mini|Neville Chamberlain (1923)

Arthur Neville Chamberlain [] (* 18. März 1869 in Birmingham; † 9. November 1940 in Heckfield, Hampshire, bei Reading, Berkshire) war ein britischer Politiker der Conservative Party und von 1937 bis 1940 Premierminister des Vereinigten Königreichs. Vor seiner Amtszeit als Premierminister bekleidete er seit 1922 verschiedene Posten im britischen Kabinett und war vor allem als Gesundheitsminister aktiv. Anfänglich vor allem in der Innenpolitik tätig, wurde Chamberlain durch seine Appeasement-Politik gegenüber dem nationalsozialistischen Deutschland bekannt und war 1938 maßgeblich am Münchner Abkommen beteiligt.

Leben

Herkunft und Leben vor der Politik mini|Joseph Chamberlain (links) und Austen Chamberlain (rechts), 1892

Neville Chamberlain war ein Sohn des britischen Politikers Joseph Chamberlain und von Florence Kenrick. Durch eine vorherige Ehe seines Vaters war er außerdem der Halbbruder von Austen Chamberlain, dem britischen Außenminister und Friedensnobelpreisträger. Von 1890 bis 1897 war er auf den Bahamas erfolgloser Sisalplantagenmanager seines Vaters,Dutton, David (2001). Neville Chamberlain. Hodder Arnold. ISBN 978-0-340-70627-5, S. 9 (englisch). ab 1897 erfolgreicher Fabrikant in Birmingham. Mit 40 Jahren noch Junggeselle, verliebte sich Chamberlain 1910 in Anne Cole (1883–1967) und heiratete sie im Jahr darauf. Sie bekamen einen Sohn und eine Tochter.Robert Self: Neville Chamberlain: A Biography. Ashgate, 2006, ISBN 978-0-7546-5615-9, S. 33–35.

Erste politische Schritte Erst 1911 begann er mit seiner politischen Aktivität als Mitglied des Stadtrats in Birmingham. Dieses Amt behielt er bis 1918. Von 1915 bis 1916 war er zudem Bürgermeister von Birmingham. Während des Ersten Weltkrieges war Chamberlain für kurze Zeit in der Regierung Lloyd George Minister für den nationalen Arbeitsdienst. In dieser Funktion scheiterte er aber am Widerstand der Gewerkschaften gegen eine allgemeine Dienstpflicht. Mit seiner Wahl ins britische Unterhaus als Mitglied der Konservativen Partei endete 1918 seine politische Tätigkeit auf lokaler Ebene.

Unterhausabgeordneter und Minister In der Unterhauswahl 1918 wurde er zum ersten Mal ins britische Unterhaus gewählt und blieb dort bis zu seinem Tod 1940, wobei er bis 1929 den Wahlkreis Birmingham Ladywood vertrat und anschließend den Wahlkreis Birmingham Edgbaston. Bis 1922 galt er, da er keine wichtigen Posten bekleidete, als Hinterbänkler.

Von 1922 bis 1923 war er Postminister Großbritanniens (Postmaster General), 1923 Generalzahlmeister. Als der bisherige Schatzkanzler Stanley Baldwin zum Premierminister ernannt wurde, trat Chamberlain seine Nachfolge an. Nach nur fünf Monaten verlor er sein Amt infolge der Unterhauswahl im selben Jahr. In der Unterhauswahl 1924, einer weiteren Unterhauswahl ein Jahr später, gewannen die Konservativen die Mehrheit zurück. Chamberlain siegte in seinem Wahlkreis mit nur 77 Stimmen Vorsprung vor Oswald Mosley, den damaligen Kandidaten der Labour Party und späteren Gründer der British Union of Fascists.Graham Macklin: Chamberlain (20 British Prime Ministers of the 20th Century). Haus Publishing, London 2006, ISBN 978-1-904950-62-2, S. 24–25.

Chamberlain lehnte es ab, als Schatzkanzler ins britische Kabinett zurückzukehren, und wurde stattdessen Gesundheitsminister. In dieser Funktion trieb er die Reform der Kommunal- und Grafschaftsverwaltung voran und setzte Sozialgesetze durch, wodurch die konservative Partei sich eine große Anhängerschaft unter den Arbeitern sicherte. Das Amt behielt er bis 1929, als infolge der Unterhauswahl 1929 ein hung parliament entstand.

Nach der nächsten Unterhauswahl wurde er wieder Schatzkanzler. Von 1931 bis 1937 setzte Chamberlain eine Schutzzollpolitik durch und wurde zum wichtigsten Politiker in den Kabinetten dieser Zeit. Er verfolgte dabei ganz ähnlich wie sein Vater Joseph Chamberlain eine Politik der imperial preference, welche den Handel mit den britischen Dominions und Kolonien bevorzugen sollte.Robert Self: Neville Chamberlain: A Biography. Ashgate, 2006, ISBN 978-0-7546-5615-9, S. 163. Während der britischen Verfassungskrise 1936 befürwortete er wie fast alle Mitglieder des Kabinetts eine Abdankung Eduards VIII., falls er Wallis Simpson heiraten sollte. Über Wallis Simpson urteilte er in seinem Tagebuch:

Als Eduard VIII. abdankte und der bisherige Premierminister Stanley Baldwin zur Krönung von Georg VI. seinen politischen Rückzug ankündigte, wurde Chamberlain 1937 sein Nachfolger.

Premierminister Mit 68 Jahren war Chamberlain zu Beginn seiner Amtszeit einer der ältesten neuernannten Premierminister. Im gesamten 20. Jahrhundert war nur Henry Campbell-Bannerman zum Zeitpunkt seiner Ernennung älter. Vielen galt er deshalb als „Übergangspremier“, der spätestens zur nächsten Unterhauswahl Platz für einen jüngeren Nachfolger machen würde.Robert Self: Neville Chamberlain: A Biography. Ashgate, 2006, ISBN 978-0-7546-5615-9, S. 447. Von Beginn an kursierten verschiedene Namen, die als mögliche Nachfolge in Frage kämen.Nick Smart: Neville Chamberlain. Routledge, S. 224–225.

Innenpolitik Innenpolitisch legte Chamberlain verschiedene Gesetzesentwürfe vor, welche die Lage der britischen Arbeiter verbessern sollten. Mit dem Factories Act 1937 verbesserte er die Arbeitsbedingungen und begrenzte die maximale Arbeitszeit für Frauen und Kinder. Mit dem Holidays with Pay Act 1938 wurde ein einwöchiger bezahlter Urlaub eingeführt.Graham Macklin: Chamberlain. Haus Books, 2006, S. 158.

Verschiedene andere Gesetzesentwürfe sind wegen des Ausbruchs des Zweiten Weltkrieges nie verabschiedet worden. Die Schulpflicht sollte etwa zum 1. September 1939 bis zur Vollendung des fünfzehnten Lebensjahres ausgedehnt werden, wurde aber verschoben.A. J. P. Taylor: English History, 1914–1945. Oxford University Press, 1965, S. 406.

Außenpolitik Vor 1937 war Chamberlain hauptsächlich innenpolitisch tätig. Er selbst sah seine Ernennung zum Premierminister als einen Höhepunkt seines innenpolitischen Schaffens – nicht ahnend, dass man ihn später vor allem wegen seiner außenpolitischen Entscheidungen kennen würde.Graham Macklin: Chamberlain (20 British Prime Ministers of the 20th Century). Haus Publishing, London 2006, ISBN 978-1-904950-62-2, S. 48 (Kurzbiografie, englisch).

In der Zwischenkriegszeit war die Erinnerung an den Ersten Weltkrieg lebendig und dementsprechend beliebt war eine Politik des Appeasements, um einen zukünftigen Krieg zu verhindern. In einer Rede 1938 fasste Chamberlain seine Außenpolitik folgendermaßen zusammen:

Gespräche mit Italien Chamberlain führte die bereits von seinen Vorgängerregierungen begonnenen Gespräche (siehe dazu: Stresa-Front) mit dem faschistischen Italien fort, auch wenn dieses wegen des völkerrechtswidrigen Abessinienkrieges international geächtet war. Davon versprach er sich, die „Achse Berlin–Rom“ zu schwächen. Die Gespräche intensivierten sich 1938, als Hitler immer stärkeren Druck auf Österreich ausübte. Auf dem Höhepunkt dieser Phase erkannte Großbritannien durch den Abschluss des Osterabkommens die faktisch bestehende italienische Kolonialherrschaft über Äthiopien de jure an.H. Meier-Welcker: Zur deutsch-italienischen Militärpolitik und Beurteilung der italienischen Wehrmacht vor dem Zweiten Weltkrieg. Militärgeschichtliche Zeitschrift, Band 7, Nr. 1, 1970, S. 60.

Von Chamberlains Italienpolitik fühlte sich der Außenminister Anthony Eden mehrfach übergangen und musste feststellen, dass jener ohne Einbeziehung des Kabinetts oder des Foreign Office Außenpolitik betrieb.Graham Macklin: Chamberlain (20 British Prime Ministers of the 20th Century). Haus Publishing Ltd, London 2006, S. 58. Eden versuchte, mit zwei eilig einberufenen Kabinettssitzungen, gegen Chamberlain zu opponieren scheiterte aber und trat in der Folge zurück. Lord Halifax wurde sein Nachfolger.D.R. Thorpe: Eden: The Life and Times of Anthony Eden, First Earl of Avon, 1897–1977. Chatto & Windus, London 2003, S. 206 f.

Appeasement-Politik gegenüber Deutschland

mini|Hitler heißt Chamberlain (rechts: Außenminister Joachim von Ribbentrop) im Vorfeld des Münchner Abkommens auf seinem Berghof auf dem Obersalzberg am 15. September 1938 willkommen.

Chamberlain strebte zur Friedenssicherung ein „General Settlement“ mit Deutschland an, welches ein Rüstungsabkommen, die Regelung der Kolonialfrage und die Anerkennung einer deutschen Interessensphäre in Mittel- und Südosteuropa bis zur Ukraine umfasste. Das vorwiegend agrarische Südosteuropa wurde als idealer Ergänzungsraum für das industrielle Deutschland betrachtet. Ein nützlicher Nebeneffekt war dabei, dass Deutschland als Bollwerk gegen den Bolschewismus fungieren würde. Der Verdacht der Linken, Chamberlain wollte Hitler Freie Hand im Osten gegen die Sowjetunion geben, erwies sich jedoch als unbegründet.Gottfried Niedhart: Grossbritannien und die Sowjetunion. München 1972, S. 233 ff. Chamberlain war wesentlich am Münchner Abkommen (September 1938) beteiligt, das Deutschland das Recht gab, das Sudetenland zu annektieren. Damit schien der Friede in Europa gesichert. Das Abkommen rechtfertigte er folgendermaßen:

Unmittelbar nach seiner Rückkehr am 30. September 1938 zeigte Chamberlain noch auf dem Flughafen das Abkommen und erklärte, dies sei „der Friede für unsere Zeit“ ().Patrick Pasture: Imagining European Unity since 1000 AD. Palgrave Macmillan, New York 2015, ISBN 978-1-349-69396-2, S. 1. Viele teilten zunächst diese positive Beurteilung von Chamberlains Appeasement-Politik. Zehn Vorschläge, ihn mit dem Friedensnobelpreis 1939 zu ehren, gingen ein.Nomination archive: (Arthur) Neville Chamberlain auf nobelprize.org, abgerufen am 8. Oktober 2023. Als der französische Physiker René de Mallemann gebeten wurde, jemanden für den Nobelpreis für Physik des Jahres 1940 vorzuschlagen, nominierte er Chamberlain, da er einen Weltkrieg vermieden habe und es im Feld der Physik 1938 keine auszeichnungswürdige Leistung gegeben habe.Physics Nobel nominees, 1901–66. Webseite von Physics Today, 25. September 2017.

mini|Chamberlain kurz nach seiner Rückkehr aus München 1938. In seiner Hand zeigt er der jubelnden Menge das Münchner Abkommen.

Erst nach dem Einmarsch deutscher Truppen in Prag am 15. März 1939 (Zerschlagung der Tschechoslowakei) entschied Chamberlain im März 1939, Großbritannien aufzurüsten, und führte die allgemeine Wehrpflicht ein. Ebenfalls erst unter dem Eindruck der deutschen Kriegspolitik schloss Chamberlain Garantieverträge mit Polen, Griechenland, Rumänien und der Türkei gegen mögliche deutsche Angriffe. Mit diesen Maßnahmen konnte er aber den deutschen Überfall auf Polen am 1. September 1939 und damit den Ausbruch des Zweiten Weltkriegs nicht verhindern.

Kriegspremier mini|links|Tonaufnahme: Premierminister Chamberlain informiert in einer Radioansprache vom 3. September 1939 die britische Bevölkerung über die Kriegserklärung an Deutschland.

Am 3. September 1939, zwei Tage nach dem Überfall Deutschlands auf Polen, erklärte Großbritannien nach einer Regierungskrise gemeinsam mit Frankreich Deutschland den Krieg. Chamberlain bildete eine Kriegsregierung, an der sich aber nicht alle Parteien beteiligten. Sie hatte jedoch nur sieben Monate Bestand, während derer Großbritannien im Sitzkrieg weitgehend passiv blieb. Chamberlain, wie viele andere Regierungsmitglieder und Offiziere damals, setzten darauf, durch eine Blockade bei gleichzeitiger Aufrüstung den Krieg für sich zu entscheiden. Pläne, wie die von Churchill erdachte Operation Catherine, blockierte er.Nick Smart: Neville Chamberlain. Routledge, S. 224–225.