mini|hochkant|Büste der Julia Mamaea aus der Regierungszeit ihres Sohnes im Römisch-Germanischen Museum in Köln Julia Avita Mamaea (inschriftlich auch Mamea, ; † März 235 in der Nähe von Mogontiacum) war die Mutter des römischen Kaisers Severus Alexander, der von 222 bis 235 regierte. Anfangs war sie wegen des jugendlichen Alters ihres Sohnes faktisch Regentin, aber auch nachdem er das Erwachsenenalter erreicht hatte, blieb sie die dominierende Gestalt am Hof. Ihre Machtstellung war jedoch prekär, da sie sich weder bei den Prätorianern noch im Heer Autorität verschaffen konnte. Schließlich wurden Alexander und Mamaea auf einem Germanenfeldzug bei einem Soldatenaufstand ermordet. Damit ging die Dynastie der Severer unter. Es folgte die Epoche der Soldatenkaiser.
Leben Herkunft, Jugend und Leben als Ehefrau Mamaeas mütterliche Vorfahren stammten aus der syrischen Stadt Emesa (heute Homs). Dort erfreute sich die sehr reiche Familie ihrer Mutter Julia Maesa hohen Ansehens. In dieser Familie war das Amt des Oberpriesters des Sonnengottes Elagabal erblich. Der Elagabal-Kult spielte im religiösen Leben der Emesener eine zentrale Rolle. Vielleicht stammte Mamaeas Familie von dem arabischen Fürstengeschlecht ab, das die Stadt noch im 1. Jahrhundert beherrscht hatte, bevor Emesa in die römische Provinz Syria eingegliedert wurde. Jedenfalls ist im 1. Jahrhundert eine Frau namens Julia Mamaea bezeugt, die wohl eine Schwester des letzten namentlich bekannten Fürsten von Emesa, Sohaemus, war. Sie heiratete den König Polemon II. von Pontos.Zu dieser Ehe und zur vermuteten Abstammung der späten Severer von den Fürsten von Emesa siehe Barbara Levick: Julia Domna. Syrian Empress, London 2007, S. 9f., 13f.; Anthony R. Birley: The African Emperor. Septimius Severus, 2., erweiterte Auflage, London 1988, S. 222; Richard D. Sullivan: The Dynasty of Emesa. In: Aufstieg und Niedergang der römischen Welt, Bd. II 8, Berlin 1977, S. 198–219, hier: 214; Richard D. Sullivan: Priesthoods of the Eastern Dynastic Aristocracy. In: Sencer Şahin u. a. (Hrsg.): Studien zur Religion und Kultur Kleinasiens, Bd. 2, Leiden 1978, S. 914–939, hier: 928–930.
Maesa war mit dem Ritter Gaius Iulius Avitus Alexianus, der ebenfalls Syrer war, verheiratet. Mamaea verbrachte ihre Kindheit wohl mit ihren Eltern und ihrer älteren Schwester Julia Soaemias in ihrer syrischen Heimat.
Die entscheidende Weichenstellung für Mamaeas Leben war die Heirat ihrer Tante Julia Domna, der Schwester Julia Maesas, mit dem Afrikaner Septimius Severus. Als diese Ehe im Jahr 187 geschlossen wurde, war der Aufstieg des Severus zur höchsten Würde im Staat noch nicht abzusehen. Im „zweiten Vierkaiserjahr“ 193 wurde er zum Kaiser erhoben. In den folgenden Bürgerkriegen konnte sich Severus gegen seine Rivalen durchsetzen. Mit seinem Herrschaftsantritt gelangte auch die Sippe seiner Schwägerin ins Zentrum der Macht. Schon bald nach seiner Machtübernahme sorgte Severus dafür, dass Mamaeas Vater Avitus, der Gatte seiner Schwägerin, in den Senatorenstand aufgenommen wurde. Um 198/200 war Avitus Suffektkonsul. 208–211 nahm er am Britannienfeldzug des Kaisers teil. Unter Severus’ Sohn und Nachfolger Caracalla, der von 211 bis 217 regierte, war Avitus erst Statthalter der Provinz Dalmatia, dann Proconsul der Provinz Asia.Zur Karriere des Avitus siehe Helmut Halfmann: Zwei syrische Verwandte des severischen Kaiserhauses. In: Chiron 12, 1982, S. 217–235, hier: 219–225; Markus Handy: Die Severer und das Heer, Berlin 2009, S. 50–56; Hans-Georg Pflaum: La carrière de C. Iulius Avitus Alexianus, grand’père de deux empereurs. In: Revue des Études latines 57, 1979 (1980), S. 298–314.
Mamaea heiratete erst einen Konsular, dessen Name unbekannt ist, dann den Procurator Gessius Marcianus, der auch aus Syrien stammte. Seine Heimatstadt war Arca Caesarea, das heutige Arqa im Libanon. Dort gebar sie am 1. Oktober 208 ihren einzigen Sohn Bassianus Alexianus, den künftigen Kaiser Severus Alexander.Siehe dazu Cassius Dio 79 (78),30,3. Bei der Angabe mancher Bücher dieses Geschichtswerks sind unterschiedliche Zählungen gebräuchlich; eine abweichende Buchzählung ist hier und im Folgenden jeweils in Klammern angegeben. Der Zeitgenosse Cassius Dio bezeichnet Gessius Marcianus ausdrücklich als Vater des Severus Alexander. Die Richtigkeit dieser Mitteilung bestreitet aber Martijn Icks: The Crimes of Elagabalus, London 2011, S. 58. Er meint, dass Mamaeas zweite Ehe frühestens 212 geschlossen wurde und der Vater des künftigen Kaisers ihr erster Gatte war. Gessius Marcianus hatte damals bereits eine Tochter, die 218 schon verheiratet war; möglicherweise stammte sie aus einer früheren Ehe des Prokurators. Angaben über eine weitere Tochter sind fiktiv. Zumindest zeitweilig hat Mamaea am Hof des Kaisers Caracalla gelebt, der als Sohn Julia Domnas ihr Vetter war.Robert Lee Cleve: Severus Alexander and the Severan Women, Los Angeles 1982, S. 90f.
Krisenzeiten Am 8. April 217 wurde Kaiser Caracalla in Mesopotamien ermordet. Nachfolger wurde sein Prätorianerpräfekt Macrinus, der an dem Mordkomplott beteiligt war. Damit war die Dynastie der Severer vorerst entmachtet. Für die syrische Sippe, der Mamaea mütterlicherseits angehörte, hatte dies die Vertreibung aus dem Machtzentrum zur Folge. Julia Domna nahm sich das Leben. Mamaeas ehrgeizige Mutter Maesa musste auf Befehl des neuen Kaisers Macrinus Rom verlassen und sich in ihre syrische Heimat zurückziehen. Avitus, der Vater Mamaeas, starb 217/218 in hohem Alter.Zur Datierung siehe Helmut Halfmann: Zwei syrische Verwandte des severischen Kaiserhauses. In: Chiron 12, 1982, S. 217–235, hier: 223. Auch ihr Mann Gessius Marcianus ist wahrscheinlich spätestens in den Wirren dieser Krisenzeit ums Leben gekommen, denn in der Folgezeit verlautet von ihm nichts mehr.Robert Lee Cleve: Severus Alexander and the Severan Women, Los Angeles 1982, S. 60f.
Da die Nachkommenschaft des Kaisers Septimius Severus nun ausgestorben war, wollte Maesa ihren eigenen männlichen Nachkommen die Kaiserwürde verschaffen, obwohl sie mit dem Dynastiegründer Severus nicht blutsverwandt, sondern nur verschwägert war. Dafür kamen ihre beiden unmündigen Enkel in Betracht: der später unter dem Spitznamen Elagabal bekannte Varius Avitus, dessen Mutter Mamaeas ältere Schwester Julia Soaemias war, und der Sohn Mamaeas. Um ihrem Vorhaben Plausibilität zu verschaffen, ließ Maesa unter den in der Nähe von Emesa stationierten Soldaten das Gerücht verbreiten, ihre Enkel seien uneheliche Kinder des bei den Soldaten sehr beliebten Kaisers Caracalla.Herodian 5,3,10. Damit schuf sie den Anlass zu einer Militärrebellion gegen den unpopulären Macrinus. Im Mai 218 wurde der vierzehnjährige Elagabal von meuternden Soldaten zum Kaiser ausgerufen. Dies wurde der Tochter (oder Stieftochter) Mamaeas, die sich im Machtbereich des Macrinus aufhielt, zum Verhängnis; der Prätorianerpräfekt Ulpius Julianus ließ sie und ihren Mann umbringen, sobald er von der Rebellion erfuhr.Cassius Dio 79 (78),31,4. In Rom erklärte der Senat die führenden Köpfe des Aufstands zu Staatsfeinden; dabei wurde auch Mamaea namentlich genannt.Cassius Dio 79 (78),38,1.
Der Aufstand breitete sich rasch aus. Macrinus, der sich in Syrien aufhielt, wurde am 8. Juni 218 besiegt und bald danach getötet. Darauf konnte sich Maesa mit ihren Töchtern und Enkeln auf den Weg nach Rom machen. Die Reise ging nur langsam voran; erst im Sommer 219 traf die Familie des neuen Herrschers Elagabal in Rom ein. Maesa übernahm für den unmündigen Elagabal die Regentschaft. Fortan lebten auch Mamaea und ihr Sohn in der Hauptstadt des Reichs am Kaiserhof.
Bald erwies sich der jugendliche Kaiser Elagabal als eigenwillig und beratungsresistent und machte sich allgemein verhasst. Dadurch entstand eine sehr gefährliche Krise, die sich 220/221 zuspitzte. Daher begannen Maesa und Mamaea, den Sohn Mamaeas als künftigen Nachfolger seines Vetters Elagabal aufzubauen. Da der neue Hoffnungsträger ebenso wie Elagabal als unehelicher Sohn Caracallas galt, war er in den Augen der dynastisch denkenden Soldaten, die Caracalla verehrten, für die Kaiserwürde qualifiziert. Am 26. Juni 221 adoptierte Elagabal seinen Vetter, dessen Anspruch auf die Nachfolge mit der Verleihung des Caesar-Titels anerkannt wurde. Zugleich änderte der neue Caesar seinen Namen, er nannte sich fortan Alexander. Als Elagabal die Gefahr, die ihm von seinem Vetter drohte, erkannte, versuchte er wiederholt ihn umzubringen. Zwischen den beiden Rivalen und ihren Müttern entwickelte sich ein Existenzkampf, in dem Maesa auf der Seite Mamaeas stand. Meuternde Soldaten, von Mamaea gesteuert, ermordeten am 11. März 222 Julia Soaemias und Elagabal. Der dreizehnjährige Alexander konnte sogleich ohne Schwierigkeiten die Kaiserwürde übernehmen.Eine ausführliche Darstellung der Vorgänge bietet Robert Lee Cleve: Severus Alexander and the Severan Women, Los Angeles 1982, S. 105–163.
Rolle in der Regierungszeit Alexanders mini|200px|Büste des Severus Alexander im Louvre Im Unterschied zu Elagabal erwies sich Alexander als einsichtig und gehorsam. Mamaea ließ ihn sorgfältig erziehen.Herodian 5,7,5. Anfangs führten Maesa und Mamaea gemeinsam die Regentschaft. Ihr Augenmerk galt zunächst der Sympathiegewinnung im Senat, wo Elagabals als provokant empfundenes Verhalten stärkste Irritationen ausgelöst hatte. Nun wurde demonstrativ ein senatsfreundlicher Kurs eingeschlagen und die Wertschätzung für traditionelle römische Tugenden und Werte betont. Die Einsetzung eines Beratergremiums von sechzehn angesehenen Senatoren dokumentierte den Richtungswechsel.Herodian 6,1,2. Siehe dazu Karlheinz Dietz: Senatus contra principem, München 1980, S. 300–305. Diese Politik fand im Senat Anklang; der Senator und Geschichtsschreiber Cassius Dio stellte mit Befriedigung fest, Mamaea habe ihrem Sohn kluge Berater besorgt. Sie habe unter den Senatoren die besten Ratgeber auszuwählen gewusst und sie dann in allen Angelegenheiten ins Vertrauen gezogen.Cassius Dio, zitiert von Johannes Zonaras: Zonaras 12,15; Text und Übersetzung bei Stephanie Brecht: Die römische Reichskrise von ihrem Ausbruch bis zu ihrem Höhepunkt in der Darstellung byzantinischer Autoren, Rahden 1999, S. 76f.
Unklar ist, ob Maesa und Mamaea harmonisch zusammenwirkten oder ob es – wie manche Forscher vermuten – einen Machtkampf zwischen einer Partei Maesas und einer Gegenpartei Mamaeas gab.Für die Hypothese einer Rivalität plädiert Erich Kettenhofen: Die syrischen Augustae in der historischen Überlieferung, Bonn 1979, S. 45. Vgl. Fulvio Grosso: Il papiro Oxy. 2565 e gli avvenimenti del 222–224. In: Atti della Accademia Nazionale dei Lincei, Reihe 8: Rendiconti. Classe di Scienze morali, storiche e filologiche, Bd. 23, 1968, S. 205–220, hier: 207–211. Anderer Meinung sind Robert Lee Cleve: Severus Alexander and the Severan Women, Los Angeles 1982, S. 183, 241f. und Elizabeth Kosmetatou: The Public Image of Julia Mamaea. In: Latomus 61, 2002, S. 398–414, hier: 400; sie nehmen ein gutes Einvernehmen der beiden Frauen an. Falls es zu einer Rivalität gekommen sein sollte, kann sie nicht lange gedauert haben, denn Maesa, die damals schon betagt war, ist wohl um 224/225 gestorben.Zur Datierung siehe Erich Kettenhofen: Zum Todesdatum Julia Maesas. In: Historia 30, 1981, S. 244–249; James Frank Gilliam: On Divi under the Severi. In: Jacqueline Bibauw (Hrsg.): Hommages à Marcel Renard, Bd. 2, Bruxelles 1969, S. 284–289, hier: 285. Fortan führte die machtbewusste und durchsetzungsfähige Mamaea, die schon seit 222 den Titel Augusta trug, allein die Regierung.
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