mini|Denar der Julia Soaemias Julia Soaemias Bassiana (auch Sohaemias geschrieben, griechisch Ἰουλία Σοαιμιάς; † 11. März 222 in Rom) war die Mutter des römischen Kaisers Elagabal. Geboren in eine einflussreiche syrische Familie, die eng mit dem lokalen religiösen Kult des Gottes Elagabal verbunden war, half sie ihrem Sohn im Namen des Severergeschlechts, die Herrschaft zu erlangen. Während seiner knapp vierjährigen Regierungszeit (218–222) fiel Julia Soaemias wegen seines jugendlichen Alters eine Schlüsselrolle zu, die sie jedoch nicht auszufüllen vermochte. Als er sich mit seinen orientalischen Sitten und seiner willkürlichen Religionspolitik verhasst machte, wurde sie in seinen Untergang hineingezogen und schließlich zusammen mit ihm ermordet.

Leben

Herkunft, Jugend und Ehe Julia Soaemias stammte mütterlicherseits aus einer sehr reichen und angesehenen Familie der syrischen Stadt Emesa (heute Homs). In dieser Familie war das Amt des Oberpriesters des Gottes Elagabal erblich, dessen Kult im religiösen Leben der Emesener eine zentrale Rolle spielte. Julius Bassianus, der Großvater der Julia Soaemias, übte dieses Amt aus. Vielleicht war er ein Nachkomme des arabischen Fürstengeschlechts, das die Stadt noch im 1. Jahrhundert beherrscht hatte, bevor Emesa in die römische Provinz Syria eingegliedert wurde. Der Name Soaemias ist arabisch; seine männliche Form ist Suhaim, latinisiert Sohaemus. So hieß der letzte namentlich bekannte Fürst von Emesa, Gaius Julius Sohaemus, der zur Zeit der Kaiser Nero und Vespasian regierte und im Jahr 70 an der Eroberung und Zerstörung Jerusalems beteiligt war.Zu Sohaemus siehe Richard D. Sullivan: The Dynasty of Emesa. In: Aufstieg und Niedergang der römischen Welt, Bd. II 8, Berlin 1977, S. 198–219, hier: 216–219. Die Bedeutung des Namens ist „kleiner Pfeil“; möglicherweise besteht ein Zusammenhang mit einer syrisch-mesopotamischen Gottheit, deren Name griechisch u. a. mit Semia oder Semea wiedergegeben wird.Carlos Chad: Les dynastes d’Émèse, Beirut 1972, S. 141–143; Martin Frey: Untersuchungen zur Religion und zur Religionspolitik des Kaisers Elagabal, Stuttgart 1989, S. 59–60. Vgl. Martijn Icks: The crimes of Elagabalus. London 2011, S. 53.

Julius Bassianus hatte zwei Töchter, Julia Domna und Julia Maesa. Julia Domna heiratete 187 den damaligen Statthalter der Provinz Gallia Lugdunensis, Septimius Severus. Dadurch erlangte ihre Sippe weltgeschichtliche Bedeutung, denn Severus wurde im „zweiten Vierkaiserjahr“ 193 zum Kaiser erhoben. Er gründete die Dynastie der Severer. Seine Schwägerin Julia Maesa war mit dem Syrer Gaius Julius Avitus Alexianus verheiratet, der unter Severus in den Senat aufgenommen wurde und Karriere machte.Siehe dazu Helmut Halfmann: Zwei syrische Verwandte des severischen Kaiserhauses. In: Chiron 12, 1982, S. 217–235, hier: 217–225. Mit ihm hatte Maesa zwei Töchter; die ältere war Julia Soaemias, die jüngere Julia Mamaea. Somit war die Kaiserin Julia Domna die Tante der Julia Soaemias.

Julia Soaemias heiratete den Syrer Sextus Varius Marcellus, der aus Apameia am Orontes stammte.Zu dieser Ehe siehe Marie-Thérèse Raepsaet-Charlier: A propos de Julia Soaemias, Aelia Gemellina et Vedia Phaedrina. In: Revue internationale des droits de l’antiquité, 3. Reihe Bd. 30, 1983, S. 185–192, hier: S. 186 f. und Anm. 9–11. Zur Zeit des Kaisers Septimius Severus (193–211) und seines Sohnes und Nachfolgers Caracalla (211–217), der Soaemias’ Vetter war, lebte sie lange – möglicherweise ständig – in Rom.Leonardo de Arrizabalaga y Prado: The Emperor Elagabalus: Fact or Fiction?, Cambridge 2010, S. 196 f., 217–219, 221 f. Mit der Aufnahme ihres Vaters in den Senat hatte sie ebenfalls senatorischen Rang erhalten. Ihr Gatte gehörte ursprünglich dem Ritterstand an und war ein zuverlässiger Anhänger Caracallas. Dieser wusste seine Dienste zu schätzen; er ließ ihn in den Senatorenstand erheben und machte ihn schließlich zum Statthalter der Provinz Numidien in Nordafrika. Im Jahr 217 starb Sextus Varius Marcellus.Siehe dazu Helmut Halfmann: Zwei syrische Verwandte des severischen Kaiserhauses. In: Chiron 12, 1982, S. 217–235, hier: 226–234; Robert L. Cleve: Some Male Relatives of the Severan Women. In: Historia 37, 1988, S. 196–206, hier: 200–202; Leonardo de Arrizabalaga y Prado: The Emperor Elagabalus: Fact or Fiction?, Cambridge 2010, S. 191–198, 217–219. Julia Soaemias hatte mit ihm – wie aus seiner Sarkophaginschrift hervorgeht – mindestens zwei Kinder, von denen aber nur eines namentlich bekannt ist, der 204 geborene Varius Avitus Bassianus (Kaiser Elagabal). Mindestens ein weiteres Kind, wohl eine Tochter, muss 217 noch am Leben gewesen sein.Helmut Halfmann: Zwei syrische Verwandte des severischen Kaiserhauses. In: Chiron 12, 1982, S. 217–235, hier: 226. Julia Mamaea, die jüngere Schwester der Julia Soaemias, war ebenfalls mit einem Syrer verheiratet. Sie hatte einen Sohn namens Bassianus Alexianus, der später als Kaiser Severus Alexander Elagabals Nachfolger wurde.

Erzwungener Aufenthalt in Syrien Am 8. April 217 wurde Kaiser Caracalla ermordet. Mit ihm starb die Nachkommenschaft des Septimius Severus und der Julia Domna aus. Das Heer war zwar der severischen Dynastie ergeben, aber da Caracalla keinen Erben hinterlassen hatte, erhoben die Soldaten den Prätorianerpräfekten Macrinus, der mit den Severern nicht familiär verbunden war, zum neuen Kaiser. Damit schien die Dynastie der Severer schon in der zweiten Generation ihr Ende erreicht zu haben. Julia Domna nahm sich das Leben. Julia Maesa musste sich auf Befehl des misstrauischen Kaisers Macrinus in ihre syrische Heimat zurückziehen.Herodian 5,3,2–3. Ihre beiden Töchter schlossen sich ihr an. So kam Julia Soaemias mit ihrem dreizehnjährigen Sohn, dem künftigen Kaiser Elagabal, von Rom in ihre Heimatstadt Emesa. Dort übernahm Elagabal trotz seines jugendlichen Alters das Oberpriesteramt, das ihm zustand, da er der älteste überlebende männliche Nachkomme des Julius Bassianus war.Herodian 5,3,3–6.

Diese Entwicklung bedeutete für die syrische Sippe den Verlust ihres gesamten Einflusses auf Reichsebene. Damit fand sich die ehrgeizige Julia Maesa nicht ab. Obwohl sie mit dem Dynastiegründer Septimius Severus nicht blutsverwandt, sondern nur verschwägert war, fasste sie den Plan, im Namen des Severergeschlechts einen Herrschaftsanspruch zu erheben. Mit Berufung auf die severische Tradition und dynastische Legitimitätsvorstellungen wollte sie ihrer Nachkommenschaft die Kaiserwürde verschaffen. Dafür kam in erster Linie Elagabal als der ältere ihrer beiden Enkel in Betracht.

mini|hochkant|ElagabalKapitolinische Museen, Rom Bald begann Maesas Umfeld gegen Macrinus zu agitieren. Dabei wurde Elagabal als unehelicher Sohn Caracallas ausgegeben, wodurch er als rechtmäßiger Anwärter auf die Kaiserwürde erschien.Cassius Dio 79 (78),31,3; 79 (78),32,2–4; 79 (78),33,2; Herodian 5,3,10 f. Bei der Angabe mancher Bücher von Cassius Dios Geschichtswerk sind unterschiedliche Zählungen gebräuchlich; eine abweichende Buchzählung ist hier und im Folgenden jeweils in Klammern angegeben. Caracalla war bei den Soldaten sehr beliebt gewesen, Macrinus hingegen wurde wegen seiner unmilitärischen Art und seiner Sparmaßnahmen nicht geschätzt. Daher gelang es den Agitatoren, eine in der Nähe von Emesa stationierte Legion, die Legio III Gallica, zur Rebellion zu bewegen. Eine zentrale Rolle spielte dabei ein gewisser Gannys, der zu der seit kurzem verwitweten Julia Soaemias in einem eheähnlichen Verhältnis stand.Cassius Dio 80 (79),6,2. Gannys, über dessen Herkunft nichts bekannt ist, war im Haus der Julia Maesa aufgewachsen und hatte die Erziehung Elagabals übernommen, nachdem dessen Vater gestorben war.Cassius Dio 80 (79),6,1–2. Nach der Darstellung des zeitgenössischen Geschichtsschreibers Cassius Dio, der Gannys auch „Eutychianos“ nannte, gab Gannys aus eigener Initiative das Signal zum Aufstand, indem er Elagabal ins Legionslager brachte, ohne Maesa und Soaemias zu informieren.Cassius Dio 79 (78),31. Eine abweichende Schilderung bietet Herodian, der ebenfalls ein Zeitgenosse war; seinem Bericht zufolge hatte Maesa jederzeit die Fäden in der Hand.Herodian 5,3,9–12.

Am 16. Mai 218 wurde Elagabal von den Soldaten zum Kaiser ausgerufen. Obwohl sich Macrinus mit seinen Truppen in Syrien aufhielt, konnte er die rasche Ausbreitung der Rebellion nicht verhindern. Am 8. Juni 218 kam es in der Nähe von Antiocheia zur Entscheidungsschlacht. Gannys befehligte das Heer Elagabals, obwohl er über keine militärische Erfahrung verfügte; Julia Maesa und Julia Soaemias waren auf dem Schlachtfeld anwesend. Cassius Dio berichtet, dass die Truppen des Macrinus zunächst die Oberhand hatten, aber Julia Maesa und Julia Soaemias die bereits fliehenden Soldaten Elagabals zum Standhalten bewegen konnten und so den Sieg ermöglichten.Cassius Dio 79 (78),38,4. Da es beiden Heeren völlig an kompetenter Führung mangelte, verlief die Schlacht chaotisch. Daher ist Cassius Dios Schilderung, der zufolge das Eingreifen der beiden Frauen von entscheidender Bedeutung war, durchaus glaubwürdig. Macrinus versuchte zu entkommen, wurde aber gefangen und getötet.

Leben in Rom als Augusta und Untergang Nach Cassius Dios Angaben war geplant, dass Gannys Julia Soaemias heiratete und den Titel Caesar erhielt.Cassius Dio 80 (79),6,3. Dieses Vorhaben scheiterte aber schon auf der Reise der Kaiserfamilie von Syrien nach Rom. Elagabal tötete Gannys in Nikomedeia, wohl weil er in ihm einen unerwünschten Vormund sah.Cassius Dio 80 (79),6. Siehe dazu Bruno Bleckmann: Die severische Familie und die Soldatenkaiser. In: Hildegard Temporini-Gräfin Vitzthum (Hrsg.): Die Kaiserinnen Roms, München 2002, S. 265–339, hier: 288. Dieser Vorgang lässt die Machtlosigkeit der Julia Soaemias gegenüber ihrem jugendlichen Sohn erkennen. Im Sommer 219 traf der neue Herrscher in Rom ein.

Der junge Kaiser interessierte sich weit mehr für Religion als für Politik und Verwaltung. Julia Maesa besorgte die Regierungsgeschäfte; sie führte den Titel Augusta, den auch Julia Soaemias erhielt.Zum Augusta-Titel der Julia Soaemias siehe Erich Kettenhofen: Die syrischen Augustae in der historischen Überlieferung, Bonn 1979, S. 151 f. Elagabal machte sich zunehmend verhasst. Der Abscheu der Römer gegen seine orientalischen Sitten ließ die Fortdauer seiner Herrschaft als zweifelhaft erscheinen; mit einem gewaltsamen Umsturz musste gerechnet werden. Angesichts der sich abzeichnenden Katastrophe begann Julia Maesa zusammen mit ihrer jüngeren Tochter Julia Mamaea, deren jugendlichen Sohn Severus Alexander als künftigen Nachfolger Elagabals aufzubauen, um den Fortbestand der Dynastie zu sichern. Dies musste ihnen auch als überlebensnotwendig erscheinen, denn bei einem erfolgreichen Aufstand in der Hauptstadt war zu befürchten, dass der neue Machthaber keinen Angehörigen seines Vorgängers am Leben lassen würde.