mini|Büste Julia Domnas im Museo Chiaramonti. Die Kaiserin trägt wie gewöhnlich eine Perücke.
Julia Domna († Frühjahr 217 in Antiocheia) war die zweite Frau des römischen Kaisers Septimius Severus (193–211) und die Mutter der Kaiser Caracalla (211–217) und Geta (Mitherrscher 211).
Julia Domna stammte aus Syrien. Nach dem Tod ihres Mannes konnte sie den Machtkampf zwischen ihren beiden Söhnen nicht verhindern. Caracalla nutzte ihre Vermittlungsbereitschaft, um seinen Bruder in eine Falle zu locken; bei einem vorgeblichen Versöhnungsgespräch ließ er Geta in Julias Anwesenheit ermorden. Unter der Alleinherrschaft Caracallas wurde Julia Domna weiter hoch geehrt – schon zu Lebzeiten wurde ihr wie einer Göttin gehuldigt. Nachdem Caracalla am 8. April 217 einem Mordanschlag zum Opfer gefallen war, wählte sie angeblich den freiwilligen Hungertod.
Die frei erfundene Legende von einer sexuellen Beziehung Julias mit Caracalla beschäftigte die Phantasie der Nachwelt.
Leben Herkunft, Heirat und Mutterschaft Julia Domna stammte aus einer sehr reichen und angesehenen Familie der syrischen Stadt Emesa (heute Homs).Siehe zum familiären Hintergrund Barbara Levick: Julia Domna, London 2007, S. 6–22; Willem J. Zwalve: In re Iulius Agrippa’s Estate. In: Lukas de Blois (Hrsg.): Administration, Prosopography and Appointment Policies in the Roman Empire, Amsterdam 2001, S. 154–166, hier: 162–165. Ihr Vater Iulius Bassianus übte das Amt des Oberpriesters des Sonnengottes Elagabal aus, das in der Familie erblich war. Der Elagabal-Kult spielte im religiösen Leben der Stadt eine zentrale Rolle.
Der Name Domna ist semitischen Ursprungs. Seine Übereinstimmung mit dem lateinischen Wort dom(i)na (Herrin) ist zufällig; es handelt sich nicht, wie früher angenommen wurde, um eine Latinisierung des aramäischen Namens Martha („Herrin“).Anthony R. Birley: The African Emperor. Septimius Severus, 2., erweiterte Auflage, London 1988, S. 72, 222; Erich Kettenhofen: Die syrischen Augustae in der historischen Überlieferung, Bonn 1979, S. 76–78; Barbara Levick: Julia Domna, London 2007, S. 18.
mini|200px|Büste des Septimius SeverusGlyptothek, München
Als Julias Ehe mit dem künftigen Kaiser Septimius Severus beschlossen wurde, war sein Aufstieg noch nicht abzusehen. Severus, der aus Leptis Magna in Nordafrika stammte, amtierte in den frühen achtziger Jahren als Legat einer in Syrien stationierten Legion, der Legio IIII Scythica. Wohl in der Zeit dieses Syrienaufenthalts kam er mit der Familie seiner künftigen Frau in Kontakt. Er soll sich für Julia als Gemahlin entschieden haben, weil ihr Horoskop ihr einen Herrscher als Gatten verhieß.Historia Augusta, Vita Severi 3,9 und Vita Getae 3,1. Vgl. Elisabeth Wallinger: Die Frauen in der Historia Augusta, Wien 1990, S. 84 f. Diese Überlieferung kann einen historischen Kern haben, denn Severus legte zeitlebens großen Wert auf Vorzeichen und Wahrsagung. Es kann sich aber auch um eine nachträgliche Erfindung handeln, deren Urheber dann wohl Severus selbst war.Anthony R. Birley: The African Emperor. Septimius Severus, 2., erweiterte Auflage, London 1988, S. 75.
Für Severus war es die zweite Ehe. Ab 186 war er Statthalter der Provinz Gallia Lugdunensis. Daher musste Julia von ihrer syrischen Heimat nach Gallien übersiedeln. Die Hochzeit fand 187 in Lugdunum – dem heutigen Lyon – statt.Barbara Levick: Julia Domna, London 2007, S. 31. Lugdunum war der Verwaltungssitz der Gallia Lugdunensis.
Am 4. April 188 wurde Julias erster Sohn Caracalla in Lugdunum geboren.Zum Datum siehe Géza Alföldy: Nox dea fit lux! Caracallas Geburtstag. In: Giorgio Bonamente, Marc Mayer (Hrsg.): Historiae Augustae Colloquium Barcinonense, Bari 1996, S. 9–36, hier: 31–36. Nach dem Ende der Statthalterschaft in Gallien verlegte die Familie ihren Wohnsitz nach Rom. Dort wurde am 7. März 189 der jüngere Sohn Geta geboren.Diese Datierung ist die in der neueren Forschung vorherrschende, siehe Anthony R. Birley: The African Emperor. Septimius Severus, 2., erweiterte Auflage, London 1988, S. 218. Eine abweichende Datierung (27. Mai) vertritt Florian Krüpe: Die Damnatio memoriae, Gutenberg 2011, S. 13, 177. Zum Geburtsort siehe Barbara Levick: Julia Domna, London 2007, S. 32. Außerdem soll Severus zwei Töchter aus seiner ersten Ehe gehabt haben.Historia Augusta, Vita Severi 8,1. Als er 191 Statthalter der Provinz Oberpannonien wurde, musste er seine Kinder in Rom zurücklassen. Ob Julia ebenfalls in Rom blieb oder mit ihrem Mann in Oberpannonien lebte, ist unbekannt.Michael Louis Meckler: Caracalla and his late-antique biographer, Ann Arbor 1994, S. 5 und Anm. 22.
Im Verlauf der Wirren des „zweiten Vierkaiserjahrs“ 193 griff Severus nach der Kaiserwürde, da der in Rom von den Prätorianern eingesetzte Kaiser Didius Julianus kaum Autorität hatte. Am 9. April 193 wurde Severus in Carnuntum von seinen Truppen zum Kaiser ausgerufen. Anschließend zog er nach Italien, wo er sich schnell durchsetzte. Am 9. Juni hielt er seinen Einzug in Rom. Julia erhielt nun den Titel Augusta.Zu diesem Titel Julias siehe Erich Kettenhofen: Die syrischen Augustae in der historischen Überlieferung, Bonn 1979, S. 78 f.
Rolle als Kaiserin mini|200px|Julia Domna mit ihrem Gatten und ihren noch kindlichen Söhnen auf einem zeitgenössischen Tondo, Antikensammlung Berlin. Getas Gesicht wurde nach seiner Ermordung getilgt. mini|200px|Aureus, auf der Rückseite Julia mit ihren beiden Söhnen
Als Kaiserin begleitete Julia ihren Mann auf mehreren Reisen und Feldzügen. Im Bürgerkrieg mit dem Gegenkaiser Pescennius Niger (193–194) begab sich die Kaiserfamilie nach Kleinasien, wo die militärische Entscheidung fiel. Von 195 bis 196 dauerte der mit dem ersten Partherkrieg des Severus verbundene zweite Orientaufenthalt der Kaiserfamilie. Seit dem 14. April 195 oder 196Zur Datierung – nur der Tag, nicht das Jahr steht eindeutig fest – siehe Matthäus Heil: Clodius Albinus und der Bürgerkrieg von 197. In: Hans-Ulrich Wiemer (Hrsg.): Staatlichkeit und politisches Handeln in der römischen Kaiserzeit, Berlin 2006, S. 55–85, hier: S. 73 f. trug die Kaiserin den Ehrentitel mater castrorum („Mutter des Feldlagers“) nach dem Vorbild der Faustina, der Frau des Kaisers Mark Aurel, als dessen Adoptivsohn sich Severus ausgab. Schon 197 begab sich Severus mit seiner Familie erneut in den Osten, um einen weiteren Feldzug gegen die Parther durchzuführen. Diesmal dauerte der Orientaufenthalt mehrere Jahre. 199 reiste die Kaiserfamilie nach Ägypten, wo sie bis 200 blieb. Erst 202 kehrte sie nach Rom zurück. 202–203 hielt sich die Familie in Severus’ nordafrikanischer Heimat auf.Zur Afrikareise und ihrer Datierung siehe Anthony R. Birley: The African Emperor. Septimius Severus, 2., erweiterte Auflage, London 1988, S. 146–154. Auch bei der letzten militärischen Unternehmung des Kaisers, dem von 208 bis 211 dauernden Britannienfeldzug, nahm er seine Frau und seine beiden Söhne mit.
In der öffentlichen Selbstdarstellung des Severus spielte der dynastische Gedanke und damit die Kaiserfamilie eine zentrale Rolle, wie Münzen und Ehrenbögen zeigen. Der Öffentlichkeit wurde das Bild einer harmonischen, vorbildlichen Herrscherfamilie vermittelt, die Kontinuität und Stabilität gewährleistete. Auf Münzen wurde die „Ewigkeit der (kaiserlichen) Herrschaft“ (aeternitas imperii) – ein neu eingeführter, auf die Dynastie bezogener Ausdruck – verkündet und die „ewige Eintracht“ (concordia aeterna) betont.Achim Lichtenberger: Severus Pius Augustus, Leiden 2011, S. 225 f., 247. In diesem Rahmen fiel der Kaiserin die Rolle eines Symbols von Glück (felicitas) und Eintracht (concordia) zu.
Nur auf Julias Münzen, nicht auf denen des Kaisers wurde der Vesta-Tempel abgebildet, der unter Severus nach einem Feuer neu errichtet worden war. Ob daraus gefolgert werden kann, dass der Wiederaufbau unter ihrer Leitung stand, ist umstritten.Charmaine Gorrie: Julia Domna’s Building Patronage, Imperial Family Roles and the Severan Revival of Moral Legislation. In: Historia 53, 2004, S. 61–72; Achim Lichtenberger: Severus Pius Augustus, Leiden 2011, S. 282–290; Nina Mekacher: Die vestalischen Jungfrauen in der römischen Kaiserzeit, Wiesbaden 2006, S. 85 Anm. 747. Auffallend ist die sehr große Zahl der Ehreninschriften für Julia sowohl aus der Regierungszeit des Severus als auch aus der Caracallas; für keine andere Kaiserin sind mehr Ehrungen bezeugt.Erich Kettenhofen: Die syrischen Augustae in der historischen Überlieferung, Bonn 1979, S. 134, 142; Barbara Levick: Julia Domna, London 2007, S. 66, 68.
Ein gefährlicher Gegner Julias war der Prätorianerpräfekt Plautian, ein Landsmann des Kaisers aus dessen libyscher Heimatstadt Leptis Magna, der eine außerordentliche Machtstellung errang. Sein Einfluss war so groß, dass Severus im April 202 den Thronfolger Caracalla gegen dessen Willen mit Plautians Tochter Fulvia Plautilla verheiratete. Plautian konnte es sich sogar erlauben, die Kaiserin respektlos zu behandeln. Er sammelte angebliches Belastungsmaterial, mit dem er ihr einen unanständigen Lebenswandel nachweisen wollte, und intrigierte beim Kaiser gegen sie. Dadurch wurde sie in die Defensive gedrängt und sah sich zeitweilig zu einer zurückgezogenen Lebensweise gezwungen.Cassius Dio 76 (75),15,6–7. Bei der Angabe mancher Bücher von Cassius Dios Werk sind unterschiedliche Zählungen gebräuchlich; eine abweichende Buchzählung ist hier und im Folgenden jeweils in Klammern angegeben. Erst 205 wendete sich das Blatt, als es Caracalla gelang, den Prätorianerpräfekten mit einer Intrige zu stürzen und töten zu lassen. Nach der Ausschaltung Plautians konnte Julia ihren Einfluss ausbauen. Die folgenden Jahre waren aber von dem Konflikt zwischen ihren beiden Söhnen überschattet. Caracalla und Geta sollten nach dem Willen ihres Vaters künftig gemeinsam herrschen, aber sie hassten und bekämpften sich. Alle Versuche, die beiden zu versöhnen, blieben erfolglos.
Das Krisenjahr 211 Nachdem Septimius Severus am 4. Februar 211 auf dem Britannienfeldzug in Eboracum (heute York) gestorben war, übernahmen Caracalla und Geta die Herrschaft. Sie brachen den Feldzug ab und kehrten mit Julia nach Rom zurück. Wegen der Todfeindschaft der Brüder trieb das Reich auf einen Bürgerkrieg zu. Der Geschichtsschreiber Herodian berichtet, es sei sogar eine Reichsteilung erwogen worden, wobei Geta die östliche Reichshälfte erhalten hätte; angeblich widersetzte sich Julia diesem Vorhaben und brachte es zum Scheitern.Herodian 4,3,5–9. Es ist aber unwahrscheinlich, dass ein solcher Plan bestand;Julia Sünskes Thompson: Aufstände und Protestaktionen im Imperium Romanum, Bonn 1990, S. 63; Géza Alföldy: Die Krise des Römischen Reiches, Stuttgart 1989, S. 190–192, 213 f. falls es ihn gab, war er von vornherein chancenlos, denn Caracalla war entschlossen, die Alleinherrschaft zu erringen.
Im Dezember 211 gelang es Caracalla schließlich, den Bruder in einen Hinterhalt zu locken.Zur Datierung siehe Anthony R. Birley: The African Emperor. Septimius Severus, 2., erweiterte Auflage, London 1988, S. 189; Helmut Halfmann: Zwei syrische Verwandte des severischen Kaiserhauses. In: Chiron 12, 1982, S. 217–235, hier: 229 f.; Michael Louis Meckler: Caracalla and his late-antique biographer, Ann Arbor 1994, S. 15, 109–112; Florian Krüpe: Die Damnatio memoriae, Gutenberg 2011, S. 13, 195–197; Géza Alföldy: Die Krise des Römischen Reiches, Stuttgart 1989, S. 179. Er täuschte Verhandlungsbereitschaft vor und bewog Julia, Geta zu einem Versöhnungsgespräch einzuladen. Leichtsinnigerweise meinte Geta, in Anwesenheit der Mutter vor seinem Bruder sicher zu sein, und erschien ohne seine Leibwache. Caracalla ließ ihn sofort in den Armen der ahnungslosen Julia töten, wobei auch sie verletzt wurde. Anschließend wurde über Geta die damnatio memoriae verhängt. Wer um ihn trauerte, musste dies mit dem Leben bezahlen. Auch Julia durfte keine Trauer zeigen.Cassius Dio 78 (77),2,5–6.
Rolle unter Caracalla