mini|Tafel mit dem deutschen Text in der Paternosterkirche (Jerusalem)
Das Vaterunser oder Unservater (lateinisch Pater noster oder Oratio Dominica, deutsch Gebet des Herrn oder Herrengebet) ist das Gebet, das Jesus von Nazaret nach dem Neuen Testament (NT) seine Nachfolger gelehrt hat. Es ist einer der bekanntesten Texte der Bibel und des Christentums. Die redaktionell ergänzte Version wird in den meisten christlichen Konfessionen gebetet, auch im Gottesdienst. Sie gehört mit den Zehn Geboten und dem Credo zum Grundwissen des Christen.
Neues Testament Varianten Das NT überliefert zwei Fassungen des Vaterunsers, je eine im Evangelium nach Matthäus (Mt) und im Evangelium nach Lukas (Lk):Griechische Fassung bei Barbara Aland, Kurt Aland (Hrsg.): Novum Testamentum Graece. 27. Auflage, Deutsche Bibelgesellschaft, Stuttgart 2001, ISBN 3-438-05115-X
Mt 6,9–13Übersetzung nach Rudolf Pesch, Reinhard Kratz, Ulrich Wilckens: Synoptisches Arbeitsbuch zu den Evangelien, Band 2. Gütersloher Verlagshaus Gerd Mohn, Gütersloh 1980, ISBN 978-3-545-23027-9, S. 17 Lk 11,2–4 Unser Vater in den Himmeln, Vater, geheiligt werde Dein Name, geheiligt werde Dein Name, es komme Dein Reich, es komme Dein Reich! es geschehe Dein Wille wie im Himmel auch auf Erden! Unser Brot für den nächsten Tag gib uns heute! Unser Brot für den nächsten Tag gib uns Tag um Tag! Und lass uns nach unsere Verschuldungen, Und lass uns nach unsere Sünden, wie auch wir nachgelassen haben unseren Schuldnern! denn auch wir lassen nach jedem, der uns schuldet! Und bringe uns nicht in Versuchung hinein, Und bringe uns nicht in Versuchung hinein! sondern errette uns von dem Bösen! Denn dein ist das Reich und die Kraft und die Herrlichkeit in Ewigkeit. Amen.
Die beiden Fassungen unterscheiden sich nach Umfang und Wortwahl: Gott wird bei Mt „Unser Vater in den Himmeln“, bei Lk nur als „Vater“ angeredet. Die dritte Bitte bei Mt fehlt bei Lk. Die Brotbitte ist bei Mt mit „heute“, bei Lk mit „täglich“ formuliert. Bei Mt wird Vergebung oder Erlassung von „Schulden“, bei Lk von „Sünden“ erbeten. Im Nachsatz „wie auch wir …“ steht bei Mt ein Aorist („vergeben haben“), bei Lk Präsens („vergeben“). Nur bei Mt ist die Bitte um Bewahrung vor der Versuchung mit der Bitte um Errettung vom Bösen ergänzt.
Somit wurde das Gebet eher ergänzt als gekürzt, und die kürzere Lk-Fassung ist eher die ältere. Die Varianten zeigen, dass die Urchristen eher den Inhalt des Gebets in der Sprache der Adressaten weitergeben als einen „echten“ Wortlaut Jesu streng bewahren wollten.Klaus Haacker: Was Jesus lehrte, Neukirchen-Vluyn 2010, S. 18–20
Die Doxologie („rühmendes Wort“) am Mt-Schluss fehlt bei Lk und in den ältesten Mt-Handschriften. Eine spätere Mt-Redaktion ergänzte sie, wohl für einen im Gottesdienst liturgisch verbindlich rezitierbaren Gebetsabschluss. Dabei erweiterte der Redaktor eine ältere zweigliedrige Doxologie des Vaterunsers in der Didache auf drei Glieder.Jürgen Wehnert: Zum Vaterunser in der Didache. In: Florian Wilk (Hrsg.): Das Vaterunser in seinen antiken Kontexten, Göttingen 2016, S. 159 und Fn. 55 Die Doxologie kommt auf die Anfangsbitte um das Kommen des Reiches Gottes zurück und gibt die vorausgegangene Zusage Gottes im Munde Jesu gleichsam appellativ an Gott zurück.
Struktur Beide Fassungen sind formal in Anreden und Bitten unterteilt und haben dieselbe Abfolge. Die Anreden („Dein Name – Reich – [Wille]“) sind als Wünsche im Imperativ formuliert und beziehen sich im Gesamtkontext der Verkündigung Jesu auf Gottes eigene Anliegen und Ziele. Die Beter bejahen diese mit diesen Wunschsätzen zuerst, ordnen ihre eigenen Bedürfnisse also Gottes Anliegen unter.
Dem folgen die Wir-Bitten um materielle und geistliche Anliegen der Beter (Nahrung bzw. Existenzerhaltung, Vergebung, Bewahrung vor Versuchung). Die materiellen Bedürfnisse sind den geistlichen vorgeordnet, dafür werden letztere breiter behandelt.
Der im Indikativ oder Präsens formulierte Nachsatz („wie auch wir“) verbindet die Vergebungsbitte an Gott eng mit dem analogen zwischenmenschlichen Verhalten. Damit beteuern und versprechen die Beter, ihren Mitmenschen auch künftig wie Gott zu vergeben bzw. ihnen Schulden zu erlassen. Das macht die Nachahmung Gottes zum Ansatz der Nachfolge Jesu. Dabei wird die Gottesebenbildlichkeit des Menschen (nicht die der ganzen Schöpfung) nach vorausgesetzt: Das ganze Menschsein soll ein Hinweis auf das Wesen des Schöpfers sein, einen Rückschluss auf Gott erlauben.Klaus Haacker: Was Jesus lehrte, Neukirchen-Vluyn 2010, S. 21f.
Wie die Wir-Bitten zeigen, wurde das Vaterunser von Anfang an in Gemeinschaft gebetet. Dazu mussten die Beter es auswendig lernen. Die Lukasfassung enthält fünf Bitten, wahrscheinlich um sie an den Fingern einer Hand abzählen und sich so merken zu können. Die Matthäusfassung enthält sechs oder sieben Bitten, je nachdem ob man den Nachsatz „sondern erlöse uns von dem Bösen“ zur sechsten Bitte zählt oder als eigene siebte Bitte auffasst. Sie lässt sich ohne die Doxologie in zehn Zeilen oder Sprecheinheiten einteilen. Dabei fallen die beiden Hälften genau mit dem Einschnitt zwischen Du-Anreden und Wir-Bitten zusammen. Diese Einteilung ist wie beim Dekalog an zehn Fingern abzählbar, also ebenfalls wohl didaktisch begründet.Klaus Haacker: Was Jesus lehrte, Neukirchen-Vluyn 2010, S. 23
Kontext Die Matthäusfassung steht in der Mitte der Bergpredigt, die als Lehre Jesu seinem heilvollen Handeln voranstellt. Das Vaterunser konkretisiert Jesu Lehre vom Beten der Nachfolger in : Es soll sich von einer öffentlichen, wortreichen, auf Außenwirkung bedachten Art des Betens bei Pharisäern und Nichtjuden unterscheiden. Seine Grundlage ist die allem Beten vorlaufende Zusage in : „Euer Vater weiß, was ihr braucht, ehe ihr darum bittet.“ Darauf folgt die Aufforderung in : „Darum sollt ihr so beten: […]“Peter von der Osten-Sacken: Das Vaterunser als Zugang zum Matthäusevangelium. In: Florian Wilk: Das Vaterunser in seinen antiken Kontexten, Göttingen 2016, S. 103–124, hier S. 103f.
Die Lukasfassung des Vaterunsers folgt auf ein eigenes Gebet Jesu und die Bitte eines Jüngers ():
Demnach gehörte die Anleitung zu einer bestimmten Gebetspraxis zu dem, was ein Jünger von seinem Meister erwartete. Offenbar lehrten Johannes der Täufer und Jesus ihre Nachfolger jeweils besondere Gebete. Das Vaterunser war also ein Erkennungsmerkmal der Jesusnachfolger. Dies bestätigen zwei Verse der Paulusbriefe (} und ):
Die doppelte, aramäische und griechische Vater-Anrede spielt wahrscheinlich auf das Vaterunser an, da Jesus selbst Gott laut mit Abba anredete. Solche aramäischen Zitate übernahm Paulus von Tarsus aus der Jerusalemer Urgemeinde. Somit gehörte das Vaterunser zu deren Erkennungszeichen und wurde von den Urchristen als Gabe des Heiligen Geistes verstanden.Klaus Haacker: Was Jesus lehrte, Neukirchen-Vluyn 2010, S. 16f. Die Gott so familiär Anredenden seien „Kinder Gottes“.Wiard Popkes: Gebet des Herrn. In: Helmut Burkhardt (Hrsg.): Das große Bibellexikon Band 2, Wuppertal 1996, S. 636
Entstehung Beide Varianten des Vaterunsers gehören zu jenen Texten, die nur bei Mt und Lk vorkommen und dort großenteils wörtlich übereinstimmen. Die historisch-kritische NT-Forschung ordnet diese Texte der hypothetischen Logienquelle Q zu, also gemäß der Zweiquellentheorie der zweiten schriftlichen Vorlage von Mt und Lk neben dem Evangelium nach Markus. Die Logienquelle enthält fast nur wörtliche Rede Jesu. Ihre ältesten Textbestandteile spiegeln die Situation urchristlicher Wandermissionare, die Jesus zu ihren Lebzeiten begegnet waren und seine Worte anfangs mündlich überliefert hatten. Darum führt die NT-Forschung einen Kern des Vaterunsers, der der älteren Lukasfassung nahekommt, auf Jesus selbst zurück.Günter Unger: Das Vaterunser, Stuttgart 2016, S. 14ff.
Das griechische Adjektiv Epiousion in der Brotbitte kommt nur hier im NT vor (Hapax legomenon). Es übersetzte eventuell das aramäische Wort machar („morgen“, „morgig“), um die für den kommenden Tag nötige Nahrungsmenge zu erbitten. Es verweist also auf eine aramäische Urfassung des Gebets.Klaus Haacker: Was Jesus lehrte, Neukirchen-Vluyn 2010, S. 155–157 und Fn. 4–9
Die dritte Bitte bei Mt ist sprachlich eng verwandt mit der Bitte Jesu „… Dein Wille geschehe“ in Gethsemane (; ). Welche die ältere ist, also ob das Gethsemanegebet den Mt-Zusatz anregte oder umgekehrt, ist umstritten. Im zweiten Fall lag Matthäus eine Vaterunserversion mit dieser dritten Bitte vor. Dies vertreten einige Neutestamentler.Stephen Hultgren: Narrative Elements in the Double Tradition: A Study of Their Place Within the Framework of the Gospel Narrative. De Gruyter, New York 2002, ISBN 3-11-089137-9, S. 290–301, besonders 296f. und Fn. 89; anders Rainer Riesner: Jesus als Lehrer. Eine Untersuchung zum Ursprung der Evangelien-Überlieferung. Mohr Siebeck, Tübingen 1981, S. 446 Der Zusatz „bewahre sie vor dem Bösen“ ähnelt im „hohepriesterlichen Gebet“ Jesu. Daher gilt dieses als vom matthäischen Vaterunser beeinflusst.Stephen Hultgren: Narrative Elements in the Double Tradition, New York 2002, S. 301ff.
Ein Versuch, das Vaterunser dem historischen Jesus abzusprechen und auf eine bloße Bearbeitung jüdischer Gebete durch Urchristen zurückzuführen,Ulrich Mell: Gehört das Vater-Unser zur authentischen Jesus-Tradition? (Mt 6,9-13; Lk 11,2-4) Berliner Theologische Zeitschrift, Berlin 1994, S. 148–180 setzte sich vor allem wegen widersprüchlicher oder falscher Anwendung der Echtheitskriterien in der NT-Forschung nicht durch.Klaus Haacker: Anhang 2: Stammt das Vaterunser etwa nicht von Jesus? In: Klaus Haacker: Was Jesus lehrte, Neukirchen-Vluyn 2010, S. 257–263
Jüdische Tradition Das Vaterunser knüpft an Gebetstraditionen des Judentums an. Zu jeder seiner Aussagen gibt es jüdische Vorbilder und Parallelen. Jüdische Gebete wurden auf Hebräisch gesprochen und gelehrt. Dagegen lehrte Jesus das Vaterunser auf Aramäisch, der damaligen Umgangssprache einfacher Juden.
Er redete JHWH nicht wie im Judentum üblich als Adonai („Herr“) an, sondern als „Vater“, aramäisch Abba, und lehrte seine Jünger diese Anrede.Martin Hengel, Anna Maria Schwemer: Jesus und das Judentum. Mohr Siebeck, Tübingen 2007, ISBN 978-3-16-149359-1, S. 408 und 417. Die Metapher „Vater“ für JHWH ist im Tanach selten und bezieht sich im Gebetskontext vor allem auf Gottes fürsorgliches Erbarmen.Klaus Haacker: Was Jesus lehrte, Neukirchen-Vluyn 2010, S. 25 Die schlichte „Vater“-Anrede war damals bereits im jüdischen Privatgebet üblich, jedoch nicht im Gottesdienst der Synagoge.Joseph Heinemann: The Background of Jesus' Prayer in the Jewish Liturgical Tradition. In: Jakob Josef Petuchowski, Michael Brocke (Hrsg.): The Lord's Prayer and Jewish Liturgy. Seabury Press, 1978, ISBN 0-8164-0381-3, S. 81–89, hier S. 88 Die Anrede „Unser Vater im Himmel“ taucht auch in der damaligen Literatur der Tannaim (~0–200 n. Chr.) auf.Elke Tönges: „Unser Vater im Himmel“: Die Bezeichnung Gottes als Vater in der tannaitischen Literatur. Kohlhammer, Stuttgart 2003, ISBN 978-3-17-016584-7