Franz Graf-Stuhlhofer: Zu Heiligen beten? Heiligenverehrung gemäß der Bibel, bei Kirchenvätern sowie in heutiger kirchlicher Praxis und Lehre. Schulte+Gerth, Asslar 1988, 2. bearbeitete Auflage: Folgen Verlag, Langerwehe 2014 (eBook), Kap. Zu Maria beten? Damals erzählte Gregor von Nazianz (in Kleinasien), dass sich eine gewisse Justina an Maria, die Mutter Jesu, um Hilfe gewandt habe.Gregor von Nazianz: Oratio 24,10f. Damals beschäftigten sich Kirchenväter intensiv mit ihr. „Die Idealisierung Marias geht ... auf Ambrosius von Mailand zurück.“Giovanni Miegge: Die Jungfrau Maria. Studie zur Geschichte der Marienlehre. Göttingen 1962, S. 101.
Unter Kaiser Theodosius wurde um 390 n. Chr. die trinitarische Richtung des Christentums zur Staatsreligion im Römischen Reich. Seitdem gewann die Verehrung Marias (im traditionellen Genitiv: Mariens) zunehmend an Bedeutung. Im Jahre 431 wurde Maria durch das Konzil von Ephesus als Gottesgebärerin (gr. Theotokos und lat. Dei Genetrix) bezeichnet und dogmatisiert; dabei ging es ursprünglich weniger um die Frage, wer Maria sei, sondern vielmehr um die Frage, ob Jesus von Nazareth Gott sei. Der Begriff der Gottesgebärerin oder Gottesmutter sollte klarstellen, dass Jesus Christus wahrer Mensch und wahrer Gott sei. Nach diesem Konzil entwickelte sich eine intensivere Marienverehrung.
Maria im Mittelalter Im fünften und sechsten Jahrhundert versuchte man, verschlüsselte Hinweise auf Maria in der Bibel zu finden, und ein Jahrhundert später entstanden die ersten Marienfeste und -gebete, wie das Ave Maria.
Entscheidend für die Entwicklung einer ausgeprägten Marienverehrung waren die christologischen Streitigkeiten, an deren Ende die göttliche Natur Christi stark betont wurde, wodurch im Bewusstsein des Volkes die Mittlerstellung Christi praktisch ausfiel. Zu der menschlich so nahen und geistlich ansprechenden Gestalt Mariens fanden die Gläubigen dann viel leichter Zugang.vgl. Paulus Rusch: Mariologische Wertungen. In: Zeitschrift für katholische Theologie. Bd. 85, Nr. 2, 1963, S. 129–161, hier: S. 131, 133, 149, 158. Rusch spricht auf S. 133, 140, 149, 159 ferner vom Ausfall der Ecclesia-mater-Vorstellung im Hinblick auf die Kirche, die wegen der Auseinandersetzung zwischen Papst und Kaiser mehr als Herrscherin gesehen wurde, was die Verehrung Mariens ebenfalls verstärkte.
Maria in der Neuzeit Nach der Reformation begann in der römisch-katholischen Kirche die Gegenreformation, in der die Marienverehrung zwei gegenläufige Tendenzen erfuhr: Einerseits wurde versucht, möglichst viele unbiblische Texte zu verbieten, wodurch die volkstümliche Marienverehrung theoretisch hätte Schaden nehmen müssen; auf der anderen Seite wurde der Marienkult seit den 1580er Jahren zu einem Instrument insbesondere der jesuitischen Gegenreformation. So wurde beispielsweise in Bayern die Marienverehrung (Patrona Bavariae) vom Staat und den Jesuiten stark gefördert, zahlreiche Marienwallfahrten nahmen hier ihren Anfang, zum Beispiel zur Wallfahrtskirche Maria im Sand in Dettelbach und zur Gnadenkapelle in Altötting.
mini|Unsere Liebe Frau von Ramelau auf Osttimors höchstem Berg, dem Tatamailau
Die Einstellung zu Maria war gerade während der Gegenreformation eines der offenkundigsten Kriterien, das die Katholiken einerseits von Lutheranern, andererseits von Calvinisten unterschied. So gehörte in Verhören die Frage, ob man seine Fürbitten auch an Maria und die Heiligen richte, zu den Mitteln, um heimliche Protestanten zu erkennen.Arno Herzig: Der Zwang zum wahren Glauben. Rekatholisierungspolitik vom 16. bis zum 18. Jahrhundert. Vandenhoeck & Ruprecht, Göttingen 2000, ISBN 3-525-01384-1.
Eine neue Blüte erlebte die Marienverehrung in der Romantik.
Vorchristliche Parallelen Nach einigen Autoren lassen sich bereits in vorchristlichen Jahrhunderten Elemente erkennen, die später in den Marienkult eingehen sollten, etwa zur Zeit des Alten Testaments, als die Babylonier die Göttin Ištar verehrten. Viele Eigenschaften dieser „Himmelskönigin“ () seien von anderen Kulturen übernommen, auf viele verschiedene Göttinnen aufgeteilt und später wieder zu einer Person zusammengefasst worden. So wechselten von Zeit zu Zeit und von Kulturraum zu Kulturraum die Art und Anzahl der Namen für die Göttin, aber nicht die Wesenszüge und deren Verehrung. Als Beispiele werden die altägyptische Isis oder die altgriechischen Artemis, Demeter und Athene angeführt sowie besonders die ursprünglich phrygische „Große Gottesmutter“ Kybele, deren Magna-Mater-Kult zunächst im griechischen Kulturraum adaptiert wurde (Verehrung auf der Agora von Athen), später im Römischen Reich verbreitet war und noch Jahrhunderte nach Christus Anhänger fand (Muttergöttin).Mogens Herman Hansen, Kurt Raaflaub (Hrsg.): Studies in ancient greek polis (= Historia. Einzelschriften. H. 95 = Papers from the Copenhagen Polis Centre. Bd. 2). Steiner, Stuttgart 1995, ISBN 3-515-06759-0. Artemis passt in ihrer Ambiguität besonders gut: als jungfräuliche und keusche Göttin aus Delos im europäischen Griechenland einschließlich der Ägäis einerseits und als anatolische Muttergöttin des Tempels von Ephesos andererseits. Diese wurde schon vor Gründung der Stadt Ephesos in Perge in Pamphylien verehrt, weshalb sie auch Artemis Pergaia und später bei den Römern Diana Pergensis hieß. In Ephesus wurde sie bis ins 5. Jahrhundert n. Chr. verehrt.Haarmann, Harald: Auf den Spuren der Indoeuropäer. Von den neolithischen Steppennomaden bis zu den frühen Hochkulturen. C.H. Beck, München 2016, S. 270–273. Anscheinend war ihre Statue, die zunächst vor der damals erbauten Marienkirche stehen blieb, „mit der auf ihrem Kopf einen Heiligenschein tragenden Maria gleichgesetzt“ worden.Özgür, M. E.: Perge Istanbul (2. Aufl.) 1989, S. 14. zitiert nach Haarmann, Harald: Auf den Spuren der Indoeuropäer. Von den neolithischen Steppennomaden bis zu den frühen Hochkulturen. C.H. Beck, München 2016, S. 273.
Sonderstellung Marias
Mutter Jesu
Maria ist die Mutter Jesu Christi, der im Christentum der Sohn Gottes ist. Das dritte ökumenische Konzil in Ephesos A.D. 431 erklärte, nach einem Streit mit Bischof Nestorius, Maria zur Θεοτόκος (theotokos), zur Gottesgebärerin (gegen die Position einer Ανθρωποτόκος, anthropotokos, Menschengebärerin). Dadurch sollte nicht Maria hervorgehoben, sondern betont werden, dass Jesus Christus bereits als Gott geboren und nicht später zu Gott erhöht worden sei.Piet Smulders: Dogmengeschichtliche und lehramtliche Entfaltung der Christologie. In: Johannes Feiner, Magnus Löhrer (Hrsg.): Mysterium Salutis. Grundriss heilsgeschichtlicher Dogmatik. Band 3: Das Christusereignis. Halbband 1. Benziger, Zürich u. a. 1970, S, 451–457.
Jungfrau mini|Die Stuppacher Madonna von Matthias Grünewald – die verwendete Symbolsprache betont in besonderer Weise die Jungfräulichkeit Marias
Die Jungfräulichkeit wird in zwei Ausprägungen gesehen: Die Jungfrau Maria hat gemäß dem Matthäusevangelium () Jesus vom Heiligen Geist empfangen. Nach römisch-katholischer und orthodoxer Lehre blieb Maria Jungfrau auch bei und nach der Geburt Jesu. In diesen Kirchen wird Jungfräulichkeit um des Himmelreiches willen als besonders lobenswerte Tugend gewertet.
Sicht der Konfessionen und Religionen Römisch-katholische Kirche
Die römisch-katholische Kirche lehrt, dass der Mensch bei der Taufe von der Erbsünde, bei der zweiten Auferstehung am Ende seines Lebens von den Folgen dieser Erbsünde befreit wird und so zu einer vollkommenen Gemeinschaft mit Gott gelangen kann (biblisch: Himmel). Maria war schon im Moment ihrer eigenen Empfängnis im Leib ihrer Mutter Anna von der Erbsünde befreit. Das heißt, Maria, die Frau, die Gott als Mensch geboren hat, hat zu Lebzeiten an der Erbsünde keinen Anteil gehabt (sogenannte Unbefleckte Empfängnis, das Hochfest wird am 8. Dezember begangen). mini|Die Sixtinische Madonna von Raffael aus dem Jahr 1512/1513, eine der bekanntesten katholischen Mariendarstellungen
Verwechselt wird diese Thematik oft mit der Art und Weise der Zeugung Marias selbst: Sie hatte einen gewöhnlichen menschlichen Vater, nach der Tradition hieß er Joachim. Auch das Dogma der Jungfrauengeburt wird manchmal mit dem der Unbefleckten Empfängnis verwechselt.
In der römisch-katholischen Kirche nimmt, wie in den orthodoxen und syrischen Kirchen, die Verehrung Marias eine wichtige Rolle ein. Die leibliche Aufnahme Marias in den Himmel und die unbefleckte Empfängnis Mariens gelten in der römisch-katholischen Kirche als Dogma; in orthodoxen und syrischen Kirchen werden ähnliche Auffassungen vertreten. Die Mariendogmen der römisch-katholischen Kirche werden vom kirchlichen Lehramt und zahlreichen Vertretern römisch-katholischer Theologie in ihrem Kern als Aussagen über Jesus Christus gedeutet; Maria sei bereits bei Gott vollendet, wie alle Menschen einmal vollendet werden sollen, Maria sei somit der „Prototyp“ des durch Jesus Christus erlösten Menschen.
Durch die Jungfrau Maria kam Gott in der Gestalt Jesu Christi in die Welt. Maria wird deshalb in einem Marienlied als „der Gottheit Tabernakel“ bezeichnet.
Die katholische Kirche unterscheidet zwischen latreia (Anbetung), die nur Gott selbst zukommt, und Dulia (Verehrung), die den Heiligen und somit auch Maria entgegengebracht wird: