mini|Buchtitel: (Der Kritiker) von 1817
Kritik ist methodisch kontrolliertes Urteilen. Sie prüft Gründe, klärt Begriffe und unterscheidet gültige von ungültigen Ansprüchen – gebunden an Logik und Evidenz; sie ist Dabei reflektiert sie auch die Voraussetzungen, aus denen sie urteilt, und vollzieht sich als ein fortlaufender Prozess der Prüfung, Revision und Begründung.
Neben der Bedeutung der prüfenden Beurteilung und deren Äußerung in entsprechenden Worten bezeichnet die Kritik – insbesondere in der Verbform kritisieren ebenso wie monierenmonieren – Duden, abgerufen am 14. April 2016 und die MonierungMonierung – Duden, abgerufen am 14. April 2016 – auch eine Beanstandung oder Bemängelung. In früheren sozialistischen Staaten laut Duden auch „Fehler und Versäumnisse beanstandende [öffentliche] kritische Stellungnahme als Mittel zur politischen und gesellschaftlichen Weiterentwicklung“.Kritik – Duden, abgerufen am 14. April 2016
Herkunft und verwandte Begriffe Das Wort „Kritik“ wurde am Ende des 17. Jahrhunderts aus dem Französischen übernommen. () Das französische Wort wiederum geht auf , abgeleitet von zurück.
Verwandte Begriffe sind: Beckmesserei als Metapher für beflissene und engstirnige Regelgläubigkeit Krittelei,Duden: Krittelei, online unter duden.de die als lästig empfunden wird, weil sie Ausdruck einer ausdauernd kleinlichen und ungerechtfertigt erscheinenden Kritik istDuden: kritteln, online unter duden.de Skepsis, die systematisch hinterfragt und dabei immer davon ausgeht, dass auch sie selbst irren kann Zweifel als ein Zustand der Unentschiedenheit zwischen mehreren möglichen Annahmen oder einer Unsicherheit in Bezug auf Vertrauen, Handeln, Entscheidungen, Glauben oder Behauptungen bzw. Vermutungen Tadel, der als missbilligende Beurteilung eines Verhaltens u. a. in der Schule auch als erste Stufe einer Sanktionsmaßnahme fungiert (siehe analog dazu die Rüge oder Abmahnung für jeden Bereich zivilrechtlicher Unterlassungsansprüche und in jedem vertraglichen Dauerschuldverhältnis) Verriss, dessen Argumente nicht auf eine Verbesserung des kritisierten Gegenstandes abzielen, sondern auf seine Vernichtung (siehe dazu analog als Steigerung die Schmähkritik, deren Argumente vor allem auf die Verächtlichmachung bzw. Diffamierung einer Person abzielen)
Begriffsgeschichte Literaturkritik
Im Deutschen erschien der Ausdruck „Kritik“ erstmals im ausgehenden 17. Jahrhundert, in dem er in Anlehnung an den französischen und den zugrunde liegenden altgriechischen Sprachgebrauch zunächst in der Literaturtheorie Verwendung fand.Z. B. Zedlers Universallexikon, Band 5, 1733. Angeregt durch Denker wie Pierre Bayle (Dictionnaire historique et critique, 1695–1697) entstanden im deutschsprachigen Raum Regelpoetiken wie Johann Christoph Gottscheds Versuch einer Critischen Dichtkunst (1730). Der Ausdruck „Literaturkritik“ bezeichnete in diesem Zusammenhang nicht so sehr die Rezension individueller literarischer Werke, sondern vielmehr den literaturtheoretischen Diskurs, den Gottsched zu nutzen versuchte, um seine regelpoetischen Vorstellungen als Grundlage eines gedanklichen und ästhetischen Wertes von Literatur normativ durchzusetzen. ()
Lessing hielt von der Regelpoetik nicht viel und entwickelte im 18. Jahrhundert das Konzept einer diskursiven Literaturkritik, deren Ausgangspunkt die persönliche Auseinandersetzung des Lesers mit dem Text ist. Dieses Konzept wurde vielfach erweitert und differenziert, ist aber bis heute aktuell.
Neben der Literaturkritik sind bis heute zahlreiche weitere Formen der Kritik entstanden, wie die Theaterkritik, die Kunstkritik, die Architekturkritik, die Musikkritik, die Filmkritik, die Gastronomiekritik und die Spielekritik.
Philosophie Bayle Als der erste große neuzeitliche Theoretiker der Kritik gilt Pierre Bayle (1647–1706), der in seinem 1697 erschienenen Dictionnaire historique et critique Kritik als diejenige Tätigkeit definierte, die Vernunft und Offenbarung scheide, und damit den entscheidenden Schritt in Richtung auf einen praxisorientierten Kritikbegriff vollzog.Reinhart Koselleck: Kritik und Krise, Freiburg, München, 2. Auflage. 1976, S. 89. Wissenschaftlichkeit und Religion, die als Exegese bis dahin eine Einheit gebildet hatten, wurden hier erstmals strikt geschieden, die Textkritik wurde überkonfessionell und religionskritisch, und der Kritikbegriff konnte von nun an auf Bereiche angewendet werden, in denen das bis dahin nie unternommen worden war.Paul Geyer: Kritik des Kritikbegriffs. In: Paul Geyer, Monika Schmitz-Emans (Hrsg.): Proteus im Spiegel. Kritische Theorie des Subjekts im 20. Jahrhundert, Königshausen & Neumann, Würzburg, 2003, ISBN 3-8260-2633-0, S. 29, S. 27–42 (); ()
Shaftesbury Im Schrifttum des englischen Philosophen Shaftesbury (1671–1713) war der Kritikbegriff zentral. () Shaftesbury wollte die im Umgang mit Kunst geschärfte Urteilsfähigkeit des Menschen auch in anderen Lebensbereichen nutzbar werden lassen, besonders in solchen, die sein zentrales Glück ausmachen: seine Freiheit und sein Menschsein. Kritik war für ihn vor allem Selbstgespräch und Selbstkritik; der Mensch müsse seine eigenen Urteile und Handlungsmotive überprüfen, um sein Urteilsvermögen entwickeln und schärfen zu können. Die Selbsterkenntnis müsse jeder anderen Erkenntnis vorausgehen, weil nur sie ganz zuverlässig sei; da der Mensch von Natur aus aber ein soziales Wesen sei, müsse auf die Selbstaufklärung die Aufklärung, der öffentliche Gebrauch der Vernunft folgen. Kritik war für Shaftesbury die fundamentale Geisteshaltung der zivilisierten Gesellschaft. Der Kritikbegriff wurde bei ihm universal in dem Sinne, dass er nicht mehr nur die Ästhetik betraf, sondern nun auch die Ethik einschloss. Die Aufgabe, ein gutes Urteilsvermögen zu entwickeln und zu gebrauchen, wies Shaftesbury insbesondere den Schriftstellern und den (Literatur-)Kritikern zu.Barbara Schmidt-Haberkamp: ”Go to the poets”: die Kunst des Selbstgesprächs bei Shaftesbury. In: Lother Kreimendahl, Monika Neugebauer-Wölk, Friedrich Vollhardt (Hrsg.): Aufklärung 22. Thema: Shaftesbury. Felix Meiner Verlag, 2010, S. 17f (); ()
Sein Schüler Henry Home publizierte 1762 sein Werk Elements of Criticism; der darin zugrundegelegte Begriff der Kritik als Beurteilung und Vernunfterkenntnis des Schönen hatte später starken Einfluss auf Kant. ();
Kant Der erste Name, der gewöhnlich genannt wird, wenn über den Kritikbegriff in der Philosophie gesprochen wird, ist der von Immanuel Kant. Kants ehrgeiziges Anliegen war es, über die ontologisch orientierte Philosophie, die sich „nur“ mit dem Seienden beschäftigt, fundamental hinauszugehen und eine Wissenschaft – die Transzendentalphilosophie – hervorzubringen, die beschreiben sollte, wie Wissen entsteht und worin es gründet; siehe auch Erkenntniskritik. Den Terminus „Kritik“ verwendete er seit 1763 für die propädeutische Methode, mit der er den „architektonischen Plan“ eines „Systems aller Prinzipien der reinen Vernunft“ entwerfen wollte: (); (); Immanuel Kant: Der einzig mögliche Beweisgrund zu einer Demonstration des Daseyns Gottes, Johann Jakob Kanten, Königsberg 1763.
Unter „Kritik“ verstand Kant die transzendentale Selbstkritik der Vernunft, die Beurteilung und Berichtigung der Erkenntnis. (); Georg Siegmann: Zur systematischen Selbsttäuschung der reinen Vernunft. In: H. F. Fulda, J. Stolzenberg (Hrsg.): Architektonik und System in der Philosophie Kants. Meiner, Hamburg 2001, ISBN 3-7873-1586-1, S. 262–272, hier: S. 267 (); () Die Struktur der Erkenntnisform „Kritik“ verwies bei Kant von Anfang an auf ästhetische Zusammenhänge; er wandte sie dann jedoch auch auf andere Gebiete an.
Der kantsche Kritikbegriff ist allerdings komplexer und umfangreicher, als die Wortwahl der Titel seiner Hauptwerke (Kritik der reinen Vernunft, Kritik der praktischen Vernunft und Kritik der Urteilskraft)Immanuel Kant: Die drei Kritiken in ihrem Zusammenhang mit dem Gesamtwerk. Mit einem verbindenden Text zusammengefasst von Raymund Schmidt. Leipzig 1933. suggeriert, und weit mehr als ein bloßes Synonym zu den Begriffen Kantisch und transzendentalphilosophisch, mit denen er oft fälschlich gleichgesetzt wird.
In demselben Sinne wie Kant verwendete auch Karl Marx den Ausdruck, etwa in seiner Schrift Zur Kritik der politischen Ökonomie (1859).
Foucault Die Aufgabe von Kritik kann enger oder weiter gefasst werden. Enger gefasst dient Kritik der Bewertung eines Gegenstandes oder eines Verhaltens. Dagegen sehen Philosophen wie Michel Foucault die Aufgabe der Kritik in einem weiter gefassten oder dem Beurteilen von Gegenständen überschreitendem Rahmen. Danach soll es die Hauptaufgabe der Kritik sein, das „System der Bewertung selbst“ kenntlich zu machen.
Diese Unterscheidung erfolgt, weil Bewertungen einem bestimmten Normensystem (Normativ) entsprechen und somit die Kritik und das Subjekt, das diese Bewertung vornimmt, sich einer vorgegebenen Norm unterwerfen. Dieses Normensystem kann zum Beispiel als „Wahrheit“ bezeichnet werden. Um dieser Unfreiheit der Unterwerfung zu entkommen, bietet Foucault an, das System der Bewertung selbst zu hinterfragen und sich über Sinn und Zweck dieser „Wahrheiten“, „Diskurse“ etc. ein eigenständigeres Bild zu machen. Ziel ist es, den Zwangsmechanismen zu entkommen, die ein Subjekt dazu nötigen, sich formen zu lassen.Vgl. Michel Foucault: Was ist Kritik? Berlin 1982.
Kritik ist nicht etwas Allgemeines, sondern eine je bestimmte Tätigkeit der Reflexion auf einen Gegenstand der Reflexion, die getätigt wird von einem ganz bestimmten Ort. Diese Orte oder Positionen werden je nach erkenntnistheoretischem Kontext mit den Begriffen institutionalisierte Praxis, Diskurs, Epistem oder Institution bezeichnet.Vgl. Judith Butler: Was ist Kritik? Ein Essay über Foucaults Tugend. transform.epicp.net, Mai 2001. (. Abgerufen am 8. Juni 2010)
Kritik ist dann nicht mehr als Kritik erkennbar, wenn „sie nur noch als rein verallgemeinerbare Praxis dasteht.“ Hier grenzt sich Kritik von anderen Begriffen, etwa Krittelei,Raymond Williams: Keywords. New York 1976, S. 75 f. ab.
Soziologie Die Vertreter der Kritischen Theorie unterzogen die Marx’schen Schriften einer umfassenden Neuinterpretation. So verstanden sie deren Kernaussagen nicht als Geschichtsphilosophie oder wirtschaftswissenschaftliche Lehre, sondern als (Ideologie-) Kritik der bürgerlich-kapitalistischen Gesellschaft. Die Kritische Theorie entwickelte sich zu einer kulturkritischen Metatheorie der westlichen Industriekultur. ()
Politik Eine zentrale Rolle spielten Kritik und Selbstkritik in der politischen Praxis in der Volksrepublik China unter Mao Zedong. Ihre Ziele waren die Überwindung „jegliche[r] politische[r] Verunreinigung“ und die Steigerung der „Kampffähigkeit der Partei“.Worte des Vorsitzenden Mao Tsetung, Kapitel XXVII. Kritik und Selbstkritik
Postkritik