mini|Bronzestatue (etwa 6,4 cm) im isländischen Nationalmuseum in Reykjavík, dort mit etwa 1000 n. Chr. datiert; wahrscheinlich Thor, der seinen Hammer Mjölnir hältErkunde Vikinger Nordisk, Geschichte und noch mehr! In: Pinterest.
Thor bei den nordgermanischen Völkern, oder Donar bei den kontinentalen germanischen Völkern, ist ein germanischer Gott. Er ist „der Donnerer“ (Nomen Agentis), ursprünglich als Gattungsname „der Donner“ (Appellativum) (altsächsisch Thunaer, altenglisch þunor, althochdeutsch Donar, altniederländisch Donre, altnordisch Þórr von urnordisch þunraʀ „donnern“).Jan de Vries: Altnordisches Etymologisches Wörterbuch. S. 618.Vladimir Orel: A Handbook of Germanic Etymology. Brill, Leiden/Boston 2003, S. 429. Daraus erschließt sich der gemeingermanische Gottesname *Þunaraz.IEW: J. Pokorny: Indogermanisches etymologisches Wörterbuch. Bern/München 1959–1969, S. ??.Karl Helm: Altgermanische Religionsgeschichte. Band 1. S. 274–277, einschließlich Fußnoten. Thor/Donar fungierte für die zur See fahrenden Völker als Gewitter- und Wettergott und war in weiterer Funktion innerhalb der bäuerlichen germanischen Gesellschaft Vegetationsgottheit. In den mythologischen Edda-Schriften hatte er die Aufgabe des Beschützers von Midgard, der Welt der Menschen, vor den Eisriesen aus Jötunheim.Jan de Vries: Die geistige Welt der Germanen. S. 186–187.Rudolf Simek: Lexikon der Germanischen Mythologie. S. 417.
Name, Etymologie und Herkunft Etymologie mini|hochkant|Thor (von Mårten Eskil Winge, 1872)
Der Name der Gottheit entspricht zunächst dem gemeingermanischen Namen des „Donners“, *þunraz. Er findet sich so auch namentlich im gallischen Taranis. Ein Donnergott mit analogem Namen begegnet uns im baltischen Pērkons. Der Beiname des Iuppiter tonans ist von derselben indogermanischen Wurzel *(s)tenh₂- oder *(s)ten- „donnern, rauschen, dröhnen, stöhnen“ abgeleitet.Julius Pokorny: Indogermanisches Etymologisches Wörterbuch. Franke, Bern – München 1956, S. 1021.Linguistic Research Center (University of Texas, Austin): Indo-European Lexicon; PIE Etymon and IE Reflexes. Eine bemerkenswerte Gemeinsamkeit, die auf die Überreste der gemeinsamen indogermanischen Religion verweisen könnte, liegt darin, dass der keltische Taranis ebenso wie Iuppiter und der griechische Zeus als Waffe den steinernen Donnerkeil nutzen, der durch den Blitzstrahl vom Himmel zur Erde geworfen wurde.Herbert Rose: Griechische Mythologie. S. 43–45. Auch der Kampf, den Indra führte, wird atmosphärisch durch Blitz und Donner dargestellt. Das neuhochdeutsche Wort Himmel geht möglicherweise auf eine indogermanische Wortwurzel zurück, die „Stein“ oder „Amboss“ bedeutet.Karl Helm: Altgermanische Religionsgeschichte, Band 1, S. 390.Jan de Vries: Kelten und Germanen. S. 93.Unsicher: Friedrich Kluge, Elmar Seebold: Etymologisches Wörterbuch der deutschen Sprache, 24. Auflage. Stichwort Himmel.
Vom gemeingermanischen *Þunraz kann (analog zu Zeus) gesagt werden, dass dessen Donner dem Fahren eines Wagens über ein Gewölbe gleicht (vgl. altenglisch Þunorrād „Donnerfahrt“).Wolfgang Golther: Handbuch der germanischen Mythologie. S. 305, Fußnote, auf volkskundlichen Vergleichen zwischen Sprichwörtern in Norddeutschland und Skandinavien beruhend. Blitz und Donner künden das Nahen Thors in der nordischen Mythik.Snorri Sturluson: Skáldskaparmál Kap. 17; im Kontext des Hrungnir-Mythos.
Der Wochentag Donnerstag (, dän./schwed. torsdag) ist nach Donar bzw. Thor benannt. Der Tag war bereits in der Antike den Göttern Zeus bzw. Jupiter geweiht (, davon auch , , , ) und wurde mit der Übernahme der ursprünglich babylonisch/ägyptischen 7-Tage-WocheUrsprünglich waren die Wochen des ägyptischen Sothiskalenders in die vier Mondphasen aufgeteilt. Mit Einführung des ägyptischen Verwaltungskalenders änderte sich dort die Anzahl der Wochentage, während der religiöse Mondkalender weiter die Mondphasen-Woche beibehielt, vgl. hierzu auch: Richard-Anthony Parker: Egyptian Astronomy, Astrology and calendrical reckoning, S. 713–714; Siegfried Schott: Altägyptische Festdaten. Verlag der Akademie der Wissenschaften und der Literatur, Mainz/Wiesbaden 1950, S. 10–14; Rolf Krauss: Sothis- und Monddaten: Studien zur astronomischen und technischen Chronologie Altägyptens, Gerstenberg, Hildesheim 1985, S. 15–18 und Hans-Christoph Schmidt-Lauber, Michael Meyer-Blanck, Karl-Heinrich Bieritz: Handbuch der Liturgik. Liturgiewissenschaft in Theologie und Praxis der Kirche. Vandenhoeck & Ruprecht, Göttingen 2003, ISBN 3-525-57210-7, S. 359. durch die Germanen dem lateinischen Begriff nachgebildet.Friedrich Kluge, Elmar Seebold: Etymologisches Wörterbuch der deutschen Sprache, 24. Auflage. Stichwort Donnerstag.
Herkunft und indogermanische Parallelen Bei den indogermanischen Sprachvölkern und über sie hinaus hat der Himmelsgott Blitz und Donner in seiner Gewalt. Donar/Thor (weibliche Form Tyra) entstand vermutlich durch Abspaltung beziehungsweise Trennung der Funktion als Beherrscher der Naturphänomene Blitz und Donner von diesem Himmelsgott.Helmut Birkhan: Germanen und Kelten bis zum Ausgang der Römerzeit. S. 303f., S. 320.Friedrich Heiler: Erscheinungsformen und Wesen der Religion. S. 49–50.Franz Rolf Schröder: Skadi und die Götter Skandinaviens. S. 117ff. ; Indra, Thor und Herakles. S. 1f., 33ff. Heinrich Beck sieht eine Abspaltung von dieser Himmelsgottheit nicht als unbedingt gegeben an.Heinrich Beck: Donar – Þorr. S. 5. Aus der nur indirekt erschlossenen indogermanischen Urreligion entwickelte sich die Gottheit in ihrer Vorstellung unter regionalen, kulturell-religiösen Schwankungen bei den germanischen Völkern fort.Franz Rolf Schröder: Skadi und die Götter Skandinaviens. S. 116f. Nach der Theorie von Georges Dumézil haben die drei Hauptgötter bei den indogermanischen Völkern jeweils eine Funktion, der donnernde Himmelsgott hat die erste Position inne. Bei den Germanen hat sich die Gestalt des Donnerers von der des Himmelsgottes getrennt, so dass er die zweite Funktion der „Stärke“ ausfüllt. Die „Drei-Funktionen-Theorie“ Dumezils hat in der Forschung Anhänger gefunden, seit der zweiten Auflage seiner „Altgermanische Religionsgeschichte“ (1956/57) besonders durch Jan de Vries oder durch Ake V. Ströms Abhandlung in „Germanische […] Religion“ (1975), aber auch Kritiker und Skeptiker. Helmut Birkhan spricht von einer teilweisen „Gläubigkeit“, da Kritiker zu Recht auf einige erhebliche ungeklärte, beziehungsweise nicht in Dumezils theoretisches System passende, tatsächliche Gegebenheiten hinweisen, besonders auch in der vergleichenden Gegenüberstellung der germanischen und keltischen Kulturen.Helmut Birkhan: Kelten – Versuch einer Gesamtdarstellung ihrer Kultur. Verlag der Österreichischen Akademie der Wissenschaften, Wien 1999, ISBN 3-7001-2609-3, S. 459 u. Fußnote 1.Bernhard Maier: Die Religion der Germanen. S. 129f.Rudolf Simek: Lexikon der Germanischen Mythologie. S. 79–80. mini|250px|Der Hethitische Wettergott Tarhunna tötet die Schlange Illuyanka wie Thor die Midgardschlange mini|Felsritzungen von Tanum, Region Bohuslän mini|Der sogenannte „Axtgott“ der Felsritzungen von Flyhov
Die Vorstellung eines hammerschwingenden, wagenfahrenden Wetter-/Donnergottes ist ein uraltes Gottesbild; der hethitische Tarḫunna wird identisch geschildert als wagenfahrende, mit einem Hammer beziehungsweise mit einer Keule attributierte Gottheit.Einar von Schuler: Kleinasien: Die Mythologie der Hethiter und Hurriter – Der Hauptwettergott. In: Hans Wilhelm Haussig, Dietz Otto Edzard (Hrsg.): Götter und Mythen im Vorderen Orient (= Wörterbuch der Mythologie. Abteilung 1: Die alten Kulturvölker. Band 1). Klett-Cotta, Stuttgart 1965, S. 208–212, hier S. 209. Wird Thors Wagen von Böcken gezogen, so sind es bei Tarhunna Stiere und bei dem vedischen Indra rötliche oder falbe Pferde. Auch dessen Waffe, eine Wurfkeule, wurde von einem niederen Wesen gefertigt. Diese Keule kehrt wie Mjölnir, der von dem Zwerg Sindri gefertigte Hammer Thors, nach dem Wurf in die Hand des Gottes zurück.
In zahlreichen skandinavischen Felszeichnungen und Abbildungen in Steingräbern sind männliche Figuren zu finden, die einen Hammer oder vielmehr Äxte (Doppeläxte) bzw. Beile erheben,Rudolf Simek: Götter und Kulte der Germanen. S. 60 „… ursprünglich wohl ein Steinwerkzeug“.Friedrich Heiler: Erscheinungsformen und Wesen der Religion. S. 97–98. oftmals in phallischer Pose (z. B. Grab von Kivik), weshalb sie als göttliche Wesen gedeutet werden.Kurt Schier: Skandinavische Felsbilder als Quelle für die germanische Religionsgeschichte?. S. 200ff. Was die teilweise als Bock dargestellten „hammerschwingenden“ Figuren der Felszeichnungen betrifft, so weist Franz Rolf Schröder auf die Darstellung in der nordischen Mythologie und die geschilderte enge Bindung von Thor zu seinen attributiven, wagenziehenden Ziegenböcken hin.Franz Rolf Schröder: Skadi und die Götter Skandinaviens. S. 118f. Im indogermanischen Vergleich ist festzustellen, dass die dem Thor/Donar verwandten Donnergottheiten zwischen Axt, Hammer und Keule variieren. Ein Amulett mit der Darstellung des Thorshammers im nordgermanischen Raum bzw. der Donarskeule im südgermanischen Raum galt in spätheidnischer Zeit besonders bei Frauen als Fruchtbarkeitssymbol (Grabungsfunde in Haithabu) und taucht als solches erst zu dieser späten Zeit auf.Rene Derolez: Götter und Mythen der Germanen. S. 116, 120.
Eine weitere Gemeinsamkeit mit anderen indogermanischen Mythen ist der Drachen- bzw. Schlangenkampf,Friedrich Heiler: Erscheinungsformen und Wesen der Religion. S. 84–86. den der Donnergott austrägt. Bei Thor ist es die Auseinandersetzung mit der Midgardschlange, bei den Griechen kämpft Apollon mit Python und Herakles mit Hydra, in der hethitischen Mythologie Tarhunna mit der Schlange Illuyanka, in der iranischen Mythologie Fereydūn und Azhi Dahaka sowie Rostam mit einem Drachen, und in der indischen Mythologie ist es der Kampf des Gottes Indra mit dem Vritra-Drachen. Ersterer wird in den Rigveden mit immer neuen Hymnen gepriesen. Das Besingen des Drachenkämpfers und Ungeheuerbezwingers im Mythos ist in allen genannten Kulturen evident; es handelt sich um kultsymbolische Kämpfe, die zum prägenden religiösen Typus wurden.Otto Höfler: Siegfrid Arminius und die Symbolik. S. 14f., 146, 168 Eine weitere mythische Analogie zwischen Thor und Indra findet sich im Hrungnirmythos. Der Kampf Thors mit dem Riesen, der ein dreizackiges Herz aus Stein hat, gleicht dem Kampf Indras gegen das dreiköpfige Ungeheuer Trisiras.Rudolf Simek: Lexikon der –Germanischen Mythologie. S. 207.Ake V. Ström, Haralds Biezais: Germanische und Baltische Religion. S. 138.
Auffällige Parallelen bestehen außerdem zwischen den Dialogen Thors mit Odin im Hárbarðslióð und jenen Indras mit Varuna in den Rigveden. Nach Georges Dumézil stellen diese Dialoge keinen aggressiven Konflikt der unterschiedlichen Kulte dar, sondern eine uralte Dialogform, die auf den unterschiedlichen Naturen der Götter innerhalb ihrer strukturellen Funktionsbereiche basiert.Ake V. Ström, Haralds Biezais: Germanische und Baltische Religion. S. 135. Die meisten anthropomorphen Züge teilt Thor mit Indra hinsichtlich dessen, wie sie ihre Haare und ihren Bart tragen. Indra wird in den Rigveden als blondhaarig und mit einem blonden Bart geschildert, Thor wird der „Rotbart“ genannt (Þrymskviða, Thrymlied),Jan de Vries: Festschrift für Dumezil, 1960, S. 86–88; „… die Wikinger, die ihre Haare oft rot färbten, unterstellten ihre Züge Thor; sie wurden in Irland „Thors Volk“ genannt.“ und auch vom Wesen her gelten beide als menschenfreundlich.Ake V. Ström, Haralds Biezais: Germanische und Baltische Religion. S. 135–138.Franz Rolf Schröder: Indra, Thor und Herakles. S. 1ff.