Wissenschaftsjournalismus (auch Wissensjournalismus, englisch Science Journalism) ist ein journalistischer Teilbereich wie Sport- oder Wirtschaftsjournalismus, der sich mit Themen und Ereignissen in der Wissenschaft beschäftigt sowie den gesellschaftlichen Bereichen, die Bezug zur Wissenschaft aufweisen. Dazu zählt die journalistische Berichterstattung über wissenschaftliche Erkenntnisse und Diskurse, Entwicklungen innerhalb der institutionellen Wissenschaft sowie die Randgebiete Wissenschaftsethik, Forschungs- und Wissenschaftspolitik. Wissenschaftsjournalisten vermitteln zwischen den Wissenschaften und den Massenmedien bzw. der Öffentlichkeit. Sie erklären wissenschaftliche Erkenntnisse, ordnen sie ein und verdeutlichen die Bedeutung dieser Erkenntnisse.

Verhältnis zwischen Journalismus und Wissenschaft Wissenschaftsjournalismus ist ein Teil des Kommunikationsfeldes Wissenschaftskommunikation, zu dem die interne und externe Wissenschaftskommunikation sowie die Wissenschaftsberichterstattung zählen. Bei Wissenschaftsberichterstattung wird zwischen Wissenschafts-PR und Wissenschaftsjournalismus unterschieden. Wissenschafts-PR sind Meldungen von Forschungsinstituten, Universitäten und Fachverbänden, in denen es weniger um möglichst exakt beschriebene Wirklichkeit, sondern vermehrt auch um Einfluss, Aufmerksamkeit und Ansehen geht. Daher wird die einordnend-kritisierende Kraft eines starken Wissenschaftsjournalismus als kritisches Korrektiv der Wissenschaft benötigt.

Bis in die 1990er-Jahre herrschte eine Sichtweise der Aufgabe des Wissenschaftsjournalismus als „Sprachrohr der Wissenschaft“ vor, wobei die Idee einer Aufklärung, Vermittlung und Akzeptanzschaffung aus der Wissenschaft heraus in eine unwissende Laienöffentlichkeit leittragend war. Heute wird Wissenschaftsjournalismus weiterhin eine Vermittlerrolle zugeschrieben, um über Wissenschaftsfortschritt zu berichten und ihn kritisch zu analysieren, gleichzeitig wahrt er nach eigenem Selbstverständnis auch eine kritische Distanz zu wissenschaftlichen Institutionen. Der Wissenschaftsjournalismus wendet somit journalistische Kriterien auch bei der Darstellung von Wissenschaft an. Anders als etwa der politische oder der Wirtschafts-Journalismus teilt der Wissenschaftsjournalismus mit seinem Berichtsgegenstand die systemischen Code in dem Sinn, dass beide Institutionen „wahrheitscodiert“ sind.

Berichterstattung Innerhalb der wissenschaftlichen Forschung zum Wissenschaftsjournalismus (beispielsweise Journalismusforschung, Kommunikatorforschung) gibt es keine klare Definition für die Themen und Berichterstattung des Wissenschaftsjournalismus. Im Mittelpunkt stehen Themen aus den Naturwissenschaften, der Technik sowie der empirischen Geschichts- und Sozialwissenschaft. Geisteswissenschaftliche Fragestellungen werden oftmals im Kulturjournalismus behandelt, wobei sie viele aktuelle Forschungen als Teil des Wissenschaftsjournalismus begreifen.

Themen der Berichterstattung Innerhalb der Forschungsliteratur werden unter anderem drei Berichterstattungsthemen des Wissenschaftsjournalismus definiert: (1) gesellschaftlich relevante Themen, (2) Themen menschlicher Neugier und (3) kleinteiliger, wissenschaftlicher Fortschritt. Weitere Forschungen unterscheiden zwischen wissenschaftsorientiertem (aktuelle Fachtagungen und Forschungen) und verbraucherorientiertem (Zuschauerfragen, Entertainment-Wissenschaft, „Sciencetainment“) Wissenschaftsjournalismus. Eine weitere Definition unterteilt Wissenschaftsjournalismus in fünf Themenwelten:

Berichterstattung im traditionellen Sinn nach Nachrichtenwert, Publikumsinteresse und gesellschaftlichem Kontext Themen der aktuellen Medienagenda Wissensvermittlung als Spaß und Unterhaltung Nutzwert, Rat und Orientierung Zielgruppenorientierter Wissenschaftsjournalismus

Entwicklung der Ressorts Gegenüber anderen klassischen Ressorts galt der Wissenschaftsjournalismus bis in die 1980er Jahre hinein in Deutschland noch als fast exotische Angelegenheit und spielte in vielen Redaktionen eine meist nur untergeordnete Sonderrolle. Wissenschaftsjournalismus wird auch das „verspätete Ressort“ genannt. In den großen Zeitungen und Zeitschriften sowie in Rundfunkanstalten ist das Ressort Wissenschaft meist für die klassische Berichterstattung über Naturwissenschaften, Technik und Medizin zuständig. Heute sind Wissenschaftsjournalisten vermehrt außerhalb des klassischen Ressorts im inhaltlich meist weiter gefassten Bereich „Wissen“ tätig. Üblicherweise berichten Wissenschaftsjournalisten im Rahmen eigenständiger Spartenseiten oder -sendungen. Ebenso liefern sie – insbesondere bei aktuellen Anlässen – Berichte an andere Ressorts und Sendungen.

Umgang mit wissenschaftlicher Unsicherheit Cornelia Varwig zeigte 2020 anhand des Themas Burn-Out, wie schwierig Berichterstattung bei unklarer Faktenlage ist. Obwohl sich Wissenschaft immer auf dem Prüfstand befindet, werden wissenschaftliche Einschränkungen wie Methodik oder Stichprobengrößen im Wissenschaftsjournalismus oft weggelassen. Werden allerdings Wissenschaft oder wissenschaftliche Ergebnisse in den Medien als unsicher dargestellt, wird diesen tendenziell weniger vertraut, was jedoch keine negativen Auswirkungen auf das Interesse an Wissenschaft oder das Vertrauen in Wissenschaftler überträgt.

Berufsbild Der Zugang zum Wissenschaftsjournalismus verlangt in der Regel ein Hochschulstudium sowie eine journalistische Ausbildung. In den USA und dem Vereinigten Königreich gibt es nichtsdestotrotz zahlreiche Beispiele erfolgreicher Wissenschaftsjournalisten, die zuerst eine Karriere als Wissenschaftler angestrebt, diese dann aber zugunsten des Journalismus verworfen hatten, so wie Carl Zimmer oder Ed Yong. Sie haben weder ein journalistisches Hochschulstudium noch eine Journalistenschule abgeschlossen.Martin W. Angler: Science Journalism: An Introduction. Routledge, 2017, ISBN 978-1-138-94549-4. Wissenschaftsjournalisten arbeiten freiberuflich oder festangestellt, für Presse, Radio, Fernsehen und im Online-Journalismus. Gelegentlich schreiben sie auch populärwissenschaftliche Literatur. Darüber hinaus sind sie zunehmend in der Presse- und Öffentlichkeitsarbeit wissenschaftlich-technisch ausgerichteter Unternehmen und in wissenschaftlichen Einrichtungen (Hochschulen, Forschungsinstituten, Stiftungen, Verbänden) tätig.

Die Wissenschafts-Pressekonferenz (WPK) ist ein deutscher Berufsverband von Wissenschaftsjournalisten.

Selbst- und Rollenverständnis Ein individuelles Selbst- und Rollenverständnis legt die Parameter dessen fest, was in einem bestimmten institutionellen Kontext wünschenswert ist. Die Wahrnehmung der institutionellen Rolle von Journalisten stellt wichtige Form des kulturellen Kapitals im journalistischen Feld dar.

Verständnis von Wissenschaftsjournalisten Im Vergleich zu generalisierter aufgestellten Journalisten besitzen Wissenschaftsjournalisten meist Spezialwissen, das ihnen eine gewisse Exklusivität zusichert und sind oftmals als Experten auf einem Gebiet. Sie unterscheiden sich hinsichtlich ihres sozialen Profils nur leicht von anderen Journalisten: Sie sind etwas älter, haben häufig höhere formale Bildungsabschlüsse und in diesem Gebiet sind Frauen etwas überdurchschnittlich vertreten. Wissenschaftsjournalisten sehen in ihrer Arbeit die Herausforderung, über wissenschaftliche Nachrichten zu berichten beziehungsweise Ergebnisse/Fakten zu vermitteln, die dem Publikum tendenziell fremd sind. Wissenschaftsjournalisten schreiben sich selbst zu, Sach- (Wissenschaft) und Fachkompetenz (Journalismus, Medienlandschaft) zu besitzen.

Blöbaums Sonderstudie Bernd Blöbaum untersuchte 2008 in einer Sonderauswertung der Studie „Journalismus in Deutschland 2005“ Wissenschaftsjournalisten und ihr Rollenverständnis im Vergleich anderen Journalisten. Dabei teilt er in folgende Kriterien auf, wobei die jeweiligen Prozentzahlen die Zustimmung der befragten Wissenschaftsjournalisten pro Kriterium angeben („Sehen Sie das als Ihre Aufgabe/Funktion an?“):

Neutral-präzise Informationsvermittlung: 88 % (alle Journalisten im Vergleich: 89 %) Erklärung & Vermittlung komplexer Sachverhalte: 86 % (alle Journalisten im Vergleich: 79 %) Aktualität & Schnelligkeit: 67 % (alle Journalisten im Vergleich: 74 %) Trends aufzeigen & Ideen vermitteln: 59 % (alle Journalisten im Vergleich: 44 %) Kritik- & Kontrollfunktion: 54 % (alle Journalisten im Vergleich: 58 %) Auftreten/Agieren als Ratgeber: 55 % (alle Journalisten im Vergleich: 44 %) Erreichung eines möglichst breiten Publikums: 49 % (alle Journalisten im Vergleich: 60 %) Unterhaltungs- & Entspannungsfunktion: 30 % (alle Journalisten im Vergleich: 37 %) Beeinflussung der politischen Tagesordnung: 09 % (alle Journalisten im Vergleich: 14 %)

Wissenschaftsjournalismus in Deutschland Bereits in der Weimarer Republik berichtete vor allem die Zeitungspresse regelmäßig über Entwicklungen in der Forschung (Paradebeispiel: die moderne Physik). Ein spezialisierter Wissenschaftsjournalismus, der anfangs noch stark technikorientiert war, entstand 1929 mit Gründung der TELI, des weltweit ersten Verbandes von Wissenschafts- und Technikjournalisten. Einst hatten die Öffentlichkeit und auch die Journalisten selbst die Vorstellung, Wissenschaftsjournalismus sei eine Art Sprachrohr für Forscher – Wissenschaftsjournalisten „übersetzten“ lediglich die Fachsprache der Spezialisten in die Alltagssprache. Längst sehen Wissenschaftsjournalisten ihre Tätigkeit weitaus differenzierter. Sie hinterfragen, bewerten und kommentieren auch Entwicklungen in Forschung und Anwendung, in der Forschungspolitik, sowie im Umgang der Gesellschaft mit Erkenntnissen und Technologien. In der medialen Vermittlung hatten die klassischen Fernsehwissenschaftler wie Heinz Haber und Hoimar von Ditfurth eine Vorreiterrolle.Kerstin von Aretin, Günther Wess: Wissenschaft erfolgreich kommunizieren. Wiley-VCH, 2005, ISBN 3-527-31308-7. Bekannte Wissenschaftsjournalisten sind beispielsweise Dieter E. Zimmer, Ranga Yogeshwar oder Manuel Stark. Gerade Stark gehört zu den Begründern einer relativ jungen Bewegung im deutschsprachigen Wissenschaftsjournalismus und der Wissenschaftskommunikation, die sich dafür einsetzt, dass Wissensvermittlung und Unterhaltung des Publikums zusammen gedacht werden müssen. In diesem Sinne plädiert er dafür, die Methoden und die Tradition des Narrativen Journalismus auch auf die Praxis des Wissenschaftsjournalismus auszuweiten.

Seit den 1990er Jahren finden sich wissenschaftsjournalistische Berichte auch zunehmend innerhalb der Kulturjournale und der Feuilletons. Vorreiter war hierbei die Frankfurter Allgemeine Zeitung, die wissenschaftlichen Berichten in ihrem Feuilleton einen breiteren Raum gab. Die Neue Zürcher Zeitung hatte wiederum früh einen sehr ausgebauten Wissenschaftsteil. Einen Einfluss hatte die These einer Dritten Kultur des Literaturagenten John Brockman. Der zufolge gewinnen die Naturwissenschaften und die Technik heute in wachsendem Maße eine kulturelle Bedeutung und übernehmen somit eine Rolle, die früher der Philosophie und den literarischen Essayisten vorbehalten war. Auch wenn nicht alle Medien diese Haltung explizit vertreten, sind wissenschaftliche Themen – oft aufbereitet von Wissenschaftsjournalisten – heute regelmäßiger Bestandteil der Kulturberichterstattung. Ansonsten hängt die Arbeitsweise von Wissenschaftsjournalisten vom jeweiligen Medium ab.

Boulevardisierung